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Titel: Der Niedergang des Journalismus

Datum: 6. November 2015 um 9:35 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Interviews, Medien und Medienanalyse, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache
Verantwortlich:

Gaby Weber

Die Medien stehen zurzeit massiv in der Kritik. Der Bürger fühlt sich oft weniger informiert als manipuliert. Wer die Medien kritisiert, bekommt von ihnen oft das Label unseriös, dumm oder gar rechts verpasst. Systematische Medienkritik wird dabei als pauschale und also intellektuelle Fehlleistung abgetan. Komisch nur, dass unter derlei Diskurs- und Denkverboten unerklärlich bleibt und bleiben muss, was zwischen Massenmedien und Bevölkerung gerade schiefläuft. Wieso vertrauen die Menschen den Medien immer weniger? Zu ihrer Einschätzung auf diese Frage sprach Jens Wernicke mit der in diesem Jahr mit dem Alternativen Medienpreis bedachten Journalistin Gaby Weber, die unter anderem für die ARD als Auslandskorrespondentin tätig ist.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Frau Weber, Sie haben als Mit-Autorin des gerade vorgestellten Buches „ARD & Co.: Wie Medien manipulieren“ [PDF] heftige Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen geübt. Dabei berichten Sie selbst seit Jahrzehnten für die ARD als Korrespondentin aus Südamerika…

Es geht nicht nur um die ARD, ich meine sie allesamt und nehme auch die sogenannten alternativen und linken Medien mit in die Kritik. Sie betreiben aktuell eine „Gesinnungsschreiberei“, die kaum noch auszuhalten ist. Praktisch niemand wendet mehr die einfachsten Regeln des Journalismus an. Also etwa, die andere Seite zu hören und eigene Fehler richtigzustellen.

Und das, obwohl wir alle heute durch das Internet völlig neue Bedingungen haben: Wir, die Medienmachenden, haben einen größeren und schnelleren Zugang zur Information; aber auch die Zuschauer und Leser haben denselben und können uns kontrollieren.

Früher hatte die Tagesschau ein Monopol. Ich erinnere mich an meine Kindheit: Da erschien um 20 Uhr ein Herr Köpke und verbreitete die Wahrheit, und die Leute an den Bildschirmen mussten das glauben. Heute können sie das sofort überprüfen und haben in vielen Fällen, wie etwa bei der Berichterstattung über den Nazi-Angriff auf das Gewerkschaftshaus in Odessa, in den Sozialen Medien bereits die Bilder gesehen. Sie wollen das erklärt bekommen, aber das Fernsehen liefert ihnen nur wenige Informationen und fast durchweg regierungsnahe Interpretationen. Da fühlt sich irgendwann dann auch der Normalverbraucher verarscht und ist es auch kein Wunder, dass eine repräsentative Umfrage inzwischen bestätigt hat, dass 44 Prozent der Bundesbürger der Aussage zustimmen, die Medien seien „von oben gesteuert“ und brächten „geschönte und unzutreffende Meldungen“.

Und diese „Gesinnungsschreiberei“, ist die neu oder schlimmer geworden – oder fällt sie in Zeiten des Internet heute womöglich einfach zum ersten Mal einfach deutlicher auf…?

Na, diese Gesinnungsschreiber gab es schon immer, vor allem in rigiden Parteistrukturen. Da heute aber die Strukturen in der alternativen Szene nicht über Parteien sondern über Netzwerke laufen, fallen sie mehr auf, und dank Internet können wir uns – wenn es uns interessiert – aus anderen Medien informieren.

Bei den Konzernen oder Regierungen ist es aber sehr viel schlimmer geworden. Da werden inzwischen ganze Abteilungen geschaffen, um „Köpfe zu gewinnen“. Eine der Hauptaufgaben der Geheimdienste ist die Durchsetzung falscher Darstellungen. In Kriegszeiten ist das Teil der militärischen Strategie, und nicht der unwichtigste. Daher müssten die großen Medienhäuser sich eigentlich dagegen wappnen. Das genaue Gegenteil passiert jedoch.

Ich habe als Auslandskorrespondentin 1992 Verfassungsklage gegen das großflächige strategische Abhören im Ausland eingereicht – also gegen das, was sich seit Snowden detailliert beweisen lässt, und im Prozess hat der BND das auch damals gar nicht bestritten. Meine Themen sind Rauschgifthandel, Geldwäsche und organisiertes Verbrechen, ich muss mich und meine Informanten schützen. Im Rahmen dieser Klage habe ich versucht, meine Redaktionen bzw. die Chefredaktionen in der ARD zu bewegen, mich moralisch und publizistisch zu unterstützen. Denn der vorsitzende Richter Papier hatte damals süffisant angemerkt, dass außer mir und der taz, die ebenfalls geklagt hatte, sich kein weiterer Journalist an der BND-Praxis stören würde. Tja, ich bin hoch bis zum Europäischen Menschenrechtsgerichtshof, die haben das dann aber im Großen und Ganzen abgesegnet. Und was noch schlimmer ist: Sie haben die Klage meines damaligen Assistenten, eines Uruguayers, gar nicht erst angenommen – Ausländer werden durch das deutsche Grundgesetz also nicht geschützt. Für dieses Urteil schämen sich heute zwar die Juristen, leider aber nicht die Journalisten, die damals den Schwanz eingekniffen und sich mit den Geheimdiensten nicht anlegen wollten.

ARD & Co.

Sie haben gegen den BND ja auch wegen Aktenzugang geklagt…

Ja, das muss man doch, um der Wahrheit heutzutage auch nur nahe zu kommen! Aber bei den meisten meiner Kollegen galt und gilt auch das als „unjournalistisch“. Meine erste Klage war 2008 wegen der Eichmann-Akten, und das war damals noch ein schwieriger Präzedenzfall, da das Informationsfreiheitsgesetz die Dienste ausdrücklich vom Auskunftsanspruch ausnimmt. Ich bin hier wieder alleine auf weiter Flur gewesen, von der ARD keine Spur. Den Prozess hab ich gewonnen und damit einen ganz neuen Weg des Informationszugangs eröffnet. Heute kann man ohne Prozessrisiko diese Akten einklagen. Aber wer tut das schon?

Daneben klage ich aktuell gegen das Bundesarchiv, weil die untätig zugucken, wie Bundes-Archivgut bei privaten Stiftungen landet, wo eben nicht die Allgemeinheit Zugang hat, also etwa bei der Konrad-Adenauer-Stiftung oder der Stiftung der Deutschen Bank. Die suchen sich aus, wem sie ihre Archivalien zugänglich machen, und kritische Geister gehören da sicher nicht dazu. Das hat mit Demokratie nichts mehr zu tun. Was aber tut die ARD und tut die restliche Journaille? Sie schweigen, tun nichts.

Und es gibt bereits eine weitere Klage, diesmal gegen BND und Verfassungsschutz…

Ja, und wieder geht es um Akten, diesmal zur argentinischen Militärdiktatur. Das ist ein wichtiges Thema, auch was die Komplizenschaft von deutschen Unternehmen wie Daimler angeht, die an der Ermordung ihrer Betriebsräte eine Mitschuld tragen. Ich verstehe eigentlich gar nicht, warum die anderen Auslandskorrespondenten dies nicht schon vor mir gemacht haben – die haben immerhin die finanzielle Rückendeckung, die mit fehlt. Das ist schlechter Journalismus. Einer, der sich den herrschenden Diskursen schlicht unterwirft und die Mythen der Macht als Wahrheiten akzeptiert.

Zurück zur „Gesinnungsschreiberei“… Woran machen Sie diese denn genau fest? Gibt es da etwa eine düstere Verschwörung … oder wie meinen Sie das?

Es mag in Einzelfällen solche Verabredungen geben – mir ist sowas etwa passiert, als der WDR plötzlich einen Auftrag über die Menschenrechtsverletzungen von Daimler vergeben hat. Ich hatte ja das Thema über Jahre recherchiert und dokumentiert, und mit meinen Beweisen haben die Juristen in drei Ländern versucht, diese Verbrechen vor Gericht aufklären zu lassen. Dazu habe ich einen 90-minütigen Dokumentarfilm gemacht und auch dem WDR angeboten. Der aber hat, wie gesagt, dann Leute, die auch für Daimler arbeiten, dieses Thema bearbeiten lassen! Das Resultat war, dass wichtige Vorwürfe verschwiegen und Beweise abgeschwächt und uminterpretiert worden sind. Dem Zuschauer wurde das aber nicht mitgeteilt, auch nicht, als nach der Ausstrahlung ein Shitstorm über den WDR niederging. Da ich den Sender lange vorher auf die Sachlage hingewiesen hatte, erscheint es mir schlicht naheliegend, dass hier ganz bewusst und sehr wohl von oben die Fäden gezogen worden sind.

Aber das ist ein Einzelfall, im Allmeinen gibt es keine Verschwörung und nur sehr selten vulgäre Eingriffe von oben in das Programm. Es gibt jedoch eine neue Struktur in den Häusern, die die Programme immer mehr „entwortet“, also mehr Musik einspielt und Hintergründe immer weniger wichtig nimmt. Und da wird dann eben die Auslandsberichterstattung massiv zusammengestrichen und auf Kulturereignisse reduziert. In diesem Kontext ist es sicher kein Zufall, dass die Korrespondenten, die etwa über Brasilien berichten, aus der Sportredaktion kommen!

Aber das Hauptproblem ist wohl die Trägheit der Nachrichtenmacher. Da nimmt man einfach ungeprüft Meldungen aus dem Internet oder von dubiosen Agenturen – dubios in dem Sinne, dass man gar nicht mehr überprüft, wer diese Agenturen eigentlich bezahlt und wessen Interessen sie vertreten. Wer etwa vom State Department oder vom Russischen Verteidigungsministerium finanziert wird, ist für mich, wenn ich über einen kriegerischen Konflikt, an dem diese beiden Seiten beteiligt sind, keine seriöse Quelle mehr, für andere aber offenbar schon. Und das, obwohl gemeinhin bekannt ist, dass heute aus den Etats der Kriegsministerien Propaganda in großem Stile bezahlt werden, und die USA um jeden Preis verhindern möchten, dass sie noch einmal einen Krieg, wie damals den in Vietnam, „an der Heimatfront“ verlieren.

Und welche Wirkungen hat diese „Gesinnungsschreiberei“ konkret? Haben Sie vielleicht ein konkretes Beispiel aus Ihrem Berichtsgebiet?

Ja, ich nehme einfach etwas aus meinem Alltag, der sich in der konkreten Arbeit gerade weniger um Krieg und Frieden dreht. Und zwar lebe ich ja in Buenos Aires, und wir hatten Ende Oktober Wahlen. Da sich weder die Linke noch das aufgeklärte Bürgertum auf eine halbwegs funktionierende Alternative einigen konnten, standen nur zwei Optionen zur Wahl: die bisher regierenden Peronisten und die Rechten. Die Peronisten konnten sich noch nie vorstellen, dass das Volk sie nicht wählen könnte. Sie haben ja in den letzten Jahren viel Geld in den Armenvierteln verteilt, allerdings nicht in Form von Sozialpolitik, sondern als Zuwendungen, für die man der Partei anschließend dankbar sein muss. Daneben haben sie die städtische Intelligenz, die noch in den 90er Jahren eine alternative Gegenöffentlichkeit geschaffen hatte, eingekauft – aber immer mit dem Hinweis, wer aus der Reihe tanzt, der fliegt. Die – sehr kleine und unbedeutende – Kommunistische Partei ist mit von der Partie, und das führt dazu, dass deutsche linke Medien die bisherige Politik massiv schöngeschrieben und Regierungspropaganda einfach ungeprüft weiterverbreitet haben.

Wenn man in dieser Situation als Korrespondentin vor Ort einen kritischen Beitrag verfassen will, dann stößt man auf zwei Mauern: Im konservativen Lager, wozu inzwischen auch die ARD gehört, findet man die bisherige Regierung suspekt, weil sie sich nicht von Kuba und Venezuela distanziert und keine neoliberale Politik macht. Und im sogenannten linken Lager möchte man schlicht nichts über Korruption, Vetternwirtschaft und die Nähe der Regierung zum Drogenhandel erfahren.

Nun sind die Wahlen Ende Oktober für die Peronisten aber katastrophal ausgegangen, sie müssen sich am 22. November daher einer Stichwahl gegen die Rechten stellen, und die haben gute Chancen, die Protestwähler hinter sich zu sammeln. Denn es gibt viele Gründe zum Protest.

Die Situation ist nachgerade absurd: Egal, wo und was man in Deutschland über die Situation hier vor Ort liest – mit der Realität hat es in aller Regel kaum etwas zu tun.

Und das war … früher nicht so, verstehe ich recht?

Das Interesse an Berichten aus dem Ausland war insgesamt früher sehr viel größer. Früher gab es längere Feature-Strecken, in denen man sich mal ein Land vorknöpfen und verschiedene politische und soziale Akteure zu Wort kommen lassen konnte. Diese Sendestrecken sind massiv reduziert worden, hauptsächlich wegen Geldmangels. Und dann berichtet man eben lieber aus der Provinz.

Auslandsberichterstattung ist nicht billig, aber Talkshows, in denen sich völlig irrelevante Menschen aus der Nachbarschaft darstellen, sind es. Der deutsche Journalismus heute ist nicht nur schlecht, er ist auch provinziell. Die Schweizer etwa sind uns da Meilen voraus. Wenn heute irgendetwas in der Welt passiert, dann schalten viele in Deutschland ja nicht etwa die Tagesschau an, sondern CNN und BCC oder vielleicht dazu noch Russia Today – die bringen wenigstens die News, wenngleich interessen-gesteuert. Recherche vor Ort kostet eben Geld, das ist auch vielen Internetnutzern nicht klar: Entweder sie zahlen für ein Produkt oder sie sind selbst das Produkt.

Und liegt die Verschlechterung der Situation vielleicht darin begründet, dass die Arbeitsbedingungen immer prekärer werden? Oder meinen Sie, die Redaktionen würden ggf. immer opportunistischer? Oder wird die Propaganda der Mächtigen vielleicht schlicht immer effektiver?

Wie bereits erwähnt, ist die Propaganda-Maschinerie heute sehr viel mehr, wie sagt man das auf deutsch, „sophisticated“, also ausgetüftelter als einst. Die haben dazugelernt und wir kapitulieren.

Nun kann man aber sicher nicht die Gesamtschuld für die Misere auf die Medien schieben, die ja auch nur reflektieren, was in den Gesellschaften passiert. Wo ist denn heute eine Opposition? Gründe, um gegen das herrschende System zu sein, gibt es ja genug. Aber die Linke – zumindest die in den Medien dargestellte – bewegt sich im Parlamentarismus und geht auf Pöstchen-Suche. Für einen ausgegrenzten Jugendlichen ist das doch keine wirkliche Hilfe, keine Alternative. Welche neuen Ideen kommen denn heute noch aus den linken Fraktionen der Parlamente? Mag ja sein, dass ich diese Ideen aus der geographischen Distanz heraus einfach nicht sehe. Die spannenden Sachen passieren aber doch wohl offensichtlich auf der Straße und in Netzwerken, in sozialen Beziehungen, im alltäglichen Widerstand gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Macht.

Gleichwohl tragen auch die Journalisten und vor allem die Medienhäuser und Redaktionen Mitverantwortung für die aktuelle Situation. Denn von ihnen kann und muss man schon erwarten, dass sie erstens den Leuten erzählen, wie es woanders aussieht und wie woanders die Leute Probleme lösen, zweitens, dass sie die Desinformation der Regierungen und die Werbekampagnen der Konzerne kritisch betrachten und recherchieren wie es wirklich ist, und drittens, dass sie auch einmal Anregungen geben und Diskussionen anschieben. Das passiert in den großen Medienhäusern aber nicht mehr. Viele meiner Kollegen haben inzwischen das Handtuch geworfen, weil in der heutigen Medienstruktur kein Platz mehr ist für Recherche, die dann möglicherweise zu einem anderen Ergebnis als die von der Regierung vorgegebene „offizielle Geschichtsschreibung“ kommt.

Und, ja: Heute gibt es wenige sehr hoch bezahlte Redakteure und ein Heer miserabel bezahlte Freie, die, wenn sie nicht vom Tellerrand fallen wollen, ihre Berichte gemäß des Mainstreams abfertigen. Die Zensur findet im eigenen Kopf statt. Früher konnte man als Freie mit einem Bauchladen ganz gut seine Themen bearbeiten. Diese Zeiten sind vorbei.

Wenn dem aber so ist und das auch noch den meisten Akteuren bewusst ist, warum um alles in der Welt diskutieren wir in Deutschland dann nicht über ein neues Mediengesetz, um die Situation zu bessern, den Journalismus zu schützen, die Meinungsfreiheit und -pluralität? Selbst die ARD hat in einem neulich ausgestrahlten, an Peinlichkeit nicht zu überbietenden ARD-Check zugegeben, dass sie ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Zugleich sinken die Auflagen der Zeitungen und antworten die Verleger hierauf, indem sie Korrespondenten abziehen, Personal reduzieren und die Arbeitszeit verdichten, wie das so schön heißt. Meinen die wirklich, dass das irgendwie hilft? Es beschleunigt den Untergang des Journalismus in Deutschland nur immer mehr…

Warum überlegen sich die Journalistenverbände, Gewerkschaften und sonstige relevante Gruppen stattdessen nicht, wie sie mit einer Qualitätssteigerung die Zuschauer zurückgewinnen? Und warum werden nicht neue Recherchequellen als die üblichen schlechten und vermachteten erschlossen, sondern wird alles immer weiter verschlimmert, beschleunigt und kaputtgespart? Warum überlegen Reporter in Kriegsgebieten nicht, statt sich „einbetten“ zu lassen, wie sie eigene, unparteiische Informationsquellen ausfindig machen und nutzen können? Und warum werden Blogs nicht mit öffentlichen Geldern gefördert?

Und die Hauptfrage: Warum werden ARD und ZDF nicht einer Qualitätskontrolle unterzogen? Jeder kann da inzwischen den letzten Müll verbreiten, ohne dass das Konsequenzen für ihn hat. Wir brauchen in diesen Häusern eine Instanz, die die Vorwürfe der Manipulation untersucht und eine wahrheitsgemäße Berichterstattung durchsetzt. Das ist auch zu stemmen. Aber in der Öffentlichkeit wird heute jemand, der das Wort „Wahrheit“ auch nur in den Mund nimmt, lächerlich gemacht, als jemand der immer noch nicht begriffen hat, dass der, der das Geld hat, auch die Geschichte schreibt.

Lächerlich gemacht?

Ja. Als ich beispielsweise den BND erfolgreich auf die Herausgabe der Eichmann-Akten verklagt hatte, da brachte der NDR noch mal schnell die Geheimdienst-Ente des Mossad als teures Doku-Drama, um die gewollte Geschichtsschreibung weiter abzusichern statt endlich einmal zu hinterfragen.

Dabei dichteten sie der 12-jährigen Tochter eines jüdischen Emigranten in Argentinien ein Liebesverhältnis mit dem Eichmann-Sohn an. Ich habe sie im Vorfeld darauf aufmerksam gemacht, dass neues Material vom BND in Kürze zu erwarten ist. Das war denen aber vollkommen egal. Und bis heute haben die sich für diesen Schmarrn nicht entschuldigt und ihre Fehler nicht richtiggestellt. Und: Sie haben nicht einmal anonymisiert! Wissen die eigentlich, was sie dieser Frau und ihrer Familie damit angetan haben? Entweder nein – oder es ist ihnen einfach egal. Ich habe dazu einen Dokumentarfilm gemacht, der im Netz steht.

Jedenfalls scheint diese Mischung aus schlechter Recherche und Verbreitung der althergebrachten Orthodoxe inzwischen zum Kern des Journalismus geworden zu sein; und sowas gab es, zumal in dieser Dreistigkeit, in den Öffentlich-Rechtlichen, aber auch linken, alternativen und kritischen Medien früher nicht.


Gaby Weber: DESINFORMATION: Ein Lehrstück über die erwünschte Geschichte


Und kann oder sollte man das, was sie wahrnehmen, dann aber wirklich als „Manipulation“ beschreiben? Diese und andere Verdrehungen scheinen ja nicht absichtsvoll begangen zu werden…

Doch, das war Absicht. Das Problem ist doch nicht, dass im Journalismus Fehler passieren, die passieren uns allen. Das Problem ist, dass Journalisten zu reinen Chronisten verkommen, die es schon immer gegeben hat: im Vatikan, im Feudalismus, bei den Scheichs etc. Das sind Schreiberlinge, die aufgrund der Dokumente, die man ihnen überlässt, die Bücher führen.

Wir haben heute die Möglichkeit, uns Zugang zu den Archiven zu verschaffen, das geht aber nur mit Druck. Dafür müssen wir uns über unsere eigene Macht im Klaren sein. Aber das passiert nicht. Man pflegt lieber private Kontakte zu den Politikern, läuft auf Pressekonferenzen, stopft sich die Lachs-Häppchen rein und übernimmt die Meldungen von Agenturen, von denen man wissen müsste, dass sie von Kriegsparteien finanziert werden. Das ist ja so bequem und fördert die Karriere.

Ich bedanke mich für das Gespräch.


Gaby Weber, 1954 in Stuttgart geboren, Magister und Promotion an der FU Berlin, ist seit 1978 hauptberufliche Journalistin, arbeitete zuerst für den stern und ab 1981 für die ARD. Seit 1985 ist sie freiberuflich als Südamerika-Korrespondentin tätig. Ihre Homepage ist www.gabyweber.com.


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