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Titel: Propaganda zum Iran-Krieg: „Wir haben ja alle die Bilder der tanzenden Menschen gesehen…“
Datum: 3. März 2026 um 12:30 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Militäreinsätze/Kriege, Strategien der Meinungsmache
Verantwortlich: Tobias Riegel
Aktuell verbreitete Videos von feiernden Menschen im Iran sagen nichts über die tatsächliche Meinung der iranischen Bevölkerung zum US-israelischen Angriffskrieg aus (selbst wenn sie echt sind). Vielmehr sagt die Nutzung der Bilder eine Menge über Journalisten aus, die die Bürger hierzulande mit emotionalen und unter Manipulationsverdacht stehenden Film-Schnipseln zu Sympathisanten des neuesten US-Kriegs erziehen möchten. Ein Kommentar von Tobias Riegel.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Podcast: Play in new window | Download
In der Berichterstattung zum Iran-Krieg wurde in den vergangenen Tagen auch der Bezug zu Bildern von Menschen im Iran genutzt, die den US-israelischen Krieg tanzend in den Straßen begrüßen würden.
Verbreitet wird die Darstellung von „den“ feiernden Iranern etwa von zahlreichen Medien, so wird bei n-tv oder bei der Bild-Zeitung oder bei der taz auf die Videos Bezug genommen, die taz behauptet – ohne eines der Videos zu verlinken:
„Videos zeigen ein Land im Jubeltaumel. Menschenmassen fluten die zentralen Plätze und Boulevards, zünden Feuerwerkskörper an und tanzen.“
Macht der Bilder
Es wird vermutlich nicht lange dauern, bis aufbauend auf die Behauptung von „den feiernden Iranern“ in Artikeln und Sendungen zum Iran-Krieg der jeweils leicht variierte Satz als Quasi-Kriegs-Rechtfertigung zu vernehmen sein könnte: „Wir haben ja alle die Bilder der tanzenden Menschen im Iran gesehen.“ Ende der Debatte.
Der Bezug auf emotionale Bilder wird teils vorgebracht, als würde ein Verweis auf solche Bilder weitere Diskussionen überflüssig machen (siehe auch die damalige Nutzung der „Bilder von Bergamo“). Tatsächlich sollen damit aber häufig seriöse Analysen erstickt werden. Auch im Fall des aktuellen Iran-Kriegs wird oft so getan, als würden die Bilder feiernder Menschengruppen irgendeine indirekte Beweiskraft enthalten bezüglich der Rechtfertigung des Kriegs oder der Stimmung der Mehrheit der Iraner.
Zusätzlich ist zu fragen, ob die aktuell verbreiteten Videos überhaupt echt und aktuell sind. An dieser Echtheit sind Zweifel angebracht: Zumindest gab es schon ähnliche Versuche, mit „tanzenden Menschen“ im Iran Propaganda für das westliche Publikum zu machen – nur, dass diese Videos nichts mit der damaligen Situation zu tun hatten, wie im Juni 2025 sogar Correctiv festgestellt hatte:
„In diesem Kontext verbreiten sich aktuell mehrere Aufnahmen, die angeblich feiernde Menschen im Iran zeigen sollen. Doch die Videos haben nichts mit den aktuellen Angriffen zu tun und sind teilweise schon Jahre alt.“
Außerdem: Selbst wenn die momentan verbreiteten Videos aus dem Iran echt und aktuell sein sollten, sagen diese selektiven Miniausschnitte nichts aus über die reale Stimmung unter den 90 Millionen Iranern. Angesichts der Bilder von feiernden Exil-Iranern im westlichen Ausland ist zu fragen: Was soll es über den Mehrheitswillen der im Iran lebenden Bürger aussagen, wenn Menschen, die teils seit Jahrzehnten in Westeuropa oder den USA leben, nun auf den Straßen feiern?
Kein Gradmesser für die moralische Berechtigung des Iran-Kriegs
Die Bilder tanzender Menschengruppen sind kein Gradmesser für die moralische Berechtigung des unprovozierten Angriffskriegs der USA und Israels. Damit wird nicht gesagt, dass es in der iranischen Bevölkerung nicht große Teile gibt, die ein Ende des Mullah-Regimes begrüßen würden.
Ich habe keine Sympathien mit dem religiösen Regime in Iran, und ich könnte eine Freude bei vielen Iranern über dessen Sturz auch nachvollziehen – ich verurteile den US-israelischen Angriffskrieg dennoch scharf. So gibt es sicherlich auch viele Iraner, die ihre Regierung einerseits ablehnen, die aber trotzdem den imperialistischen und auf vielen Ebenen hochriskanten Krieg verdammen. Das auch deshalb, weil die zahlreichen US-Angriffskriege der Vergangenheit kein einziges Mal die US-Versprechen von einer Verbesserung der Lage im jeweils angegriffenen Land eingelöst haben. Zusätzlich ist die Darstellung, die gesamte iranische Bevölkerung sei kollektiv oppositionell eingestellt, sehr fragwürdig. Doch selbst wenn diese Darstellung zutreffen würde, würde gelten: Der Krieg bricht eindeutig das Völkerrecht, egal wie viele Menschen ihn (angeblich) bejubeln.
Erziehung zu Kriegssympathisanten
Die aktuell verbreiteten Videos aus dem Iran sagen also (selbst wenn sie echt sind) nichts über die tatsächliche und repräsentative Meinung der iranischen Bevölkerung zum Iran-Krieg aus. Vielmehr sagen sie eine Menge über Journalisten und Politiker aus, die die Bürger hierzulande mit emotionalen und möglicherweise unter Fälschungsverdacht stehenden Film-Schnipseln zu Sympathisanten des neuesten US-Kriegs erziehen möchten.
Es beweist sich gerade einmal mehr: Gerade Journalisten, die sonst am lautesten über Desinformation klagen, transportieren teilweise die billigste Sorte von Desinformation, wenn es ins eigene Konzept passt.
Titelbild: Screenshot/Bild
„Der Iran ist ein völkerrechtswidriges Regime“ – Frau Hayali, es reicht!
Völkerrecht, Angriffskrieg und das Recht auf Verteidigung – wir müssen umlernen!
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