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Titel: Rio Reiser und die DDR
Datum: 14. März 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: einzelne Politiker/Personen der Zeitgeschichte, Interviews, Kultur und Kulturpolitik
Verantwortlich: Redaktion
Rio Reiser, der legendäre Sänger der Band „Ton Steine Scherben“, gab 1988 zwei denkwürdige Konzerte in der DDR. Auf Einladung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) spielte er in der Ostberliner Werner-Seelenbinder-Halle, das DDR-Fernsehen sendete damals sogar einen Mitschnitt. Gespielt wurden unter anderem seine Songs „Alles Lüge“, „König von Deutschland“, „Junimond“ und „Zauberland“. Wie Reisers Bruder Gert Möbius berichtet, war die einzige Auflage der FDJ gewesen, nicht das Stück „Keine Macht für niemand“ zu spielen. Dirk Engelhardt sprach über diese Episode, aber auch darüber, was Reiser wohl heute zu den kriegsbegeisterten Grünen sagen würde, mit Gert Möbius, Leo Schröder und Christian Günther.
Rio Reiser war im Jahr 1976 von der Stasi als Fluchthelfer verdächtigt und sieben Jahre lang überwacht worden. Verdächtig wurde er für die „Firma“, als er von West-Berlin nach Lauenburg reiste. Nach dem Mauerfall trat Reiser der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) bei und unterstützte deren Wahlkampf. Sein Engagement, einschließlich der Nutzung seines Hits „König von Deutschland“, gesungen von einem Kinderchor als Wahlkampfsong der PDS, führte allerdings zu Kritik und Boykotten bei Radiosendern.
Dana Golombek und Frank Leo Schröder haben sich in das Gedankengut und die Gefühlswelt von Rio Reiser versetzt und eine Art Hommage an Rio Reiser mit dem Namen „Irrlichter“ geschaffen. Sie spielen sie zusammen mit dem Pianisten und Sänger Kai Dannowski und touren damit durch ganz Deutschland.
Dirk Engelhardt sprach mit Gert Möbius, Leo Schröder und Christian Günther, der in Eberswalde das Café Kleinschmidt betreibt und ausgewiesener Fan von Ton Steine Scherben ist. Hier folgt das Interview:
Welche Wirkung hatten die beiden Konzerte von Rio Reiser 1988 in Ost-Berlin auf die DDR-Bürger (vor allem auf das Publikum)?
Gert Möbius: Dieses Konzert in der Werner-Seelenbinder-Halle war sicher eines der besten Livekonzerte meines Bruders. Bei dem Song „Der Traum ist aus“ brach im Publikum fast ein Chaos aus, nämlich bei der Frage von Rio, wo wohl der von ihm beschriebene Traum Wirklichkeit wäre, und er auch gleich die Antwort mitlieferte – dieses Land ist es nicht! Da rastete das Publikum aus, sie schrien, klatschen und sangen laut mit. Diese Passage ist auch kongenial im Bühnenstück „Irrlichter“ verarbeitet worden.
Christian Günther: Ich kenne als 1978 Geborener nur das erst nach Rios Tod von Gert Möbius veröffentlichte Live-Album. Es ist in der Tat nicht nur ein historisches Dokument, sondern ein sagenhaft intensiver und atmosphärischer Mitschnitt. Ein enger, etwas älterer Freund von mir war damals in der Seelenbinder-Halle dabei und hat noch heute leuchtende Augen, wenn er von den Eindrücken an dem Abend berichtet. Auf der ersten „Irrlichter“-Tour habe ich einige Menschen kennengelernt, die das Glück hatten, eines der beiden Konzerte damals zu erleben. Ihre Beschreibungen gleichen sich wie abgesprochen. Rios radikale Liebe für Menschen und seine ebenso radikale Wut gegen jeglichen Machtmissbrauch – Ost wie West – hat die Menschen offenbar überwältigt.
Was ist bekannt aus der Stasi-Beobachtung von Rio Reiser?
Gert Möbius: Ich kenne keine Beobachtungen der Stasi. Was nicht heißt, dass es sie nicht gegeben haben wird.
Christian Günther: Es ist absolut davon auszugehen, dass Rio Reiser mindestens während des DDR-Aufenthalts komplett überwacht wurde. Das gilt uneingeschränkt für jeden „West-Künstler“, der in der DDR konzertieren durfte.
Wie war das persönliche Verhältnis von Rio Reiser zu DDR-Musikern? Welche waren es vor allem?
Gert Möbius: Er hatte ein sehr gutes Verhältnis zu Musikern aus der DDR, zum Beispiel zu Lutz Kerschowski. Der baute, nach Rios Tod, mit mir das Rio-Reiser-Archiv auf.
Wie entwickelte sich das Verhältnis von Rio Reiser zur PDS?
Gert Möbius: Rio verstand sich sehr gut mit Gregor Gysi, menschlich und politisch.
Frank Leo Schröder: Schlecht! Rio empfand sich zunehmend als Vorzeigekünstler und wurde inhaltlich nicht involviert.
Welche linken politischen (oder auch andere) Kräfte berufen sich heute auf Rio Reiser?
Gert Möbius: Da gibt es nun wirklich sehr viele, in Ost wie West.
Frank Leo Schröder: Da fällt mir natürlich sofort Claudia Roth ein, die durch ihre frühere Tätigkeit einen Bezug zu den Scherben hat. Insgesamt bezieht sich die linke Szene gerne auf Songs wie „Rauchhaus“, „Keine Macht für Niemand“ und so weiter, blendet aber Rios Solokarriere aus, also seine letzten zehn Lebensjahre. Ich selbst, als freiheitsliebender Mensch, beziehe mich ebenfalls auf Rios Werk. Zumal diese Begrifflichkeiten wie „links“ und „rechts“ völlig außer Kontrolle geraten sind. Rios Parteieintritt in die PDS wäre heutzutage nur mit einem Parteieintritt in das BSW oder die AfD zu vergleichen.
Christian Günther: Man sollte nicht vergessen, dass Willy Brandt Bundeskanzler gewesen ist, als Ton Steine Scherben sich formierten und Songs wie „Keine Macht für niemand!“, „Der Traum ist aus“ oder „Macht kaputt was Euch kaputt macht“ entstanden – unter der linkesten Regierung, die Deutschland nach 1949 bis dato hatte! Die politische Linke sollte sich also sehr davor hüten, Rio Reiser posthum für sich zu vereinnahmen. Ebenso die Grünen! Ich empfinde es als unredlich, dass insbesondere Claudia Roth keine Gelegenheit auslässt – auf ihren Social-Media-Kanälen, in Interviews und leider auch bei ihrer unsäglichen Rede anlässlich Rio Reisers 75. Geburtstag in der Volksbühne -, Rio als Verbündeten zu inszenieren. Gerade bei dem kriegspolitischen Wähler-Verrat der Grünen habe ich den begründeten Verdacht, dass Rio 2026 mit den Grünen eher gründlich fertig wäre. Wir wissen es nicht. Was wir wissen, ist, dass er zeitlebens gegen jede Freiheitsbeschränkung Sturm lief und gegen jede Politik, die Menschen per Gesetz zu etwas zwingen wollte, was ihnen nicht entsprach.
Welche seiner Songs wurden in der DDR zensiert?
Gert Möbius: Bei dem Konzert in der Werner-Seelenbinder-Halle durfte er nicht „Keine Macht für Niemand“ singen. Auch „Der Traum ist aus“ wurde aus dem TV-Mitschnitt herausgeschnitten. Für die posthume Veröffentlichung des Live-Albums dieser Konzerte konnten wir es aber verwenden, auch für die noch spätere DVD des Konzerts. Das Filmmaterial war da – gesendet wurde es im Fernsehen der DDR aber 1988 nicht.
Frank Leo Schröder: „Der Traum ist aus“ wurde beim Konzert in der Seelenbinder-Halle zensiert. Angeblich wegen technischer Mängel kam der Song nicht bei der Ausstrahlung des Konzerts im DDR-Fernsehen.
Christian Günther: Rio Reiser fand im Radio und TV der DDR eigentlich nicht statt. Insofern sind seine Konzerte in der Seelenbinder-Halle rückblickend eine Sensation. Die jungen Leute kannten ihn, weil seine Platten überspielt in die DDR geschmuggelt wurden und man nicht kontrollieren konnte, dass „West-Radio“ gehört wurde. Erst 1989 erschien eine Lizenz-Pressung im Rahmen der „Amiga Quartett“-Serie mit vier Songs von Rio Reiser in der DDR. Das war alles, was es offiziell von ihm in der DDR gab, kurz vor ihrem politischen Kollaps.
Wurden seine Songs in der DDR anders interpretiert als in Westdeutschland?
Gert Möbius: Ist mir nicht bekannt.
Christian Günther: Mein Eindruck ist, dass Rio in beiden deutschen Staaten vor allem missverstanden wurde. Fast alles, was ihm politisch ausgelegt wurde, meinte er vorrangig zwischenmenschlich. Keine Macht für NIEMAND – das meinte er wörtlich, so plakativ der Satz auch klingen mag.
Titelbild: Screenshot/Peters Pop-Show
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