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Titel: Anti-Kriegsfilm „A Single Day“ – Vom My-Lai-Massaker bis zur Gegenwart
Datum: 17. März 2026 um 15:00 Uhr
Rubrik: Gedenktage/Jahrestage, Militäreinsätze/Kriege, Rezensionen, Wertedebatte
Verantwortlich: Redaktion
Gestern, am 16. März, jährte sich das Massaker von My Lai zum 58. Mal. Normalerweise wäre das ein guter Anlass, in Fernsehen und Kino die zerstörerische Wirkung des Krieges vor Augen zu führen. Zumal die bewaffneten Konflikte weltweit hochkochen. Doch Anti-Kriegsfilme sind selten geworden. Jedenfalls werden sie nicht in der Menge produziert, die angesichts heutiger Militarisierung angemessen wäre. Eine Ausnahme ist „A Single Day“, eine Dokumentation des Filmemachers Christoph Felder. Eine Filmrezension von Eugen Zentner.
Obwohl sich die Dokumentation mit dem Vietnamkrieg beschäftigt, flammt darin etwas Allgemeingültiges auf, ein Moment, von dem aus Parallelen zur gegenwärtigen Situation gezogen werden können. Am Beispiel des ehemaligen US-Soldaten Larry Colburn beleuchtet Felder die Auswirkungen des Krieges, nicht nur für die Beteiligten selbst, sondern auch für deren Nachfahren. Die Erfahrungen an der Front zeitigen Effekte, die transgenerational weiterwuchern. Nur wenige Stunden können ein Leben völlig verändern, sie können so prägend sein, dass die Betroffenen sich nie mehr davon losreißen können.
Einen solchen Moment erlebte Larry Colburn an einem Tag im Jahr 1968, wie bereits der Titel zu verstehen gibt. Der US-Soldat war Teil jener militärischen Einheit, die das Massaker von My Lai veranstaltete. Colburn war zusammen mit zwei anderen Kameraden in einem der Hubschrauber unterwegs, um Farbbomben zu legen, Markierungen also, mit denen Verletzte gekennzeichnet wurden. Allerdings bemerkte er, dass seine Kameraden auf dem Boden die Verletzten nicht retteten, sondern erschossen, skrupel- und gewissenlos. Colburn mischte sich ein, stellte sich mit Waffengewalt gegen seine Kameraden und konnte so Schlimmeres verhindern.
Eine weitere unangenehme Überraschung erlebte der Soldat, als er den Vorfall zusammen mit einem Kameraden meldete. Ihr Bericht wurde entgegengenommen und begraben. Schlimmer noch: Colburn fiel auf, dass er und andere, die am Akt des Widerstands beteiligt waren, nun bei Missionen eingesetzt wurden, die als besonders gefährlich galten. Man wollte sie offensichtlich loswerden. Später gelangten die Ereignisse jenes Tages dennoch mithilfe Seymour Hershs an die Öffentlichkeit, der mit der Aufdeckung des My-Lai-Massakers seinen Ruhm als Investigativjournalist begründete. In den USA gab es Proteste, für die Beteiligten jedoch kaum Konsequenzen. Verurteilt wurde lediglich der Soldat William Calley, und selbst der durfte sich später über eine Begnadigung freuen.
Für Colburn und die anderen Widerständler hatte die Aufdeckung weitaus größere Folgen. Sie wurden drangsaliert, belästigt und in den Akten für tot erklärt, sodass sie niemand finden konnte, der Interesse an ihnen zeigte. Wer sich gegen militärische Verbrechen stellt, erhält enormen Gegenwind. Das ist heute nicht anders als damals. Das Schicksal von Julian Assange erbringt den Beweis. Wie seine unschönen Erfahrungen mit dem Militär Spuren hinterließen, warf auch jener Tag im Vietnamkrieg einen langen Schatten auf Colburns Leben. Ihn beleuchtet Felder in seinem Dokumentarfilm, indem er von dem My-Lai-Massaker aus vor- und zurückgeht und damit das transgenerationale Moment von Krieg herausarbeitet.
Dass Larry Colburn sich überhaupt für den Einsatz in Vietnam meldete, liegt begründet in den Erfahrungen seines Vaters Henry, der ebenfalls Soldat war und 1944 an dem sogenannten D-Day in der Normandie teilnahm. Felder baut in seinem Dokumentarfilm einen weiteren „Single Day“ mit großer Tragweite ein, einen Tag der Anspannung und Euphorie, der Auswirkungen auf Larry hatte. Nach dem gewonnenen Zweiten Weltkrieg herrschte in den USA ein überspanntes Pflichtbewusstsein, aus dem heraus Larry in den Vietnamkrieg zog. Es war aber auch ein Gefühl der Siegesgewissheit dabei, so wie am D-Day seines Vaters. Doch die anfängliche Begeisterung schlug an jenem Tag des Massakers in Horror um, in ein Trauma, das in seinem eigenen Sohn Connor weiterwirkt. Dieser tritt im Dokumentarfilm als reflektierter Mahner auf, als Pazifist, der es verstanden hat, dass Kriege nie im Interesse der Menschen geführt werden, sondern immer der Rüstungsindustrie dienen. Die Soldaten, sagt er, opferten ihr Leben für den militärisch-industriellen Komplex.
Mit diesem Gedanken schlägt Filmemacher Felder die Brücke zur Gegenwart. Gerade nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland stellen sich die Jugendlichen die gleiche Frage wie Colburns Sohn Connor: Warum sollen sie in Kriege ziehen, die nicht notwendig sind? Warum sollen sie ihr Leben für die Rüstungsindustrie opfern? Er finde es toll, dass sich der Nachwuchs wehre und auf die Straße gehe, sagt Felder. Sein Film soll einen Anknüpfungspunkt bieten, von dem aus Reflexionen über die Grundlagen des Krieges beginnen.
Diese Intention drückt sich in der Bildersprache aus. Felder zeigt keine Gemetzel, keine schockierenden Archivaufnahmen, sondern das unsichtbare Leid, das sich in Zweifeln, Traumata und in wiederkehrenden Fragen offenbart. Mit ihnen will er das Publikum konfrontieren, insbesondere junge Menschen, die im Zuge des Kriegstüchtigkeitsimperativs vielleicht schon bald ebenfalls an eine der Fronten geschickt werden. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum Felder seine Dokumentation nun veröffentlicht hat. 2026 ist das zehnte Todesjahr seines Protagonisten Colburn.
Die Premiere feierte „A Single Day“ am 3. Februar im Scala Cinema Leverkusen. Zwei Tage später lief die Dokumentation im Kölner Filmhaus, eine Woche darauf im Berliner Babylon Kino. Am 9. März war sie schließlich in Braunschweig zu sehen. Anschließend gab es eine Podiumsdiskussion mit Vertretern aus der Friedensbewegung und Jugendlichen, die sich derzeit an bundesweiten Schulstreiks beteiligen. Diese sprachen von Einschüchterungsversuchen seitens der Schulen und Politik, berichtet Felder, der darin einen Widerspruch zu den Fridays-for-Future-Demonstrationen sieht: „Diese wurden in den letzten Jahren sogar gefördert, sowohl von der Politik als auch den Medien“, sagt er. „Wenn es aber um Krieg geht, müssen die Schüler mit Repressalien rechnen.“
Den gleichen Konformitätsdruck vermutet Felder bei Fernsehanstalten. Als jahrelanger Produzent für diverse Sender hat er noch Kontakte in die eine oder andere Redaktion. Doch diese reagierten zögerlich auf sein Angebot, „A Single Day“ auch im Fernsehen auszustrahlen. Derzeit gebe es keine Sendeplätze, lautete oftmals die Ausrede. Felder spricht von einer „Scheinentschuldigung“ und geht davon aus, dass die Verantwortlichen Angst haben, im Zuge der politisch forcierten Aufrüstung in die Schusslinie zu geraten. Dabei will Felder genau das Gegenteil erreichen: „Mein Film soll allen die Scheu vor der Auseinandersetzung nehmen“, sagt er. Sein Protagonist Colburn dient dabei als Vorbild und erbringt den Beweis, dass es sich lohnt, den „Kriegsmächten“ entgegenzuwirken. Auch wenn er zunächst drangsaliert wurde und unter Druck geriet, bekam er später die höchste militärische Auszeichnung.
Felder möchte mit seinem Film erreichen, dass sich gerade Jugendliche detaillierter mit den eigentlichen Themen auseinandersetzen. „Denn die Mechanismen sind im Grunde immer die gleichen“, sagt er. Das wissen auch die „Veterans for Peace“ in den USA, die die Filmrechte gekauft haben, um „A Single Day“ auch in den Vereinigten Staaten in die Kinos zu bringen. Hierzulande haben des Weiteren Spielstätten in München und Hamburg Interesse an einer Vorführung gezeigt.
Felder will mit seiner Dokumentation möglichst viele erreichen. Als langjähriger Filmemacher setzt er auf die Kraft der Bilder und erwähnt, dass es heutzutage anders als im Vietnamkrieg kaum noch möglich ist, an authentische Bilder von Kriegsschauplätzen zu kommen. Auch das thematisiert seine Dokumentation: Nachdem zahlreiche Fotografien vom My-Lai-Massaker an die Öffentlichkeit gekommen waren und Proteste ausgelöst hatten, reagierten die Strategen des militärisch-industriellen Komplexes mit einem Verbot: Seitdem ist es Soldaten verboten, eigene Bilder zu machen. Gleiches gilt für die sogenannten „eingebetteten Journalisten“. Ihre Aufnahmen sind meist von höheren Instanzen genehmigt und dienen der Propaganda. Authentische Bilder gibt es meist nur in Anti-Kriegsfilmen. Deswegen sind sie so wichtig.
Titelbild: © CFF – Christoph Felder Filmproduktion
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