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Titel: Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (6)

Datum: 23. Mai 2026 um 15:00 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Militäreinsätze/Kriege
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Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil sowie den fünften Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


„Das könnte mein Onkel aus Amerika sein …“

Sehr geehrtes Team von den NDS, es sind zwar keine spektakulären Erinnerungen, aber ich denke, dass sie Hoffnung geben, und das ist das Wichtigste.

Mit freundlichen Grüßen.

Kriegserinnerungen

Ich bin im Jahr 1936 geboren und habe den Krieg, wie die meisten Älteren, als Kind mitgemacht. Rückblickend kann ich sagen, dass ich trotz Bombennächten in Stuttgart und nächtlichem Aufenthalt in Schutzräumen nie wirklich Angst empfand. Als Kind fühlt man sich im Schutz der Mutter geborgen (der Vater war im Krieg) und im Schutz der Menschen, die einen in die Schutzräume geleiteten oder mit welchen man zusammen dort saß, um auf den Sirenenton zu warten, der Entwarnung gab. Als Kind hat man ein natürliches Vertrauen zum Leben. Wichtig ist nur die Umgebung und die liebevolle Zuwendung.

Wie anders dagegen habe ich meine Mutter in Erinnerung. Meine Schwester noch ein Baby, mein Bruder und ich kleine Kinder. Welche Verantwortung lastete auf ihr. Wenn das Haus getroffen wird, werden die Kinder vielleicht verletzt oder sie selbst und die Kinder dann hilflos. Geht man am besten gar nicht in den Keller, wie es manche gemacht haben, dann ist alles schnell vorbei und man steht nicht vor unlösbaren Aufgaben.

Ab 1943 wurden die meisten Kinder aus Großstädten aufs Land zu Verwandten gebracht, oder ganze Kindergärten wurden evakuiert und fanden Unterkunft in Kirchengemeinden auf dem Land. Meine Mutter fand damals ein kleines Häuschen in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb, das leer stand. Der Hausherr war als Soldat im Krieg und Frau und Kind auf den Bauernhof zur Mutter gezogen. Bis Kriegsende hat man auf dem Land vom Kriegsgeschehen nicht viel mitbekommen, außer, wenn nahe Verwandte zum Kriegsdienst eingezogen wurden, verwundet nach Hause kamen, in Gefangenschaft, vermisst oder gar nicht mehr zurückkamen.

Mit Kriegsende kamen dann die Tiefflieger in die ländlichen Gegenden. Sie flogen so tief, dass man die Piloten erkennen konnte, und schossen auf Zivilisten. Ich habe selbst einen solchen gesehen, der über das Nachbarhaus flog, als ich vor der Tür mit einer Freundin sprach. „Das könnte mein Onkel aus Amerika sein …“ sagte ich gerade, als das Schießen losging. Ich fand mich blitzschnell im 1. Stock des Hauses, betend auf dem Boden wieder.

Sehr eindringlich ist mir eine Szene in Erinnerung, als wir in dem kleinen Häuschen abends um den Tisch herumsaßen, meine Mutter und wir drei Kinder, und Halma spielten. Man hörte lautes Motorengeheul. Meine Mutter war so seltsam, als sie uns immer wieder aufforderte, diesen und jenen Zug mit den Figuren zu machen. Endlich hörte der Lärm auf. Ich fragte meine Mutter: „War das ein Lastwagen vor dem Haus?“ – „Nein“, sagte sie erleichtert „das waren Flieger!“ Die Angst, wenn man die Gefahr kennt, ist das Schlimmste!

Dazu eine kleine Geschichte, die mir eine Bekannte erzählt hat. Sie war etwas älter als ich und bis zum Kriegsende in Stuttgart. Als einmal Fliegeralarm während der Unterrichtszeit in der Schule war, mussten die Mädchen in einen Luftschutzkeller gehen. Alle waren der Ansicht, dass sie an einen bestimmten Ort gehen müssten. Nur ein Mädchen beharrte darauf, dass es ein anderer Ort war, und konnte sie schließlich überzeugen. Sie hatte sich zwar geirrt, aber alle Mädchen wurden dadurch gerettet, denn der Schutzraum, in den sie hätten gehen müssen, wurde durch eine Bombe getroffen und zerstört.

Auch wenn das Schlimmste kommt, hilft Ruhe, „in sich gehen“ und ein Gebet. Wenn man dieses Urvertrauen in das Leben hat, das die Kinder noch haben, macht man unbewusst das Richtige. 

Doris Manner


Die ersten russischen Worte, die ich von meinem Vater mitbekam

Liebe NachDenkSeiten-Redaktion,

ich will Ihnen hiermit die Kriegserinnerungen meines Vaters mitteilen, der vor 20 Jahren leider schon verstorben ist – ich selber sehe mich als sogenannter Kriegsenkel, da mein Vater Jahrgang 1932 war – 10 Jahre älter als seine Frau, die 1941 geboren ist:

Die frühesten Kindheitserinnerungen meines Vaters waren die an ein “Russenlager” in seinem Heimatdorf, dass seit 1975 zu einer größeren Stadtgemeinde im tiefsten Südwesten unserer Heimat – dem Dreiländereck Deutschland – Frankreich – Schweiz gehört. Er sagte immer, dass “die Russen” hinter Stacheldraht waren, und die Leute im damals noch kleinen Dorf mit “Stoj pan” („Stehenbleiben, Herr“) anbettelten.

Die ersten russischen Worte, die ich von meinem Vater mitbekam, die er zeitlebens nie vergass, obwohl er damals ja noch ein Kind war.

Ich schätze einmal, dass mein Vater, Jahrgang 1932, damals 9 oder 10 Jahre alt war – der Krieg gegen die UDSSR fing ja 1941 an. Er warf denen “Durnipe” (=im hiesigen allemannischen Dialekt für Zuckerrüben) über den Zaun, damit die wenigstens etwas zu essen hatten – seine Worte.

Tja, die Sache verfolgte mich ebenfalls ein Leben lang, was dazu führte, dass ich keine feindlichen Gefühle gegenüber heutigen Russen habe – ich fand dieses Jahr zufällig heraus, dass die frühesten Kindheitserinnerungen eine reale Grundlage hatten – in der Datenbank des russischen Verteidigungsministeriums zum Großen Vaterländischen Krieg, dem OBD Memorial.

Ein Sowjetsoldat starb in meinem Dorf an “Herzschwäche”, wie die NS-Behörden dokumentierten – er wurde Weihnachten 1942 sogleich anonym beerdigt, wie damals für Zwangsarbeiter üblich.

Heute erinnert nichts mehr an diesen Menschen in meinem Heimatdorf, nur beim OBD Memorial erinnert man sich an dieses Begräbnis – sogar mit deutschen Akten, die den Vorgang schildern, in diesem russischen Archiv.

Die Regelung, dass Kriegsgräber für die Ewigkeit sind, half ihm nichts mehr, zumal diese erst 1965 erlassen wurde.

Sein Grab dürfte immer noch im Dorf existieren, aber wo, oder bereits überlegt von einem anderen Grab, wie üblich nach 25 Jahren, bleibt sein Geheimnis, zumal das Dorf 1945 zu 40% in Ruinen lag, wozu auch die Kirche und der dazugehörige Friedhof gehörten.

Übrigens ich selber habe dies den Gemeindearchiven gemeldet, die für dieses größere Kriegsgefangenenlager – die Erinnerung an diese Kriegsverbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen – zuständig sein dürften – sowie für dessen Lageraussenkommandos im tiefsten Südwesten Deutschlands – eines davon eben in meiner Heimatgemeinde, wo nur ältere Menschen sich daran erinnern konnten, die mittlerweile wohl alle zum größten Teil selber verstorben sein dürften.

Auch die Schwester meines Vaters, die letztes Jahr hochbetagt starb, erinnerte sich daran, dass “Russen” unter Bewachung durchs Dorf getrieben wurden – wie sie einmal bei einer Familienzusammenkunft erzählte, als mein Vater das Thema erwähnte.

Eine andere Kriegserinnerung meines Vaters hängt damit zusammen, dass mein Vater als Kind schwer Glück hatte, als er „von einem Tiefflieger” beschossen wurde, er konnte sich hinter einem Misthaufen in Sicherheit bringen – Zu diesem Vorgang fand ich in einem alten Buch meiner 1988 verstorbenen Großmutter väterlicherseits einen Eintrag mit der Bemerkung, dass das Dorf von Tieffliegern beschossen wurde und, wie durch ein Wunder, nichts passiert ist – ob es einen Zusammenhang mit dieser Kindheitserinnerung meines Vaters gibt, weiss ich nicht, aber eine Möglichkeit kann durchaus bestehen.

Mein Großvater väterlicherseits, der Jahre vor meiner Geburt altersbedingt verstorben ist, erzählte nie etwas über den Krieg, da er zweimal im Krieg war, im Ersten Weltkrieg, und angeblich, obwohl zu alt, zum Ende des Zweiten Weltkrieges zwangsweise eingezogen wurde. So jedenfalls die Familienlegende über ihn. Er desertiere kurz nach seiner zweiten Einziehung zum Kriegsdienst und versteckte sich, bis die Franzosen das Dorf eingenommen hatten.

Nach dem Krieg, erzählte mein Vater, war die Versorgungslage auch in seinem Dorf so schlecht, dass mein Großvater väterlicherseits, und er selber zwangs- sowie teilweise zu Wilderern werden mussten, die zum großen Teil von dem lebten, was der Wald, und Feld, hergaben.

Mein Vater war damals noch ein Kind, und diese Erinnerung gehörte, trotz all der Strapazen nach 1945, zu seinen schönsten Kindheits- und Jugenderinnerungen … er hatte eben sogenanntes Glück im Unglück, dass er nicht in einer 30 km entfernten, total zerbombten größeren Stadt, oder einer Großstadt wie z.B. Berlin damals, am Hungertuch nagen mußte und zum Schwarzmarkt gezwungen war …

So viel zu den Kriegs- und Nachkriegserinnerungen meines Vaters, die ihn nie losließen, obwohl er eben auch nach 1945 in der Phase vom Kind zum Jugendlichen war, wie bereits erwähnt.

Mit freundlichen Grüßen
Bernhard Hau


Auf den Spielplatz kamen auch Erwachsene zum Spielen

Liebe NachDenkSeiten,

Geboren wurde ich erst acht Jahre nach Kriegsende und kann deshalb nichts mehr von Bombennächten erzählen, nur von den Auswirkungen.

Aufgewachsen in Hamburg, in einem zerbombten Arbeiterviertel, so ziemlich zwischen dem Gebiet, in dem ‚die Bertinis‘ und der zwei bis drei Kilometer entfernten Straße, in der Herr Massaquoi (Autor von „Neger, Neger, Schornsteinfeger“) gelebt haben. Es standen kaum noch Häuser, und das, in dem wir wohnten, hatte neben der Eingangstür ein Schild ‚wieder avgebavt’.

Als ich etwas größer war und auf den Spielplatz durfte, kamen auch Erwachsene zum Spielen. Die Namen weiß ich nicht mehr, aber sie waren nett – wollten schaukeln und in der Sandkiste spielen.

Mein Opa hat es mir erklärt: Sie waren im Krieg unter Häusern verschüttet oder hatten anderes Schlimmes erlebt und waren jetzt wieder zu Kindern geworden. Wir durften mit Ihnen spielen. Es gab keine Probleme und sie taten mir leid, aber meine erste ‚Gänsehaut‘ bekam ich bei einem Spaziergang mit meinem Opa: Unter der Brücke am Bahnhof saß ein einbeiniger Mann und spielte auf einer ‚singenden Säge‘, um ein paar Groschen zu ergattern. Sein Schicksal und dazu die weinenden Töne des langen Sägeblattes waren schwer zu ertragen. 

Mein Großvater hat mir viel vom Krieg erzählt. Hatte er im Ersten Weltkrieg in der französischen Zwangsarbeit nur nette Leute kennengelernt, die ihn baten, nach dem Krieg wiederzukommen, ging es im Zweiten gen Osten. Bis er auf eine Gruppe jüdischer Gefangene – die sich schon ihr eigenes Großgrab geschaufelt hatten – schießen sollte und er sich weigerte. Er brauchte den Befehl nicht ausführen. Zu Anfang des Krieges ging das noch.

Warum sich nicht mehr weigerten, habe ich mich lange gefragt. Eigentlich bis in die heutige Zeit. Bis ich jetzt miterleben muss, wie die Propagandamaschine zuschlägt, Ängste schüren und Köpfe verdrehen kann.

Vor einigen Jahren habe ich in Frankreich den Ort Oradur-sur-Glane besichtigt. Ich möchte den Besuch dieses Ortes in Mitten Frankreichs jedem Kriegsbesessenen und jedem anderen Frankreichurlauber dringend ans Herz legen! Der Ort und die Anwohner wurden von einem Trupp der Waffen-SS vernichtet. Über 1,500 Menschen. Heute ist der gesamte Ort ein eingezäuntes Mahnmal: der Bahnhof, die ausgebrannte Kirche, in der alle Frauen des Ortes zusammengetrieben wurden, bevor sie angezündet wurde, und in deren Mitte heute noch die Reste der riesigen, halb geschmolzenen Bronzeglocke liegen.

Nein, ich möchte das nicht am eigenen Leib erleben müssen und ich wünsche es auch niemand anderem, egal welcher Nationalität!

Angelika Fassauer


Kind(er) eines Flüchtlingskindes

Meine Mutter war Flüchtlingskind aus dem damaligen Königsberg (Kaliningrad). Vaddern musste nicht zur Wehrmacht, war als Sohn eines Müllers Heimatfront-wichtig.

Später, als Mutter selber Familie hatte, und immer, wenn die Feuerwehrsirenen heulten, die vor Jahren noch auf den Dächern montiert waren, stand meine Mutter senkrecht im Bett.
Sie lief dann durchs ganze Haus, schaute in jedes Zimmer rein, aus allen Fenstern raus, ob es bei uns oder in der Nähe brannte. Immer und immer wieder; ihr ganzes Leben lang. Was für ein Horror!

Als wir Kinder Jugendliche waren, hat sie uns einen Schlafzimmerschrank gezeigt. In dem war eine ganze Seite vorbereitet mit Sachen für eine Art „Flucht und/ oder Notfall“:

  • Für alle zweimal Anziehsachen- mit eingenähtem Namenssticker;
  • in einem Stahlbehälter oder so ähnlich einen kompletten Satz Dokumente inkl. beglaubigte Kopien in doppelter Ausführung
  • einen kleinen dreistelligen Betrag an Geld;
  • je eine „richtige“ Wolldecke (grob und aus 100% Wolle, weil die wohl nicht brennen?)
  • Auch ein Schreiben, das wir leider nie gesehen oder gelesen haben, weil wir nach und nach ausgezogen sind.

Das Ganze für alle 5 Familienmitglieder!

Prägend ist, dass wir Kinder heute zumindest Stahlkassetten haben mit Dokumenten und ein bißchen Geld.
Ferner haben wir Jungs alle den Kriegsdienst verweigert.

Und ich bin froh, dass meine Eltern nicht mehr mitkriegen, was heute in Deutschland wieder abgeht.

jbruno


Wie gegen Kriegsende Lastwagen vor der Schule vorfuhren und 16-/17-jährige Jungs aufluden

Ich werde nie vergessen, wie meine Großmutter erzählte, wie gegen Kriegsende Lastwagen vor der Schule vorfuhren und 16-/17-jährige Jungs aufluden und mit ihnen davonfuhren, während die Mütter verzweifelt weinend und schreiend hinterherrannten, um ihre Söhne von der Ladefläche zu ziehen. Sie hatten keine Chance, die Söhne wurden verschleppt, ohne sich verabschieden zu können. Viele kamen nicht mehr zurück, manche kamen zurück, traumatisiert, verstümmelt.

Einer davon war mein Vater. Seine Erlebnisse ließ er an uns Kindern aus.

Meine andere Großmutter und meine Urgroßmutter kamen beim Bombenangriff 1944 in Freiburg ums Leben, mein Großonkel wurde ebenfalls bei einem Bombenangriff getötet, als er auf der Treppe nur Minuten zu spät den Luftschutzkeller erreichte.
Meine Mutter erzählte mir, wie sie „hamstern “ musste als junges Mädchen, mit dem Handkarren in den Dörfern das Hab und Gut der Familie gegen ein paar Eier, Kartoffeln oder etwas Mehl eintauschen. 

Viele grauenvolle Erzählungen begleiteten meine Kindheit, Unausgesprochenes belastet uns Nachkommen bis heute.

J. Frfr. v. B.


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