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Titel: Der Film „Palästina 36“ hilft, Geschichte und Gegenwart zu begreifen

Datum: 24. Mai 2026 um 14:00 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Kultur und Kulturpolitik, Länderberichte, Rezensionen
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Im April 1936 brach in Palästina ein Volksaufstand gegen die britische Kolonialherrschaft und den sich ausbreitenden zionistischen Siedlerkolonialismus aus. Der Aufstand hielt drei Jahre an und umfasste einen Generalstreik, Massendemonstrationen und einen Guerillakrieg. Der Spielfilm „Palästina 36“ hat dieser „allerersten Intifada“ ein Denkmal gesetzt. Eine Rezension von Leon Wystrychowski.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Koloniale und Klassen-Konfliktlinien

Der Film der palästinensischen Regisseurin Annemarie Jacir portraitiert die sozialen und politischen Verhältnisse in Palästina zu Beginn des Aufstands. Dabei gelingt es ihm, die verschiedenen damals herrschenden Widersprüche darzustellen: den zwischen Kolonialmacht und zionistischen Siedlern einerseits und den indigenen Arabern andererseits, den zwischen den palästinensischen Großgrundbesitzern und den Bauern, zwischen den verschiedenen Fraktionen der palästinensischen Elite und zwischen dem unbedingten Friedenswillen der Bevölkerung und der sie in den Widerstand drängenden Gewalt von außen.

Die Handlung spielt in Jerusalem, Jaffa – das heute der im Film erwähnten zionistischen Siedlung Tel Aviv angegliedert ist – und Ramallah sowie in der Region um das fiktive Dorf al-Basma. Die Metropolen und das Umland sind zwei völlig verschiedene, aber miteinander verbundene Welten: In Ramallah wird der erst zweite Rundfunksender in der arabischen Welt eingeweiht, Autos fahren durch die Straßen und in seinem Palast residiert der Hochkommissar. Seine Kolonialbeamten, die in den gehobeneren Cafés verkehren, und die Soldaten, die die Einheimischen willkürlich drangsalieren, gehören zum normalen Stadtbild. In den Villen der reichen Araber werden europäische Lieder gehört und dort finden Parties statt, bei denen Gin und Scotch getrunken und zu westlicher Musik getanzt wird.

Auf dem Land dagegen, wo die Mehrheit der Bevölkerung lebt, gibt es weniger Kooperation. Dort tritt die Kolonialmacht brutaler, bürokratischer und militaristischer auf: Statt Limousinen fahren Militärjeeps und Panzer durch die Hügel. Sie machen Jagd auf „Rebellen“ und „Banditen“. Der Grund: Die kapitalistische Wirtschaftsweise der Kolonialherren trifft hier auf eine Gesellschaft mit einem jahrtausendealten Gemeindeeigentum. Dieses traditionelle System „macht keinen Sinn“, wie ein Kolonialbeamter erklärt. Und so wird dieses System kurzerhand durch eines ersetzt, das auf Privateigentum beruht und ein langwieriges und bürokratisches Registrierungsverfahren voraussetzt. Das Ergebnis: Die Palästinenser verlieren ihr Land, die Zionisten kaufen und besetzen es und schießen auf alle Araber, die sich ihnen nähern. „Die Lage mit den Siedlern spitzt sich zu“, fasst es der Bauer Abu Yusuf zusammen. Und so bewaffnen sich auch die Bauern, um ihre Dörfer zu schützen.

Wie groß allerdings die Entfremdung zwischen ihnen und der städtischen Oberschicht ist, wird vor allem in einer Szene deutlich, als der junge Bauernsohn Yusuf Bassawi (Karim Daoud Anaya) bei einem Zusammenkommen der urbanen Elite von seinem Chef, dem korrupten Verleger Amir Atef (Dhaffer L’Abidine) gönnerhaft gefragt wird, wie die Lage auf dem Land sei. Yusuf kann kaum zwei Sätze über die Probleme stammeln, da wird er unterbrochen: Die Bauern vergäßen, dass ihr Land eigentlich den Großgrundbesitzern gehöre, sie zahlten ihre Abgaben nicht und die Zionisten seien gut für das Geschäft.

Allerdings sind die Reichenviertel nur Inseln des Wohlstands und sie bauen sich mit ihrem Geld in erster Linie Luftschlösser: In den Häfen der Städte kommen nicht nur jüdische Flüchtlinge, sondern auch Waffen für die zionistischen Milizen an. Diese verüben Anschläge, auch in den Metropolen. Die palästinensischen Arbeiter und Kleinunternehmer treten in den Streik, die Straßen füllen sich mit Massendemonstrationen und die Aufständischen kappen immer wieder den Strom, sprengen Öl-Pipelines und überfallen Züge.

Die verschiedenen Protagonisten verkörpern unterschiedliche gesellschaftliche Kräfte und Akteure: Da ist der intelligente und aufstrebende Yussuf, der sich, nach anfänglicher Begeisterung von den städtischen Eliten abgestoßen, den Partisanen anschließt; der Arbeiter Khalid (Salih Bakri), der nicht kämpfen will, aber bald zu einem Guerilla-Anführer wird; der opportunistische Verleger Amir, der sich von den Zionisten bezahlen lässt und hofft, Bürgermeister zu werden, und zu spät merkt, wohin sein Verrat führt. Seine Frau, die selbstbewusste Journalistin Khuloud Atef (Yasmine Al Massri), die bei all ihrem Patriotismus kurzzeitig schwankt, dann aber den Bruch mit den Verrätern vollzieht. Oder der „ehrliche Kolonialbeamte“ und „Araberfreund“ Thomas Hopkins (Billy Howle), der das Land fluchtartig verlässt, als seine Illusionen zerplatzen.

Porträt der Vergangenheit, Spiegel der Gegenwart

Der Film verbindet gekonnt eine realistische Darstellung der damaligen Zeit – inklusive nachcolorierten Originalaufnahmen – mit zahlreichen Anspielungen auf die heutige. Das Dorf al-Basma ist fiktiv, es basiert jedoch auf dem realen Dorf al-Bassa in Nordpalästina, wo 1938 ein Massaker durch die Briten stattfand, das sich fast genauso abspielte, wie in dem Film dargestellt. In Ramallah wurde 1936 tatsächlich der erste palästinensische Radiosender eröffnet – ein koloniales Prestigeprojekt der Briten, der betont „unpolitisch“ war und den Palästinensern „Wissen und Kultur“ bringen sollte. Heute sitzt dort die Palästinensische Autonomiebehörde unter Mahmud Abbas, die einem Großteil der Palästinenser als Marionette Israels gilt. Wenn wiederum der sadistische und sich sehr christlich gebende Captain Wingate (Robert Aramayo) fanatisch von dem Aufbau einer „jüdische Armee“ schwärmt, dann ist dies eine Referenz auf die in den USA einflussreichen Evangelikalen, die davon träumen, dass die „jüdische Eroberung“ des heiligen Landes die Endzeit einläutet.

Dabei wirkt das ganze nicht konstruiert, da die Geschichte es den Filmemachern durchaus leicht macht. Denn die realen Parallelen – etwa die von der britischen Peel-Commission 1937 erstmals „vorgeschlagene“ Teilung Palästinas zugunsten der Zionisten, eine Vorläuferin der sogenannten Zweistaatenlösung – sind eindeutig und Israel hat tatsächlich viele seiner Strategien von den Briten kopiert: angefangen bei der Sippenhaft und Kollektivstrafen über Verhaftungen ohne Anklage („Administrativhaft“) bis hin zur Errichtung von Checkpoints und dem Bau einer Mauer.

Auch andere Szenen sind nach 90 Jahren unverändert: zionistische Siedler, die Felder und Olivenbäume anzünden, und Soldaten, die schikanieren, rassistisch beleidigen und sexuell belästigen, die Beerdigungen angreifen, Palästinenser an Militärfahrzeuge fesseln und als menschliche Schutzschilde missbrauchen, Journalisten attackieren und Häuser zerstören; palästinensische Frauen und Kinder, die Steine auf Soldaten werfen, Menschen, die aus Solidarität die Kufiya tragen, und vermummte Männer, die mit einfachen Waffen gegen einen überlegenen Feind kämpfen.

Der Terminus des „Terroristen“ war damals noch nicht geläufig. (Tatsächlich nannten sich die zionistischen Milizionäre damals selbst stolz so.) Stattdessen werden die Widerstandskämpfer im Film meist als „Banditen“ bezeichnet. Und statt in Häuserschluchten und Tunneln verstecken sie sich in den Hügeln und Wäldern.

Die Filmemacher verorten den palästinensischen Befreiungskampf in der Geschichte des Antikolonialismus. Eine Szene, in der die Partisanen auf Pferden und unter Kriegsgeschrei eine Dampflock entern, erinnert stark an Darstellungen von Überfällen nordamerikanischer Ureinwohner – nur dass sie hier, anders als in den Western, nicht „gefährliche Wilde“ sind, sondern die rechtmäßigen Eigentümer des Landes, die um ihre Freiheit kämpfen. Auch ein bekanntes Zitat des 1935 gefallenen Volkshelden Izz al-Din al-Qassam, der als erster Partisanenführer Palästinas gilt, wird angeführt.

Der Film endet mit Tod und Zerstörung, doch mit einer Botschaft, die von der Witwe Rabab (Yafa Bakri), die ihre verschollene Tochter sucht, an einen Jungen, der gerade seinen Vater verloren hat, adressiert wird: „Steh auf, es gibt viel zu tun. Es war weder das erste noch das letzte Mal.“ Die letzte Szene zeigt, wie der Junge auf einen Soldaten schießt, wie die Tochter in eine ungewisse Zukunft rennt, wie Menschenmassen unter Palästinafahnen demonstrieren und wie die Kämpfer durch die Hügel und Wälder reiten, dezimiert und geschwächt, aber unbesiegt.

Titelbild: Szenenfoto / Watermelonpictures


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