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Titel: Die Fußball-WM geht los – freut euch, trotz alledem!
Datum: 11. Juni 2026 um 12:00 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Medienkritik, Veranstaltungshinweise/Veranstaltungen
Verantwortlich: Tobias Riegel
Heute startet die Fußball-WM der Männer. „WM-Shaming“ ist in Mode. Und es stimmt ja: Die FIFA ist problematisch, die Preise sind hoch, die Weltlage bedrohlich. Auch wird die Veranstaltung sicher von den falschen Politikern als Ablenkung ausgeschlachtet werden. Trotzdem: Freut euch, schmeißt den Grill an und sagt auch noch den Nachbarn Bescheid. Die Fußball-WM ist eine gute Gelegenheit, um sich mal wieder unverbindlich zu begegnen. Nach den Spielen kann man sich immer noch (gesittet) über Israel oder Russland streiten. Ein Kommentar von Tobias Riegel.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
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Die Eintrittspreise, die Einreisebedingungen und viele weitere Gegebenheiten vor Ort sind bei der diesjährigen Fußball-WM der Männer in Nordamerika sehr bedenklich – ob sie aber so extrem viel schlimmer sind als bei vergleichbaren Events, da steht eine seriöse Analyse noch aus. Zusätzlich waren Vorort-Bedingungen für meine WM-Erlebnisse auch noch nie relevant: Ich habe mich schon immer gefragt, wer sich das eigentlich leisten kann, einfach mal für WM-Spiele frei zu nehmen und der FIFA und den Geschäftsleuten des jeweiligen Gastgeberlandes in kürzester Zeit Unsummen zu spendieren. Ich habe noch nie ein WM-Spiel im Stadion gesehen. Ich war, abgesehen von 2006, noch nicht einmal im jeweiligen Land der Austragung. Trotzdem habe ich diese Zeiten lieben gelernt. Und ich habe beschlossen, das auch dieses Mal zu versuchen.
Mit dieser Haltung erklärt man Ticketpreise, Einreise-Verweigerungen und eventuelle polizeiliche Schikanen vor Ort sowie auch alle anderen aktuellen lokalen und globalen Ungerechtigkeiten und Konflikte nicht für rechtens. Man verzichtet nur darauf, sich davon auch noch das Fußball-Fest kaputtmachen zu lassen. Ist das Flucht und Eskapismus? Von mir aus – ab und zu tut das aber einfach gut.
Wer sind die „Spielverderber“?
Außerdem ist dieser Text keine Aufforderung, nun wochenlang den Kopf auszuschalten, nur weil man bei WM-Spielen ehrlich bewegt mitfiebert oder weil man die Spiele nicht permanent als verkommene Konsumshow beschimpft. Im Gegenteil – neben der Aufforderung zum Genuss soll hier erhöhte politische Wachsamkeit empfohlen werden: Es wäre nicht verwunderlich, wenn gerade im Umfeld von Spielen der deutschen Elf besonders grausame Sozialkürzungen im deutschen Bundestag behandelt würden.
Der Spiegel hat US-Präsident Donald Trump nun als „Spielverderber“ ausgemacht – das ist nur die halbe Wahrheit. Denn das ehemalige Nachrichtenmagazin stand in der jüngeren Vergangenheit durchaus mit in der ersten Reihe, wenn es darum ging, internationale Sportveranstaltungen in einem ideologischen (transatlantischen) Sinne giftig zu politisieren und zu instrumentalisieren. Durch viele deutsche Medien wurde der wichtige Rest an völkerverständigendem Potenzial schwer beschädigt, den diese Veranstaltungen nach wie vor besitzen: Durch die Zuarbeit von vielen politischen und medialen Seiten waren Olympiade, WM und andere internationale Sportveranstaltungen in den letzten Jahren (noch mehr als ohnehin schon) teilweise zu Zirkussen aus Ideologie und Ausschluss degradiert worden – darauf bin ich unter anderem in den Artikeln „Olympia: Boykott und Heuchelei“ und „Ausschluss russischer Sportler: Im Olymp der Doppelstandards“ und „French Open: Der internationale Sport wird zum Propagandazirkus“ eingegangen.
Gegen eine WM-Berichterstattung, die auch politische Aspekte mit einbezieht, wäre übrigens (in der richtigen Gewichtung) prinzipiell nichts zu sagen. Unerträglich ist aber, was etwa ARD und ZDF in den letzten Jahren unter dem Label einer „politischen“ Sportberichterstattung verkauft haben: selektive Doping-Vorwürfe, Regenbogen-Moral, Boykott, Ausschluss, eine zerstörerische Instrumentalisierung des Sports für eine transatlantische Geopolitik und so weiter.
Gräben überbrücken – bis zum Vorrunden-Aus
Die Fußball-WM der Männer kann auch eine Veranstaltung sein, die nicht nur Männer bewegt – zumindest kann es Konstellationen geben, bei denen dieser Sport ganze Gesellschaften erfasst: Das „Wunder von Bern“ 1954 oder das „Sommermärchen“ 2006 haben ganze Familien bewegt. So ein gesellschaftlicher Rausch birgt wiederum Risiken: Würde die deutsche Regierung ein erfolgreiches Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft jetzt politisch ausschlachten? Auf jeden Fall: mindestens (wie gesagt) als Ablenkung von den aktuell diskutierten skrupellosen Kürzungen im Sozialsystem. Ähnlich wird es die Trump-Regierung handhaben: Eine gelungene WM wird Trump nutzen und sie wird von den aktuellen Verbrechen der US-Armee und der Israelis ablenken. Darf man trotz des Iran-Kriegs bei einer WM in den USA (und Kanada und Mexiko) sportlich mit „seiner“ Mannschaft mitfiebern? Ich finde: Ja.
Also – und trotz alledem: Freut euch, schmeißt den Grill an und sagt auch noch den Nachbarn Bescheid. Die Fußball-WM ist eine gute Gelegenheit, um sich mal wieder unverbindlich zu begegnen und Gräben zu überbrücken – in der Familie, in der Hausgemeinschaft, im Kiez. Nach den Spielen kann man sich ja immer noch (gesittet) über Trump, Israel oder Russland streiten. Und: Haben wir nach den unbeschreiblichen letzten vier Jahren nicht auch mal ein bisschen Spaß verdient?
Ich werde jedenfalls versuchen, die WM zu genießen – zumindest bis zum Vorrunden-Aus der deutschen Elf …
Titelbild: Gorodenkoff / Shutterstock
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