Die Versuche, den verbindenden Charakter der Fußball-WM zu zerstören, erreichen dieser Tage neue Höhepunkte. Die WM ist eines der letzten internationalen medialen Lagerfeuer – aber weil es diesmal von Russland für die Welt entfacht wird, arbeiten viele Journalisten daran, es zu löschen und es mit ihrer einseitigen Moral aufzuladen. Um den Meinungsmachern und medialen Spielverderbern den Triumph der schlechten Laune nicht zu überlassen, und um das verständigende Potenzial der WM voll auszuschöpfen, sollten sich die Fußball-Begeisterten in den kommenden Wochen auch in medialer Gelassenheit üben. Von Tobias Riegel.

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Der WDR informiert pseudosatirisch über die russische Seele: „Wie ist das nun wirklich mit dem Wodka? (…) Und wie schmiere ich Polizisten richtig?“ Das Magazin „Focus“ bleibt seinem Blickwinkel beim Komplex Russland treu: „Schwulenhass sogar beim Bäcker“. Und das „heute journal“ (die NachDenkSeiten berichteten) verunglimpft den Willen der Deutschen nach Verständigung mit Russland als lästigen Psycho-Tick: „Trotzdem gibt es in Deutschland ungebrochen ein Gefühl der Verbundenheit mit Russland, das nicht restlos mit Logik zu erklären ist.“

Man könnte eine Liste mit ähnlichen Artikeln aus der jüngeren Vergangenheit seitenlang fortsetzen. Es besteht kein Zweifel: In den Wochen vor der Fußball-WM haben viele große deutsche Medien noch einmal alle Register gezogen, um anti-russische Ressentiments zu wecken und das pazifistische Potenzial der WM anzugreifen. Attackiert wird dabei nicht nur „Zar Putin“, sondern auch der Wodka saufende, Polizisten schmierende und Schwule hassende „russische Charakter“ – und der dumme Deutsche, der diese Abgründe einfach nicht sehen will.

Angriffe auf die Völkerverständigung und folgenlose Selbstkritik

Man wird die großen Medien einst zu Recht kritisieren für die dieser Tage erlebten medialen Angriffe gegen einen europäischen Partner und für das eifrige Untergraben der Chance der Verständigung, die diese Fußball-WM birgt. Mutmaßlich, im besten Fall, erwartet die Bürger nach dem Ereignis eine Welle „zerknirschter“ Artikel der Selbstkritik: „Sind wir zu weit gegangen?“ Man hat diese Form der folgenlosen Selbstbespiegelung bereits nach den Irak-Kriegen, nach der Demontage Christian Wulffs oder nach der Finanzkrise erlebt. Teils wird die Frage zudem indirekt mit „nein“ beantwortet.

Hinterher, wenn es also zu spät ist, werden sich mutmaßlich einige Redakteure dennoch für die Instrumentalisierung des Sports gegen Russland rechtfertigen – und womöglich ab jetzt Sportberichte generell „politisch“ kontaminieren, um sagen zu können: „Seht her – wir gehen mit Katars Prinzen (WM 2022) und Donald Trump (WM 2026) genauso hart ins Gericht wie mit ‚Putins Russland‘.“

Weil Russland es entzündet: Das mediale Lagerfeuer soll gelöscht werden

Dieses unerquickliche Szenario einer zunehmend moralisierenden Sportberichterstattung wirft ein Licht auf weitere mediale Ungleichbehandlungen: Was auch immer die USA für Schwerverbrechen zu verantworten hatten, über die auch durchaus berichtet wurde – jahrzehntelang schwang die sympathisierende und zweckoptimistische Losung von den „demokratischen Selbstheilungskräften“ mit, die die bedauerlichen „Fehler“ der grundsätzlich guten Friedensmacht USA wieder wettmachen würden. Seit der Wahl Donald Trumps ist diese Tendenz streckenweise ins andere Extrem umgeschlagen. Aber eine vergleichbar formulierte Hoffnung auf einen trotz gesellschaftlicher Defizite grundsätzlich wohlmeinenden russischen Charakter wurde immer verwehrt.

Die Realität der trotz massiver anti-russischer Propaganda bestehenden deutsch-russischen Sehnsucht wird in vielen Medien entweder ignoriert, verleumdet oder als schräge Marotte psychologisiert – in jedem Fall wollen die meisten einflussreichen Redakteure den Bürgern den Willen aberziehen, auf Russland zuzugehen – nun, vor der WM, noch einmal verstärkt. Das ist eine grobe Überschätzung der eigenen gesellschaftlichen Rolle als angebliche Lehrer der Nation. Es zeigt zudem ein merkwürdiges Menschenbild, wenn der Wille nach Völkerverständigung aktiv lächerlich gemacht wird. Die WM ist eines der letzten internationalen medialen Lagerfeuer – aber weil es diesmal von Russland für die Welt entfacht wird, arbeiten viele Journalisten daran, es zu löschen und es mit ihrer einseitigen Moral aufzuladen.

Die eigenen Kampagnen werden als fremde Naturschauspiele beschrieben

Manchem Redakteur wird bewusst sein, dass die aktuelle Welle an russland-„kritischen“ Beiträgen eine mediale Schieflage im Vergleich zu allen bisherigen Weltmeisterschaften und deren moralisch nicht höher stehenden Gastgebern erzeugt. Weil sich viele Journalisten von ihrem Mittun an dieser politisch-moralischen Verzerrung distanzieren möchten, beobachten wir im Falle der WM das Phänomen, dass Medien die eigene Arbeit wie ein fremdes Naturschauspiel betrachten: „Selten wurde so intensiv und politisch über den WM-Gastgeber berichtet“, schallt es dann „überrascht“ aus jenen Kanälen, die besonders „intensiv und politisch“ berichten.

Gefordert wird hier keine Kritiklosigkeit gegenüber Russland, es gibt zahlreiche Problemfelder in der russischen Politik, die in diesem Text keinen Platz finden. Sehr wohl gefordert wird hier aber ein Ende des Kampagnen-Journalismus und der Ungleichbehandlung gegenüber dem Land. Ebenso gibt es grundsätzlich kritikwürdige Elemente bei der Organisation jeder internationalen Sportveranstaltung. Da diese strukturellen Defizite aber alle Austragungsorte betreffen, ist es nicht redlich, sie als Argumente gegen ein einzelnes Land zu nutzen.

Man kann die Beiträge, in denen Russland dieser Tage in ein mindestens schräges Licht gerückt wird, kaum zählen. Einige Beispiele unter vielen anderen finden Sie etwa hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier oder hier. Auffallend dabei ist, dass der Blickwinkel weg vom rein geopolitischen Charakter der Skripal- und Giftgas-Kampagnen geht, hin zu einer zusätzlichen Schwarzmalerei des russischen Alltags und der Diffamierung der „rohen“ russischen Seele, die starke Führer verlangt, Schwule gängelt und Hunde tötet. Ein durchgängiges Motiv ist auch die sauertöpfische Feststellung, bisher wolle sich „keine rechte Vorfreude auf die WM entwickeln“. Manchmal geht die Meinungsmache aber auch nach hinten los.

Die Standards der Boykott-Forderer werden nicht zu halten sein

Eines der seltenen Beispiele des Versuchs, sich dem medialen Zeitgeist der Vor-WM-Tage entgegenzustellen, bietet die „Zeit“, wenn sie etwa zum Aufruhr um das Erdogan-Foto zweier Spieler schreibt:

„Das Erdoğan-Foto belastet und begleitet die Mannschaft bis nach Russland. Über Kritik an ihrer dummen Aktion brauchen sich Gündoğan und Özil tatsächlich nicht beschweren, aber die Reaktionen vieler Fans, auch im Internet, haben in ihrer Härte etwas Unversöhnliches, auch Bigottes. Pfeifen sie eigentlich genauso laut auf die Verbindungen zwischen Bayern München und Katar, Schalke und Gazprom? An diesem Tag kursierten auch Bilder des DFB mit Vertretern Saudi-Arabiens, eines der autoritärsten Systeme der Welt.“

Diese Zeilen verweisen auf das Grundproblem der WM-Boykott-Forderer: Sie führen aktuell am Beispiel Russlands Standards ein, die sie nicht werden halten können – es sei denn, sie wollen den Kontakt mit nahezu allen Ländern dieser Welt einstellen wegen Ansteckungsgefahr an „autoritären“ Zuständen. Dass die anti-russische Meinungsmache zudem nicht durch „Menschenrechte“ angetrieben wird, sondern vor allem durch wirtschafts- und energiepolitische Motive, ist offensichtlich.

Freut Euch!

Man möchte den Medienkonsumenten im Zusammenhang mit der WM trotz, oder gerade wegen des aktuell besonders hohen Grads der Heuchelei zurufen: „Empört euch – nicht!“. Es wird den Fußballfans in den nächsten Wochen wenig übrig bleiben, als in den Halbzeitpausen und während der Vorberichte auf Durchzug zu schalten, um sich den gemeinsamen Spaß mit Fans aus aller Herren Länder nicht von geopolitisch motivierten Propagandisten vermiesen zu lassen und von deren Räuberpistolen über Hooligans, Doping, Giftgas oder von den Toten auferstandene Journalisten.

Um den medialen Spielverderbern und Meinungsmachern den Triumph der schlechten Laune nicht zu überlassen, und um das verständigende Potenzial der WM voll auszuschöpfen, könnten die Fußball-Begeisterten am besten die unvermeidlichen Reportagen der Udo Lielischkies, Golineh Atteis oder Sabine Adlers lässig an sich abtropfen lassen. Das muss nicht von Medienkritik oder beherzter Kommentierung bei den jeweiligen Medien abhalten. Aber man sollte sich von der Berichterstattung gerade jetzt nicht zu lähmender Wut provozieren lassen: Das riesige, aufregende, komplexe und widersprüchliche Russland hat die Welt zu Gast. Und jetzt freut euch! – trotz der traurigen Gewissheit, dass die DFB-Elf den Titel nicht wird verteidigen können.

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