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Titel: Die Revanche

Datum: 17. Juni 2026 um 13:24 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, Gedenktage/Jahrestage, Militäreinsätze/Kriege
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Zum 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion: Während deutsche Generäle mit Angriffen auf Russland drohen und die Bundeswehr zur größten Armee Europas aufgerüstet wird, gemahnt der 85. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion an die gefährlichen historischen Kontinuitäten. Von Sevim Dagdelen.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Vor wenigen Tagen drohte der deutsche Luftwaffenchef Holger Neumann mit Angriffen der Bundeswehr auf Russland, sollte Moskau NATO-Territorium angreifen. Neumann sagte, Deutschland sei bereit, „heute Nacht zu kämpfen“, und stellte verheerende deutsche Luftschläge gegen die Atommacht Russland in Aussicht, die insbesondere die Kola-Halbinsel, Kaliningrad und die Region des Schwarzen Meeres treffen sollten.

Damit reiht sich der 57-jährige deutsche Luftwaffengeneral Neumann in eine ganze Kette deutscher Verantwortungsträger aus Politik und Armee ein, die einen neuen aggressiven Ton gegenüber Russland anschlagen. Deutschland wird, während es seine Armee zur größten Europas aufrüstet, als antirussische Schutzmacht begriffen.

Revanche-Stimmung in Berlin und Brüssel

Diese Herausforderung Russlands durch deutsche Politiker und Militärs stellt sich – sicherlich unfreiwillig – in den historischen Kontext des 85. Jahrestags des Überfalls des Dritten Reiches auf die Sowjetunion.

Erinnern wir uns: Am 22. Juni 1941 fiel die deutsche Wehrmacht in die Sowjetunion ein. Ideologisch sah man sich als Speerspitze Europas zur Befreiung der Völker im Osten. In der NS-Legitimationsausstellung zur deutschen Invasion „Das Sowjetparadies“, die den Feldzug propagandistisch begleiten sollte, heißt es, dass sich zur Beseitigung der Sowjetunion „unter deutscher Führung an der Seite unserer Soldaten die besten Kräfte der Nationen Europas verbunden“ haben. Es sei auch daran erinnert, dass die mutigen Kämpfer der jüdisch-kommunistischen Herbert-Baum-Gruppe versuchten, das antisemitisch-antislawische Machwerk mit Molotowcocktails zu zerstören.

Die Zerschlagung der Sowjetunion jedenfalls war von Anfang an Programm des deutschen Angriffs. Mit zwei Völkermordprogrammen sollte Lebensraum für deutsche Siedler geschaffen werden, um den Raub als dauerhaftes koloniales Unternehmen absichern zu können. Das Zitat Adolf Hitlers, „Was für England Indien ist, wird für uns der Ostraum sein“, war Programm. Allerdings mit dem Unterschied, dass von Anfang an ein gezieltes Mordprogramm die dauerhafte Beherrschung des eroberten Gebiets sichern sollte.

Völkermord und Ausplünderung als Programm

Neben der systematischen Ermordung der europäischen Juden trat der Völkermord an den Völkern der Sowjetunion hinzu, der bis zum heutigen Tage von der Bundesregierung nicht anerkannt wurde. Dabei sind die Belege unstrittig. Der deutschen Invasion fielen 27 Millionen Sowjetbürger zum Opfer, der überwiegende Teil davon Zivilisten. Mit der Aushungerung von Leningrad mit über einer Million Opfern und dem NS-Hungerplan sollten dreißig Millionen Angehörige slawischer Völker in der Sowjetunion ausgelöscht werden, den Rest plante man nach Sibirien zu deportieren oder als Sklavenarbeiter zu nutzen.

Die deutschen Kolonialpläne waren von einer beispiellosen Ausplünderungskampagne begleitet, die Boden, Menschen und Rohstoffe für die deutsche Wirtschaft vernutzen sollte. Geopolitisch ging es darum, Russland als Gegenpol eines imperialistischen Deutschlands mit dem Griff zur Weltmacht und zur Führung Europas ein für alle Mal zu beseitigen.

Wenn wir heute der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas („Zerschlagung Russlands – Ich denke, wenn es mehr kleine Nationen gäbe … ist es keine schlechte Sache, wenn die große Macht tatsächlich viel kleiner wird“) oder dem CDU-Politiker Roderich Kiesewetter („Europa muss auf die Kapitulation Russlands hinarbeiten“) lauschen, ist unschwer das Echo der Vergangenheit zu hören.

Es ist nichts anderes als der Traum von der Revanche für die deutsche Kapitulation 1945. Es ist der Ton für einen weiteren Griff nach der Weltmacht. Nur dass sich die Bedingungen fundamental geändert haben und selbst der einfältigste Mensch doch erkennen müsste, dass der Angriff auf eine Atommacht ein hohes Risiko in sich trägt und dass auch dieses Unternehmen mit einer noch gründlicheren Selbstzerstörung enden wird. Der Sound der Revanche wird begleitet von der Bereitschaft zur Apokalypse, auch hier eine beunruhigende Parallele zum NS-Überfall und der Heraufbeschwörung eines biblisch verbrämten Entscheidungskampfes, wie sie sich auch in der Ausstellung „Das Sowjet-Paradies“ findet.

Ohne die Anerkennung der Vergangenheit und des Völkermords an den Völkern der Sowjetunion wird es keine Aussöhnung mit Russland geben, sondern nur das immer stärkere Bellen der Revanchisten und verträumten Kolonisatoren, die den NATO-Stellvertreterkrieg in der Ukraine zum deutschen Feldzug gegen Russland umwandeln möchten.

Titelbild: danielo / Shutterstock


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