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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Christlich nach Bedarf
Datum: 28. Juli 2026 um 9:00 Uhr
Rubrik: CDU/CSU, einzelne Politiker/Personen der Zeitgeschichte, Wertedebatte
Verantwortlich: Redaktion
Bei der Leihmutterschaft entdeckt die CDU plötzlich ihr christliches Gewissen – bei Waffen, Krieg und Gaza schweigt es. Von Oskar Lafontaine.
Der CDU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn hat die Geduld der CDU-Mitglieder und Wähler seiner Partei schon öfter auf die Probe gestellt. Dubiose Immobiliengeschäfte und Parteispenden brachten ihn ins Gerede. Noch immer verzeihen ihm viele die Maskenaffäre nicht, bei der er sage und schreibe sechs Milliarden Euro in den Sand gesetzt und mit ihm befreundete Unternehmer bedient hat. Der Kauf einer Leihmutter in den USA brachte das Fass zum Überlaufen. Jetzt ist er zurückgetreten, ihm blieb keine andere Wahl. Die Forderungen nach seinem Rückzug, vor allem aus der CDU, wurden immer zahlreicher. Es spricht auch vieles dafür, dass er einem Rauswurf durch Friedrich Merz zuvorkommen wollte. Der selbst schwer angeschlagene Bundeskanzler sah in ihm schon seit längerer Zeit den Mann mit „dem Dolch im Gewande“.
Mit seinem Mann Daniel Funke hatte er die in den USA erlaubte Leihmutterschaft in Anspruch genommen, um ein Kind zu bekommen. Daniel Funke ist der leibliche Vater des Kindes. „Mein Mann ist Papa geworden und ich mit ihm […] Georg ist unser ganzes Glück. Dieses Gefühl lässt sich kaum in Worte fassen“, sagte er der BILD-Zeitung, wohl auch in der Hoffnung, mit diesen herzerwärmenden Worten einem Shitstorm zuvorzukommen.
Aber der Appell an das Mitgefühl der Menschen fruchtete diesmal nicht.
Empörung und Verachtung
Zu groß ist die Verärgerung der Deutschen mittlerweile über Politiker, die sich Sonderrechte herausnehmen. Wer Gesetze beschließt, in denen Leihmutterschaft verboten ist, muss sich selbst daran halten. Wer diese Gesetze umgehen kann, weil er viel Geld hat – in den USA kostet die Leihmutterschaft 120.000 bis 200.000 Dollar –, erntet, zumal wenn er wie Spahn am Verbot mitgewirkt hat, Empörung und Verachtung. Spahn war daher aus politischen Gründen als Fraktionsvorsitzender der größten Regierungsfraktion nicht mehr zu halten.
Ein UNO-Bericht fordert das weltweite Verbot von Leihmutterschaft, und in vielen Ländern ist sie als sittenwidriger Menschenhandel geächtet. Der Bundesverband für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie weist darauf hin, dass die Trennung des Kindes kurz nach der Geburt von der Mutter eine Verlusterfahrung ist, die für immer bleibt. Im Interesse des Kindeswohls sei die Leihmutterschaft daher abzulehnen.
Etwas komplizierter wird die Sache, wenn sich viele CDU-Mitglieder in diesem Fall auf das christliche Menschenbild berufen. Die daraus erwachsene Verpflichtung gilt nämlich nicht nur für einzelne besondere Fälle, sondern sie muss das ganze politische Handeln bestimmen. Es dürfte klar sein, dass die Leihmutterschaft, die Kind und Mutter zur Ware macht, mit dem christlichen Bild vom Menschen nicht vereinbar ist. Aber noch weniger mit dem christlichen Bild von Menschen vereinbar sind Aufrüstung, Krieg und Waffenlieferungen zur Unterstützung eines Völkermords. Es ist kaum erklärbar, warum dieselben CDU-Mitglieder, die Spahn aufforderten, den Fraktionsvorsitz abzugeben, die Außenpolitik von Merz, Wadephul und Kiesewetter mittragen, anstatt den Rücktritt auch dieser Politiker zu fordern. Deren allen christlichen Grundsätzen widersprechende Politik ist mitverantwortlich für großes Leid in der Welt, besonders im Gazastreifen.
Das Christentum ist die Religion der Nächstenliebe. Im Matthäusevangelium sagt Christus: „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen.“
Wie auch immer man diese revolutionäre Botschaft interpretiert, auf jeden Fall geht es um den Geist der Versöhnung und des Friedens. Deshalb sagt Papst Leo XIV. an die Adresse der Kriegsbefürworter in aller Welt: „Stabilität und Frieden lassen sich nicht durch gegenseitige Drohungen und Waffen erreichen, die Zerstörung, Leid und Tod bringen, sondern nur durch einen vernünftigen authentischen und verantwortungsvollen Dialog.“
Politik der Aufrüstung
Spahn ist jetzt zurückgetreten und wartet sicher auf die nächste Gelegenheit, wieder in die erste Reihe zu rücken. Merz ist, erheblich geschwächt, noch im Amt. Immer mehr Menschen fürchten, dass seine Politik der Aufrüstung und Waffenlieferungen zu einem Krieg mit Russland führt. Wann wird es wieder einen CDU-Politiker geben, der die christliche Lehre zur Grundlage der Außenpolitik der CDU macht?
In seiner berühmten Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1985 sagte der ehemalige Bundespräsident und CDU-Politiker Richard von Weizsäcker: „Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaft und Hass zu schüren. Meine Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“
Oskar Lafontaine ist Finanzminister Deutschlands a. D. und ehemaliger Vorsitzender der SPD. Heute ist er Mitglied des BSW, gegründet von seiner Frau Sahra Wagenknecht.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Weltwoche Nr. 30.26.
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