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Titel: Trumps Venezuela-Deal – in der EU sollten die Alarmglocken schrillen

Datum: 31. August 2026 um 11:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, Erosion der Demokratie, Ressourcen, Wirtschaftspolitik und Konjunktur
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Völkerrecht ade. Glaubt man den Aussagen des US-Präsidenten Donald Trump, haben die USA an diesem Wochenende eine „Übereinkunft“ mit Venezuela erzielt, die besagt, dass sich die USA einen großen Teil der venezolanischen Ölförderung „gesichert“ hätten. Nimmt man Trump beim Wort, handelt es sich dabei um Öl im aktuellen Marktwert von 5,5 Billionen US-Dollar. Trump spricht bereits vom „größten Ölgeschäft in der Geschichte“ und selbst wenn man die üblichen Trump-Übertreibungen herauslässt, ist das nicht übertrieben. Erstaunlich ist die Larmoyanz, mit der diese Entwicklungen in Europa aufgenommen werden. Grob gesagt gibt es beim diesem „Deal“ – oder besser Raub – zwei Ebenen – die kurz- und die langfristige. Und bei der langfristigen Perspektive sollte gerade der EU angst und bange werden, droht ihr doch die totale Energieabhängigkeit von den USA. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Wissen Sie, welcher Staat die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt hat? Nein, es ist nicht Saudi-Arabien, nicht Russland und schon gar nicht die USA. Venezuela verfügt mit über 300 Milliarden Barrel Öl über rund ein Fünftel der weltweiten Ölreserven. Strategisch ist Venezuela damit einer der wohl wichtigsten Staaten der Welt, gehen die Reserven einiger großer Produzenten wie den Nordseeanrainern, Brasilien und auch den USA demnächst zu Neige. Und selbst die wirtschaftlich sinnvoll erschließbaren Reserven Russlands halten bei derzeitiger Förderquote nur noch rund 25 Jahre.

Diese Zahlen mögen überraschen, da Venezuela aktuell mit nur etwas weniger als einer Million Barrel pro Tag zu den eher kleinen Förderländern gehört. Zum Vergleich: Die USA – das größte Förderland der Welt – fördert täglich rund 25-mal so viel Öl. So kann es aber nicht ewig weitergehen. Sind die wirtschaftlich erschließbaren russischen Reserven mit 25 Jahren bei derzeitiger Produktion schon kritisch, so sind es die US-Ölreserven mit nicht einmal 10 Jahren erst recht. Das heißt wohlgemerkt nicht, dass den USA in 10 Jahren das Öl ausgeht. Es heißt aber, dass den USA das vergleichsweise preiswert zu fördernde Öl ausgeht und sie gezwungen sind, neue – kostspielig zu erschließende – Schieferölvorkommen zu erschließen, um die derzeitige Förderung bei halbwegs wirtschaftlichen Preisen aufrechtzuerhalten. Fest steht jedoch: Der US-Traum vom reichlich sprudelnden amerikanischen Öl ist ein Traum mit kurzer Halbwertszeit.

Auf mittel- bis langfristige Sicht ist Venezuela daher für die USA der Jackpot. Bislang haben sowohl die Korruption und Ineffizienz der venezolanischen Regierung als auch mehr noch – von den westlichen Medien gerne verschwiegen – die US-Sanktionen gegen Venezuela dazu geführt, dass die größtenteils im Orinoco-Delta liegenden Ölreserven kaum erschlossen wurden. Das wird sich – die politischen Rahmenbedingungen vorausgesetzt – schon bald ändern. Und genau darum geht es im jüngsten „Abkommen“; wobei bereits der Begriff bei näherer Betrachtung zynisch ist.

Glaubt man einem Bericht der New York Times, ist Venezuela zurzeit de facto ein Vasall der USA. Zwar chattet demnach Delcy Rodríguez, die nominale „Übergangspräsidentin“ Venezuelas, täglich mit US-Außenminister Rubio; dies sei jedoch keine Kommunikation auf Augenhöhe. Rubio sei demnach der De-facto-Statthalter Washingtons, der die Entscheidungen trifft. Laut einem Bericht der Financial Times haben die USA seit dem Staatsstreich im Januar dieses Jahres venezolanisches Öl im Wert von 13 Milliarden US-Dollar „verkauft“ und dafür der Regierung in Caracas lediglich bescheidene 300 Millionen US-Dollar überwiesen.

Das sind aber freilich nur die offiziellen Zahlungen an offizielle Stellen in Venezuela. Schon vor dem Staatsstreich waren die Öleinnahmen der Schmierstoff, der das zutiefst korrupte System aus Militärs und Politik zusammenhielt. Es wäre keinesfalls überraschend, wenn die USA Teile ihrer Beute nun dazu nutzen, um die Nomenklatura des Landes auf Linie zu bringen. Manchmal sind Dollar mächtiger als Waffen. So ist es durchaus vorstellbar, dass die USA nicht das „größte Ölgeschäft der Geschichte“, sondern den größten Raubzug der Geschichte bereits im Vorfeld – wahrscheinlich sogar vor dem Staatsstreich – mit der korrupten venezolanischen Kleptokratie eingefädelt haben.

Die kurzfristige Ebene – der US-Wähler

Will man sich dem Hintergrund und den Auswirkungen dieses „Abkommens“ nähern, muss man die kurzfristige und die langfristige Ebene sorgsam auseinanderhalten. Zurzeit ist die gesamte Weltölwirtschaft auf Kante genäht. Durch den amerikanisch-israelischen Angriffskrieg gegen Iran und die ukrainischen Angriffe auf russische und kasachische Ölinfrastruktur fehlen dem Weltmarkt angebotsseitig mehrere Millionen Barrel Öllieferungen pro Tag. Allen voran China hat durch eine massive Reduktion seiner Ölimporte dazu beigetragen, dass der Ölpreis dennoch relativ stabil geblieben ist.

Lesen Sie dazu: China hat die Weltwirtschaft einmal mehr gerettet

Hinzu kommt, das sämtliche Industrieländer ihre strategischen Ölreserven massiv auf den Markt werfen. Doch dies kann nicht ewig so weitergehen. Die strategischen Reserven der USA sind bereits von rund 714 Millionen Barrel auf nur noch 290 Millionen Barrel geschrumpft – der niedrigste Stand seit dem Ende der „zweiten Ölpreiskrise“ 1982. Nur durch diese Freigabe der Reserven konnten die USA die Benzinpreise an den Tankstellen noch auf einem Niveau halten, das den Wähler nicht auf die Barrikaden treibt. Bis zu den „Midterm Elections“ im November dürfte sich daran nicht viel ändern, nur dass die Reserven dann nahezu vollständig erschöpft sein dürften. Und hier kommt Venezuela in Spiel.

Gestern kündigte Donald Trump an, dass die USA nun anfingen, ihre strategischen Reserven mit venezolanischem Öl „aufzufüllen“. Zynisch bedankte er sich für „das Geschenk Venezuelas an das amerikanische Volk“. Doch die Aussage ist nicht nur zynisch, sondern stellt auch eine eigenwillige Interpretation dar. Schaut man sich die Zahlen der US-Energiebehörde an, kann man sich ausrechnen, dass seit dem Angriff auf den Iran im Schnitt pro Tag zwischen 0,6 und 1,3 Millionen Barrel aus der strategischen Reserve freigegeben wurden. US-Medien zufolge konnte Venezuela vor dem Staatsstreich in der Spitze 1,25 Millionen Barrel Öl pro Tag liefern und die US-Raffinerien um den Golf von Mexiko sind zudem die einzigen weltweit, die das besonders „schwere“ und „saure“ venezolanische Öl weiterverarbeiten können.

Zählt man nun Eins und Eins zusammen, ist Trumps Plan offensichtlich. Dank der „geschenkten“, also geraubten, Öllieferungen aus Venezuela kann er die Benzinpreise in den USA mindestens bis zu den kommenden Wahlen stabil halten, ohne dass die strategische Reserve davon allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen wird. Und wer weiß? Man sollte Trump ja bekanntlich nicht beim Wort nehmen. Vielleicht plant er sogar eine Ausweitung der Freigabe, sodass die Benzinpreise bis zu den „Midterms“ sogar spürbar sinken, was die Wahlprognosen seiner MAGA-Kandidaten sicher befördern würde. Das wäre ohne das venezolanische Rauböl kaum möglich.

Die langfristige Ebene – Europa im Würgegriff der USA

Man sollte jedoch nicht den Fehler machen, die US-Politik nur auf die kurzfristige Ebene zu reduzieren. Trumps Trick ist es ja eben, durch oft erratisches Verhalten von den langfristigen Plänen der USA abzulenken. Das 21. Jahrhundert ist durch den Großkonflikt der aufsteigenden Weltmacht China und der – zumindest relativ – absteigenden Weltmacht USA gekennzeichnet. Dieser Konflikt ist nicht nur ein militärischer, sondern auch und vor allem ein wirtschaftlicher. Hier gibt es zwei Ebenen: die „klassischen“ Grundlagen der produzierenden Wirtschaft, also Rohstoffe und Energie. Und die Macht über die Daten und immaterielle Güter und Dienstleistungen – hier vor allem die KI und die Onlineökonomie. Beim Kampf um das Öl geht es natürlich vor allem um die erste Ebene. Trotz des Siegeszugs der regenerativen Energien ist unsere Volkswirtschaft immer noch eine „fossile Wirtschaft“, die ihre Lebensenergie aus Kohle, Gas und Öl zieht.

China geht bekanntlich den Weg der „Dekarbonisierung“ der Wirtschaft und setzt so sehr wie kein anderes Land der Welt auf regenerative Energien. Und hier gilt es gleich ein weitverbreitetes Missverständnis aufzuklären: Auch wenn China sicher den klima- und umweltpolitischen Kollateralnutzen der Energiewende gerne mitnimmt – die Triebfeder dürfte jedoch die Autarkie von Rohstoffen sein, die man selbst globalstrategisch nicht oder nur sehr schwer kontrollieren kann. Und hier ist das Öl sicherlich der wichtigste Faktor.

Schauen wir uns die Weltölförderung und – strategisch sogar wichtiger – die Weltölreserven einmal an. Hier gibt es grob drei Kategorien. Zunächst ist da die Ölregion am Persischen Golf, die sowohl in puncto Förderung als auch in puncto Reserven das Herz der globalen Ölwirtschaft ist. Staaten wie Saudi-Arabien, Iran, Irak und die kleineren Ölstaaten am Golf verfügen über Reserven, die selbst bei jetziger Förderquote noch weit bis ins nächste Jahrhundert reichen. Diese Region ist jedoch politisch hochgradig instabil und allen voran die USA scheinen ja auch ein großes Interesse daran zu haben, diese Region in Krieg und Chaos versinken zu lassen. Es ist daher ungewiss, ob die reichlich vorhandenen Ölreserven der Golfregion langfristig ihre – meist asiatischen – Märkte überhaupt versorgen können.

Die zweite interessante Ölregion ist Europa. Für die EU und allen voran für Deutschland ist spätestens seit dem Zerwürfnis mit Russland die Nordsee die größte und wichtigste Ölregion. Knapp ein Drittel der deutschen Importe kommt heute aus den Nordseeförderländern Norwegen und Großbritannien. Dies wird sich jedoch schon bald ändern, da die Nordseevorkommen sich rasant dem Ende nähern. Die britische Förderung wird lt. Prognosen bis 2050 um 89 Prozent zurückgehen, die norwegische wird ohne neue Förderprojekte bis 2033 um die Hälfte sinken und selbst mit maximalen Anstrengungen wird auch Norwegen ab ca. 2050 nur noch maximal ein Drittel der heutigen Förderung aufrechterhalten können. Die Nordseeförderung ist ein Auslaufmodell und wir reden hier nicht über Jahrhunderte, sondern über wenige Jahrzehnte.

Die spannendeste Kategorie für die Weltölförderung sind daher die Regionen, die über größere erschließbare Vorkommen verfügen und die gleichzeitig politisch oder besser geostrategisch halbwegs stabil sind. Und da gibt es im relevanten Maßstab nur drei: Venezuela mit 303 Milliarden Barrel Reserve, Kanada mit 163 Milliarden Barrel Reserve und die USA mit 84 Milliarden Barrel Reserve. Die USA sind hier jedoch ein Sonderfall, da sie (siehe auch oben) so unglaublich viel Öl fördern, dass ihre Reserven bereits aktuell so stark zurückgehen, dass in rund 10 Jahren die wirtschaftlich sinnvolle Förderung kaum mehr möglich sein wird. Vielleicht erklärt das Trumps Appetit auf den „51. Bundesstaat Kanada“ und auf Venezuela.

Machen wir doch einmal folgendes Gedankenspiel: Im nächsten Jahrzehnt eignen sich die USA – militärisch oder diplomatisch – die Förderhoheit über die Ölvorkommen in Venezuela und Kanada an und schalten die Golfregion durch Stiftung von Chaos und Kriegen de facto weitestgehend aus dem Weltmarkt aus. Die Nordseevorkommen werden dann größtenteils versiegt sein und wenn Russland diplomatisch und Kasachstan durch den Ukrainekrieg bis dahin immer noch aus dem Spiel genommen wurden, wäre Europa beim Ölimport nahezu komplett von den USA abhängig. Lediglich Libyen und Nigeria würden in diesem Szenario überhaupt noch als mehr oder weniger unabhängige Lieferanten existieren, die jedoch gleichzeitig noch die wachsenden südasiatischen Märkte versorgen müssen. Und dass China es in diesen zehn Jahren schaffen wird, wirklich vollkommen autark vom Weltölmarkt zu sein, ist auch keineswegs sicher.

Chaos am Persischen Golf, die Feindlichkeit gegenüber Kanada und der Staatsstreich in Venezuela – all dies sind keine isolierten Vorkommnisse, sondern Bausteine einer Strategie, die den USA die komplette Macht und Dominanz über das Öl geben können.

Europas Alternativen

Vor allem für Europa sieht dieses Szenario bitter aus. Schlimmer noch: Es scheint, als habe kein politisches Lager die eigentlichen Implikationen daraus wirklich verstanden. Die „politische Mitte“ ist den USA bereits in die Falle gegangen, als sie sich durch den Konflikt und späteren Krieg in der Ukraine weitestgehend ohne Not von den russischen Rohstoffimporten abgeschnitten hat. Ob sich dies mittel- bis langfristig wieder reparieren lässt, ist ungewiss, aber realistisch betrachtet nicht sonderlich wahrscheinlich. Man hat sich sehenden Auges in die Abhängigkeit der USA begeben.

Die – zumindest laut Umfragen – Alternative zur Mitte scheint zurzeit die AfD zu sein. Ja, die AfD fordert in der Tat eine Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen zu Russland. Das ist gut. Fatal ist jedoch, dass die AfD gleichzeitig durch ihre katastrophale Energie- und Verkehrspolitik die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen – allen voran dem Öl – nicht senken, sondern sogar steigern würde. Das würde uns selbst bei einer Wiederaufnahme russischer Öllieferungen jedoch mittel- bis langfristig dank der rückläufigen russischen Förderquoten lediglich ein wenig zeitversetzt in die gleiche Bredouille führen, nur dass die Auswirkungen dann durch die noch höhere Abhängigkeit vom Öl sogar noch drastischer wären. Jedem Wähler sollte klar sein, dass Trump-Fan Alice Weidel mit ihren „Windmühlen der Schande“ letztlich nur den USA in die Karten spielt und Deutschland in die totale Energieabhängigkeit treiben wird. Auf der anderen Seite stehen die Grünen zwar für eine Energiewende, torpedieren jeden Schritt in diese Richtung jedoch durch ihre erratische Geo- und Wirtschaftspolitik.

Dabei liegt die Lösung in Form eines goldenen Mittelwegs doch auf der Hand. Würde Europa die Übergangszeit, in der russisches Öl noch zu bezahlbaren Preisen in ausreichenden Mengen gefördert werden kann, mit ebenjenem Öl nutzen, um sich durch technische Innovationen mittel- bis langfristig unabhängig von Ölimporten zu machen, wäre dies die beste aller denkbaren Lösungen; schon fast ein wenig „chinesisch“. Realpolitisch möglich wird dies jedoch nicht mehr sein – zu tief ist die Abhängigkeit von den USA, die jeden Schritt in diese Richtung verhindern würden, und zu tief ist wohl mittlerweile auch der Riss zwischen Europa und Russland, als dass er sich so bald wieder kitten ließe. Das ist dann wohl der Preis für falsche Politik. Wahrscheinlich ist das politische Europa auch ganz einfach zu naiv und unreif für solche Debatten. Die Unterwerfung Venezuelas durch die USA und der Krieg gegen den Iran sind da ja die besten Beispiele. In beiden Fällen wurden die US-Völkerrechtsbrüche ja mal wieder gefühlsduselig mit einer Hoffnung auf Demokratie für die beiden Opferstaaten verbunden. Ach je. It’s the oil, stupid!

Titelbild: Shutterstock / MillaF


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