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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Wir müssen mehr Ambiguitätstoleranz wagen!
Datum: 2. September 2026 um 10:00 Uhr
Rubrik: Erosion der Demokratie, Innen- und Gesellschaftspolitik, Strategien der Meinungsmache
Verantwortlich: Jens Berger
„Kremlnah“, „rechtsoffen“, „Desinformation“, „Verschwörungserzählungen“ – die radikale Mitte verteilt mal wieder ihre Stempel und die NachDenkSeiten sind mal wieder die Zielscheibe. Freunde werden Campact und die NachDenkSeiten in diesem Leben wohl nicht mehr. Warum auch? Leider ist Campact aber durchaus repräsentativ für die Debatten-Unkultur des Mainstreams – „Wir haben recht und wer uns widerspricht, kriegt einen Stempel verpasst“. Der Wettstreit der Ideen, der eine moderne, aufgeklärte und demokratische Gesellschaft eigentlich ausmachen sollte, ist nicht mehr gefragt. Ist es nicht bittere Ironie, dass gerade diejenigen, die sich selbst als aufklärerisches Bollwerk der Demokratie gegen den Autoritarismus verstehen, sich mit autoritären Mitteln vor jeglicher inhaltlichen Debatte abschotten? Dabei gäbe es sogar eine Lösung und die trägt das schaurig-schöne Wort „Ambiguitätstoleranz“. Und was für Campact gilt, gilt für die Gesellschaft als Ganzes. Wir müssen mehr Ambiguitätstoleranz wagen, sonst wird das nichts mehr mit unserer schönen Demokratie. Ein Essay von Jens Berger.
Es gibt Begriffe, die klingen zunächst einmal nach einem Seminar für angehende Psychotherapeuten und beschreiben doch ziemlich genau, woran unsere politische Debatte derzeit krankt. „Ambiguitätstoleranz“ ist so ein Begriff. Gemeint ist damit die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit, Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten, ohne sofort in einfache Erklärungsmuster zu flüchten. Wer diese Widersprüche toleriert, akzeptiert, dass die Welt komplex ist. Dass zwei einander widersprechende Aussagen gleichzeitig einen wahren Kern enthalten können. Dass ein politischer Konflikt verschiedene Ursachen hat. Dass es nicht immer nur Gut und Böse, Täter und Opfer, Freund und Feind gibt.
Wie komplex die Welt ist, zeigen die Debatten der letzten Jahre. Egal ob es um die Coronamaßnahmen, den Ukrainekrieg oder den Umgang mit der AfD geht – komplexe Themen mit vielen Grautönen, Mehrdeutigkeiten und Widersprüchen, die jedoch in der medialen und politischen Debatte erstaunlich unterkomplex diskutiert werden. Hier ist sie, die fehlende Ambiguitätstoleranz. Wer die Coronamaßnahmen kritisierte, wurde von Politik und Medien reflexartig als „Coronaleugner“ abgestempelt. Wer die Mitschuld der NATO an der Eskalation der Ukrainekrise auch nur andeutet, ist sofort „kremlnah“. Und wer in der AfD und ihren Wählern etwas anderes als nur tumbe Nazis sieht, die die Demokratie abschaffen wollen, bekommt den Stempel „rechtsoffen“. Man geht jeglicher Debatte aus dem Weg, will Mehrdeutigkeiten und Widersprüche gar nicht erst wahrnehmen und flüchtet sich stattdessen in Etikettierungen, die das Leben leichter machen.
Es ist nicht mehr von Bedeutung, was gesagt wird, sondern nur noch, von wem es gesagt wird. Die Stempelmaschine ist gut geölt und wer das Falsche fragt, bekommt einen Stempel aufgedrückt, so dass jeder da draußen weiß, dass er sich die Argumente gar nicht erst anhören muss. Euphemistisch wird das dann „Einordnung“ genannt. Bei näherer Betrachtung ist es jedoch Ambiguitätsintoleranz – die Verweigerung einer Debatte inhaltlich komplexer Themen mittels Etikettierungen.
Diese Entwicklung ist übrigens in Deutschland vergleichsweise neu. Ich kann mich beispielsweise nicht daran erinnern, dass der einordnende Mainstream Kritiker des Irakkriegs als „bagdad-nah“ bezeichnet hätte, und wer damals den US-Krieg in Vietnam kritisiert hat, wurde auch nicht als „Hanoi-Versteher“ vom Diskurs ausgeschlossen. Sicher war früher nicht alles besser, aber wer sich heute einmal die alten Ausgaben der Tagesschau zu den Demonstrationen der Friedensbewegung anschaut, dem muss es wie Schuppen von den Augen fallen, in welche Richtung sich der öffentliche Diskurs bewegt hat und wie unfähig der Mainstream geworden ist, Widersprüche auszuhalten.
Eigentlich sollte man ja meinen, eine moderne, aufgeklärte und demokratische Gesellschaft müsse über ein besonders hohes Maß an Ambiguitätstoleranz verfügen. Schließlich ist die Demokratie ihrem Wesen nach auf Mehrdeutigkeit angewiesen. Sie lebt vom Streit, von unterschiedlichen Interessen, Erfahrungen und Bewertungen. Helmut Schmidt prägte einst den schönen Satz: „Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine“.
Gäbe es auf jede politische Frage nur eine einzige richtige Antwort, bräuchte man keine Parlamente, keine Debatten und streng genommen auch keine Wahlen. Dann könnte man die Politik gleich einer Kommission vermeintlich unfehlbarer Experten übertragen. Und genau so fühlen sich die Leitartikel heutiger Zeitungen oder zeitgenössische Talkshows ja auch an. Und wer es wagt, dieser Konsenssoße zu widersprechen, wird von Hütern der Debattenverweigerung wie Campact als „Empörungsmedium“ gestempelt und wegdiskurspoliziert.
Der Begriff „Ambiguitätstoleranz“ stammt übrigens von Else Frenkel-Brunswik, einer österreichisch-amerikanischen Psychologin, die 1949 gemeinsam mit Theodor W. Adorno an der Studie zur „Autoritären Persönlichkeit” arbeitete. Es ging in der Arbeit – Sie ahnen es sicher bereits – auch darum, die Lehren aus dem Nationalsozialismus zu verarbeiten und zu verstehen, wie eine überlebensfähige stabile Demokratie funktionieren kann.
Und damit keine Missverständnisse aufkommen – auch einigen „alternativen Medien“ täte es manchmal ganz gut, ein wenig mehr Ambiguitätstoleranz walten zu lassen. So ist es selbstverständlich legitim, dass beispielsweise die Macher von Campact ihre persönliche Meinung haben und sie vertreten. Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden. Nur wer bereits ahnt, im Wettstreit der Ideen, Positionen und Meinungen zu unterliegen, verschließt sich der Debatte. Die NachDenkSeiten sind bereit, diesen Wettstreit inhaltlich zu führen. Für Campact und Co. gilt das leider nicht.
Titelbild: ChatGPT, mit künstlicher Intelligenz erstellt.
Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/
Artikel-Adresse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=155632