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Titel: „Rasende Zerstörung“: Durchblick inmitten von Kriegshysterie
Datum: 19. September 2026 um 12:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, Neoliberalismus und Monetarismus, Rezensionen
Verantwortlich: Redaktion
Hochkarätig: Ein Band wie dieser ist etwas Besonderes auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Unter dem Titel „Rasende Zerstörung“ beleuchten 21 Autorinnen und Autoren auf ebenso kompetente wie detaillierte Weise die derzeitige Situation in der Welt. „Wirtschaftliche, politische und psychosoziale Folgen der Kriegsvorbereitung“ – nicht nur Psychologen, wie die Herausgeberschaft der Neuen Gesellschaft für Psychologie vermuten ließe, sondern auch Politikwissenschaftler, Philosophen, Juristen, Pädagogen kommen zu Wort. Eine Rezension von Irmtraud Gutschke.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
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Die „Neue Gesellschaft für Psychologie“ (NGfP) ist 1991 gegründet worden, um gegenüber der rein naturwissenschaftlichen Zentrierung dieser Disziplin ebenso geistes- und kulturwissenschaftliche Ansätze zu stärken. Denn auch wenn es um das Verständnis persönlicher Befindlichkeiten geht, ist der Zusammenhang mit den Verhältnissen wichtig, unter denen die jeweilige Person lebte und lebt. Da kann eine kritische Analyse herrschender Zustände nicht außen vor bleiben.
In diesem Sinne hat die NGfP alljährliche Kongresse organisiert, zu „Machtwirkung und Glücksversprechen“, „Migration und Rassismus“, über „Gesellschaftliche Spaltungen“, Digitalisierung, die Folgen von Corona. Auch vorliegender Band ist Ergebnis eines solchen Kongresses. Es ist eine Bestandsaufnahme heutiger Gestimmtheiten, eine Erkundung von Ursachen und Auswegen, die zumindest eines bewirkt: Durchblick inmitten von Kriegshysterie – welche eine Daueraufregung verursacht und andererseits schon auf Ermüdung trifft. Schwanken zwischen Verbitterung und Verdrängung, weil man sich ohnmächtig fühlt, abhängig von fremden Mächten.
„Was ist Entpolitisierung?“ hat Klaus Jürgen Bruder, der lange Zeit der Gesellschaft vorstand, seinen Text genannt, in dem er sich mit Phänomenen des Rückzugs ins Private, mit jener gesellschaftlichen Lähmung auseinandersetzt, die sich seit Corona – er nennt es eine Inszenierung – noch verstärkt hat. Staatliche Willkür als Generalprobe für Schlimmeres: Beunruhigend sei es, wie sich „die Rückkehr zur autoritären Nation diesmal als Kampf für Freiheit und Demokratie ausgibt“. [1]
Wie schnell sich derlei Veränderungen vor unseren Augen vollziehen, während Militarisierung alle Bereiche der Gesellschaft erfasst, nennt Benjamin Lemke „Rasende Zerstörung“. Mit 36 Jahren ist er inzwischen Vorsitzender der NGfP. Er schreibt:
„Die Geschwindigkeit der Verlautbarungen, ihre Widersprüchlichkeit und offensichtliche Planlosigkeit erinnern an eine blinde Raserei. Mitteilungen lösen Mitteilungen ab, Lieferketten reagieren, Börsenkurse gehen hoch und runter. Der Krieg ist auch ein spekulatives Geschäft mit der Zeit.“
Die Folge überforderter Wahrnehmung sind „Verwirrung, Gewöhnung und lähmende Ohnmacht“. So wird die Bevölkerung „an Druck, Unsicherheit und ein weiteres Absinken des Wohlstands“ gewöhnt. Denn Deutschland ist „als NATO-Drehscheibe für einen möglichen Ostfrontkrieg geplant“. [2]
Neue Stufe der Eskalation?
„Der böse Russe“: Für Michael Schneider hat diese Propaganda Züge einer „Täter-Opfer-Umkehr“, die auch mit dem antibolschewistischen Feindbild und der verdrängten Erblast von 1941 zu tun hat:
„Zwar haben die meisten Nachkriegsdeutschen sich mit dem Holocaust auseinandergesetzt und diesen als ‚singuläres Verbrechen‘ anerkannt, aber der gleichzeitige systematische und planmäßige Völkermord an Russen und Slawen ist bis heute nicht wirklich ins Bewusstsein der (west)deutschen Mehrheitsbevölkerung gedrungen.“
Wie die Kiewer Regierung „seit Mai 2014 den Donbass permanent beschießen ließ, das heißt die eigenen Landsleute attackierte“, habe „bis Dezember 2021 an die 14.400 Tote gekostet, darunter 3.400 Zivilisten“. Und kein Aufschrei in der deutschen Öffentlichkeit.[3]
„Die betrogene Gesellschaft“: Wolfgang Bittners Diagnose ist nicht zu widersprechen. Die Positionierung gegen Russland habe sich inzwischen „zu einer regelrechten Hysterie entwickelt“, schreibt er. „Ständig ist die Rede von hybriden Angriffen Russlands auf die deutsche Infrastruktur und von russischen Drohnen, die militärische Anlagen auskundschaften.“ Wie als Beweis für seine Worte: der Vorfall in der Nacht zum 5. August auf dem Leipziger Flughafen. Eine flugunfähigen Drohne mit militärischem Sprengstoff wurde als „russisch“ identifiziert. Deutsche Medien forderten „Konsequenzen“. Am 1. September kündigte die Bundesregierung die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn und des Russischen Hauses in Berlin an – ausgerechnet an jenem Tag, als der Zweite Weltkrieg mit der Propaganda-Lüge vom angeblich polnischen Überfall auf den Sender Gleiwitz begann, welchen in Wirklichkeit die SS verübte.
In Moskau wusste man das wohl. Umgehend kam die Warnung, dass man auf diese Maßnahmen entsprechend antworten würde. Hoffentlich nicht im Sinne von Dmitri Medwedjew, immerhin stellvertretender Leiter des russischen Sicherheitsrates, militärisch gegen deutsche Unternehmen vorzugehen, die Rüstungsgüter für die Ukraine produzieren. [4] Umgekehrt bläst CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter ebenfalls die Kriegsfanfare, indem er den Leipziger Vorfall zum Anlass nimmt, endlich die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern an die Ukraine durchsetzen. [5] Markiert das eine neue Stufe der Eskalation?
Dabei hätte ein verantwortungsvoller Regierungschef doch sofort nach dem Vorfall zum Telefon gegriffen und mit seinem Amtskollegen die Sache durchgesprochen. Aber der hiesige redet ja nicht mit dem „Feind“. Wolfgang Bittners Befürchtung ist berechtigt: Durch eine „False-Flag-Aktion“ oder wodurch auch immer könnte „der Spannungsfall ausgerufen werden“ – was im Interesse der Ukraine wäre, um Deutschland und die NATO noch tiefer in diesen Krieg hineinzuziehen.
Und während ich das schreibe, wurde eine Sprengvorrichtung am Umspannwerk in Jänschwalde gefunden. Schon spricht der Brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke von einem terroristischen Anschlag. [6] Kurz darauf traf es ein Umspannwerk bei Köln. Die Polizei ermittelt wegen verfassungsfeindlicher Sabotage, geht von einer vorsätzlichen Tat aus. Erweiterte Befugnisse für Betreiber von Energieanlagen werden gefordert. Solche Vorgänge, an sich schon beängstigend, werden umso gefährlicher, weil daraus politisches Kapital geschlagen werden könnte.
Schon der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD vom 9. April beschwört ja, wie Wolfgang Bittner zeigt, „hybride Angriffe auf unser Land mit dem Ziel, den Zusammenhalt in Deutschland zu zerstören, unsere Demokratie zu untergraben und die Sicherheit zu gefährden“. Das passt zum NATO-Programm zur Kognitiven Kriegsführung, das es schon seit 2020 gibt und den Kampf um die Köpfe der Menschen zu einer eigenen Kriegstechnik macht. [7].
Bedrohte Macht greift zu Gewalt
Mit beklemmender Konkretheit untersucht Hannes Hofbauer in diesem Zusammenhang die Sanktionspolitik der EU als „schleichend eingeführtes Kriegsrecht“. Wie politisch missliebigen Personen ohne Richterspruch Konten und Kreditkarten gesperrt werden und ihnen alles Vermögen entzogen wird – Immobilien, Unternehmen, Geschäftsanteile –, bedeutet „gesellschaftlichen Tod“, zumal jede Hilfeleistung verboten ist. „Ihr Schicksal erinnert an Vogelfreie im Mittelalter oder an Menschen, die in der Frühen Neuzeit der Reichsacht zum Opfer gefallen sind.“ [8]
Was wird aus einer Gesellschaft, die Willkür als Recht ausgibt? Der angebliche Kampf für Demokratie und Freiheit wird zur Farce. Ein Angstregime entsteht, um jeden Widerstand zu unterdrücken. Im neu entfachten Ringen um geopolitische Einflusssphären greift bedrohte Macht auch gegen eigenen Bürger zu Gewalt.
Dafür ist dieser Band voller genau recherchierter Beweise, jeder Beitrag eine Untersuchung für sich. Zu außenpolitischen Entwicklungen wie den „Kriegsverbrechen als Routine“ im Nahen Osten (Karin Leukefeld), der schleichenden Demontage der UNO (Annette Groth). Zu den innenpolitischen Gefahren durch „Smart-Technologien und bio-digitale Systeme“, die unmerklich in unseren Alltag eindringen (Wolfram Effenberger), die Datenplattform „Palantir“ (Günther Burbach), überhaupt durch Fremdsteuerung, Entmündigung und Manipulation durch KI (Magda von Garrell). Auf den Prüfstand gestellt wird die „Gehorsamsschulung in Zeiten der Kriegstüchtigkeit“ (Eva Borst) und die Forderung nach einer patriotischen „Moral der Selbstaufgabe“ (Norbert Wohlfahrt).
Kriegsvorbereitung und Verarmung
Auf eingängige Weise warnt Manfred Sohn vor den finanziellen Folgen der Kriegsvorbereitung. Die Staatsschuldenquote, die jetzt bei 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt, könnte bis 2032 auf 92 Prozent steigen. „In absoluten Zahlen sind das 170 Milliarden, die dann nur für Zinsen aufgrund dieser Schuldenaufnahme überwiesen werden müssen.“ Das bedeutet steigende Inflation. Sohn führt aus:
„Wenn wir also das Gefühl haben, in einem Land zu leben, das sich auf einer ökonomischen Rutschbahn nach unten befindet, steht unser Gefühl im Einklang mit den Zahlen des Statistischen Bundesamtes.“ [9]
Die deutschen Medien machen ja auch keinen Hehl daraus, dass es mit der deutschen Wirtschaft bergab geht. Lange hieß es, dass persönliche Anstrengung zu wachsendem Wohlstand führe. Dieses Versprechen ist gebrochen. Die Zukunft erscheint in düsteren Farben. Was das mit den Menschen macht, kann jeder im persönlichen Umfeld beobachten. Überall Groll, Verbitterung, Wut. Stimmungen, die im Herrschaftsinteresse umgelenkt werden müssen auf angebliche äußere und innere Feinde.
Günter Rexilius widmet sich dem Neokolonialismus, der „nicht nur die Ausgebeuteten im Süden, sondern auch die Profiteure im Norden fest im Griff“ hat. Und er bezieht sich auf den DDR-Physiker und Philosophen Robert Havemann in der Überlegung, „wie aus der kraftvollen Möglichkeit des Widerstands, die in jeder seelischen Erkrankung als ihre Negation verborgen ist, die Wirklichkeit der Überwindung krankmachender Bedingungen werden könnte. Diese Systemüberwindung, sagt der Marxist Havemann, ist eine Notwendigkeit, aber sie bedarf bestimmter Zufälle, um stattfinden zu können, etwa einer gesellschaftlichen Situation, in der sich die systemischen Widersprüche zugespitzt haben.“ [10]
Aber einer solchen Zuspitzung, meine ich, steht eben ein Interesse am Systemerhalt gegenüber, von dem sich die Mehrheit der Bevölkerung noch nicht verabschiedet hat. Noch geht es um Zustimmung oder Ablehnung konkreter Machtstrukturen, um Milderung systemischer Ungerechtigkeiten und keineswegs um das Ganze, welches allerdings nicht ausgeblendet werden darf, will man die Konflikte durchschauen, in denen wir uns befinden.
Da ist es hervorzuheben, wie eigentlich alle Beiträge dieses Bandes die sozialökonomische Basis dessen im Auge haben, was jetzt so beängstigend ist. Neoliberalismus, Krise, Krieg – niemand, dem dieser Zusammenhang nicht bewusst wäre. Aufschlussreich der Text von Werner Rügemer zu „Broken America“, das alles daran setzt, die einzige Weltmacht zu bleiben. Deshalb sei das US-Militärbudget „schon jetzt größer als das der nächsten zehn größten Staaten zusammen, wurde jetzt von einer Billion auf 1,5 Billionen innerhalb von zwei Jahren erhöht, eine historisch einmalige Beschleunigung“. Dabei habe dieser Staat, der sich der Welt als Vorbild darstellt, erhebliche innere Probleme:
„So kann der gesetzliche Mindestlohn von 7,25 Dollar, seit 17 Jahren unverändert, für Berufe, in denen Trinkgelder zunehmend üblich sind, auf 2,13 Dollar gesenkt werden. Hinzu kommen die Millionen vertragsloser Gig-Worker bei den Plattformkonzernen … Migranten werden in die USA geschleust, selektiert, deportiert. Sie bilden eine Stütze der US-Wirtschaft: Erpresste illegale Arbeit ist ein Geschäftsmodell.“ [11]
Die traditionelle Mittelschicht „als Garant für die Stabilität der US-Klassengesellschaft“ dagegen schrumpft und verarmt. Die Selbstbereicherung der Oligarchen explodierte.
Wolfgang Krieger erinnert an historische Zusammenhänge. Dass der Dollar 1971 seine Golddeckung verlor, hing mit den Kosten des Vietnamkriegs zusammen. Die USA hatten die Dollarmenge massiv ausgeweitet und retteten sich vor einer schweren Inflation, indem sie das Saudische Königreich (und später die gesamte OPEC) dazu gewannen, Öllieferungen ausschließlich in Dollar abzurechnen. Wie ein Regime Change in der Ukraine geplant wurde und die Finanzkrise zur „Pandemie“ mutierte, wie Trump seine Investitionen in den Ukraine-Konflikt zurückfuhr und Waffen nur noch auf Rechnung europäischer Verbündeter lieferte, liest sich wie ein Krimi. Und bei all dem rückt ein Crash näher:
„Die wirtschaftliche Ausbeutung der Vasallen – ob über den Verkauf überteuerter und zweitklassiger militärischer Ausrüstung oder über die erneute Anhebung von Zöllen auf Importe – verbessert die Situation des US-Hegemons nicht entscheidend … So übersteigen die unvermeidlichen Zinszahlungen für die ausgegebenen Staatsanleihen in diesem Jahr (2026) erstmals die Grenze von einer Billion US-Dollar, was einem Anteil am Gesamthaushalt von 14% entspricht.“ [12]
Da sind moderne Kriege, wie Rudolph Bauer feststellt, keine Zufälle, sondern als systemische Reaktionen auf tiefgreifende Krisen des neoliberalen Wirtschaftssystems zu verstehen:
„Eine absurde Logik: Kriege werden geführt als Antwort auf ökonomische und Finanz-Krisen, um durch rasende Zerstörung eine Produktionsweise zu erhalten bzw. wiederherzustellen, die erneut auf Krisen zusteuert … Der Pazifismus bleibt daher wirkungslos ohne den massiven Widerstand der Bevölkerung.“
Generalstreik als Waffe? Die Friedensbewegung müsste sich, so der Autor, mit einer grundlegenden Kapitalismuskritik verbinden, um wirksam zu sein. [13]
Die Propaganda der Herrschenden
Aber ist da nicht auch die Gegenreaktion in Betracht zu ziehen? Sollte man die Faschismus-Definition von Georgi Dimitroff als radikalste Herrschaftsform des Monopol- und Finanzkapitals nicht im Hinterkopf haben? Schon einmal sind die Deutschen in eine solche Falle getappt. „Die Propaganda der Herrschenden – ihre Funktion und ihre Grenzen“: Der erhellende Text von Ursula Vogt beginnt mit der von Karl Marx analysierten Spaltung der englischen Arbeiterklasse, führt zu Walter Lippmanns Schrift „Die öffentliche Meinung“ als Leitfaden für ideologische Unterdrückung bis hin zu Netzwerken wie der „Atlantik-Brücke“ als Transmissionsriemen für einen den USA genehmen Kurs. Wer da alles Mitglied war und ist – beim Lesen legt man die Ohren an. [14]
Was für ein riesiger Machtapparat dem Friedenswillen gegenübersteht! „Was wir derzeit politisch miterleben, ist eine ebenso rabiate wie radikale Umerziehung des Bewusstseins in Richtung einer als alternativlos hingestellten Akzeptanz von Rüstungsprogrammen in nie erreichten Größenordnungen sowie einer geradewegs als moralische Pflicht verordneten Bereitschaft zu Kriegseinsätzen an jedem Ort, zu jeder Zeit“ – so Eugen Drewermann, der für den einleitenden Artikel zum Buch gewonnen werden konnte. [15] Aber wird die Besinnung auf die „Bergpredigt“ uns da helfen?
An diesem Punkt kommt wieder jene „sozialpsychologische Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse“ (Conny Stahmer-Weinandy) [16] ins Spiel, der sich die Neue Gesellschaft für Psychologie verschrieben hat. Almuth Bruder-Bezzel, 2025 verstorben, war dafür eine Wegbereiterin. Ihr Aufsatz „Das Eigene und das Fremde in mir“ wurde in den Band mitaufgenommen. Ausgehend davon, wie einem gerade in Krisenzeiten „mit einem erheblichen medialen, öffentlichen Aufwand Meinungen, Haltungen, Verhaltensweisen, Emotionen aufgedrängt“ werden, fragt die Psychoanalytikerin und Mitbegründerin des Alfred-Adler-Instituts in Berlin nach der Verführbarkeit des Einzelnen durch das „Bedürfnis nach Zugehörigkeit“ und die „Angst, ausgegrenzt“ zu sein:
„Der Sozialisationsprozess, die Integration von Einflüssen, zeigt den gesellschaftlichen Charakter der Psyche, zeigt das soziale Wesen. Dabei wirkt das Individuum interaktiv mit, antwortet, gestaltet, auch mithilfe von Abwehrmechanismen und Kompensation.“
Wie nun wirkt Propaganda? Möglichst so, dass wir es nicht merken:
„Wiederholung heißt, es wird mit allen Medien öffentlicher Nachrichten, Gesprächsrunden, Reden, Kommentaren immer wieder die gleiche Position vertreten, die gleichen Themen wiederholt. Monopolisierung heißt, es wird nur eine Information oder Meinung angeboten, verbunden mit einer vorgefertigten Sprachregelung, andere Meinungen und Ergebnisse werden verschwiegen, ausgeschaltet, diskriminiert oder gar verboten, bis hin zu sanktioniert. Zum Einsatz von Emotionen gehört das Schüren von Angst … die Aufstellung von Freund und Feind, durch Ächtung und Verfolgung von Kritikern, bei gleichzeitigem Einschwören auf Gemeinschaft und Solidarität der Mehrheit, was die Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft bedeutet.“
Das aber, wie gesagt, funktioniert nur, wenn die Propaganda uns unbewusst bleibt. Wenn wir die Mechanismen durchschauen, können wir nicht mehr so leicht manipuliert werden. Wir sind nicht „reine Spielbälle der Medien“, bekräftigt Almuth Bruder-Bezzel. Es gibt das „Eigene“, das sich selbstschöpferisch entwickelt. [17] Und dieses Eigene hat, wie ich meine, auch viel mit kritischem Nachdenken, mit Wissen zu tun, mit politischem Durchblick also, der wehtun kann, weil er Wunschbildern entgegensteht.
Ein Band, der sich „Rasende Zerstörung“ nennt, ist erst einmal keine Wohlfühllektüre. Doch wie er Besorgniserregendes offenlegt, bestärkt das eigene kritische Bewusstsein und hat etwas Ermutigendes in seiner geballten Geisteskraft.
Bruder/Bruder-Bezzel/Kirschey/Lemke/Stahmer-Weinandy (Hg.): Rasende Zerstörung. Wirtschaftliche, politische und psychosoziale Folgen der Kriegsvorbereitung. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 253 Seiten, ISBN 978-3853715673, 24 Euro.
Titelbild: PeopleImages / Shutterstock [«1] Rasende Zerstörung, S. 55 [«2] ebenda, S. 30ff [«3] ebenda, S. 155ff [«4] nsn.fm/policy/medvedev-berlin-zasluzhivaet-udara-po-proizvodstvam-tehniki-dlya-kieva [«5] zdfheute.de/politik/deutschland/drohnen-leipzig-konsequenzen-wadephul-schattenflotte-russland-100.html [«6] tagesschau.de/inland/sprengvorrichtung-umspannwerk-brandenburg-100.html [«7] Rasende Zerstörung, S. 79 [«8] ebenda, S. 213ff [«9] ebenda, S. 129 [«10] ebenda, S. 185 [«11] ebenda, S. 202 [«12] ebenda, S. 225ff [«13] ebenda, S. 119f [«14] ebenda, S. 135ff [«15] ebenda, S. 15 [«16] ebenda, S. 38 [«17] ebenda, S. 41ff
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