NachDenkSeiten – Die kritische Website

Titel: „Ich glaube, ich hatte nach Reue gesucht“ – Ein Arzt aus Gaza über den israelischen Film „NAZA“

Datum: 15. Oktober 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: Kultur und Kulturpolitik, Länderberichte, Militäreinsätze/Kriege
Verantwortlich:

Was geht in Menschen vor, die Zivilisten töten und anschließend einfach in ihren Alltag zurückkehren? Diese Frage beschäftigte den palästinensischen Arzt Dr. Ezzideen Shehab, als er den israelischen Dokumentarfilm „NAZA“ sah, in dem Angehörige des israelischen Militär- und Geheimdienstapparats über ihre Taten in Gaza berichten. Seine erschütternde Reaktion auf den Film veröffentlichen wir hier in deutscher Übersetzung. Von Redaktion.

Am 13. Oktober veröffentlichte der palästinensische Arzt und Schriftsteller aus Gaza, Dr. Ezzideen Shehab, einen Text auf X über seine Reaktionen als Palästinenser auf den Dokumentarfilm „NAZA“. Während des Krieges arbeitete Dr. Shebab als Notarzt in Krankenhäusern im Norden von Gaza und gründete die Al-Rahma-Klinik, die Zivilisten kostenlos medizinisch versorgt.

Die israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor beleuchten in „NAZA“ die Mechanismen und Menschen hinter den israelischen Luftangriffen und dem Töten von Zivilisten im Gazastreifen. Die Regisseure zeigen dazu anonymisierte Interviews mit 24 israelischen Geheimdienstmitarbeitern, in denen diese Einblicke in ihre Operationen geben.


Quelle: Screenshot Youtube

Der israelische Präsident Benjamin Netanjahu fordert inzwischen die Strafverfolgung der Interviewten in Israel – nicht wegen der dort geschilderten Kriegsverbrechen, sondern weil diese durch ihre Zeugenaussagen „Israels diplomatischen und sicherheitspolitischen Interessen“ geschadet hätten. Der Film hat in Israel für einen großen Skandal gesorgt, und auch außerhalb Israels schlug und schlägt er große Wellen. Die Reaktion von Dr. Shebab aus palästinensischer Sicht auf den Film fand sehr große Resonanz und wurde bis Redaktionsschluss bereits fast 300.000-mal auf X angesehen.

Wir veröffentlichen seinen Text hier in der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors:

Gestern habe ich mir NAZA angesehen

1/

Gestern habe ich mir den Film „Naza“ angesehen. Ich habe ihn mir nicht angesehen, um zu erfahren, was in Gaza geschehen ist.

Ich komme von dort. Ich bin eines der Opfer dieses Krieges, einer seiner Zeugen und einer derjenigen, die einen Preis gezahlt haben, der nicht enden wird, auch wenn der Krieg selbst endet.

Ich brauchte keinen Film, der mir erzählte, wie ganze Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht wurden, wie Wohnhäuser bombardiert wurden, während sich die Menschen noch darin befanden, oder wie Familien gezwungen wurden, ihre Häuser zu verlassen, ohne zu wissen, wohin sie gehen sollten.

Ebenso wenig brauchte ich jemanden, der mir von der Hungersnot erzählte. Ich habe sie zweimal durchlebt, mit all ihren Demütigungen, bis ins kleinste Detail.

Oder von den hungernden Menschen, die getötet wurden, als sie versuchten, die absurd als „Lebensmittelausgabestellen“ bezeichneten Orte zu erreichen.

Ich weiß das alles. Ich war dort.

2/

Ich ging mit einer anderen Frage im Kopf dorthin.

Wie können Menschen, die die Erinnerung an den Holocaust geerbt haben, so viele Möglichkeiten finden, um Gräueltaten gegen ein anderes Volk zu rechtfertigen?

Wie kann jemand, der die Erinnerung daran geerbt hat, ein Opfer zu sein, dazu kommen, die Taten derer zu verteidigen, die Leid zufügen?

Empfinden sie jemals echte Reue? Verstehen sie, was sie getan haben? Schämen sie sich, wenn sie darüber sprechen?

Und wenn ich eines Tages einem von ihnen begegnen würde, würde er es wagen, mir in die Augen zu schauen?

Wie können sie nachts schlafen?

Wie schafft es ein Mensch, sein Gewissen so vollständig zum Schweigen zu bringen? Und genau deshalb ist der Film für mich so wichtig.

Die Welt hört schon seit Langem die Aussagen palästinensischer Augenzeugen. Ich selbst habe einen Großteil dieses Krieges damit verbracht, den Menschen zu erzählen, was ich miterlebt habe. Doch dieses Mal hören wir Menschen zu, die Teil des Militärsystems selbst waren. Sie sprechen über ihre Entscheidungen, ihre Handlungen und die Art und Weise, wie sie unser Leben und unseren Tod betrachtet haben.

Deshalb stimme ich denen nicht zu, die den Film dafür kritisieren, dass er israelischen Stimmen mehr Raum gibt als palästinensischen.

Ich brauche keinen israelischen Soldaten, der mir sagt, dass das, was ich durchlebt habe, real war. Ich weiß, dass es real war. Ich war dabei.

Aber ich möchte hören, wie er erklärt, was er getan hat. Ich möchte verstehen, wie er es schafft, es vor sich selbst zu rechtfertigen.

Die Aussage des Täters wird nicht wichtiger als die des Opfers, nur weil sie von ihm stammt. Aber sie kann etwas offenbaren, was das Opfer niemals hätte sehen können: Was auf der anderen Seite geschah, während wir versuchten, am Leben zu bleiben.

3/

Seit ich den Gazastreifen verlassen habe, versuche ich, mit den Erinnerungen zu leben, die ich von dort mitgenommen habe.

Ich versuche, ein normales Leben zu führen. Ich versuche, zu lernen, wie ich schlafen kann, ohne im Geiste dorthin zurückzukehren, wie ich unter Menschen sitzen kann, ohne die Gesichter derer zu sehen, die nicht mehr da sind, oder die Orte, die es nicht mehr gibt.

Doch während ich den Film sah, wurde mir klar, wie sehr ich mich getäuscht hatte, zu glauben, dass das Verlassen von Gaza bedeuten könnte, diese Erinnerungen hinter mir zu lassen.

Im Dezember 2023 befahl uns die israelische Armee, das Gebiet, in dem wir uns aufhielten, zu räumen. Es war nicht einfach nur eine Nachricht oder eine Warnung.

Granaten schlugen in die Wände unseres Hauses ein. Dann fielen sie auf die Straße vor uns, als meine Mutter und ich versuchten zu fliehen.

Wir wussten, dass wir gehen mussten. Was wir nicht wussten, war, wohin wir gehen konnten.

Die Armee schien überall zu sein. Es gab keinen sicheren Weg und niemanden, der uns sagte, wohin wir uns wenden konnten.

Wir begannen zu rennen.

Alle paar Meter schlugen Kugeln in die Wand vor uns ein, und uns wurde klar, dass wir nicht weitergehen durften.

Wir lernten anhand der Kugeln, die auf uns abgefeuert wurden, wo wir gehen durften.

Niemand erklärte uns etwas. Es gab keine Schilder, keine auf den Boden gezeichneten Linien. Wir mussten es schnell begreifen, denn ein einziger Fehler hätte uns das Leben kosten können.

Die Erinnerung an jenen Tag kam so klar zurück, als einer der Soldaten im Film sagte, dass kein Tag verging, an dem nicht jemand getötet wurde.

Er sprach von einer vereinbarten „imaginären Linie“. Jeder der sie überschritt, würde getötet werden.

Yuval Abraham fragte ihn, woher die Menschen denn wissen sollten, wo diese Linie verlief.

Er antwortete, dass sie es „auf die harte Tour lernen“. Dass sie es durch Blut lernen mussten.

4/

Durch Blut!

Diese Worte blieben mir im Gedächtnis. Denn genau das war die Sprache, in der man zu uns gesprochen hatte.

Zum ersten Mal verstand ich aus der Perspektive der anderen Seite, was an jenem Tag mit uns geschehen war.

Wir waren durch die Straßen gerannt und hatten versucht, unser Leben zu retten, während es irgendwo Menschen gab, die glaubten, auf uns zu schießen sei ein völlig akzeptabler Weg, uns beizubringen, wo wir uns aufhalten durften.

Für ihn war es eine imaginäre Sicherheitslinie. Für uns war es der Unterschied zwischen Leben und Tod, zwischen einen weiteren Schritt gehen und nie wieder einen gehen zu können.

Dann sprach derselbe Soldat von 140 Menschen, die getötet worden waren. Er sagte, es seien allesamt Zivilisten gewesen.

Der Filmemacher fragte ihn erneut, fast so, als könne er nicht glauben, was er gehört hatte. Hatte keiner von ihnen eine Waffe bei sich gehabt?

Nein, antwortete der Soldat. Keiner von ihnen sei bewaffnet gewesen. Einhundertvierzig Menschen.

Ich musste immer wieder daran denken, wie oft wir nach einem Bombenangriff gehört hatten, dass die Armee eine „Bedrohung“, einen „Verdächtigen“ oder ein „Operationsgebiet“ ins Visier genommen habe.

Wie viele Menschen können hinter solchen Worten verschwinden?

Wie viele Leben können so dargestellt werden, als wären sie nichts?

Dann kam die Geschichte von dem Kind. Der Soldat sagte, sie hätten durch ihre Kameras ein Kind gesehen, das in das verbotene Gebiet ging.

Sie wussten nicht, warum er dorthin gegangen war. Er tat nichts. Er war einfach nur da.

Und so erschossen sie ihn.

Ein Kind wurde getötet, weil es nicht wusste, dass bewaffnete Männer eine imaginäre Linie gezogen hatten und beschlossen hatten, dass jeder, der sie überschritt, den Tod verdiente.

Er wurde nicht wegen etwas getötet, das er getan hatte. Er wurde wegen etwas getötet, von dem er nichts wusste.

Seit ich den Film gesehen habe, denke ich über dieses Kind nach.

Suchte er nach seinen Eltern? Hatte er sich verlaufen? Versuchte er, sein Zuhause zu finden? Wusste er überhaupt, dass ihn jemand beobachtete, dass irgendwo jemand sein Leben mit einem Knopfdruck beenden konnte?

Keiner weiß das.

Aber ich kenne die Kinder von Gaza. Ich weiß, wie sie zwischen den Trümmern der Häuser umhergehen, auf der Suche nach Wasser, nach Essen oder nach jemandem, den sie verloren haben.

Und wenn ich daran denke, dass ein Kind getötet wird, nur weil es zufällig am falschen Ort war, finde ich dafür kein anderes Wort als Barbarei.


Quelle: Screenshot Youtube

5/

Dann fragte Yuval nach den Leichen.

Die Leichen der Zivilisten, die in diesen Gebieten getötet worden waren. Die Leichen von Menschen, die nicht gewusst hatten, wo die Straße, auf der sie gehen durften, zu Ende war.

Der Soldat schwieg einen Moment lang. Dann sagte er, dass Hunde sie gefressen hätten.

Er erklärte, dass er es selbst nicht mit ansehen konnte, aber andere, die mit ihm dort gewesen waren, hätten gesehen, wie die Hunde die Leichen fraßen.

Der Filmemacher fragte, ob er nicht etwas hätte sagen können. Der Soldat antwortete, dass dies nicht seine Aufgabe sei.

Seine Verantwortung sei rein technischer Natur. Er sollte keine moralische Meinung äußern.

Stellt euch das vor.

Zu wissen, dass Menschen getötet werden, dass ihre Leichen den Hunden zum Fraß überlassen werden, und zu glauben, dass der Einwand gegen so etwas außerhalb der eigenen beruflichen Pflichten liege.

Ich konnte nicht aufhören, über seine Antwort nachzudenken.

Seit wann braucht ein Mensch die Erlaubnis seines Vorgesetzten, um ein Gewissen zu haben?

Ich dachte an die Nürnberger Prozesse und an die Worte, die die Welt nach den Verbrechen der Nazis hörte:

„Wir haben nur Befehle befolgt.“

Diese Worte reichten nicht aus, um die Menschen, die sie aussprachen, von ihrer Verantwortung zu entbinden. Und doch hören wir jetzt etwas noch Kaltblütigeres.

Ich bin für die technische Seite zuständig. Die moralische Seite ist nicht meine Aufgabe.

Als ob ein Verbrechen dadurch weniger schwerwiegend wird, wenn es in kleinere Aufgaben aufgeteilt wird.

Einer beobachtet. Ein anderer wählt das Ziel aus. Ein Dritter erteilt die Erlaubnis. Ein Vierter drückt den Knopf. Und am Ende stirbt jemand.

Dann geht jeder von ihnen nach Hause, vielleicht in dem Glauben, nichts weiter getan zu haben als den kleinen Teil, um den er gebeten wurde. Aber der Mensch ist immer noch tot.

Und ich kann nicht umhin, mich zu fragen: Wer ist dann für seinen Tod verantwortlich?

6/

Es gab noch etwas anderes, das ich in ihren Zeugenaussagen zu finden gehofft hatte. Ich wollte wissen, was danach in ihnen vorgegangen war.

Haben sie an die Menschen gedacht, die sie getötet hatten? Sind ihnen deren Gesichter jemals wieder in den Sinn gekommen? Haben sie diese Erinnerungen in ihren Alltag mitgenommen? Hatte sich irgendetwas in ihnen verändert?

Einer der Soldaten sagte, er habe einmal Polen besucht und sich gefragt, wie die deutsche Gesellschaft es geschafft habe, nach all dem, was sie getan hatte, weiterzuleben.

Später, so sagte er, habe er entdeckt, wie einfach das sein könne.

Man könne einen Ort bombardieren und sich dann noch am selben Abend wieder Gedanken über eine private Verabredung machen.

Ein anderer sagte etwas, das ich wohl nie vergessen werde: „Ich habe das Gebäude zum Einsturz gebracht und bin dann am selben Abend mit meinen Freunden auf ein Bier gegangen.“

Ich weiß nicht, wie ich in Worte fassen soll, was ich empfand, als ich ihn das sagen hörte.

Ich habe noch nicht gelernt, auch nur eine einzige Nacht durchzuschlafen, ohne in Gedanken zum Krieg zurückzukehren. Und da saß er und sprach davon, ein Wohnhaus zum Einsturz gebracht zu haben und anschließend einen ganz normalen Abend mit seinen Freunden zu verbringen.

Als wäre nichts geschehen. Als wäre niemand dort gewesen.

7/

Und plötzlich kam mir ein Gedanke, den ich nicht mehr loswerden konnte. Könnte das Gebäude, von dem er sprach, das Haus meiner Familie gewesen sein?

Das Haus, das am 12. Oktober 2023 bombardiert wurde und in dem 42 Mitglieder meiner Familie ums Leben kamen?

Könnte es sein, dass, während wir unter den Trümmern nach unseren Angehörigen suchten, während wir um die Verstorbenen weinten, derjenige, der sie getötet hatte, irgendwo saß und mit seinen Freunden Bier trank?

Ich weiß nicht, wer das Haus meiner Familie bombardiert hat. Ich weiß nicht, was er danach getan hat. Aber der Gedanke, dass dies möglich gewesen sein könnte, bereitete mir Übelkeit.

Hat er auch nur einen Moment lang darüber nachgedacht, was er hinterlassen hatte? Hat er sich jemals vorgestellt, dass es Familien gibt, die den Rest ihres Lebens damit verbringen würden, mit dem zu leben, was er in wenigen Minuten angerichtet hatte?

Meine Großmutter war in diesem Haus. Ebenso meine Onkel väterlicher- und mütterlicherseits, ihre Söhne und Töchter sowie deren Kinder.

Es waren Menschen, die ich kannte. Menschen, die ich liebte. Menschen, mit denen ich Jahre meines Lebens verbracht hatte.

Ich erinnere mich noch immer an ihre Stimmen und ihre Gesichter. Ich erinnere mich an die kleinen Dinge, an die alltäglichen Momente, die wir gemeinsam erlebt haben, an die Details, die für andere vielleicht nichts bedeuten, die ich aber nicht vergessen kann.

Für denjenigen, der das Haus bombardiert hat, war es vielleicht einfach nur ein weiteres Gebäude, das zerstört wurde. Ein weiterer erfolgreich abgeschlossener Einsatz.

Aber für mich endete mit diesem Haus ein Teil meines Lebens.

Drei Jahre sind vergangen, und dennoch kehre ich immer wieder zu diesem Tag zurück. Noch immer versuche ich, zu lernen, mit ihrer Abwesenheit zu leben.

8/

Doch was mich noch wütender machte als die Tatsache, dass sie zu ihrem normalen Leben zurückkehren konnten, war etwas anderes.

Einige von ihnen sprachen vom Töten nicht als etwas, zu dem sie gezwungen worden waren. Sie sprachen davon als etwas, das ihnen Freude bereitete.

Einer der Teilnehmer sagte, dass Soldaten davon sprachen, wie viel Freude es ihnen machte, wenn es zu einer Eskalation kam. Dass es „Spaß, richtigen Spaß“ machte.

Ich habe lange über diese Worte nachgedacht. Ich habe während meiner Arbeit in den Krankenhäusern von Gaza genug Tod gesehen. Ich habe Kinder vor meinen Augen sterben sehen. Ich habe gesehen, wie Familien verschwanden, und Menschen, die wir so verzweifelt zu retten versuchten, aber nicht retten konnten.

Ich habe mehr Leid gesehen, als ich jemals für möglich gehalten hätte. Aber ich habe nie verstehen können, wie jemand daran Freude finden könnte. Einen anderen Menschen zu töten, ist schon schrecklich genug. Aber Freude daran zu haben, ihn zu töten?

Das ist eine Art von Grausamkeit, die ich nicht begreifen kann.

Was mich noch mehr beunruhigte, war die Aussage eines Teilnehmers, dass viele derjenigen, die diese Taten begangen hatten, keine Mitglieder der extremen Rechten waren.

Es waren Menschen aus Tel Aviv, Menschen, die der gemäßigten Linken angehörten. Ich musste immer wieder darüber nachdenken.

Manchmal stellen wir uns vor, dass Menschen, die zu solchen Taten fähig sind, von Anfang an Extremisten gewesen sein müssen. Aber was, wenn es ganz normale Menschen sind?

Menschen, denen wir an der Universität oder in einem Café begegnen könnten. Menschen, die uns vielleicht gegenüber sitzen und die über Frieden, über Gerechtigkeit, über Menschenrechte sprechen.

Wie kann jemand freundlich zu seinen Freunden sein, seiner Familie gegenüber liebevoll und an Menschenrechte glauben und dennoch akzeptieren, dass ein Kind getötet werden darf, weil es eine Grenze überschritten hat, die es nicht einmal sehen konnte?

Was geschieht mit dem Gewissen eines Menschen, wenn die Menschlichkeit eines anderen zu etwas wird, das er einfach beiseiteschieben kann?

9/

Ich verließ den Film mit einer Wut, die ich schon sehr lange nicht mehr empfunden hatte. Ich war nicht hingegangen, um zu erfahren, was in Gaza passiert war. Ich war ja dort gewesen. Ich hatte genug gesehen.

Ich ging hin, weil ich verstehen wollte, wie die Menschen, die diese Dinge getan hatten, weiterhin mit sich selbst leben konnten.

Wie konnten sie das Töten rechtfertigen? Wie konnten sie sich selbst davon überzeugen, dass das, was sie taten, normal war? Und wie konnten manche von ihnen darin sogar Freude finden?

Ich glaube, ich hatte nach Reue gesucht.

Vielleicht wollte ich einen von ihnen sagen hören, dass er endlich verstanden hatte – auch wenn es zu lange gedauert hatte –, was er getan hatte.

Aber ich fand nicht die Antwort, nach der ich gesucht hatte. Stattdessen ging ich mit Fragen davon, die mir noch mehr Angst machten.

10/

Ich verließ das Kino, konnte aber nicht in mein Leben zurückkehren. Ich lief mehr als fünf Stunden lang durch die Straßen von Madrid. Fünf ganze Stunden.

Ich wusste nicht, wo ich war oder wohin ich ging. Ich nahm die Straßen um mich herum kaum wahr. Ich konnte vor mich schauen und sah dennoch nicht wirklich, was dort war.

Ich lief einfach weiter. Aber ich sah nicht Madrid. Ich sah Gaza. Ich sah den Dezember 2023 vor mir, als ich mit meiner Mutter unter Beschuss davonrannte, ohne zu wissen, wohin wir fliehen konnten.

Ich sah die Tage der Hungersnot vor mir, als wir nicht einmal einen einzigen Laib Brot finden konnten, den wir uns hätten teilen können.

Ich sah die Krankenhäuser und die Kinder, die ich nicht hatte retten können.

Und immer wieder kehrte ich gedanklich zum 13. Oktober zurück. Zum Haus meiner Familie. Zu den Menschen, die ich an jenem Tag verloren hatte.

Ich war aus dem Kino gegangen, aber den Film hatte ich nicht wirklich hinter mir gelassen. Und vielleicht hatte ich, in einem Teil von mir, Gaza überhaupt nie verlassen.

11/

Seit ich Gaza verlassen habe, versuche ich, zu lernen, wieder zu leben.

Ich versuche, zu akzeptieren, dass ich jetzt draußen spazieren gehen kann, ohne Angst zu haben, dass eine Granate einschlägt, dass ich Lebensmittel kaufen kann, ohne mein Leben zu riskieren, und dass ich nach Hause zurückkehren kann in der Gewissheit, dass mein Zuhause noch dort stehen wird, wo ich es zurückgelassen habe.

Das sind so alltägliche Dinge. Und doch lerne ich immer noch, an sie zu glauben.

Doch nach diesen fünf Stunden Spaziergang durch Madrid wurde mir etwas klar, was ich mir seit meiner Ankunft in Europa nicht eingestehen wollte. Ich hatte Gaza nur mit meinem Körper verlassen.

Ich weiß nicht, ob ich jemals in der Lage sein werde, all das Geschehene hinter mir zu lassen. Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich das alles hinter mir lassen will.

Wie könnte ich Menschen vergessen, die ich geliebt habe? Wie könnte ich mich jemals damit abfinden, dass ihr Leben auf diese Weise endete?

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich, wenn ich es schaffe, einen ganzen Tag zu überstehen, ohne an sie zu denken, noch mehr von ihnen verloren habe.

Als ob das Vergessen, selbst für einen Tag, eine weitere Art von Verlust wäre.

Und manchmal wünsche ich mir nichts sehnlicher, als schlafen zu können, ohne sie zu sehen.

Ich weiß nicht, wie ich diese beiden Gefühle miteinander in Einklang bringen soll. Sie leben jeden Tag mit mir.

Ezzideen Shehab ist auch Autor des Buches „Diary of a Young Doctor“ („Tagebuch eines jungen Arztes“).

Übersetzung aus dem Englischen von Maike Gosch.

Titelbild: Anas-Mohammed / Shutterstock

Screenshot YouTube


Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/

Artikel-Adresse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=157590