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Titel: Der inflationäre Gebrauch des Wortes Populismus ist vermutlich Teil einer geplanten PR-Strategie

Datum: 21. August 2018 um 10:50 Uhr
Rubrik: Aktuelles, Erosion der Demokratie, Kampagnen/Tarnworte/Neusprech, Medienkritik, PR
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Dieses Wort war noch vor 20 Jahren nicht regelmäßig im Gebrauch. Es gab reihenweise Äußerungen, die als populistisch gebrandmarkt hätten werden können. (Auswahl siehe unten). Heute jedoch geht es Schlag auf Schlag. Der Begriff wird immer wieder – quasi als Schlagetot – eingesetzt. Er ist so inhaltsleer, zugleich vielfältig gefüllt und wenig definiert, dass er freimütig gebraucht werden kann. Ich mache im Folgenden zunächst auf zwei Fälle aus den letzten Tagen aufmerksam und auf einen wirklich aufklärenden Beitrag zum Thema im “Freitag”. Auf den NachDenkSeiten konnten sie Ähnliches immer wieder lesen. Albrecht Müller.

Zum Einstieg also der Hinweis auf zwei Fälle des Gebrauchs des Wortes Populismus aus den letzten Tagen:

Zum Ersten: Die immer wieder einschlägig tätige ARD, diesmal Studio Rom, zeigt, wie oberflächlich und dennoch treffsicher man als Journalist mit diesem Begriff umgehen kann:

Italiens Regierung und Genua

Lehrstunde in Sachen Populismus

Zynisch, verlogen und dilettantisch – so handhabt Italiens Regierung den Brückeneinsturz von Genua. Das Krisenmanagement ist eine Lehrstunde darüber, was passiert, wenn Populisten an der Macht sind.

Ein Kommentar von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

…”

Zum Zweiten hier ein Artikel im Organ des Deutschen Journalistenverbandes, Der Journalist

Populismus und Appeasement

Autor Michael Kraske schreibt einiges Vernünftiges. Warum er dazu den Begriff Populismus verwenden muss, habe ich nicht begriffen. Vielleicht wegen der damit möglichen Abwertung Anderer.

Und hier der wirklich aufklärende Artikel zum Thema:

Populismus

Ein manipulativer Begriff

JournalistInnen verwenden das Wort Populist selektiv. Es sagt nichts Konkretes, beleidigt die Leser und nimmt faktisch Politiker bisheriger Regierungen in Schutz. Von Jürgen Buxbaum.

Bemerkungen über einen bösartigen Begriff

Die Begriffe populistisch, Populismus, und Populisten hört man nur selten in Gesprächen auf der Straße oder in Kneipen. Sie wurden in Umlauf gebracht und werden in erster Linie benutzt von Fernseh-, Radio- und ZeitungsjournalistInnen, von PolitikerInnen und PolitikwissenschaftlerInnen. Man darf davon ausgehen, dass sie diese Wörter wählen, obwohl oder gerade weil sie wissen, dass sie vom Lateinischen populus (= Volk) stammen.

Der Text stammt vom März 2018.

In den NachDenkSeiten konnten Sie schon vieles zum Thema lesen. Ich verweise auf einen eigenen Artikel:

11. August 2016

Populismus – über die selektive Anwendung dieses Schimpfwortes

Der inzwischen inflationäre Gebrauch des Wortes Populismus ist ein Beispiel für die systematisch betriebene Manipulation von Menschen.

Hier wird eine besondere Methode zur Manipulation von Menschen sichtbar: die spiegelbildliche Ab- und Aufwertung

Indem die etablierten politischen Parteien und Medien den Vorwurf Populismus immer wieder und im Chor zur Bezeichnung und Kennzeichnung der Konkurrenz, sei es nun rechts die AfD oder links die Linkspartei, werten sie diese politischen Gegner ab und erhöhen sich spiegelbildlich selbst. Es ist unglaublich, wie diese Methode funktioniert. Schauen Sie sich beispielhaft das obige Beispiel Nummer 1 an: der Korrespondent des Bayerischen Rundfunks in Rom, vermutlich, so nach Lektüre des Textes, kein großes Licht, erscheint im Vergleich zu den Regierungsparteien Italiens, die er mit dem Etikett Populisten versieht, als dem besseren Teil der Gesellschaft zugehörig.

Diese spiegelbildliche Ab- und Aufwertung funktioniert übrigens auch in anderen Fachbereichen:

Indem zum Beispiel die westlichen Agitatoren aus Politik und Medien die Russen, die Syrer, die Iraner usw. als Feinde des Friedens und der Freiheit etikettieren, erscheinen sie spiegelbildlich als Hort von Demokratie, Freiheit und Frieden.

Früher kam die öffentliche Debatte ohne den inflationären Gebrauch von Populismus aus:

Politiker und Medien nutzten auch damals Formulierungen, die man heute mit dem Etikett Populismus versehen würde. Sie brauchten dafür aber den Begriff nicht. Das lag nicht daran, dass damals keine, nach heutiger Wertung, populistischen Sprüche geklopft wurden. Der strategische Gebrauch des Begriffs Populismus war noch nicht erfunden. Ich nenne ein paar Beispiele für Aussagen und Etiketten früherer Zeiten, die man getrost als populistisch hätte bezeichnen können:

  • Bundeskanzler Adenauer und die CDU im Wahlkampf 1957: „Keine Experimente“
  • Geißler nannte 1985 die SPD „die fünfte Kolonne Moskaus“. Den Begriff Populismus brauchte man für die Zurückweisung dieses Etiketts nicht. Willy Brandt nannte Geißler nur „den schlimmsten Hetzer“ in diesem Land.
  • „Deutsche. Wir können stolz sein auf unser Land“ plakatierte die SPD 1972. Populistisch! – müsste man heute sagen.
  • Die Achtundsechziger schrieben auf ihre Transparente zur Markierung ihrer Professoren: „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“. Heute würde das Populismus genannt.
  • „Nie wieder Krieg!“ schrieb die SPD 1980 in Nordrhein-Westfalen in einer Anzeige über die Abbildung von 49 Kriegerwitwen samt kurzer trauriger Lebenserfahrung. Klarer Populismus würden heute die NATO-Freunde sagen.
  • „Weiter so“ war der Wahlslogan der CDU bei der Bundestagswahl.
  • Noch einmal Geißler, 1983: “Der Pazifismus der 30er Jahre, der sich in seiner gesinnungsethischen Begründung nur wenig von dem unterscheidet, was wir in der Begründung des heutigen Pazifismus zur Kenntnis zu nehmen haben, dieser Pazifismus der 30er Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht.” 
  • Helmut Schmidt als Bundeskanzler: Modell Deutschland!

Diese wahllos zusammengestellten Aussagen sind alle mehr oder weniger eifrig und kritisch beäugt und diskutiert worden. Nie ist dafür das Wort Populismus gebraucht worden. Zur Kennzeichnung gab es viele andere Wörter. Hetzer, Lügner, Übertreiber usw. Es ist wie anfangs vermerkt: Das Wort Populismus ist eine PR-Schöpfung, geschaffen, um zwischen Oben und Unten zu teilen und um zwischen etablierten politischen Kräften in Politik und Medien und den Aussätzigen in Politik und Gesellschaft zu spalten.


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