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Titel: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ (Rosa Luxemburg)

Datum: 5. März 2021 um 8:43 Uhr
Rubrik: Aktuelles, einzelne Politiker/Personen der Zeitgeschichte, Gedenktage/Jahrestage, Wertedebatte
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Zum 150. Geburtstag einer großartigen Revolutionärin. Dieser gerne und viel zitierte Satz stammt von Rosa Luxemburg. Publiziert wurde er im Jahr 1918. Ein Jahr später wurde sie ermordet, von Freicorps, die aus ihrem reaktionären bis faschistischen Weltbild keinen Hehl gemacht hatten. Würde sie dennoch an ihm festhalten? Was würde Rosa Luxemburg zu all dem sagen, was heute in der Linken passiert, also nicht nur in der Partei, sondern auch außerhalb von ihr? Von Wolf Wetzel.

„Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“, wird von vielen zitiert und zu sehr verschiedenen Anlässen vorgetragen. Leicht dahingesagt ist ein solcher Ausruf, wenn man selbst in der Minderheit ist, die Macht gegen sich hat und jenen, die das Meinungsmonopol innehaben, ein bisschen (mehr) Freiheit abringen möchte.

In diesen Fällen appelliert man an den bürgerlichen Staat und auch an sein Versprechen, die Rede- und Meinungsfreiheit auch denen zu gewähren, die den bürgerlichen Staat ablehnen. In diesen Fällen ist der Satz zwar immer noch richtig, aber nicht wirklich eine Herausforderung, die Rosa Luxemburg damals zu einer revolutionären Maxime erhoben hat. Denn die eigentliche Zumutung, die in diesem Satz steckt, bezieht sich nicht auf die Anderen, die einem das Wort verbieten, die unpassenden Meinungen zum Anlass politischer Verfolgung nehmen.

Der berühmte Satz ist einer Arbeit entnommen, die sich mit der russischen Revolution auseinandersetzt, als diese 1918 gesiegt hatte und die einst Verfolgten nun selbst Verfolger werden konnten, also nicht mehr um Freiheit betteln oder ringen mussten, sondern sich in der privilegierten Position befanden, sie (anderen) zu „gewähren“. Rosa Luxemburg richtet also diesen Satz vor allem an die eigenen Genoss*innen, die heftig darum stritten, wie es weitergeht, was die Revolution voranbringt, was ihr schadet, was der nächste Schritt sein muss, was in die Sackgasse führt.

„Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‚Gerechtigkeit‘, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‚Freiheit‘ zum Privilegium wird.“
(Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution, in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 4, Berlin 1974, S. 359)

Sie wollte damit einen Maßstab setzen, für die Art und Weise, wie mit Widersprüchen, gegensätzlichen Positionen in und außerhalb der (kommunistischen) Partei umgegangen wird, umgegangen werden sollte. Ganz optimistisch und großartig könnten man den Satz so verstehen: Lasst uns zusammen diskutieren, lasst uns die Widersprüche aushalten, indem wir das „andere“ verstehen lernen, nicht in Feindschaft, sondern in dem Wissen, dass der „richtige“ Weg erst entsteht, wenn man die anderen Wege abgelaufen hat. Und wenn wir uns dann für den „richtigen“ Weg entscheiden, machen wir dies auf eine Art und Weise, die berücksichtigt, dass der nicht eingeschlagene Weg vielleicht doch der richtige gewesen sein könnte.

Das schließt das Ringen um die „richtige“ Antwort nicht aus. Sie berücksichtigt lediglich, dass sich das Richtige nicht im Leugnen des anderen herauskristallisiert, sondern indem es sich an dem anderen beweist. Dieses revolutionäre Selbstverständnis, diese Selbstverpflichtung hat Rosi Wolfstein so ausformuliert:

„Durch Fragen und immer erneutes Fragen und Forschen holte sie (Rosa Luxemburg, d.V.) aus der Klasse heraus, was nur an Erkenntnis über das, was es festzustellen galt, in ihr steckte. Durch Fragen beklopfte sie die Antwort und ließ uns selbst hören, wo und wie es hohl klang, durch Fragen tastete sie die Argumente ab und ließ uns selbst sehen, ob sie schief oder gerade waren, durch Fragen zwang sie über die Erkenntnis des eigenen Irrtums hin zum eigenen Finden einer hieb- und stichfesten Lösung.“
(Rosi Wolfstein, 1920, zitiert in: Jörn Schütrumpf (Hrsg.): Rosa Luxemburg oder: Der Preis der Freiheit, 3., überarb. u. erg. Aufl., Berlin 2018, S. 102)

All das kann man ehren, in Erinnerung rufen, zum politischen Vermächtnis einer politischen Bewegung machen, die ihre Ideale nicht aufgibt, wenn man (mit ihrer Hilfe) an die Macht gekommen ist, sondern zum selbstverständlichen Bestandteil einer neuen Gesellschaftlichkeit macht.

Aber was machen wir heute damit? Was würde Rosa Luxemburg zu all dem sagen, was heute in der Linken passiert, also nicht nur in der Partei, sondern auch außerhalb von ihr? Würde Rosa Luxemburg auch 150 Jahre später mit der „Freiheit der Andersdenkenden“ auch und gerade jene einschließen, die der Partei nicht genehm sind oder auch eine Linke stören, die sich im außerparlamentarischen Raum bewegt?

Rosa Luxemburg wäre heute 150 Jahre alt. Das ist wahrlich ein Grund, an sie, an ihre politischen Analysen, an ihre revolutionären Kämpfe zu erinnern. Das tut, ziemlich naheliegend, die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die man der Partei DIE LINKE zuordnen kann, vor allem was ihre finanziellen Grundlagen angeht. Auf deren Homepage findet man einen fein aufmachten Rundgang durch Rosa Luxemburgs Leben und Wirken.

Bedrückend wird diese Ehrung erst, wenn man vergeblich nach einem Gegenwartsbezug sucht! Die Linke, nicht nur als Partei, ist noch nie so schwach und bedeutungslos gewesen wie derzeit. Das hat viele Gründe, aber eben auch solche, die gar nicht in ihrer Hand liegen. Was sie jedoch ganz alleine zu verantworten hat, ist die Zerstrittenheit, die Unfähigkeit, notwendige Konflikte und Divergenzen offen und achtungsvoll auszutragen. Sprachlosigkeit und ein immer größer werdendes Repertoire an Diffamierungen und Denunziationen machen die Linke zu einem ziemlich unattraktiven, gemeinen Ort, den man sich auf Dauer nicht antuen will.

Rosa Luxemburg reloaded

Man stelle sich zum Genuss einmal vor, Rosa Luxemburg wäre da, bei uns, und nähme sich die Zeit, die Linke in Corona-Zeiten zu analysieren. Sie würde sich die Parlamentsarbeit der LINKEN anschauen, sie würde die Querdenkerdemonstrationen besuchen und würde sich bei denen umhören, die diesen vorwerfen, „Hand in Hand“ mit Nazis zu laufen.

Was würde sie zur Partei DIE LINKE sagen, die sich bei der Abstimmung über die Suspendierung von Schutz- und Grundrechten 2020 enthalten hat? Würde sie zur Debatte mit denen auffordern, die als Querdenker*innen dagegen protestieren oder würde sie diese auch als „Covidioten“, „Corona-Leugner“ und Nazi-Handlanger indiskutabel machen? Wäre sie 150 Jahre später bereit, die Motive, Gedanken und Überlegungen der Querdenker*innen als „all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit“ zu begreifen?

Mit ziemlich großer Sicherheit würde Rosa Luxemburg einiges bis vieles aus den Reihen der Querdenker*innen nicht teilen. Das hatte sie mit der „Freiheit der Andersdenkenden“ auch 1918 nicht so gemeint. Ihr ging es darum, dass die Auseinandersetzung damit die Bedingung dafür ist, dass das Heilsame und Reinigende eines solchen Prozesses seine Wirkung entfalten kann.

Und noch etwas ist für das revolutionäre Denken von Rosa Luxemburg bemerkenswert: Sie gesteht sich und anderen auch zu, einen „Irrtum“, einen „Fehltritt“ zu begehen. Sie weiß, dass die Wahrheit, das Richtige weder einer Partei noch seinen Kritiker*innen gehört. Sie hat diese selbst begangen bzw. nicht verhindern können.

Solche Irrtümer oder Fehltritte sind in ihrem Verständnis nicht das Ende einer revolutionären Bewegung, sondern „fruchtbar“ – unter einer Bedingung: Es gibt ein Bewusstsein über die Möglichkeit von Irrtümern und die Notwendigkeit, Irrtümer auch sich selbst gegenüber einzuräumen, ganz ohne irgendein Privilegium:

„Der kühne Akrobat übersieht (…), daß das einzige Subjekt, dem jetzt diese Rolle des Lenkers zugefallen, das Massen-Ich der Arbeiterklasse ist, das sich partout darauf versteift, eigene Fehler machen und selbst historische Dialektik lernen zu dürfen. Und schließlich sagen wir doch unter uns offen heraus: Fehltritte, die eine wirklich revolutionäre Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich unermeßlich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehlbarkeit des allerbesten ‚Zentralkomitees‘.“
(Rosa Luxemburg: Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie, in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 1/2, Berlin 1970, S. 444)

Es wäre doch mehr als einen Versuch wert, dieses großartige Vermächtnis von Rosa Luxemburg für heute fruchtbar zu machen, in unsere Zeit zu übersetzen. So könnten wir Punkt für Punkt durchgehen, wo die „Freiheit der Andersdenkenden“ das Maß der Dinge werden muss, damit uns die Art und Weise, wie wir mit Streitereien und Differenzen umgehen, attraktiv macht, anstatt das Fass zum Überlaufen zu bringen.

Das würde Rosa Luxemburg – ohne wirklich in ihrem Namen zu sprechen – sicherlich mehr gefallen, als sie in dieser lang zurückliegenden Zeit ruhen zu lassen.

Titelbild: Everett Collection/shutterstock.com


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