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Titel: Prechts Baerbock-Kritik – durchaus hörenswert

Datum: 26. April 2023 um 13:27 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medien und Medienanalyse
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Seit Gründung der Bundesrepublik gab es wohl selten eine Periode, in der die gesellschaftliche Debatte derart einförmig verlief wie heutzutage. Umso erfreulicher ist, wenn „mitten aus dem Mainstream heraus“ auch mal kritische Töne zu vernehmen sind – vor allem wenn es um die überfällige Kritik an unserer Außenministerin Annalena Baerbock geht. Solch kritische Töne kamen nun in einem Podcast mit Markus Lanz vom „TV-Philosophen“ Richard David Precht, der es unter anderem als „Unfall“ bezeichnete, dass „diese Frau Außenministerin geworden ist“. Aber auch ohne diese – durchaus gerechtfertigten – Spitzen ist der Podcast durchaus hörenswert. Die Schmähkritik ließ erwartungsgemäß nicht lange auf sich warten. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Ich gebe zu, ich bin ein regelmäßiger Hörer des Podcasts von Markus Lanz und Richard David Precht. Nicht, weil ich die Positionen der beiden Podcaster teile – oft ist eher das Gegenteil der Fall. Dennoch schätze ich das Format, da die beiden hier hin und wieder mal die Rollen, auf die sie im Medienzirkus gebucht sind, verlassen und zeigen, dass sie jenseits der Show durchaus zu Reflektionen im Stande sind und auch Dinge hinterfragen, die sie vor der Kamera sonst mit Inbrunst vertreten. Besonders Richard David Precht ist mir dabei durchaus ein wenig sympathisch geworden – und das will was heißen, gehörte ich selbst doch noch vor gar nicht langer Zeit zu seinen Kritikern.

Doch in diesen Zeiten gelten offenbar die alten Regeln nicht mehr und man ist nicht vor Überraschungen gefeit. So geschehen im November 2021, als Precht in eben jenem Podcast-Format mit Markus Lanz schon einmal aus dem Konzert der Blockflöten ausscherte und sich durchaus kritisch zu den Corona-Maßnahmen und deren Aufarbeitung äußerte. Es folgte ein gemeinsam mit dem Soziologen Harald Welzer geschriebenes medienkritisches Buch, das ebenfalls durchaus unterhaltsam und ungewohnt kritisch ist. Sicher – zwischen der Medienkritik eines Richard David Prechts und der Medienkritik, wie man sie beispielweise bei uns auf den NachDenkSeiten findet, gibt es Unterschiede. Doch selbst die „dosierte Kritik“ an den Medien hat bereits ausgereicht, um sich eben jene Medien zum Feind zu machen. War Precht früher ein Medien-Darling, hat man heute das Gefühl, dass er zum Lieblingsprügelknaben mutiert ist – vor allem dann, wenn er sich zu außenpolitischen Fragen äußert und dabei das Herdenverhalten der etablierten Journalisten aufspießt.

Und nun hat Precht getan, wovon ihm jeder Medien- und Imageberater sicher mit Nachdruck abgeraten hätte – er hat das Lieblingskind des Hauptstadtjournalismus, unsere Außenministerin Annalena Baerbock, kritisiert und dies sogar ohne Glacéhandschuhe und gänzlich undiplomatisch.

Thema des Podcasts waren die aufsteigenden Supermächte China und Indien, das Ende der unipolaren Welt und die Frage, wie der Westen darauf reagieren sollte und warum die aktuelle Politik genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie zu erreichen vorgibt. Als es dann um Annalena Baerbocks Chinareise geht, dreht Precht verbal auf …

„Dann habe ich das Gefühl, also, wenn ich ganz ehrlich sein darf, dass ich immer denke, was für ein Unfall, dass diese Frau Außenministerin geworden ist. Die hätte doch unter normalen Bedingungen im Auswärtigen Amt nicht mal nen Praktikum gekriegt. Dass jemand mit dieser moralischen Inbrunst einer Klassensprecherin einer Weltmacht, einer Kulturnation versucht zu erklären, was westliche Werte sind, sie als systemische Rivalen definiert und quasi ein Eskalationsszenario an die Wand malt, eine wertegeleitete Außenpolitik, die in Wirklichkeit eine konfrontationsgeleitete Außenpolitik ist, statt einfach mal kleine Brötchen zu backen und sich zu sagen: ‚Solange wir in Deutschland wirtschaftlich erfolgreich sind, nehmen uns die Chinesen mit allem drum und dran ernst. Nur wer wirtschaftlich stark ist, kann mit seinen Werten überzeugen, und zwar nicht dadurch, dass er andere belehrt, sondern dadurch, indem er etwas vorlebt, was für andere nachahmenswert erscheint. […]
Da ist diese gerade mal etwas über 40-jährige junge Frau, die in ihrem Leben noch nichts geleistet hat, und droht diesem Land, das 600 Millionen Menschen aus der Armut rausgeholt hat. Das die rasanteste wirtschaftliche Entwicklung hingelegt hat, die je ein Land auf diesem Planeten gemacht hat. Das ist doch unsagbar zum Fremdschämen.“

Wumms. Das hat gesessen. Diesen Sätzen ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen und selbst der sich gerne als Antagonist inszenierende Markus Lanz konnte dem nichts mehr entgegensetzen. Es kam, wie es kommen musste. Kaum war der Podcast online, fielen die üblichen Verdächtigen auf Twitter über Precht her und – auch das war zu erwarten – kritisierten ihn losgelöst vom Kontext wegen des angeblichen „Sexismus“, der sich in diesen Sätzen verbergen soll.

Wir lernen: Inhalte zählen nicht, wenn der Kritiker männlich und die Kritisierte weiblich ist. Ist das nicht selbst Sexismus? Aber vielleicht ist es ohnehin sinnlos, von einer derartigen „Debatte“ auf Twitter irgendetwas Fundiertes zu erwarten. Die Niveaulosigkeit der Kritik setzte sich auch in die Printmedien fort. Ok, auch das ist jetzt nicht gerade überraschend. Den Vogel schoss diesmal ein gewisser Arno Frank ab, der auf SPIEGEL.de Precht „kulturrelativistischen Humbug“ und eine „elitäre Elitenfeindlichkeit“ (immerhin ein schönes Wortspiel) unterstellte und feststellte, Precht wirke „in Wortwahl und Gestus ganz so, wie man es von einem begeisterten Nutzer »alternativer Medien« und Verteidiger rechtspopulistischer Fernsehsender aus Österreich erwarte“. Demnach ist Precht nun also ein sexistischer Rechtspopulist … das Schlimmste an diesem kindischen Verbalgeplänkel ist wohl dessen Erwartbarkeit.

Interessant – wenn auch nicht überraschend – ist einmal mehr, dass die Kritiker sich auf leicht verdauliche Ad-Personam-Argumente konzentrieren und den gesamten Kontext herauslassen. Und gerade dieser Kontext ist eigentlich noch interessanter als die zugegebenermaßen treffende Baerbock-Kritik. Was Precht im Podcast zur Anmaßung des Westens, alten Kulturnationen wie Indien und China „unsere Werte“ zu überstülpen, sagt, ist nämlich äußerst originell. Precht stellt diesen Missionierungsdrang des Westens in eine historische Tradition mit dem Christentum, das sich ebenfalls gegenüber anderen Religionen und Kulturen für überlegen hielt und dessen Ziel es sei, dass am Ende die ganze Welt dem eigenen, wahren Glauben folgt. Hier das Kulturvolk mit überlegener Moral, dort die Heiden. Und ja, wenn man sich die aktuelle Debatte vor Augen hält, liegt diese Parallele durchaus auf der Hand. Auf der Hand liegt auch, dass die Apologeten des „Wertewestens“ ungerne mit Missionaren, Konquistadoren und Kreuzrittern verglichen werden wollen. Daher wohl auch die scharfe Kritik, die sich erst gar nicht damit abgibt, auf den Kontext einzugehen.

Es ist begrüßenswert, dass es überhaupt noch solche Formate aus dem Mainstream heraus gibt, in denen auch mal über den Tellerrand hinausgedacht wird. Dass ein solches Format ausgerechnet von Markus Lanz produziert wird, ist freilich unfreiwillig komisch, bügelt er in seiner Talkshow doch jedes Pflänzchen unabhängigen Denkens brutal platt.

Zum Thema gab es übrigens von den beiden Protagonisten des Podcasts in den letzten Wochen zwei ebenfalls durchaus sehenswerte TV-Formate: Die multipolare Welt – Neue Rollen, neue Konflikte. Richard David Precht im Gespräch mit Pankaj Mishra

Zu dieser Sendung hatte auch Udo Brandes auf den NachDenkSeiten bereits etwas geschrieben.

Markus Lanz am 19. April zum Thema „Indien“ mit der Südasien-Expertin Britta Petersen und dem Moderator Ranga Yogeshwar.

Eine dank der beiden Gäste durchaus erfrischende und undogmatische Sendung.

Titelbild: © ZDF.de


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