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Titel: Wörterbuch der Phrasendrescher – Heute: „Resilienz“

Datum: 17. Mai 2023 um 8:20 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Innen- und Gesellschaftspolitik, Kampagnen/Tarnworte/Neusprech, Medien und Medienanalyse
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Plötzlich auftauchende Modewörter oder Propagandabegriffe sowie sprachliche Umdeutungen sollen hier in unregelmäßigen Abständen thematisiert werden. Die Sprache ist einerseits Mittel der Ablenkung, andererseits ist sie Ziel von Angriffen und Neuinterpretationen – Stichwortgeber, politische Skrupellosigkeit, ein beflissener journalistischer Herdentrieb und andere Faktoren machen das möglich. Der heute vorgestellte Begriff zählt zu den aktuellen Lieblingswörtern zahlreicher „Multiplikatoren“: Resilienz. Wenn unseren Lesern weitere solcher Ausdrücke aufgefallen sind, bitten wir um Hinweise. Von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Weitere Einträge für das Wörterbuch der Phrasendrescher

Kriterien für unser Wörterbuch der Phrasendrescher könnten unter anderem die plötzliche Einführung und die dann massive Nutzung eines Begriffs sein, der vorher nicht in dieser Weise etabliert war. Interessant sind auch lange eingeführte Begriffe, die nun mit einer neuen Bedeutung aufgeladen werden sollen („rechts“/„links“). Möglich sind politische Kampfbegriffe wie „verschwörungsideologisch“, aber auch Ausdrücke wie „toxisch“ oder „divers“. Vorschläge bitte an: [email protected].

Die NachDenkSeiten haben sich bereits in zahlreichen Beiträgen und Analysen mit der Manipulation von und durch Sprache befasst, diese Beiträge werden wir zeitnah in einem eigenen Artikel nochmals vorstellen.

Hier folgt der heutige Eintrag zum Begriff „Resilienz“:

„Resilienz“ ist ein sich auf viele Themen beziehender Begriff, der bis vor Kurzem noch unter dem Radar vieler Bürger, aber auch der Meinungsmacher bewegte. Definitionen folgen weiter unten. In die breite Wahrnehmung schaffte er es nach meinem Eindruck durch die massenhafte Nutzung durch Politiker und Journalisten während der Corona-Politik – bei diesem Sprachgebrauch war es oft das Gegenstück zu „vulnerabel“ (ein Begriff, der ebenfalls einen Eintrag in diesem Wörterbuch verdient hat). Im Volksmund wird „Resilienz“ (oft bezüglich der Psyche) irgendwie mit „Widerstandsfähigkeit“ übersetzt. Und irgendwann in der Corona-Kampagne war der Ausdruck dann plötzlich allgegenwärtig, seither schallt er aus allen Kanälen, Politikermikrophonen und Zeitungsspalten – unsere „Multiplikatoren“ sind hingerissen von dem Wort. Aber was bedeutet es? Die Bundesakademie für Sicherheitspolitik beschreibt die „Unschärfen eines Schlüsselbegriffs“:

„Kaum ein Begriff hat in den vergangenen Jahren mehr Aufmerksamkeit unterschiedlichster Anwendungs- und Politikfelder gewonnen als jener der Resilienz. Ob Klimawandel, Epidemien, Terroranschläge, Cyber-Gefahren, soziale Ungleichheiten, Instablität der Finanzmärkte oder Energieversorgungssicherheit: Resilienz erscheint als der Schlüssel zur Bewältigung komplexester Herausforderungen. Doch ein genauerer Blick auf die sich intensivierende Debatte zu diesem Schlagwort zeigt, dass oft Uneinigkeit und Unklarheit darüber bestehen, was sich konkret hinter dem Begriff der Resilienz verbirgt.“

Hier einige willkürliche Beispiele unter zahllosen anderen für die aktuelle, großflächige und multi-thematische Nutzung des Begriffs: Bundeskanzler Scholz sagte etwa bereits 2020: „Schon in den vergangenen Jahren der Pandemie mit ihren wachsenden Lieferkettenproblemen haben wir das gelernt, und sie haben uns etwas gezeigt: Wir brauchen mehr Diversifizierung und größere Resilienz.“ Das Wirtschaftsministerium warb 2021 für einen „Deutschen Aufbau- und Resilienzplan“. Die Bundeswehr fragt unter der Überschrift „Resilienz: Was macht uns einsatzfähig“? Die Deutsche Bank meint: „Resilienz: Das Rezept für eine starke Wirtschaft“. Das Handelsblatt schreibt: „Stress im Job – Sieben Strategien, wie Sie Ihre Resilienz stärken können“. Die Berliner Volksbank erklärt: „Dank Resilienz gestärkt aus Krisen hervorgehen: ein verlockendes Ziel“.

Alltagshilfe mit den „Sieben Säulen der Resilienz“ beschreiben etwa der MDR oder die Stuttgarter Nachrichten, die das in der Sparte „Mind & Mentality“ tun. Auch in der Ausbildung sei Resilienz nun zentral, die Krankenkasse Barmer bietet Online-Seminare für Auszubildende mit dem Titel: „Resilienz in der Ausbildung – Umgang in Krisensituationen“. Auch die Kleinsten werden schon beglückt, so kündigte der Kinderkanal eine „preisgekrönte Animationsserie über Persönlichkeitsentwicklung und Resilienz“ an: „Odo – Kleine Eule ganz groß“. Laut dem Medium Der neue Kämmerer gilt auch in der Stadtentwicklung die „urbane Resilienz als Querschnittsaufgabe“: Das „Memorandum Urbane Resilienz“ weise Kommunen auf die Notwendigkeit hin, Risikovorsorge zu betreiben. Urbane Resilienz solle daher in Stadtstrategien verankert sein. Auf familie.de heißt es: „Resilienz fördern: Wie ihr eure Kinder stark fürs Leben macht“. Und auch laut der neuen Chefin der Bundeskulturstiftung ist „in der Dauerkrise“ in diesem Bereich selbstverständlich „Resilienz“ gefragt, wie Medien berichten.

Warum „Resilienz“?

Die Motivation für die massenhafte Nutzung ist bei diesem Begriff für mich etwas rätselhaft. Kritisch wird gegen den Ausdruck teils eingewandt, dass der Ruf nach der Stärkung der eigenen „Resilienz“ auch wieder „Selbstoptimierung“ sei und dadurch noch mehr Verantwortung auf den Einzelnen abgewälzt werde. Andererseits ist „Resilienz” kein politischer Kampfbegriff, mit dem Andersdenkende diffamiert werden sollen, wie etwa der Ausdruck „umstritten“, den Jens Berger kürzlich in diesem Artikel thematisiert hat. Das Wort „Resilienz“ trifft auch nicht direkt in den Konflikt um die Umdeutung der Begriffe „rechts“ und „links“.

Soll mit „Resilienz“ das Wort „Widerstand“ vermieden werden? Oder soll allgemein Verwirrung gestreut werden? Oder ist das nur eine eitle Marotte, ein Fall von vermeintlich exklusivem Jargon, der dem Nutzer zum einen ein gutes Gefühl der intellektuellen Überlegenheit verschafft, zum anderen seinen Vorgesetzten signalisiert, dass man bereit ist, sich solchen Sprachmoden zu unterwerfen? Kann das Wissen der massenhaften Nutzung durch Kollegen auch eine ideologische „Geborgenheit“ vermitteln?

Prinzipiell gefragt: Ist das plötzliche Aufkommen von dann exzessiv genutzten Modewörtern also „nur“ Folge eines peinlichen, aber eher zufälligen Herdentriebs unter Journalisten, „Zivilgesellschaft” und Politikern – oder steckt hinter der plötzlichen Verbreitung einzelner Begriffe mehr, also gezielte Propaganda? Ich vermute, beides kann der Fall sein: Es gibt sicher Akteure, die ihre Position in Nachrichtenagenturen oder einflussreichen Thinktanks nutzen, um Vokabeln einzuführen, von deren Verbreitung man sich Vorteile im Meinungskampf verspricht. Andererseits können diese Akteure fest auf den Opportunismus und den Herdentrieb vertrauen, dem sich zahlreiche einflussreiche Journalisten (geradezu mit Lust) unterwerfen. Darum reicht es meiner Vermutung nach oft aus, wenn Schlüssel-Akteure wie Nachrichtenagenturen/Think-Tanks/„Zivilgesellschaft” neue Begriffe nicht nur als „erlaubt“, sondern als neu und „cool“ einführen – die Eitelkeit vieler Journalisten und Politiker erledigt dann den Rest, denn manche Akteure fühlen sich mutmaßlich als Avantgarde, wenn sie mit den neuesten Vokabeln der eigenen „Wertegemeinschaft“ hantieren. Zusätzlich begeben sie sich damit unter den Schutzschirm der „abgesegneten“ Begriffe.

Vielleicht haben unsere Leser weitere Erklärungen für das Phänomen „Resilienz“ und für die Motivation, den Begriff zu nutzen?

„Resilienz“ und die Begriffsverwirrung

Das Aufkommen der Internet-Suche nach dem Begriff „Resilienz/Psychologie“ in den letzten zehn Jahren kann man in dieser Grafik bei Google-Trends verfolgen – hierbei geht es aber nicht um die Nutzung durch Journalisten, Politiker etc., sondern darum, wie häufig Nutzer nach dem Wort gesucht haben: Richtig los ging es im Januar 2019, ein erster Höhenflug erfolgte im März 2020, ein Höhepunkt war im April 2021 – seither ist der Begriff unser täglicher Begleiter.

Sucht man bei Wikipedia, wird man bei dem Begriff zunächst zu einer Auswahl unter zahlreichen Möglichkeiten aufgefordert: Resilienz (von lateinisch resilire „zurückspringen, abprallen“) steht demnach unter anderem für Resilienz (Psychologie), psychische Widerstandsfähigkeit:

„Der Begriff der Resilienz wurde in den 1950er Jahren vom US-amerikanischen Psychologen Jack Block (1924–2010) geprägt, der in einer (erst 1971 zum Abschluss gekommenen) Langzeitstudie zum ersten Mal die Resilienz bei Kleinkindern feststellte.“

Außerdem werden aufgezählt: Resilienz (Soziologie), Fähigkeit von Gesellschaften, externe Störungen zu verkraften. Resilienz (Ingenieurwissenschaften), Fähigkeit technischer Systeme, bei einem Teilausfall nicht vollständig zu versagen. Resilienz (Ökosystem), Fähigkeit eines Ökosystems, nach einer Störung zum Ausgangszustand zurückzukehren. Resilienz-Management, Resilienz (Zahnmedizin), Resilienz (Energiewirtschaft), Resilienz (Mathematik).

Die Definition des Dudens findet sich hier. Den Ursprung des Wortes sieht das Medium haufe.de in der Werkstoffkunde. Das Bundeswirtschaftsministerium meint unter anderem zu dem Begriff:

„Resilienz in Bezug auf den Klimawandel bedeutet zum Beispiel, dass der Mensch lernt, mit den Risiken und Folgen der globalen Erwärmung zu leben, sein Verhalten daran anzupassen und künftigen Krisen vorzubeugen. Nicht resiliente Menschen und Gesellschaften werden häufig als vulnerabel bezeichnet.“

Titelbild: Superstar / shutterstock.com


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