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Titel: Ein Gedankenexperiment über Verantwortung und Vergebung nach der Corona-Zeit
Datum: 30. August 2025 um 14:00 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Erosion der Demokratie, Gesundheitspolitik, Rezensionen, Wertedebatte
Verantwortlich: Redaktion
In seinem neuen Buch „Die fehlenden Worte“ bietet Thomas Bohnenberger (wenn auch fiktiv) genau das an, worauf viele Betroffenen der Corona-Maßnahmen immer noch vergeblich warten – eine ernst gemeinte Entschuldigung der Verantwortlichen. Eine Rezension von Martin Beck.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
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Es war Jens Spahn, der im April 2020 sagte: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Ich überlege mir noch heute, was mir Jens Spahn verzeihen könnte. Wahrscheinlich war ich auch gar nicht gemeint. So vertraulich spricht er nicht mit mir, und wofür sollte ich ihm jetzt genau verzeihen? Dieses vieles im Ungewissen lassende Eingeständnis wurde im Deutschen Bundestag ausgesprochen. Es war an Leute seiner Bedeutung, nicht an die Menschen im Lande, wie Helmut Kohl es formulieren würde, adressiert. Diese Aussage kam allerdings in den Medien gut an – so gut, dass Spahn sie als Titel für sein im Jahre 2022 erschienenes Buch wählte. Inhaltlich mehr eine Erzählung, eher eine Rechtfertigung denn eine Entschuldigung. Offensichtlich war dem Politiker selbst nicht ganz klar, wen, wofür und wie er um Verzeihung bitten sollte.
In einem Interview mit dem pro-medienmagazin.de im Dezember 2022 fiel Jens Spahn auf die Frage „Wen müssen Sie rückblickend um Verzeihung bitten?“ die Antwort ein: „Wenn ich diese Frage in Gruppen denke, dann auf jeden Fall Familien mit Kindern.“ Also irgendwas mit Familie? Doch es fehlten ihm wohl die Worte, um konkret die Bitte um Verzeihung an diese Gruppe zu formulieren. Vielmehr geriet er gegenüber dem christlichen Medienmagazin sehr ins Schwimmen, fast hätte ich ‚ins Schwurbeln‘ gesagt: „Beim Verzeihen geht es mir besonders um den, der verzeiht. Wichtig ist aus meiner Sicht eine Erbittlichkeit. Das Gegenteil wäre Unerbittlichkeit. Es geht natürlich darum, Fehler aufzuarbeiten und zu besprechen. Aber es geht nicht darum, Fehler wegzuwischen oder schönzureden. Die Bereitschaft des Verzeihens setzt im Übrigen auch das Wissen voraus, dass man selbst Fehler hätte machen können.“ Er scheint sich nicht so ganz im Klaren darüber, ob er nun der Verzeihende oder der um Verzeihung Bittende ist. Nun gut, wenn man „einander verzeiht“, dann macht es vielleicht schon Sinn: Ich verzeihe dir dieses, du verzeihst mir jenes.
So ernst kann es keiner der damals Regierenden, Entscheidenden, Beratenden und Medienschaffenden mit Spahns Ankündigung genommen haben. Von daher grenzte es an ein Wunder, wenn er sich jetzt, drei Jahre nach der Veröffentlichung von Spahns Buch und dem offiziell erklärten Ende der Pandemie ohne Wenn und Aber zu seiner Verantwortung bekennt: „Ich habe Angst verbreitet und Menschen unter Druck gesetzt.“ So heißt es in dem Buch von Thorsten Bohnenberger.
Um Jens Spahn zu einer solchen Erklärung zu bringen, bedurfte es nicht kritischer Journalisten, nicht hartnäckigen Nachfragens, nicht des Insistierens. Es bedurfte eines Menschen, der tief betroffen war: „Ich selbst stand während der Corona-Zeit auf der Seite der Maßnahmenkritiker. Ich habe erlebt, wie es ist, verachtet, verlacht, gemieden und angefeindet zu werden – nur weil ich Fragen stellte oder eine andere Einschätzung hatte.“
So Thorsten Bohnenberger, studierter und promovierter Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler, der es geschafft hat, verantwortliche Politiker, Wissenschaftlerinnen und Medienschaffende zu nachdenklichen, einfühlsamen und reuevollen Erklärungen anzuhalten. Dank der künstlichen Intelligenz, unter interaktiver Mithilfe von ChatGPT.
Um es vorwegzunehmen: Das Buch der beiden (Bohnenberger und ChatGPT) erinnert mich an die „Feuerzangenbowle“, den meisten bekannt, weil sie die Verfilmung mit Hans Rühmann in der Hauptrolle im jährlichen Ritual zu Weihnachten oder Silvester im Fernsehen erleben dürfen: Am Ende seiner Erzählung deckt der Autor Heinrich Spoerl auf, dass es weder den Protagonisten noch den Ort der Erzählung noch die Handlung in Wirklichkeit gab. Die Geschichte ist „von A bis Z erlogen. Frei erfunden wie alle Geschichten.“ „Wahr“, schreibt Spoerl, „sind die Erinnerungen, die wir mit uns tragen; die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben.“
Wahr ist am Buch von Thorsten Bohnenberger, dass es geschrieben ist aus der Sehnsucht nach Versöhnung. Mit ChatGPT spinnt er an den Darlegungen und Entschuldigungen der Politiker, er ruft nochmals all die Maßnahmen in Erinnerung, welche oft genug Freiheitsrechte einschränkten, deren Begründungen, die mediale Begleitung, die in bestimmten Phasen zur Hetze wurde. In Bohnenbergers Buch erwachsen den Verantwortlichen und den Entscheidungsträgern Empathie für die andere Seite und Einsicht in die eigenen Fehler.
Wahr ist für einen nicht unwesentlichen Teil unserer Bevölkerung, dass sie Verletzungen ertragen hat, sie nicht aussprechen konnte oder wollte. Wahr sind unbegreifliche Maßnahmen wie das Sperren von Kinderspielplätzen und Sitzbänken. Wahr sind die Schuldzuweisungen wegen der Pandemie an sogenannte Ungeimpfte, zu denen man auch mich zählte, obwohl ich doch gegen alles Mögliche geimpft bin, sogar gegen Tollwut, nur nicht mit BioNTech. Wahr ist, dass ich mich als Sozialdemokrat von der Co-Vorsitzenden der SPD Saskia Esken, die ich bei der Urwahl gewählt hatte, als „Covidiot“ beschimpft und diffamiert sah. Nachdem Olaf Scholz entgegen seiner Versprechungen als Bundeskanzler für die Impfpflicht eintrat, trat ich nach 50 Jahren SPD-Mitgliedschaft aus.
Wie würde ich mich freuen, wenn Saskia Esken erklärte (im Buch S. 44 ff.): „Während der Corona-Pandemie hatte ich (…) die Möglichkeit, den gesellschaftlichen Dialog zwischen den Menschen zu fördern und zu verhindern, dass sich Gräben in unserer Gesellschaft vertiefen (…). Ich habe früh in der Pandemie den Begriff ‚Covidioten‘ in die öffentliche Debatte eingeführt. Mit dieser abwertenden Bezeichnung habe ich pauschal Menschen herabgewürdigt, die Fragen zu den Corona-Maßnahmen stellten oder die Verhältnismäßigkeit der Beschränkungen hinterfragten.“ Wie glaubwürdig wäre es, wenn sie erklärte: „Ich entschuldige mich bei den Menschen, die durch den Begriff ‚Covidioten‘ stigmatisiert wurden und das Gefühl hatten, nicht mehr zur Gesellschaft zu gehören. Ich entschuldige mich bei denjenigen, die durch meine Unterstützung für harte Maßnahmen wirtschaftliche oder psychische Schäden erlitten haben.“ Immerhin müsste ich den guten Willen einräumen, die Bereitschaft, auf die „anderen“ zuzugehen.
Was alles habe ich schon vergessen und wen, wenn ich von meiner eigenen Betroffenheit absehe? Das Buch der Entschuldigungen ruft zwei harte Jahre bis ins Detail in Erinnerung. Manche Fakten sind bekannt, manche neu. Den Entschuldigungen gehen diese Darlegungen zu den Handlungen der Betroffenen voran.
Insgesamt finden sich in diesem Buch auf 288 Seiten 52 ausführliche und begründete Entschuldigungen. Die Texte sind leicht lesbar. Alle folgen einer einheitlichen Gliederung. Die betroffenen Personen oder Gruppen stellen sich vor. Sie benennen ihren Anteil an den Maßnahmen in ihrer jeweiligen Funktion, ob als Berater, Entscheidungsträger, in der Umsetzung oder in der medialen Begleitung. Es wird die Wirkung und die eigene Verantwortung reflektiert, darauf die Entschuldigung formuliert. Ein persönliches Fazit verweist auf Folgerungen für zukünftiges Handeln.
Hier seien nur einige Kapitel aufgeführt: Es stehen zu ihrer Verantwortung in der Corona-Zeit neben Jens Spahn auch Angela Merkel „Ich habe Grundrechte eingeschränkt und den Rechtsstaat beschädigt“, Horst Seehofer „Ich habe die Bevölkerung durch Angst manipuliert und unqualifizierte Berater eingesetzt“, Olaf Scholz „Ich habe meine Überzeugungen dem politischen Kalkül untergeordnet“, Winfried Kretschmann „Ich habe die Demokratie durch autoritäres Handeln beschädigt“, Ursula von der Leyen „Ich habe mein Amt für intransparente Entscheidungen missbraucht“.
Selbstverständlich erfasst die Fantasie von ChatGPT und Bohnenberger auch die real existierende wissenschaftliche Begleitung und die Beratungsinstanzen der Politik, z.B. Alena Buyx, Lothar Wieler, Christian Drosten. Neben Medienschaffenden wie Tom Buhrow, Patricia Schlesinger und Christine Strobl („Wir haben unsere journalistische Verantwortung verraten“) gestehen mit Sarah Frühauf und Nikolaus Blome weitere Journalistinnen und Journalisten ihre Beiträge während der Pandemie als spaltend oder diffamierend ein.
Buchautor Bohnenberger und Co-Autor ChatGPT machen nicht Halt an deutschen Grenzen: Christine Lagarde, Emmanuel Macron, Karl Nehammer, Justin Trudeau, Donald Trump, Joe Biden, Anthony Fauci, Bill Gates haben gute Gründe, um Verzeihung für ihr Handeln während der Pandemie zu bitten.
Doch auch ganze Gruppen wie zum Beispiel die Richter, die Polizeiführung, die Kirchenvertreter, Krankenhausdirektoren, niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, Gewerkschaften und Berufsverbände, Bildungsministerien, Schulleitungen und Lehrer kommen mit Selbstkritik zu Wort.
Es ist spannend, zu lesen, was denn fiktiv bereut wird, wie die Verantwortlichen um Verzeihung bitten, die „fehlenden Worte“ finden. Alles bleibt jedoch in der Sphäre der Fiktion. Wahr ist nur, was Thorsten Bohnenberger selbst im Kapitel 52 für die Maßnahmenkritiker formuliert: „Liebe Mitmenschen, die ihr auf der anderen Seite standet, (…) Wir möchten euch sagen: Auch wir haben Fehler gemacht (…). Wir entschuldigen uns dafür, dass wir nicht immer die Ruhe und Geduld hatten (…). Wir entschuldigen uns für unsere scharfen Worte, unsere Verachtung, unsere Wut – auch wenn sie aus tiefem Schmerz kam.“ Letztlich steckt also in dem Illusionisten Thorsten Bohnenberger vielleicht doch ein sozialdemokratischer Kern? Versöhnen statt Spalten? „Am Ende wollen wir nicht Recht behalten. Wir wollen nicht triumphieren. Wir wollen wieder einander in die Augen sehen können.“
Hier will ich nochmals auf Jens Spahn zurückkommen, nicht weil der fiktive Jens Spahn die „Maskenaffäre“ des real existierenden Jens Spahn verschweigt und ich damit sagen möchte, wie ähnlich doch die beiden Spahns sind und wie gut ChatGPT sich in reale Personen eindenken kann; sondern weil Jens Spahn im Vorwort (S. 13) seines schon erwähnten Buches pathetisch übertreibt: „Ich glaube an die Kraft der demokratischen Debatte. Demokratien lernen aus ihren Fehlern und passen ihr Handeln immer wieder der neuen Realität an. Das macht sie stark. Autokratien sind dazu nicht in der Lage.“ All die unkritischen Ehrungen von Verantwortlichen aus der Covid-Zeit lassen doch an der Stärke unserer Demokratie zweifeln. Das Gedankenexperiment „Die fehlenden Worte“ zeigt – vielleicht ungewollt – diese Differenz auf.
Thorsten Bohnenberger: Die fehlenden Worte. Ein Gedankenexperiment über Verantwortung, Vergebung und gesellschaftlichen Frieden nach der Corona-Zeit. Berlin 2025, epubli (Selbstverlag), Taschenbuch, 288 Seiten, ISBN 9783819075315, 14 Euro.
Titelbild: PeopleImages.com – Yuri A
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