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Titel: Das Sicherheitsdilemma: Polens neuer Kurs in der Militärpolitik

Datum: 12. Februar 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Aufrüstung, Länderberichte
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In der Weltordnung wehen neue, stürmische Winde des Wandels. Die Wirksamkeit des NATO-Sicherheitsschirms nach Artikel 5 erweist sich angesichts dieses geopolitischen Unwetters zunehmend als fragwürdig. Staaten, die sich bisher auf die unerschütterliche euroatlantische Einheit verließen, forcieren nun den Ausbau ihrer eigenen Verteidigungsfähigkeit. Den letzten Anstoß für diese Entscheidung gab Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos: Dort wiederholte der US-Präsident ultimativ seine „kleine Bitte“ um ein „Stück Eis“ (Grönland) und verspottete die europäischen Staaten, die ihn kaum daran hindern könnten, seine Wünsche durchzusetzen. Ein Beitrag des russischen Politologen Igor Schukowski, aus dem Russischen übersetzt von Éva Péli.

Washingtons öffentliche Auftritte zu „europäischen Angelegenheiten“ stiften in Polens Polit-Eliten bereits seit einem Jahr Unruhe. Diese Unsicherheit verzögerte die Verabschiedung der Nationalen Sicherheitsstrategie und des Programms zur Entwicklung der Streitkräfte für die nächsten 15 Jahre. Die Unberechenbarkeit der globalen Windrose zwang die polnische Führung dazu, über die Prinzipien und Mittel der eigenen Sicherheit neu nachzudenken. Während man öffentlich weiterhin die Notwendigkeit der euroatlantischen Einheit beschwört, handelt man faktisch nach dem Prinzip: „Die Rettung Ertrinkender ist das Werk der Ertrinkenden selbst.“

Rüstung hinter verschlossenen Türen

Die Verabschiedung der Nationalen Sicherheitsstrategie verzögert sich weiter: Die Regierung legte im Juli einen Entwurf vor, doch das dem Präsidenten unterstellte Büro für Nationale Sicherheit (BBN) blockiert das Dokument bisher mit immer neuen Anmerkungen. Dafür brachte man Ende 2025 das „Programm zur Entwicklung der Streitkräfte“ unter Dach und Fach, das als Instrument zur Umsetzung des Gesetzes über die nationale Verteidigung dient. Eine Parlamentskommission segnete das Papier in geheimer Sitzung einstimmig ab; anschließend unterzeichnete es Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz. Auf dieser Basis entsteht nun der detaillierte Plan zur technischen Modernisierung der Armee – ein konkreter Plan für den Einkauf von Technologien und Waffen bei nationalen und internationalen Lieferanten.

Details über operative Fähigkeiten, Investitionen in Rüstungsprogramme, internationale Zusammenarbeit, Infrastruktur und Mobilisierungspläne unterliegen der Geheimhaltung. Doch die strategischen Kernaufgaben diskutierten Politik und Medien bereits öffentlich. Der polnische Generalstab veröffentlichte zudem kürzlich eine knappe Mitteilung über die Hauptziele, hielt sich aber mit Einzelheiten zurück.

Wer die Prioritäten dieses Programms analysiert, erkennt das Weltbild der polnischen Führung und versteht, auf welchen Krieg sie sich vorbereitet. Über den potenziellen Gegner muss man nicht spekulieren: In offiziellen Dokumenten und Reden bezeichnet Warschau Russland explizit als feindlichen Staat, der die Sicherheit und „Freiheit“ Polens bedroht – sei es durch „unterschwellige“ Aktionen (unterhalb der Schwelle eines offenen Angriffs), Sabotage oder eine vermeintlich unvermeidliche militärische Aggression.

Hightech gegen die zahlenmäßige Überlegenheit

Das Programm setzt auf das Prinzip „Qualität multipliziert mit Quantität“. Polens Militär will Russlands zahlenmäßige Überlegenheit durch effizientere Führungsprozesse sowie eine bessere Ausbildung und Ausrüstung der Soldaten kompensieren. Bis 2039 soll die Stärke der Streitkräfte auf 500.000 Personen anwachsen, wovon 200.000 Reservisten sein werden. Hierbei sticht eine neue Kategorie hervor: Reserven mit hoher Einsatzbereitschaft, die sich binnen kürzester Zeit in die aktiven Einheiten eingliedern lassen.

Unter direktem Verweis auf die Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg plant Warschau einen radikalen Ausbau der Luft- und Raketenabwehr. Zudem will man die Überlebensfähigkeit der Einheiten auf dem Schlachtfeld erhöhen, indem man sie massiv mit Drohnen und Systemen zur elektronischen Kampfführung ausstattet. Auch der Schutz kritischer Infrastruktur sowie neue Ansätze bei Versorgung, Mobilität und Logistik stehen im Fokus. Der Generalstab erwähnt zudem explizit Künstliche Intelligenz (KI), deren Integration in Analyse und Gefechtsführung nun Realität wird. Zusammen mit der Digitalisierung strebt man eine totale Lageaufklärung bis auf die unterste taktische Ebene an – mittels Echtzeitdaten, digitaler Geländemodelle und vernetzter Waffensysteme.

Von der Defensive zur offensiven Abschreckung

Neben Land, Luft und Wasser bereitet sich Polen technisch auf Operationen im Cyberspace, im elektromagnetischen Feld, im Informationsraum (psychologische Operationen) und im Weltraum vor. Letzteres ist keine ferne Zukunftsmusik: Die polnische Armee verfügt bereits über eine eigene Gruppe von Aufklärungssatelliten, die von der neu geschaffenen Agentur für geowissenschaftliche Forschung und Satellitendienste gesteuert wird.

Besonders brisant: Aus Militärkreisen sickerte ein Programm für Raketenwaffen mit großer Reichweite durch. Polen nutzt hierfür den Weltmarkt, setzt aber auch auf eigene Entwicklungen. Berichten zufolge rekrutieren polnische Rüstungsbetriebe seit Kriegsbeginn systematisch ukrainische Ingenieure und Konstrukteure, um technologische Lücken in der Raketentechnik zu schließen.

Die Analyse der Programme und Käufe lässt nur einen Schluss zu: Polen bereitet sich auf ein Szenario vor, in dem es sich allein auf seine eigene Armee verlassen muss. Ein Sieg gegen Russland bedeutet für den polnischen Generalstab eine erfolgreiche Verteidigungsoperation, sofern Moskau durch die Drohung mit massiven Schlägen gegen militärische Objekte und kritische Infrastruktur tief im russischen Hinterland abgeschreckt wird. Dennoch verleihen die neuen Waffen – insbesondere die bestellten F-35A Lightning II sowie die vorhandenen F-16 und FA-50 – der Armee ein erhebliches Offensivpotenzial. Primäre Ziele wären hierbei das Gebiet Kaliningrad sowie das Territorium von Belarus, das Warschau militärstrategisch als Einheit mit Russland betrachtet. Die Luftwaffe soll die Luftherrschaft sichern und Präzisionsschläge in der strategischen Tiefe garantieren.

Warschau rüstet massiv auf und ignoriert dabei jegliche russische Erklärung, keinen Konflikt zu suchen. Man ist überzeugt, dass diese Maßnahmen der Sicherheit dienen. Doch schon Studenten der internationalen Beziehungen kennen das „Sicherheitsdilemma“: Wenn vermeintlich defensive Anstrengungen vom Nachbarn als Aggression wahrgenommen werden, setzt dies eine Eskalationsspirale in Gang. Sollte Warschau diesen Kurs beibehalten, könnte sich der stürmische Wandel der Geopolitik letztlich gegen Polen selbst kehren.

Über den Autor: Igor Schukowski ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gruppe für komplexe Studien der Baltischen Region am Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften (IMÉMO RAN).

Der Beitrag ist auf Russisch auf dem Portal Profile.ru erschienen.

Titelbild: Markus Mainka / Shutterstock


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