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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Ulrikes Welt
Datum: 15. April 2026 um 13:56 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, Denkfehler Wirtschaftsdebatte, Rezensionen, Wirtschaftspolitik und Konjunktur
Verantwortlich: Jens Berger
Lang, lang ist es her. Wir schreiben die frühen 2010er-Jahre und die taz-Journalistin Ulrike Herrmann schrieb noch kluge Artikel und interessante Bücher. Schreiben kann sie ja und sie schaffte es damals tatsächlich, komplexe volkswirtschaftliche Themen gut zu erklären und die richtigen, kritischen Fragen zu stellen. Doch diese Ulrike Herrmann gibt es leider nicht mehr. Ihr aktuelles Buch „Geld als Waffe“ ist das schlechteste Buch, dass ich je zu lesen versucht habe, und es zeigt unfreiwillig den Verfall eines ehemals „linken“ Journalismus, der heute seinen Frieden mit der Macht gemacht hat und nun besonders laut mit den Wölfen heult. Von Jens Berger.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
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Ja, zu meinem Job gehört auch ein nicht immer gesunder Masochismus. Schließlich sollte man die oft fürchterlichen Artikel und Bücher, über die man hier kritisch schreibt, ja zumindest selbst gelesen haben. Ich gestehe – bei diesem Buch bin ich an mir selbst gescheitert und musste irgendwann die intellektuelle Notbremse ziehen.
Ganz ehrlich: Ich habe in meinem Leben viel Unsinn gelesen, aber Herrmanns neues Buch toppt alles. Es ist von vorn bis hinten voller Widersprüche und wiederholt größtenteils nur das, was wir von den Majormasalaneitzelmünklern tagein, tagaus ohnehin hören: Russland ist doof, China ist böse, Deutschland muss wieder kriegstüchtig werden, dann kann die Welt auch endlich wieder am deutschen Wesen genesen. Das ist schlimm.
Schlimmer ist – zumindest für mich – jedoch, dass die im Kern ja nicht dumme Wirtschaftsjournalistin Herrmann nun versucht, den wiedergeborenen Militarismus auf eine skurrile Art und Weise auch ökonomisch zu unterfüttern.
Und das geht so: Russland und China seien – so Herrmann – quasi zum Kriegsführen gezwungen. Und das aus ökonomischen Gründen. Bei Russland seien es die unter dem Strich zu geringen, bei China die zu hohen Investitionen. Das klingt widersprüchlich? Ist es auch. Aber der Reihe nach.
Im Russland-Kapitel zeichnet Herrmann eine historische Linie von der Mongolenherrschaft über Zarismus und Sowjetunion bis zu Putin: autokratisch, industriell unterentwickelt, imperial. Ökonomisch habe Russland sich spätestens durch den Ukrainekrieg dann auch noch in eine Sackgasse manövriert. Das Land habe nun voll auf Kriegswirtschaft geschaltet, was den zivilen Sektoren Investitionen und Arbeitskräfte entziehe. Dies sei dann auch – so liest man zwischen den Zeilen – der wahre Grund, warum Russland kein Interesse an einem Frieden haben kann und gezwungen ist, so lange Krieg zu führen, wie es sich diese Kriege leisten kann. Denn ohne Krieg und Kriegswirtschaft sei die Volkswirtschaft dem Untergang geweiht und eine große Wirtschaftskrise unausweichlich. Warum? Weil der militärisch-industrielle Sektor nicht so einfach auf eine zivile Produktion umstellen könnte.
Als historische Anleihe bedient Herrmann sich hier beim Großbritannien der Nachkriegszeit. Selbst der große Kriegsgewinner Churchill sei bekanntermaßen abgewählt worden, weil nach dem gewonnenen Krieg die Transformation von Kriegs- auf Friedenswirtschaft nicht gelang. Mei o mei. Kein Wort davon, dass Großbritannien ökonomisch auch und vor allem unter der massiven Auslandsverschuldung, dem Verlust des Empires und den horrenden Kriegsschäden litt. Kein Wort davon, dass bei einer anderen Siegermacht, den USA, die Transformation ungemein erfolgreich vonstatten ging. Warum Russland durch seinen großen militärischen Wirtschaftssektor zum ewigen Krieg gezwungen sein sollte, leuchtet nicht ein und Herrmann liefert auch kein Argument, diese kühne These zu untermauern.
Zurzeit werde Russland von China ausgeplündert. So kämen beispielsweise heute fast alle Autos, die in Russland verkauft werden, aus China. Ei der Daus! Vorher kamen sie aus Europa. Hat Europa dann Russland etwa auch ausgeplündert? Die Wirtschaft Russlands habe laut Herrmann auch „keinen Markt“, nur „China und ein paar zentralasiatische Länder dazwischen“. Von BRICS hat sie offenbar noch nie etwas gehört und dass alleine der asiatische Markt mit kaufkraftbereinigten 50 Prozent des weltweiten BIPs und 60 Prozent des gesamten Weltwirtschaftswachstums um ein Vielfaches größer als der im Vergleich dazu „popelige“ deutsche Markt ist, scheint auch an ihr vorbeigegangen zu sein.
Aber zurück zu Russland. Neben dem Krieg sei die russische Volkswirtschaft vor allem auf den Konsum fixiert. Der breche jedoch immer weiter weg, da die Reallöhne sänken. Klar, wenig Investitionen, zu viel Konsum … da bleibt nichts übrig, außer die NATO zu überfallen. Warum? Ganz ehrlich, ich weiß es auch nicht. Das macht alles keinen Sinn.
Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich nicht jeden dieser unsinnigen Sätze nun einzeln kommentiere. Nur so viel: Die Reallöhne in Russland sinken natürlich nicht, sondern sie steigen, und so lange das Land durch Rohstoffexporte hohe Einnahmen hat, ist es sicher auch nicht von Nachteil, viele Güter zu importieren. Dass dies selbstverständlich auch Probleme für die Konkurrenzfähigkeit der eigenen Wirtschaft mit sich bringt, ist unstrittig und auch in Russland durchaus bekannt. Interessanterweise hat Russlands Wirtschaft ja durch die Sanktionen des Westens hier sogar unfreiwillige Entwicklungshilfe bekommen, mussten doch zahlreiche ehemalige Importe durch eigene Produkte substituiert werden. Aber darum soll es hier ja gar nicht gehen und darum geht es Ulrike Herrmann ja auch nicht. Ihr geht es darum, einen Kriegszwang aus volkswirtschaftlichen Motiven zu konstruieren, und das ist und bleibt ziemlicher Unsinn.
Es ist zwar nicht leicht, aber im China-Kapitel übertrifft sich die Autorin in Sachen Unsinn sogar noch selbst. Hier geht das Herrmann’sche Schema folgendermaßen: Produktivitätsrückgang, Immobilienkrise, Jugendarbeitslosigkeit, Xi in der „Sackgasse“. Der letzte Ausweg: Ein Angriff auf Taiwan zur Ablenkung von inneren Widersprüchen. Was für ein gigantischer Unfug.
Es ist noch gar nicht so lange her, da verdingte Ulrike Herrmann sich vor allem als Wachstumskritikerin – dass auch das Wirtschaftswachstum sich naturgemäß mit steigendem Entwicklungsstand einer Volkswirtschaft abschwächt, sollte ihr also bekannt sein. Und natürlich hat China dabei einen Weg eingeschlagen, der Risiken birgt. Ob nun jede staatliche Investition wirklich sinnvoll war, darf selbstverständlich bezweifelt werden. Herrmann tut aber gerade so, als habe China in den letzten Jahrzehnten das ganze schöne Geld einfach aus dem Fenster geschmissen und eine Investitionsblase gefüttert, die nun platzen wird.
Russland habe zu wenig, China zu viel investiert. Die Krise kommt und was tut ein „Diktator“ – so beschreibt sie allen Ernstes Xi Jinping – wenn die Wirtschaft schwächelt? Na klar, er überfällt seinen Nachbarn. Was auch sonst? Um das Volk abzulenken, denn seit den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Jahre 1989 sei es nur das Wachstumsversprechen, das die chinesische Gesellschaft zusammenhalte.
Man kann Frau Herrmann nur dringend empfehlen, sich einmal näher mit China zu beschäftigten und – sollten es die reichlich fließenden Vortragshonorare hergeben – sich das Land auch einmal anzuschauen. Mir scheint, als habe sie ihr China-Bild nur aus der taz und das ist natürlich problematisch.
Selbstverständlich hat auch China strukturelle Probleme. Auch das ist unstrittig. Ja, der Binnenkonsum ist zu niedrig – das ist kein Wunder, befindet sich das Land ja immer noch in der Transformation von der auf Export ausgerichteten Fabrik der Welt mit eher niedrigen Löhnen zu einer modernen Volkswirtschaft mit starker Binnennachfrage. Ja, der Bausektor ist überhitzt, es gibt demographische Probleme, der Arbeitsmarkt ist schwach, die Sparquote viel zu hoch. All das ist auch der chinesischen Politik bekannt, die von der chinesischen Volkswirtschaft endlos mehr versteht als Ulrike Herrmann. Sicher ist der chinesischen Politik, anders als Ulrike Herrmann, aber auch bekannt, dass ein Krieg gegen Taiwan kein einziges dieser strukturellen Probleme lösen könnte. Und der Leser bleibt – wenn er es überhaupt bis dahin durchgehalten hat – vollkommen ratlos zurück.
Im dritten und letzten Kapitel geht es dann endlich um uns. Und dreimal dürfen Sie raten, welche Handlungsempfehlungen Ulrike Herrmann Deutschland aufgrund der beiden ihrer Meinung nach zum Krieg gezwungenen Mächte Russland und China gibt: Aufrüsten! 3,5 Prozent des BIPs sollten es schon sein. Anders als in Russland scheint der deutsche Rüstungssektor ja offenbar produktiv zu sein und anders als in Russland scheint es hierzulande ja auch nicht nötig zu sein, die zivile Volkswirtschaft zu stärken.
Anstatt die eigentlich naheliegende Schlussfolgerung zu ziehen – dass eine Spirale der Militarisierung Ressourcen bindet, die für Herrmanns frühere Lieblingsthemen Klimaschutz, Soziales und echte wirtschaftliche Resilienz fehlen –, dreht sie einfach den Spieß um und aus der Kriegsgefahr wird die „Rettung“ der EU: Gemeinsame „Defense Bonds“ in Höhe von 150 Milliarden Euro, gemeinsame Beschaffung, ein „echter europäischer Staat“ durch Rüstung. Früher wollte sie Europa übrigens noch durch den „Green New Deal“ zusammenschweißen, heute ist es der olivgrüne Deal. Die Kriegswirtschaft als Integrationsmotor! Das ist nicht nur ökonomisch dumm, das ist zynisch. Herrmann, die in ihrem letzten Buch noch vor den Grenzen des Wachstums warnte, feiert nun Milliardenausgaben für zerstörerische Güter als Fortschritt. Es ist wahrlich zum Haare Raufen!
Statt die multipolare Realität anzuerkennen – Russland und China als Gegengewichte zu einer unipolaren US-Ordnung, die selbst imperial agiert –, reproduziert sie die atlantische Erzählung. NATO-Osterweiterung? Minsker Abkommen? Nord-Stream-Sabotage? Energiepreisexplosion durch eigene Sanktionspolitik? Fehlanzeige. Stattdessen Russland-Bashing und China-Bashing im Überfluss. Das ist kein Fortschritt gegenüber den üblichen Springer- oder FAZ-Kommentaren, das ist deren „linksliberale“ Verpackung.
Nun wird sich der eine oder andere Leser fragen, was in Ulrike Herrmann gefahren ist. Glaubt sie wirklich, was sie da schreibt? Unwahrscheinlich. Gegenfrage: Erhält man heute Einladungen in Talkshows oder für Podiumsdiskussionen, wenn man progressive Sachen sagt und für den Frieden eintritt? Kriegt man einen Buchvertrag bei Kiepenheuer & Witsch und landet in der Bestsellerliste, wenn man sich kritisch und ernsthaft mit der neuen Kriegsgeilheit unserer Gesellschaft auseinandersetzt? So gesehen hat Ulrike Herrmann alles richtig gemacht.
Titelbild: Screenshot YouTube Missverstehen Sie mich richtig
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