Es ist kontraproduktiv, Wachstum zu verteufeln – auch und gerade im Rahmen der Klimadebatte
Es ist kontraproduktiv, Wachstum zu verteufeln – auch und gerade im Rahmen der Klimadebatte

Es ist kontraproduktiv, Wachstum zu verteufeln – auch und gerade im Rahmen der Klimadebatte

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Am 20. September lud der Westend Verlag zu einer hochkarätigen Diskussionsrunde – Heiner Flassbeck, Ulrike Herrmann und Moshe Zuckermann diskutierten in Frankfurt unter dem Motto „Den Kapitalismus gibt es nicht“ vor allem zur Frage, ob und wie unser Wirtschaftssystem im Rahmen der aktuellen Klimadebatte reformierbar ist. Der wohl strittigste Punkt der spannenden Debatte war dabei der offene Disput zwischen Flassbeck und Herrmann, ob ein auf Wachstum angelegtes Wirtschaftssystem den Herausforderungen der Zukunft überhaupt gerecht werden kann. Ulrike Herrmann vertrat dabei die Position der „Postwachstumsökonomik“, die einen Zielkonflikt zwischen Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit ausgemacht hat – ein Denkfehler, der die wichtige Debatte unnötig auf eine unproduktive Fährte bringt. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


“Den Kapitalismus” gibt es nicht -Diskussion mit Ulrike Herrmann, Heiner Flassbeck, Moshe Zuckermann


“Den Kapitalismus” gibt es nicht – Zuschauerfragen an das Podium

Auf die Frage „Was ist eigentlich der Kapitalismus“, die ebenfalls von Denkfehlern gespickt ist, wird Albrecht Müller demnächst in einem eigenen Artikel eingehen.

Wachstum und Nachhaltigkeit als Zielkonflikt zu interpretieren, ist oberflächlich betrachtet sicherlich verständlich. Schließlich wird der Begriff „Wachstum“ umgangssprachlich oft schlicht mit „Immer mehr vom Gleichen“ verstanden. Insbesondere im Zusammenhang mit der Umwelt- und Klimadebatte und der Prämisse, dass nicht regenerative Rohstoffe endlich sind, ist das natürlich problematisch. Dies drückt sich in der von Ulrike Herrmann gleich mehrfach in der Debatte benutzten Metapher aus, die Menschheit habe bereits „drei Erden“ verbraucht, wenn es so weiter ginge, wären es bald „sechs Erden“. Was oberflächlich intuitiv erscheint, hat jedoch mit der ökonomischen Definition von Wachstum erstaunlich wenig zu tun und muss daher bei einer Debatte über ökonomische Fragen zwangsläufig in eine Sackgasse führen.

Ökonomisch betrachtet ist Wachstum schlicht die Zunahme der Wirtschaftsleistung in einem bestimmten Zeitraum. Als Wirtschaftsleistung wird dabei der Gesamtwert aller Güter und Dienstleistungen verstanden, die während dieses Zeitraums hergestellt bzw. erbracht wurden. Einen wie auch immer gearteten direkten Zusammenhang mit einem Mehrverbrauch nicht regenerativer Rohstoffe gibt es nicht. Wachstum kann quantitativ oder qualitativ, materiell oder immateriell sein. Je fortschrittlicher eine Volkswirtschaft ist, desto geringer ist in der Regel auch der Rohstoff- oder Ressourceneinsatz, der indirekt mit dem Wirtschaftswachstum einhergeht. Wachstum einfach nur mit Mehrverbrauch gleichzusetzen, ist ein kardinaler Denkfehler, der die Debatte letzten Endes nur blockiert. Was gerne unterschlagen wird: Die mit Abstand wichtigsten Ressourcen für ein Wirtschaftswachstum sind Kreativität und Innovation. Und auf die Idee, Kreativität und Innovation als negativ zu betrachten, muss man erst einmal kommen.

Doch dies ist nicht der einzige Denkfehler der „Postwachstumsökonomie“. Lesen Sie dazu bitte die den umfassenden Artikel „Wachstumswahn, Wachstumszwang, Postwachstumsgesellschaft – eine irrelevante und in die Irre leitende Debatte“ von Albrecht Müller.

Wachstum != Ressourcenverbrauch

Aktuell trägt der Dienstleistungsbereich hierzulande mit 68,2% zum Bruttoinlandsprodukt bei. Das Produzierende Gewerbe macht nur noch rund ein Viertel (25,8%) der Bruttowertschöpfung aus. Das heißt im Umkehrschluss, dass in der deutschen Volkswirtschaft drei Viertel der für das Wirtschaftswachstum relevanten Aktivitäten ohnehin nicht direkt mit einem Ressourcenverbrauch oder -gebrauch in Verbindung stehen. Natürlich agiert auch der Dienstleistungsbereich nicht im luftleeren Raum. Aber selbst überzeugten Postwachstumsideologen dürfte es nicht gelingen, einen kausalen Zusammenhang zwischen den wirtschaftlichen Entwicklungen von Bildungsträgern, Altenheimen, Gastronomiebetrieben, Werbeagenturen oder Medienkonzernen mit einem – vielleicht sogar linearen – Mehrverbrauch an endlichen Ressourcen herzustellen.

Wenn mehr Lehrer und Dozenten einstellt werden, erzeugt dies Wachstum. Wenn der Personalschlüssel in der Kranken- und Altenpflege verbessert und dadurch die Pflege gestärkt wird, erzeugt dies Wachstum. Wenn mehr Menschen einen Musikdienst wie Spotify abonnieren, ins Kino gehen, sich ein Computerspiel kaufen oder ins Restaurant gehen, erzeugt dies Wachstum. Dieses Wachstum hat aber nichts mit einem direkten – und nur sehr, sehr wenig mit einem indirekten[*] – Mehrverbrauch an Ressourcen zu tun.

Der mit Abstand größte volkswirtschaftliche Sektor, der auch den mit Abstand größten Teil zum Wachstum beiträgt, hat also im weitesten Sinne gar nichts mit einem wie auch immer gearteten Ressourcenverbrauch zu tun. Alleine schon deshalb ist die pauschale Aussage, Wachstum und Ressourcenverbrauch seien – womöglich gar linear – gekoppelt, schlicht Unsinn.

Ein wenig komplexer stellt sich der Zusammenhang im Produktionssektor dar. Aber auch hier gibt es natürlich keinen direkten Zusammenhang zwischen der Wertschöpfung und dem Verbrauch von Ressourcen. Ob man beispielsweise eine Tonne Papier nun aus Holz oder im Recyclingverfahren aus Altpapier herstellt, spielt für die Bemessung der Wertschöpfung erst einmal keine Rolle. Dankenswerterweise erinnert Heiner Flassbeck in seinen Beiträgen zur Diskussion an die zentrale Stellschraube für den Prozess, der in der Debatte als „Entkopplung“ beschrieben wird: Den Preis.

Der Preis ist die entscheidende Stellschraube

Bei hochpreisigen Rohstoffen wie Gold, Platin oder auch Kupfer haben wir schon heute eine sehr hohe Recyclinghöhe. Ganz einfach, weil es effizienter und damit produktiver ist, diese Rohstoffe in einem Kreislauf zu nutzen, als sie linear aus der Erde zu holen, aufzuarbeiten und dann nach der Nutzung zu entsorgen. Die Kreislaufwirtschaft steigert in diesen Fällen also die Wertschöpfung und trägt damit zum Wachstum bei. Wer will, dass mehr Rohstoffe in der Erde bleiben, muss also über die Preisschraube die lineare Nutzung dieser Rohstoffe verteuern und die Kreislaufwirtschaft attraktiver machen. Man sollte ohnehin dazu übergehen, die Volkswirtschaft vom Ressourcenverbrauch auf einen Ressourcengebrauch umzustellen. Das hat aber nichts mit dem Wachstum zu tun.

Im Produktionsbereich ist es auch keinesfalls so, dass Umweltschutz und Wachstum ein Zielkonflikt sein müssen. Wenn man beispielsweise die Emissions- und Immissionsrichtlinien verschärft und so dafür sorgt, dass Produzenten in Umwelttechnologien investieren müssen, um die schärferen Richtlinien einzuhalten, erzeugt man damit ja eben Wachstum. Schon vor zehn Jahren arbeiteten 1,2 Millionen Deutsche in der Umweltwirtschaft, dem viel zitierten Greentech-Sektor – mehr als in der Autobranche. Greentech ist ohne Zweifel einer der wichtigsten Wachstumssektoren. Nun sind Betriebe aber von Natur aus nicht altruistisch, sondern müssen dazu getrieben werden, in den Umwelt- und Klimaschutz zu investieren und ehemals lineare Prozesse auf eine Kreislaufwirtschaft umzustellen. Das geht mittels Ordnungspolitik (Verbote, Richtlinien), aber vor allem auch über den Preis.

Es ist daher auch kontraproduktiv und überhaupt nicht zielführend, eine Debatte zu führen, die Wachstum und Ressourcenverbrauch als Zielkonflikt definieren will und im Wachstum sogar das eigentliche Übel sieht. Unser derzeit irres Konsumverhalten ist vor allem eine Folge irrer Preise. Wenn der Endverbraucher sich heute ein T-Shirt für zwei Euro per Luftfracht aus China bestellen kann, ist dies eine groteske Folge des globalen Freihandels, die aber auch nur möglich ist, weil der Preis für den globalen Transport von Waren derart grotesk billig ist. Würde der Preis steigen, würden auch regionale Wertschöpfungsketten oder die Nutzung von Kreisläufen statt des linearen Verbrauchs attraktiver werden. Je höher der Preis, desto stärker der Anreiz. Und dies hat gar nichts mit ideologischen Motiven zu tun, sondern ist in diesem Falle rein ökonomisch bedingt. Kreativität und Innovation sind ja vorhanden – solange kreative und innovative Alternativen aber nicht auch ökonomisch attraktiv sind, haben sie auch kaum eine Chance, sich durchzusetzen.

Keine Denkverbote durch Denkfehler

Da kreative und innovative Alternativen aber keinesfalls wachstumsneutral sind, sondern ganz im Gegenteil ja eben umgesetzt werden, um die Produktivität zu steigern und damit zum Wachstum beizutragen, führen ideologische Scheuklappen, die Wachstum per se als negativ brandmarken und einen abstrakten Verzicht einer nachhaltigen Transformation vorziehen, auch in eine absurde Situation. Dies setzt sich auch in der Klimadebatte fort. Klimaschonende Produktionsketten, Verkehrslösungen oder Energiekonzepte sind schließlich keineswegs inkompatibel zu unserer Marktwirtschaft. Ganz im Gegenteil. Man muss „nur“ an den richtigen Stellschrauben drehen, dass diese Alternativen für die Bürger und die Unternehmen, die damit Geld verdienen wollen, ökonomisch attraktiv werden.

Dass dies einige wenige Soziologen und Wirtschaftsjournalisten aus dem Umfeld von taz und Co. anders sehen, ist erstaunlich, passt aber wohl zum linksliberalen Zeitgeist, der ökonomische und soziale Fragen hintanstellt und stattdessen lieber auf abstrakter Ebene verschrobene Theoriedebatten in Parallelwelten führt, in denen ökonomische Gesetzmäßigkeiten nicht mehr gelten. Das mag für die Beteiligten ja als sinnstiftend und intellektuell befruchtend wahrgenommen werden – der gesellschaftlich nötigen Debatte erfüllen derart weltfremde Gedankenspiele aus dem Elfenbeinturm jedoch einen Bärendienst und stellen vor allem für progressive Anstöße einen Stolperstein dar.

Titelbild: Pictrider/shutterstock.com


[«*] Wenn der Dienstleistungsbereich heute Ressourcen verbraucht, so ist dies vor allem auf den Energiesektor zurückzuführen. Auch die Lektüre der NachDenkSeiten ist beispielsweise mit einem gewissen Stromverbrauch verbunden. Aber das liegt nicht im Verantwortungsbereich der NachDenkSeiten, sondern der Stromversorger. Wenn Strom komplett aus regenerativen Ressourcen produziert wird, ist aber selbst dieser indirekte Zusammenhang nicht mehr gegeben.

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