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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (11)
Datum: 28. Mai 2026 um 15:00 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Militäreinsätze/Kriege
Verantwortlich: Redaktion
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
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Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil sowie den zehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Ein Wahnsinn, so viele Menschen schutzlos ins Feuer zu jagen
Sehr geehrtes Team der NachDenkSeiten,
Ich selber bin Jahrgang 1959 und bei uns waren der Krieg und die Vertreibung häufiges Thema. Mein Vater wurde mit 18 Jahren am 18. Februar 1945 mehrfach verwundet und hat dieses Geschehen schriftlich festgehalten. Ich gebe es hier gekürzt wieder, der Text ist trotzdem noch relativ lang, aber so ein das ganze Leben überschattendes Ereignis kann man wohl nicht viel kürzer fassen. (…)
Mit freundlichen Grüßen
Barbara Bieberle
„Vorweg: ich bin auf fast seltsam glückliche Weise damals dem Schlachtfeld entkommen.
Am frühen Morgen des 18. Februar begann der Großangriff der Russen auf unsere Stellungen mit einem Trommelfeuer. Unsere Hauptkampflinie bestand aus einzelnen Panzerdeckungslöchern, die überwiegend von einzelnen Männern besetzt waren, ich war auch allein im Deckungsloch. Wir waren vom Gegner gut einsehbar, denn unsere Verteidigungslinie war am Hang einer freien Anhöhe und an Tarnung war wegen des Rückzugs nicht zu denken.
Das Trommelfeuer hatte mich mit Erdregen eingedeckt und ich habe es betend gut überstanden. Die Totenstille wurde vom Gebrüll der russischen Infanterie jäh unterbrochen, die zum Sturmangriff angetreten waren.
Unsere Abwehr begann zögerlich wegen knapper Munition. Es war schrecklich anzusehen, wie Maschinengewehrsalven Teile der dunklen Menschenwalze zu Boden mähten. Ein Wahnsinn, so viele Menschen schutzlos ins Feuer zu jagen, und wir mussten uns wehren, zu unserem Schutz. Hier wie dort hatten die Menschen Angst um ihr Leben.
Diese Schrecken des Krieges müssen immer wieder den Menschen deutlich machen, dass in Zukunft mit allen Mitteln ein Krieg verhindert werden muss. Der Anspruch auf angemessene Verteidigung sollte erhalten bleiben, um wahnsinnigen Machthungrigen, die rücksichtslos angreifen wollen, entgegentreten zu können.
Der Angriff stoppte erstmal, weil wohl unser Widerstand zu groß war, doch dann rollten mit hoher Geschwindigkeit plötzlich Russenpanzer in breiter Front voran. Dies war ein unsagbar erschreckender Moment. Wie durch ein Wunder teilten sich die Panzerwellen und überrollten nicht unsere Anhöhe, sondern durchbrachen links und rechts die Stellungen anderer Einheiten. Um die Situation besser beurteilen zu können, blickte ich kurz mehrfach aus der Deckung und ich wurde sofort unter Infanteriebeschuß genommen. Ein Schuß traf den Oberrand der Deckung und ich sackte zusammen und dachte „jetzt ist es aus“.
Ich merkte, dass Blut von der rechten Halsseite floß, mein rechter Arm schmerzte und ich konnte ihn nicht bewegen. Nach einiger Zeit hatte ich mich gesammelt und überlegte, wie ich das Loch verlassen könnte. Ein Blick nach draußen ließ mir den Atem stocken, in Wurfweite kam eine Gruppe Rotarmisten auf mich zu.
In meiner Abwehrreaktion riß ich das Gewehr hoch und drückte linkshändig ab. Die Kugel landete vor mir im Boden. Das erschreckte die Russen so, dass sie auf der Stelle zurückliefen.
Der Gewehrschuß hatte mich also vorerst gerettet. Später, wenn ich darüber nachdachte, dann bleibt mir bis heute unerklärlich, warum die Russen nicht einfach weiter auf mich zugingen. Ich hätte nicht mehr schießen können, es blieb nur das Ergeben, aber ich konnte nicht beide Arme heben.
Als ich mich wieder hochreckte, konnte ich sehen, wie der linke Flügel unserer Kompanie angegriffen wurde. Das war auch mein Moment und ich verließ das Deckungsloch, die letzten Meter kriechend bis zum Hinterhang blieb ich dabei unverletzt. Dieser Hang endete in einem kleinen Tal mit unserem Gefechtsstand.
Da mir meine Waffe beim Kriechen aus der Hand gerutscht war, mußte ich mir eine harte Rüge vom Leutnant anhören. Hier im Kessel gab es nur Hiobsbotschaften, allseits war ein Schreien und Rufen verwundeter Soldaten. Ich bekam ein Pflaster auf die Halswunde, der lahme Arm interessierte nicht, ein MG-Gurt wurde mir umgehängt und ein Gewehr in die Hand gedrückt und der Befehl lautete: „Kompaniegefechtsstand links verteidigen.“
Ich trottete also nach links und legte mich unter einen Baum. Ganze drei Patronen konnte ich nur mühevoll mit einer Hand aus dem MG-Gurt entnehmen und der Gedanke war da: Es geht zu Ende, eine Verteidigung ist kaum möglich. Die Russen konnten jeden Augenblick weiter angreifen. Zu meiner Seite legte sich ein Regimentsmelder mit einer MP, das machte mich ein wenig zuversichtlicher. Selbst hätte ich mich linkshändig nicht verteidigen können. Es war einfach trostlos. Das spürte man zutiefst, das blieb bis heute so eingeprägt.
Die Panzer brummten von allen Seiten, im Niemandsland vor uns bewegte sich mühsam ein verletzter Kamerad. Nach kurzem Bedenken, schließlich waren die Russen in nächster Nähe, entschieden wir uns, ihn zu holen, obwohl ich nur eine Hand gebrauchen konnte.
Heute frage ich mich, geschah das, fast instinktmäßig, als Ausdruck von Kameradschaft oder weil es sowieso für uns in diesem Tal zu Ende ging, oder war es vielleicht doch die Hoffnung auf guten Ausgang?
Wir waren nach einigen Anläufen beim verwundeten Kameraden heil angekommen. Er hatte einen Kniedurchschuß, eine sehr schmerzhafte Verletzung. Wir zogen ihn meterweise, jeder an einer Hand, über den gefrorenen Acker. Die Russen hatten unsere Bewegungen bemerkt und schossen verstärkt mit Granatwerfern. Dann traf die Granate. Danach ein Tasten nach meinem linken Bein, es war noch dran und von irgendwoher kam im Befehlston: „Rette sich, wer kann!“ Der letzte Befehl, man war auf sich allein gestellt und meine Eigenverantwortung sagte mir, alles versuchen, um nicht den Russen als Verletzter in die Hände zu fallen.
So kam ich kriechend an den hinteren Waldrand, wo mich zwei Kameraden in ihre Mitte nahmen und durch einen Hohlweg schleppten, während in der Nähe die Befehle der Russen und ihre Panzer zu hören waren.
Welch ein Glück ich hatte, vermochte ich erst dann richtig zu erfassen, als mir ein Arzt meinen Stahlhelm zeigte, der von innen nach außen von zwei Granatsplittern durchlöchert war und mein Kopf hatte dabei nichts abbekommen. Meine Brieftasche im Stiefelschaft war von einem ca. 5 cm länglichen Splitter durchstanzt, und dadurch wurde eine Knochenverletzung verhindert und ich konnte deshalb davonkriechen.”
Am Schluss noch zwei Gedanken, die ihm anscheinend besonders wichtig waren:
„Ich will vor allem damit sagen, solange man sich selbst helfen kann, darf man nicht hoffnungslos verharren. Wir müssen immer wieder nachdenken, wie kann ich Kriege verhindern, denn wenn sie ausbrechen, dann wird befehlsmäßig beiderseits scharf geschossen.”
Schwach erinnere ich mich an die Ruine, in der meine Mutter und meine zwei Brüder lebten
Als Geburtsjahrgang Oktober 1943, wurde meine Familie 1945 im Ammerland (Edewecht) ausgebombt. Schwach erinnere ich mich an die Ruine, in der meine Mutter und meine zwei Brüder lebten, bis wir 1950 von meinem Vater ins zerbombte Kiel geholt wurden. Dort lernte ich Eisschollen fahren auf den vollgelaufenen Bombentrichtern.
Noch in Edewecht wurde ich mit der Lebensmittelkarte in den Kaufmannsladen geschickt, um grammweise Lebensmittel zu holen, das Nötigste wurde jedoch auf Hamsterfahrten besorgt – gegen Tee.
Mein Onkel Rudi Menzel, Orthopädiemechaniker in Westerstede, arbeitete in seiner Werkstatt für die reichlich vorhandenen Kriegsversehrten und fertigte Prothesen aller Art. Auch in seiner Freizeit widmete er sich diesen Versehrten und trieb Versehrtensport. Diese Menschen tauchen in keinen Dokumenten auf, wie ebenfalls mein Onkel Fritz, der 1943 – 8 Tage nach meiner Geburt – in Saporosche fiel. 18 Jahre alt, der jüngste Sohn der Familie meines Großvaters.
Ich wundere mich noch heute, dass ausgerechnet das Symbol für deutschen Militarismus noch immer steht (Brandenburger Tor). Ein Wallfahrtsort für Revanchisten, welche heute wieder meinen, mit Krediten auf Kosten der deutschen Bevölkerung Russland in die Knie zwingen zu können. Eine Atommacht, welche keinen Moment zögern wird, Deutschland in Schutt und Asche zu legen, sollte es nach Napoleon, Kaiser Wilhelm und Adolf Hitler einer Horde rachsüchtiger Politiker auch nur ansatzweise gelingen, die Grenzen Russlands zu überschreiten!
(…)
Mfg
Holger Schuldt
Kriegstüchtig
Liebe NachDenkSeiten,
Grüße aus Göttingen zuvor, Dank für Ihre Arbeit und dazu von mir Erinnerungen gegen den Krieg im Anhang.
Alles Gute für Ihre Arbeit wünscht
Hartwig Hohnsbein
Ein fast vergessenes Wort soll Deutschland wieder erobern: „Kriegstüchtig”. Vor drei Jahren, also vor einer vielbeschworenen Zeitenwende, hätte dieses Wort gute Chancen gehabt, das Unwort des Jahres zu werden; jetzt soll es ein Friedenswort sein, stammt sein Wiederentdecker, ein Herr Pistorius, doch aus der „Friedensstadt Osnabrück”.
Mir selbst, der ich als „Vorkriegskind” geboren wurde, ist jenes Wort und die Sache, die es beschreibt, nämlich tüchtig zu sein für den Krieg, für die Bereitschaft zu schießen, zu töten und getötet zu werden, spätestens seit dem Sommer 1944 überaus vertraut gemacht worden, im Gegensatz zu dem Herrn Pistorius, der damals noch nicht leben musste.
Damals also, während des Krieges, wuchs ich in Neubrandenburg (Ostmecklenburg) auf. Die Stadt hatte durch die NS-Politik der Aufrüstung – sprich: Kriegstüchtigkeitsmachung – erheblich an Gewicht gewonnen:
Hier wurden nach 1933 ein Militärflughafen (Trollenhagen), Panzerkasernen, eine Torpedoversuchsanstalt sowie das Kriegsgefangenenlager „Fünfeichen” eingerichtet. Nach dem gescheiterten Aufstand gegen das NS-Regime am 20. Juli 1944 brach hier ein nicht enden wollender Jubel aus, als bekannt wurde, dass die Schlüsselfigur bei der Niederschlagung des Aufstandes der Kommandeur des Wachbataillons „Großdeutschland”, Otto Ernst Remer, ein Neubrandenburger war. Er wurde nun „von der NS-Propaganda zur Galionsfigur” gemacht, zu einem Vorbild an Kriegstüchtigkeit für den „Führer”.
Auf dem Schulhof und in der Freizeit hieß es nun: „Was können auch wir für den Führer tun?” So übten wir spielend, wie man schießt, die Panzerfaust bedient, Panzersperren baut und damit zum Endsieg beiträgt und auch zu einem „Helden” wird.
Ein älterer Schüler, der schon in der HJ war, zeigte uns Acht-/Neunjährigen, wie man auch hinter der Front den Feind durch Brandlegung besiegen kann. Er war es auch, der mich noch am Mittag des 28. Aprils (1945) zur Innenstadt mitnahm, um zu sehen, ob die Panzersperren fertig waren, sodass die Stadt dort „bis zum letzten Blutstropfen” verteidigt werden konnte.
Am Abend mussten wir die Stadt verlassen. Wir übernachteten in einem Wald auf einem offenen Wehrmachtslaster. Zwei Babys waren mit in unserem Nachtlager; sie schrien unaufhörlich, sie waren ja noch nicht kriegstüchtig gemacht worden. Deshalb wies ein Soldat sie zurecht: „Das geht hier aber nicht, euer Schreien. Wir sind hier im Kriegsgebiet. Jeder Laut kann uns verraten.” Ein anderer Soldat hatte Rum für sie zum Trinken. Das wollten ihre Mütter nicht. Der kriegstüchtige Soldat wusste: „Wenn sie ihren Rum nicht trinken, müssen wir alle sterben, ganz Deutschland auch.”
Am nächsten Morgen, dem 29. April, wurden wir Flüchtlinge in Gruppen eingeteilt und in Richtung Westen geschickt. Unser Gruppenführer in abgeschabter blauer Eisenbahneruniform war wohl wegen seines Alters nicht mehr kriegstüchtig. Er hielt eine kurze Ansprache; „Wenn Jabos (Jagdbomber) kommen – in die Büsche werfen.” Los ging‘s.
Kurz danach blieb er stehen, zeigte auf zwei Panzer, die auf uns zusteuerten, und ließ ein weißes Laken hissen, worauf sich die Panzer, russische Panzer, von uns abkehrten. Das war von ihm zwar gegen den Willen der NS-Verfügungen gehandelt, also kriegsuntüchtig, uns aber rettete er das Leben. Kurz danach hielt neben uns ein „Kübelwagen”, in dem neben dem Fahrer ein hochdekorierter Offizier saß. Er befahl der Gruppe, aus dem Kriegsgebiet zu verschwinden, und nahm „die Frau mit den beiden kleinsten Kindern” in sein Auto. Das war unsere Familie.
Er erklärte uns dann, er müsse noch einige „Gefechtsstände” anfahren. Dort sahen wir, wie er die Besatzung anwies und immer in Richtung Nordost, also Neubrandenburg, zeigte. Nachdem er die Soldaten vor ihrem Einsatz noch einmal richtig kriegstüchtig gemacht hatte, fuhren wir mit ihm noch eine Zeitlang durchs Gelände. Schließlich erreichten wir eine Hauptstraße, wo er einen Wehrmachtslaster anhielt, uns aussteigen ließ und uns nachrief: „Nach Wismar”.
Heute weiß ich, dass dieser Oberkriegstüchtigmacher der Kommandeur der 281. Infanteriedivision, der Ritterkreuzträger Anton Schmid war, der Neubrandenburg verteidigen sollte. Im Netz findet sich der Hinweis, dass er am selben Tag noch, als er uns auslud, in „Weitin”, gestorben sei. Ein anderer Hinweis im „Tagebuch der 2. Belorussischen Front” weiß, dass Schmid einige Kilometer weiter, an der Zirzower Mühle, „seine Uniform samt Orden im Teich versenkte und in einem Zivilanzug” verschwand. Auch andere entzogen sich der Kriegstüchtigkeit, um zu überleben. In Malchin sahen wir, wie etliche Soldaten ihre Uniformen in einem großen Feuer verbrannten. Für sie galt nicht mehr, was wir auf einer Mauer lesen konnten: „Die Panzerfaust und deutsche Landser sind stärker als die roten Panzer”. Andere wiederum glaubten diesem Schwindel immer noch. Ich hörte, wie einige sagten: „Wir wollen nach Wismar und dort mit den Tommies gegen die Russen kämpfen.” Das war am 2. Mai 1945.
Einige Tage später endete in Europa der Zweite Weltkrieg, den Deutschland 1939 als Vernichtungskrieg mit über 60 Millionen Toten in die Welt gebracht hatte. Im Sinne des „Schwurs von Buchenwald” hieß es nun: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg”.
Eine biblische Einsicht, wie Friede und Heil für die „Völker der Welt” zustande kommen, möchte ich abschließend dazu zitieren: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen (…) und hinfort nicht mehr lernen, Kriege zu führen” (Jesaja 2 Vers 4). Am Hauptgebäude der UNO in New York ist dieser Satz als Bronzeskulptur nachgebildet.
„Kriegstüchtigkeit” soll es danach für eine friedliche und menschenwürdige Zukunft nicht mehr geben.
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