Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (9)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (9)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (9)

Ein Artikel von: Redaktion

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil sowie den achten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Ein Stück trockenes Brot war damals eine Kostbarkeit

Ich bin Jahrgang 1941. Wir wohnten in einem damals kleinen Ort in der Nähe von Hanau. Als dieser im März 1944 in 20 Minuten dem Erdboden gleichgemacht wurde, stand meine Mutter mit mir vor dem Hoftor. Es zog ein endloser Zug von ausgebombten Menschen mit rußgeschwärzten, stumpfen Gesichtern an uns vorbei. Trotz der fortgeschrittenen Tageszeit war es irgendwie unwirklich dunkel.

Gut in Erinnerung sind mir auch die ständigen Fliegeralarme und die Zeit im Luftschutzkeller. Das sind so die einzigen direkten Erinnerungen an den Krieg.

Die Nachkriegszeit dagegen werde ich nie vergessen. Mein Opa war Spengler und er hatte ein Paar Tafeln Weißblech über den Krieg gerettet. Daraus stellte er Dosen her, die meine Mutter und meine Tante bei den Bauern für ein Paar Zwiebeln und Kartoffel eintauschten. Ich musste da immer mit. Mit einem kleinen Jungen im Schlepptau sprang auch mal ein Becher Milch für mich heraus.

Gut erinnern kann ich mich noch an den Hungerwinter 46/47. Wie gesagt, wir wohnten in der Nähe von Hanau, wo es sehr viele Kasernen der Amis gab. Die Amis kippten dann ihr überschüssiges Essen in den Wald oder in Bombentrichter. Da sah ich dann Menschen, die noch weniger als wir hatten, die Essensreste wieder herausholen. Nachdem sie die Ratten verscheucht hatten! Diese Bilder vergisst man nie.

Ein amerikanischer Soldat schenkte mir einmal eine Banane. Ich hielt das Ding für eine Gurke und biss hinein. Der Ami konnte sich nicht einkriegen vor Lachen. Es war meine erste Banane, die ich im Leben sah und wusste ja nicht, dass man die schälen musste.

Verständnislos sehe ich, wie leichtfertig heute mit Lebensmitteln umgegangen wird. Wenn man satt ist, ab in den Mülleimer. Ein Stück trockenes Brot war damals eine Kostbarkeit. Während ich diese Zeilen schreibe, erfüllt mich ein unbändiger Zorn auf all diese Wadephuls, Strack- Zimmermann, Kiesewetter, Pistorius, Hofreiter und wie diese verantwortungslosen Kriegshetzer alle heißen, die nicht die geringste Ahnung haben von dem, was sie anrichten.

Manfred Bareiter


Er zeigte uns immer wieder die Fotoalben aus dem Krieg

Vielen Dank an die NachDenkSeiten-Redaktion für Ihren Aufruf! 

Geldanbetung oder Anbetung der Liebe?

Mein Großvater, geboren 1899, überlebte als Sanitäter den Zweiten Weltkrieg körperlich unversehrt. Doch er wurde durch den Anblick der vielen Toten, Verstümmelten und oft nicht zu rettenden Männer traumatisiert. Bis ins hohe Alter erzählte er mit Schmerz in der Stimme die Geschichten und zeigte uns immer wieder die Fotoalben aus dem Krieg. Meine Mutter, geboren 1934, sagt immer wieder: „Der Vater, der in den Krieg ging, war ein anderer als der zurückkam.“ Sie selbst erlitt ein Trauma unter dem seelischen Vaterverlust. Und noch ich, geboren 1962, litt unter diesen Verhältnissen. 

Wem nützen diese Kriege außer denen, die sehr viel Geld daran verdienen? Der Geldanbetung können wir nur die Anbetung der Liebe entgegensetzen, sage ich als Christ.

Uwe Friedemann


In dem Glauben aufgewachsen, dass es normal sei, in lauter Ruinen, Trümmerkellern und Baracken zu leben

Im Anhang meine Erinnerungen!

Meine Erinnerungen an den Krieg

Ich bin Jahrgang 1948 und damit vom direkten Krieg verschont worden. Mein Vater wurde 1940 einberufen und war zunächst in Frankreich und 1942 im Kaukasus in Russland eingesetzt. Er erzählte nicht viel vom Krieg, immer nur relativ harmlose Sachen: Die Soldaten waren während des Einmarschierens immer wieder eingeschlafen, wurden aber von den Mitmarschierenden weitergeschoben. Von Russland erzählte er immer nur vom ironisch genannten „Gefrierfleischorden“, den sie erhalten haben.

Erst nachdem unsere Eltern 1964 bzw. 1971 gestorben waren, fanden wir unter den Unterlagen die während Krieges zwischen meinen Eltern geführte regelmäßige Korrespondenz, soweit dies während des Krieges möglich war. Wir, meine ältere Schwester und ich, hatten vorher Hemmungen, die Eltern weiter über den Krieg zu befragen, weil wir noch jung waren und spürten, dass sie darüber fast nicht reden konnten.

Mein Vater hatte sich vor dem Krieg mit etwa 8 Burschen zusammengefunden und eine gemeinsame Hütte im Schwarzwald gemietet. Diese schrieben sich gegenseitig Briefe von ihren Kriegseinsätzen in Russland und Frankreich und sie wurden untereinander weitergereicht.

Aus diesen beiden Brief-Serien konnten wir viele Details erfahren. Darunter fanden wir dann auch ein sehr kleines Foto eines Schlachtfelds mit unzähligen Toten und zerfetzten herumliegenden Leichenteilen. Genaueres konnten wir nicht darüber erfahren.

An die ersten Jahre kann ich mich nicht erinnern, von meiner Mutter erfuhr ich aber, dass sie mich vermutlich ohne die Care-Pakete nicht durchgebracht hätte. Auch alle meine weiteren fünf Onkels sowie der Mann meiner Tante waren im Krieg gewesen.

Im Laufe meiner frühen Kindheit habe ich mitbekommen, dass ein Bruder meiner Mutter im Krieg gefallen und ein Bruder meines Vaters vermisst war. Dessen Frau mit zwei Töchtern sah sich dann nach Jahren vergeblichen Hoffens gezwungen, auch wegen der beiden Mädchen und der notwendigen Hinterbliebenen-Rente, ihn für tot erklären zu lassen.

Meine Eltern heirateten 1942 während eines Heimaturlaubs meines Vaters. Sie fanden dann eine erste Wohnung mit zwei Zimmern, die meine Mutter während des Kriegs allein bewohnte, aber auch ihre Eltern in der Altstadt oft besuchte.

Diese erste Wohnung war nach dem Angriff und dem Kriegsende ihr Glück. Von sechs Kriegsteilnehmern aus der engeren Familie kamen lediglich vier zurück. Sie waren froh, dass sie nach und nach fürs Erste dort ein Dach über dem Kopf hatten. So wohnte dort der größte Teil der Familie: Mein Vater, meine Mutter, meine Tante und ihr Mann, der Bruder meiner Mutter und seine Frau, drei Kinder Jahrgang 1944, 1946, zwei Jahrgang 1948.

Auf meine Heimatstadt Freiburg erfolgte am 27.11.1944 abends der große Angriff der Royal Air Force mit Zerstörung der gesamten Altstadt, nur das Münster blieb stehen. 2.800 Menschen wurden getötet, 4.200 verletzt und 11.000 obdachlos.

Meine Großeltern mit ihren vier Kindern wohnten in der Altstadt zur Miete. Bei diesem Angriff wurde das vierstöckige Haus vollständig zerstört, es war nur noch ein Haufen Schutt und Asche. Meine Großmutter, meine Mutter, meine Tante mit ihrem 10 Monate alten Kind kamen im Luftschutzkeller mit dem Leben davon.

Der Großvater arbeitete bei der Post nicht weit von der Altstadt. Das Postgebäude erhielt einen Volltreffer und war ebenfalls zerstört. Das Personal flüchtete in den Luftschutzkeller, ihm schlug durch die Wucht des Treffers eine Eisentür gegen den Kopf. Er überlebte kurzzeitig. Die Familie wusste nichts über ihn und suchte zu Fuß – es fuhr keine Straßenbahn mehr – nach ihm. Sie fanden ihn nach mehreren falschen Adressen in unterschiedlichen Stadtteilen in einer Klinik. Dort starb er nach fünf Tagen und wurde in einem Massengrab mit fast 3.000 Toten begraben.

Die Familie hoffte zunächst, bei einer älteren Tante unterzukommen. Diese Wohnung war aber so winzig, dass nicht zusätzlich drei weitere Personen mit Kind dort bleiben konnten. Sie wussten nicht weiter und beschlossen, zum Bruder meiner Großmutter in Loßburg (ca. 75 km) zu gehen. Sie schleppten sich mit Kind im Kinderwagen, wobei sie immer wieder von Tieffliegern bedroht wurden.

Im Schwarzwald kam der Schnee dazu, zwischendurch ruhten sie sich in Scheunen aus. Sie schafften es schließlich im tiefen Schnee nur bis zu einem Bauernhof (ca. 30 km) in Waldau. Sie hatten Glück und die Bäuerin nahm sie sofort auf, der Bauer war auch im Krieg. Meine Mutter half auf dem Bauernhof und lernte dort melken. Aus dieser Begegnung ergab sich eine lange Freundschaft und meine Tante zog viel später aus Freiburg ins Altenteil des Hofs wegen ihrer Tochter, die schwer Asthma hatte.

Längere Zeit nach Kriegsende wurden den beiden anderen Ehepaaren je eine Notwohnung zugewiesen.

Als ich ca. 4 Jahr alt war, ist meine Familie in ein ursprünglich schönes Haus in der Altstadt gezogen, von dem der erste Stock stehen geblieben und das dann wiederaufgebaut worden war. An eigener Erinnerung weiß ich nur noch, dass ich (ca. 8 Jahre alt) nach einem Ausflug nach Basel völlig verwundert über die schönen, mehrstöckigen, sehr gepflegten Häuser war. Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass es normal sei, in lauter Ruinen, Trümmerkellern und Baracken zu leben, ich habe mir nichts anderes vorstellen können.

Außerdem weiß ich noch, ich war ein schüchternes Kind, das nicht viel sprach, aber zuhörte. Als ich ca. 4 Jahre alt war, erzählte eine Verwandte meiner Mutter von einem Bombentreffer, bei dem die Bewohner in den Keller geflüchtet waren und dort verschüttet und verbrannt wurden. Da konnte niemand lebendig herausgeholt werden.

Dieses „nur Zuhören und Aufnehmen“ führte dazu, dass ich, als ich schon eigene Kinder hatte, schweißgebadet aufwachte, weil ich träumte, dass in unserem zweistöckigen Keller alles verschüttet und verbrannt war und meine ca. 8/9-jährigen Kinder drin gerettet werden mussten.

Dann weiß ich noch, dass unsere Eltern uns (8 /10 Jahre) morgens vorsichtig über den plötzlichen Tod meines anderen Großvaters informierten. Trotz meiner Zuneigung zu ihm war mein erster Gedanke Erleichterung und „Gott sei Dank kein Krieg“!

Und wir müssen weiterhin darum kämpfen, dass gilt: Nie wieder Krieg!

Waltraud Faaß


Die Kälte meine ich noch heute zu spüren.

Die Anregung der NachDenkSeiten, seine Kriegserinnerungen der Redaktion mitzuteilen, löste in mir eine starke Reaktion aus, der ich mich nicht entziehen konnte:

Geboren wurde ich im April 1941. Drei Monate später war mein Vater in Russland gefallen, ganz offiziell ein Held und ich ein Halbwaise. Meine Mutter, seine Frau, war im Alter von 27 Jahren Witwe mit drei kleinen Kindern. Das war zwar für die Betroffenen und die persönliche Umgebung sehr tragisch, aber normal in den vorherrschenden Kriegszeiten, deren massive Verwerfungen erst noch kommen sollten.

Meine ersten Erinnerungen als Kleinkind beziehen sich auf Flugzeuggeschwader am Himmel, die über uns hinweg gen Osten flogen. Sie beziehen sich auf Lametta, mit dem wir Kinder spielten, und Fliegeralarm mit Sirenen, wie sie heute noch heulen und uns in den dunklen, feuchten Keller trieben.

Besonders deutlich in Erinnerung habe ich, wie meine Mutter mich auf den Arm nahm und mir die Silhouette der etwa 70 Kilometer entfernt brennenden Stadt Hamburg zeigte. Es war ein einziges Feuerwerk. Das muss nicht stimmen, ich habe aber diese Erinnerung. Als mit Kriegsende britische Soldaten in unser Haus kamen, reagierten meine Mutter und ihre Schwester vor lauter Angst hysterisch. Sie wussten nicht, was sie erwartete. Die Soldaten gingen, wie sie gekommen waren.

Auf einer Wiese gegenüber unserem Haus standen dicht gedrängt gefangene deutsche Soldaten. Setzen oder sich bewegen konnten sie sich nicht.

Flüchtlingstrecks fuhren durch den Ort. Einmal sah ich, wie sich zwei Frauen heftig um ein Pferd stritten.

Einige der Flüchtlinge wurde bei uns einquartiert. Die Einquartierung verlief friedlich. Es kam vor, dass sich durch den Kontakt jahrelange Freundschaften entwickelten.

Heimkehrende Soldaten mit zum Teil schwersten Verletzungen und Amputationen wurden für Jahre zum täglichen Bild. Der Staat reduzierte sich auf das Wenigste. Die Verzweiflung, der Hunger, die Not, das Elend waren allgegenwärtig.

Der Winter 1946/47 war bitterkalt. In dem Raum, in dem wir schliefen, fehlte in einem Fenster das Glas. Die Kälte meine ich noch heute zu spüren.

Das Jahr 1947 war für mich das Steckrübenjahr. Heute weiß ich, dass die Historiker es 1917 zuordnen. Da haben wohl fast alle nichts weiter als Steckrüben gegessen.

Im Frühjahr des gleichen Jahres wurde ich eingeschult. Es begann eine vierjährige Leidenszeit. Jeder Tag Schule war eine einzige Qual. So empfinde ich es noch heute.

In der ersten Klasse waren wir nach meiner Erinnerung 80 Schüler und Schülerinnen (Die Zahl muss nicht stimmen. Viele, zu viele waren es auf jeden Fall). Ich war mit der Jüngste. Es herrschte das Recht des Stärkeren und ich wurde häufig geschlagen, von den Mitschülern, aber auch von den Lehrern. Von den Lehrern noch am meisten. Ein Lehrer hieß „Otto“. Auch den Namen habe ich nicht vergessen. Dieser Lehrer verhaute mich mehrfach mit dem Stock auf dem Po vor versammelter Klasse. Eine Demütigung.

Nach der vierten Klasse blieb ich sitzen. Eine Katastrophe und gleichzeitig ein Glück. Mein Schulleben normalisiert sich. Aus dem Stand war ich der beste Schüler in der Klasse. Wir waren arm, sehr arm. Meine Mutter hatte keinen erlernten Beruf. Sie würde ja doch heiraten, hieß es. Sie musste Hilfsarbeiten in einer Großküche verrichten. Das reichte gerade zum Überleben.

Gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Die Frage, wie heute üblich, „Was möchtest Du essen?“ kam nicht vor. Alte Pullover wurden aufgeribbelt und zu Strümpfen gestrickt. Ich hatte eine Lederhose. Die trug ich mehrere Jahre im Sommer wie im Winter.

Mit dem Land ging es langsam bergauf. Wir blieben arm. Im Jahre 1959 löste sich meine Familie auf. Ich war auf mich allein gestellt.

Beim Militär lernte ich den Umgang mit Waffen und was für ein Mordinstrument schon eine ganz normale Pistole sein kann. Gleichwohl, trotz aller politischen Spannungen zwischen Ost und West, herrschte Frieden in Deutschland über Jahrzehnte hinweg und ich konnte meinen Weg gehen.

Heute stehen wir wieder vor einem großen Krieg. Deutschland ist vereint und dabei, die größte konventionelle Armee Europas aufzubauen.

Diese Armee braucht einen Feind und hat ihn gefunden. An Frieden denkt von den politischen Verantwortlichen in Deutschland niemand. Die nächste Katastrophe wird vorbereitet. Überstehen werden wir sie nicht.

Dr.-Ing.
Joachim Metz


Titelbild: wikicommons

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