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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XL – „Wir sind da!“
Datum: 5. Juli 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Aufrüstung, Kampagnen/Tarnworte/Neusprech, Strategien der Meinungsmache
Verantwortlich: Redaktion
Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute geht es unter anderem um die flotte Werbung fürs Töten und Getötetwerden. Von Leo Ensel.
Fahrradtour der Tapferkeit
Auf Deutsch: „Battlefield Cyclists – Tour of Valor“: „Niemals aufgeben. Das Schicksal meistern. Kameradschaft leben. Tapferkeit – ‚Valor‘ – demonstrieren. Das zeichnet die Teilnehmer der Aktion ‚Battlefield Cyclists‘ aus, die sich anlässlich des ersten Veteranentags in Deutschland mit ihren Rädern auf den Weg in die Hauptstadt machen. Mit ihrer Tour in mehreren Etappen machen sie auf die Herausforderungen von Einsatzgeschädigten aufmerksam und zeigen zugleich, welche Leistungen trotz schwerer Schicksalsschläge möglich sind. Die Initiatoren sind selbst Einsatzgeschädigte. Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, sich neuen Herausforderungen zu stellen und gemeinsam Wege zu finden, mit den Folgen von Verwundung im Einsatz umzugehen.“ Schreibt der „Deutsche Bundeswehrverband – Interessenvertretung aller Menschen in der Bundeswehr“. – Merke: Es geht nicht darum, den kommenden Krieg gerade noch rechtzeitig zu verhindern, sondern die Folgen „tapfer zu meistern“. (Sollte man überlebt haben.) (vgl. „Mission Kyiv“)
Fingerspitzengefühl
„Angesichts all dieser Entwicklungen und im Wissen um ihre Geschichte seien die Deutschen gut beraten, mit großer Sensibilität aufzutreten. Natürlich müsse Deutschland aufrüsten, aber dies dürfe nicht mit großspuriger Rhetorik einhergehen, sondern erfordere großes Fingerspitzengefühl in der Kommunikation mit den Nachbarn. Der Austausch mit ihnen müsse enger denn je sein. ‚Deshalb haben mich die Äußerungen von Merz leicht erschrocken‘, sagte Joschka Fischer.“ So die ZEIT vom 11. Juni. „Nicht gut beraten“ war Kanzler Merz laut Fischer, „lauthals zu verkünden, dass Deutschland das konventionell stärkste Militär aufbauen will“. Denn, so der geschichtsbewusste Ex-Außenminister: „Das weckt alte Ängste. Bei Franzosen, Polen, Niederländern, Belgiern, Luxemburgern.“ – Konsequenz des Ex-Ex-Straßenkämpfers, der sich jetzt (dort ist immerhin mehr los!) „als junger Mann freiwillig zum Wehrdienst melden würde“: Aufrüsten, aber mit Fingerspitzengefühl! (Und „erwachsen werden“, aber dank „Eurobombe“ nur im europäischen Verbund.) (vgl. „Goldgräberstimmung“, „Unbehagen“)
Generation U
Spezielle Deutschlandfunk–Kreation für ein Feature über ukrainische Jugendliche in Deutschland zum berühmten vierten Jahrestag. „Aus Kindern sind Teens geworden, aus Teens junge Erwachsene, volljährig und selbst für ihr Leben verantwortlich. In Deutschland bleiben oder zurück in die Ukraine? Was studieren, wie mit traumatischen Erlebnissen klarkommen? Existenzielle Fragen, geprägt durch die Flucht und den Verlust der Heimat.“ – Kurz: Die „Generation U“ befindet sich irgendwo im deutschen Niemandsland zwischen der „Generation Vietnam“ und der „Generation Waschlappen“.
Gesellschaftsmelodie
„Es muss sowas wie eine neue Gesellschaftsmelodie entstehen! Diese Reformen müssen in einem größeren Kontext erklärt werden. Bürgerinnen und Bürgern muss erklärt werden, warum diese Reformen notwendig sind. Warum sie letztendlich zu einem besseren Deutschland führen werden. Zu einem Deutschland, in dem alle gerne und gut leben. Und diese Vision, diese Gesellschaftsmelodie braucht es.“ Trällerte melodisch am 22. Juni im „ZDF heute journal“ Frau Andrea Römmele, Politikwissenschaftlerin und Professorin für politische Kommunikation an der Hertie-School zu Berlin. Natürlich ging es um das Rentenkürzungs-, pardon: „Reformpaket und seine Bedeutung für die Koalition“. – Kurz: Rentenkürzungen führen zu einem Deutschland, „in dem alle gerne und gut leben“! (Vorausgesetzt, alles wird in der richtigen „Gesellschaftsmelodie“ gejodelt.)
Herzensprojekt
„Litauenbrigade gehört zu den Herzensprojekten von Pistorius“, so die Berliner Zeitung am 22. Juni. Weshalb der Kriegsertüchtigungsminister es sich nicht nehmen ließ, zusammen mit Kanzler Merz just an diesem Tag – zufälligerweise der 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion – nach Litauen zu reisen, auf dem Kathedralenplatz in Vilnius den Aufstellungsappell besagter Panzerbrigade 45 zu zelebrieren und sich vom Start der Übung „Freedom Shield 2026“ (20 Kilometer vor der weißrussischen Grenze), inclusive des virtuellen Ersteinsatzes seiner Herzensbrigade mit 2.300 deutschen Soldaten, ein Bild zu machen. – By the way: Pistorius‘ „Baby“ ist „der erste dauerhaft im Ausland stationierte Kampfverband der Bundeswehr seit dem Zweiten Weltkrieg, soll bis 2027 auf 5.000 Soldaten anwachsen und bildet das Kernstück der Nato-Strategie an ihrer Ostflanke“, wie ebenfalls die Berliner Zeitung weiß. (Kleiner Lichtblick: Zu wenige Soldaten melden sich freiwillig für den Dienst an der Grenze zum alten und neuen Feind.) (vgl. „verpflichtende Maßnahmen“)
lustig
„Lustig auch die Russen, die gerade noch weglaufen – bevor die Drohne einschlägt!“ (Kommentiert wurde ein Video über den ukrainischen „Drohnengürtel“ auf der „Straße des Todes [der russischen Fernstraße R-280 von Rostow am Don zur Krim], wo das gerade sehr erfolgreich eingesetzt wird“.) So der Militärexperte und Künstler Marcus Keupp am 10. Juni in „ZDF heute LIVE“. – Journalismus mit Haltung.
Mission Kyiv
Und wieder mal der „Deutsche Bundeswehrverband“. Diesmal geht es um – „Reichweite ist alles“ – den 2.000 Kilometer langen Schnellmarsch des niederländischen Militär- und Veteranenteams von Den Haag nach Kiew (ukrainisch-korrekt: Kyiv). „Mit einem Nonstop-Staffelformat werden pro Tag 120 Kilometer zurückgelegt. Entlang der Route werden aktive und ehemalige Militärangehörige aus mehreren Nationen zusammenkommen, um Solidarität für Veteraninnen und Veteranen in der Ukraine zu symbolisieren, Spenden zu sammeln, medizinische Hilfe an die ukrainische Front zu bringen und das Bewusstsein für PTBS zu stärken.“ Motto: „This is not a choice. This is a responsibility. Brotherhood and sisterhood do not stop at borders.“ – No! (Patenschaften à 50 Euro pro Kilometer können noch übernommen werden – als Einzelperson oder Unternehmen. Denn: „Jeder Kilometer zählt!“ Vorausgesetzt, man zahlt.) (vgl. „Fahrradtour der Tapferkeit“)
schlechtgemacht werden
Darf auf gar keinen Fall der Wehrdienst! (Die Linkspartei hatte sich doch tatsächlich in einem pazifistischen Schwächeanfall erfrecht, ein Festival „Unfollow Bundeswehr“ zu organisieren.) Aber da sei Susanne Kusicke, will sagen: die FAZ, vor. – Genau. Und Merz „ist nicht irgendein Fritze, es ist der Bundeskanzler“! Da sei Susanne Beyer, will sagen: der Spiegel, vor.
strukturelle Pazifisten
Erkennen Sie den Geruch? Genau! So reden Leute, die vorgestern noch in jeder Debatte über die „Legitimität von Gegengewalt“ Johan Galtungs Begriff der „strukturellen Gewalt“ bemüht hatten. Eingeführt vom – schon längst nicht mehr nur strukturellen – Bellizisten Joschka Fischer, dem auf seine alten Tage das Straßenkämpfer-Dasein nicht mehr reicht. Es muss schon – radikal bleibt radikal – die (vorerst nur EU-europäische) Atombombe, die „Eurobombe“, sein. Nach dem berühmten Sponti-Motto: „Wir wollen alles – und das sofort!“ – „Strukturelle Pazifisten“, fischte der Ex-Außenminister und Kosovo-Krieger in seiner Abschlussrede auf dem Düsseldorfer „Mittelstand Defense Forum“ im Trüben, seien seine Landsleute, die Deutschen. „Damals“ – er meinte wohl nach dem (verlorenen) Zweiten Weltkrieg – sei die Entscheidung richtig gewesen, aber heute sei es angebracht, sie zu „revidieren“. – Mit anderen Worten: Höchste Zeit für die längst überfällige „kulturelle Umprogrammierung“ der gesamten deutschen Bevölkerung! (vgl. „Pazifismus-DNA“)
verpflichtende Maßnahmen
Heeresinspekteur Generalleutnant Christian Freuding stellt „verpflichtende Maßnahmen“ in Aussicht. (Die Freiwilligen für die Litauen-Brigade reichen nicht.) „Oberstes Ziel aus Sicht des Heeres ist es, die volle Einsatzbereitschaft der Brigade Litauen im kommenden Jahr zu erreichen. Dazu werden wir am leitenden Prinzip der Freiwilligkeit festhalten – und dort, wo erforderlich, auch um verpflichtende Maßnahmen ergänzen.“ (Was im Dialog mit den Betroffenen geschehen soll.) Kurz: „Einsatzbereitschaft geht im Zweifel vor Freiwilligkeit.“ – Auf Deutsch: „Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt!“ (Ein kleiner Vorgeschmack dessen, was im „Bündnisfall“ auf die gesamte Bevölkerung zukommen wird.)
Verschwörungstheorie
Idealer Zaubertrick, um eine kognitive Dissonanz im verwirrten Kopf augenblicklich in eine harmonisch reine kognitive C-Dur-Konsonanz zu verwandeln.
wegducken
„Aber Fakt ist eins: Wir können uns definitiv nicht wegducken in so einer Phase. Und das muss natürlich breit erklärt werden. Denn so etwas bräuchte dann einen entsprechenden gesellschaftlichen Rückhalt. Es geht ja nicht nur darum, dass Menschen in Deutschland sagen: ‚Ich find es richtig, Frieden und Freiheit auch in der Ukraine zu verteidigen‘, sondern es geht darum, dass im Fall X auch Söhne und Töchter bereit sind, in der Bundeswehr Dienst zu leisten. Und da muss ich sagen: Bei allem Lob für das Agieren der Bundesregierung – in der Kommunikation ist man doch noch recht schwach!“ Warum sich Oberst André Wüstner im letzten Augenblick wegduckte und nicht noch den entscheidenden Schritt weiterging, um mit Egon Flaig auch unmissverständlich die „Unwilligkeit von Eltern“ zu geißeln, „ihre Kinder für das Gemeinwesen eventuell zu opfern“, das wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben … (vgl. „kneifen“, „kulturelle Umprogrammierung“)
Wir sind da!
Motto des – „Truppe erleben“ – „Tag der Bundeswehr“ am 6. Juni 2026. „Die Bürgerinnen und Bürger konnten sich an zehn Standorten bundesweit persönlich davon überzeugen, dass die Bundeswehr auch eine Armee zu Anfassen ist.“ Zum Motto des „Tag des offenen Kasernentors“ unser Kriegsertüchtigungsminister: „‚Wir sind da!‘ gilt in der Truppe nicht nur am Tag der Bundeswehr, sondern über das gesamte Jahr: für Menschen in unserem Land, für unsere Verbündeten und Partner. Das wissen auch diejenigen in Europa und der Welt, die gewaltvoll Grenzen verschieben und Kriege führen.“ – „Wir sind da!“ Donnerten vor 85 Jahren auch die Wehrmachtssoldaten den verdutzt dreinblickenden Sowjetbürgern entgegen.
(wird fortgesetzt)
Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.
Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.
Titelbild: Mo Photography Berlin / shutterstock.com
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