NachDenkSeiten – Die kritische Website

Titel: Gute Antikriegslieder sterben leider nie – sie warten auf den nächsten Krieg

Datum: 31. Juli 2026 um 10:31 Uhr
Rubrik: Friedenspolitik, Kultur und Kulturpolitik
Verantwortlich:

Unsere Geschichtsbücher erzählen gerne von Generälen, Feldherren, Königen und Präsidenten, die Kriege führen, gewinnen und verlieren. Doch sie sind es nicht, die elend in Schützengräben kauern und denen die Gliedmaßen von einer feindlichen Kugel weggerissen werden. Für das Schicksal der „Johnnys“, die mit Trommeln und Versprechungen geködert und dann im Militär gebrochen und in Kriegen verheizt werden, ist nicht die Geschichtsschreibung, sondern die Kunst zuständig. Ein solches Kunstwerk ist das zeitlose Antikriegslied „Johnny I Hardly Knew Ye“, das ich Ihnen heute im Rahmen des Projekts „Friedensnoten“ in der eindringlichen Version von Benjamin Luxon und Bill Crofut[*] vorstellen will. Von Jens Berger.

Unsere Übersicht zu den „Friedensnoten“ der NachDenkSeiten (wird fortwährend ergänzt) finden Sie hier.

Externer Inhalt

Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube übertragen.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein irischer Soldat kehrt aus einem Kolonialkrieg der britischen Armee zu seiner Braut zurück. Doch zurückgekehrt ist eigentlich nur noch eine Hülle. Denn was da zurückkehrt, ist kaum wiederzuerkennen: keine Arme, keine Beine, die Augen erloschen, „an eyeless, boneless, chickenless egg”, einer, den man mit einer Bettelschale an die Straße setzen muss. Der Refrain ist ebenso schlicht wie vernichtend: „Johnny, I hardly knew ye.“ Johnny, ich habe dich kaum wiedererkannt. Mehr muss man über den Krieg eigentlich nicht sagen.

Die Legende sagt, dass dieses Lied bereits im 18. Jahrhundert als trotzige Antwort auf die Anwerbungsversuche der britischen Armee von der irischen Landbevölkerung gesungen wurde. Historisch lässt sich das jedoch nicht belegen. Die „wahre“ Geschichte des Liedes ist jedoch noch interessanter. Die Musik des Liedes stammt vom 1863 geschriebenen amerikanischen Kriegslied „When Johnny Comes Marching Home“ – ein, wie man heute sagen würde, schmissiges Werbelied, mit dem beide Seiten im amerikanischen Bürgerkrieg Freiwillige für die Armee rekrutierten. Im Text geht es darum, wie der Soldat Johnny stolz aus dem Krieg zurückkehrt und für seine Heldentaten bewundert und bejubelt wird. Cineasten dürfte das Lied vor allem aus Kubricks Meisterwerk „Dr. Seltsam“ bekannt sein, in dem es in der ikonischen Szene gespielt wird, in der die Amerikaner die erste Atombombe auf Russland abwerfen.

Aus diesem vor Pathos triefenden Kriegslied machte der englische Kabarettist Joseph B. Geoghegan 1867 eine makabere Groteske für die damals populären Music Halls. Auch in seinem Text geht es um „Johnny“, nur dass sein Johnny nicht ruhmreich aus dem Krieg zurückkehrt und bewundert, sondern als gebrochenes, verunstaltetes menschliches Wrack von seiner Braut betrauert und verhöhnt wird. Über die Jahre wurde aus dem bitteren Music-Hall-Stück eines der eindringlichsten Antikriegslieder überhaupt. Weltberühmt wurde es 1961 in der Version der Clancy Brothers, die zu einer frühen Hymne der amerikanischen Antikriegsbewegung wurde. Als Lied gegen den Vietnamkrieg wurde es später von Joan Baez adaptiert. Die wohl bekannteste zeitgenössische Version ist die musikalisch krachende Interpretation der Dropkick Murphys.

All diese Interpretation hätten zweifelsohne einen eigenen Text verdient. Die für mich alles überragende Version ist jedoch die 1986 entstandene Interpretation des Liedes durch den britischen Opernsänger Benjamin Luxon, begleitet vom amerikanischen Folkmusiker Bill Crofut auf dem Banjo.

Die meisten Versionen des Liedes setzen auf die Energie des irischen Folks oder den mitreißenden Refrain. Luxon und Crofut gehen einen völlig anderen Weg. Benjamin Luxon singt nicht. Er erzählt. Seine dunkle Baritonstimme besitzt eine überwältigende Wucht. Jede Zeile klingt, als würde sie sich unter ihrem eigenen Gewicht biegen. Wo andere Sänger Pathos suchen, findet Luxon Menschlichkeit und Emotionen. Mit jeder Zeile steigert sich die von ihm verkörperte Braut mehr in den Horror hinein, der sich vor ihr in Form des zurückkehrenden Johnny auftut. Aus Klage wird Verzweiflung. Aus Verzweiflung wird Wut und schließlich Resignation. Das ist der Krieg.

Bill Crofuts sparsame Begleitung verstärkt diesen Eindruck. Keine überladene Instrumentierung, keine dramatischen Effekte. Nur genügend Raum, damit jedes Wort wirken kann. Unterstützt wird diese Wirkung durch das minimalistische Bühnenbild und die sparsame Beleuchtung. So entsteht eine beklemmende Intimität, die man bei kaum einer anderen musikalischen Darbietung findet. Die Musik drängt sich nie vor den Text – sie trägt ihn. Und im Hintergrund erinnert das „Trommeln“ des Banjos immer wieder daran, worum es geht – sie trommeln für den Krieg. Sie trommeln, um auch Dich zu holen. Das fröhliche Hurra der Anwerbung, nur dass es jetzt über einen Mann ohne Arme und Beine gesungen wird. Das Lied lässt die Trommel weitertrommeln, während es zeigt, was sie angerichtet hat. Eine perfidere, eine genauere Konstruktion hat die Antikriegskunst nie hervorgebracht.

Man stelle sich das Lied in einer anderen Interpretation vor: Dasselbe Lied, hochglanzpoliert, mit anschwellenden Streichern und einem Chor im Finale. Es wäre erträglich. Es wäre „schön“. Und genau das darf es nicht sein. Luxon und Crofut verweigern uns den Trost. Sie lassen das „chickenless egg” nackt im Raum stehen, so wie der Pazifist Ernst Friedrich 1924 in seinem Bildband „Krieg dem Kriege!” die zerschossenen Gesichter der Weltkriegsversehrten nackt auf die Seiten legte – ohne Bildunterschrift, ohne Deutung, ohne Weichzeichner. Man kann vor beidem die Augen verschließen. Aber man kann hinterher nicht sagen, man habe es nicht gesehen.

Moderne Kriegspropaganda arbeitet mit Satellitenbildern, Frontverläufen und Prozentzahlen. Sie spricht über Verteidigungsausgaben, Waffensysteme und Bündnisverpflichtungen. Das einzelne Schicksal verschwindet hinter abstrakten Begriffen. Johnny I Hardly Knew Ye macht genau das Gegenteil. Es reduziert den Krieg auf einen einzigen Menschen. Und plötzlich wird alles sichtbar.

Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Lied auch nach mehr als 150 Jahren nichts von seiner Kraft verloren hat. Es erinnert uns daran, dass hinter jeder strategischen Debatte irgendwann ein Johnny steht. Einer, der fortgeht. Und einer, den man – wenn überhaupt – kaum noch wiedererkennt.

Das macht das Lied aktueller denn je. Auch heute hören wir die „Drums and Guns“, auch heute werden in Deutschland die Johnnys, die bei uns eher Kevin oder Mohammed heißen, mit Pathos und haltlosen Versprechungen für die Armee rekrutiert. Werden auch sie einst gebrochen und verunstaltet zur ihrer Geliebten zurückkehren?

Darauf hat die Version von Joan Baez die richtige Antwort. Anders als im Original endet diese Version mit den Zeilen …

They’re rolling out the guns again, hurroo, hurroo
They’re rolling out the guns again, hurroo, hurroo
They’re rolling out the guns again
But they won’t take back our sons again
No they’ll never take back our sons again
Johnny, I’m swearing to ye.

Und dieser Schwur sollte nicht ungehört bleiben.

Titelbild: Ole Feldbæk, Ole Justesen: Danmarks Historie: Kolonierne i Asien og Afrika, Politikens Forlag, Kobenhavn 1980 / Screenshot dansingbear207 via YouTube


[«*] Benjamin Luxon (vocals) and Bill Crofut (Banjo) on “Folksongs at Tanglewood” – Omega Records OCD3003


Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/

Artikel-Adresse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=154400