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Titel: Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XLIV – „Wir feiern Respekt“

Datum: 2. August 2026 um 14:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, Aufrüstung, Kampagnen/Tarnworte/Neusprech, Strategien der Meinungsmache
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Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Diesmal geht es unter anderem um unsere „Armee zum Anfassen“ für die „Generation Wehrdienst“. (Nicht für die „Generation Waschlappen“!) Von Leo Ensel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Armee zum Anfassen
„Die Bürgerinnen und Bürger konnten sich an zehn Standorten bundesweit persönlich davon überzeugen, dass die Bundeswehr auch eine Armee zu Anfassen ist. Wer es nicht an einen der Standorte von Eckernförde im Norden bis zur bayrischen Landeshauptstadt im Süden schaffte, kann die Höhepunkte des Tages auf YouTube nachholen.“ Die Rede war vom „Tag der Bundeswehr“ – Motto: „Nah dran, Bereit, Tapfer“ – am 6. Juni. – Eine „Armee zum Anfassen“ für den „Krieg zum Anfassen“ … (vgl. „Tapferkeit“)

bereit
Zu was auch immer. „Bereit sein ist alles“ (die Bundeswehr), „Bereit, weil ihr es seid“ (die GRÜNEN), „Bereitschaft zu Aufbruch, Veränderung und, ja, auch Opfern“ (der Kanzler), „bereit, Opfer zu bringen“ (der Vizekanzler), „Bereitschaftserklärung“ und „einsatzbereit“ (nochmal die Bundeswehr), „kriegsbereit“ (Politikwissenschaftler Gustav Gressel), „kampfbereit“ (Generalleutnant Christian Freuding) etc. – Bereitsein: Leben im Dauer-Standby. Bis endlich der erlösende Befehl kommt … (Wie tönte es doch in der DDR, Gott hab sie selig? „Seid bereit! – Immer bereit!“)

Bereitschaftserklärung
Taufte die Bundeswehr den Fragebogen („Weil wir wissen, was auf dem Spiel steht“), den seit Anfang 2026 alle jungen Männer ab 18 Jahren pflichtgemäß ausfüllen müssen – vom Fitnesslevel (Selbsteinschätzung) über staatlich anerkannte Schwerbehinderung bis zur Bewertung des „Interesse am Dienst als Soldatin oder Soldat“ inclusive „möglicher Dauer“. Das Ergebnis war bislang allerdings „ernüchternd“: Ganze 0,18 Prozent der Angeschriebenen werden dieses Jahr ihren Wehrdienst antreten! (vgl. „Bereitsein ist alles“, „Generation Waschlappen“ und „Wille zum Kampf“)

ernüchternd
„530 – das ist die Zahl jener jungen Leute, die sich auf den Fragebogen der Bundeswehr hin freiwillig zum Dienst an der Waffe entschieden haben. Rund 300.000 Briefe hat ‚die Truppe‘ an die 18-Jährigen des Landes geschickt. Im ZDF heißt es, die Fragebogenaktion wirke ernüchternd.“ – Die Sendeanstalt könnte bei einem Rücklauf von 0,18 Prozent auch sagen: „Krachend ist die deutsche Regierung mit ihrem Vorhaben gescheitert.“ (Sorry, Leser-Sternchen-innen, diesmal habe ich es mir leicht gemacht und Zitat wie Kommentar einfach vom unermüdlichen Marcus Klöckner abgeschrieben!)

Generation Wehrdienst (Mit dir sind wir viele)
Klares Gegenteil der „Generation Waschlappen“! Wie schon das Poster tönt: „Ihr könnt laut reden. Wir machen.“ (Fragt sich nur, was!) – „Generation Wehrdienst“ lautet auch eine neue Webserie, die die Bundeswehr „nach den preisgekrönten Formaten ‚Die Rekruten‘ (2016) und ‚Die Rekrutinnen‘ (2019)“ ab Juli 2026 veröffentlicht. „Die Serie begleitet Rekrutinnen und Rekruten auf einer emotionalen und spannenden Reise, in der die jungen Frauen und Männer auch an ihre Grenzen stoßen – ohne Drehbuch, mit allen Höhen und Tiefen. Von der Ankunft über die Einkleidung und den Formaldienst zum Feierlichen Gelöbnis bis zur Gefechtsausbildung und dem Biwak ist die Kamera hautnah dabei. Auch Freunde, Familie und Ausbilder kommen zu Wort. Die visuelle Gestaltung und Ästhetik der Serie orientierten sich an aktuellen Trends und entsprechen den Sehgewohnheiten der jungen Erwachsenen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer können sich auf drei Staffeln zwischen Anfang Juli bis November 2026 freuen.“ Kurz und gegendert: „Zwischen Druck, Teamgeist, Routine und neuen Herausforderungen kriegt ihr in der Serie zu sehen, was Rekrut:innen vom ersten Antreten an wirklich erwartet. 🤩“ – Na denn: Enjoy! (Bis sich die „Generation Wehrdienst“ in die „Generation Krieg“ verwandelt hat …)

Nah dran, Bereit, Tapfer
Motto des „Tag der Bundeswehr“ am 6. Juni. „Der Tag der Bundeswehr zeigte eindrucksvoll, wofür die Truppe steht: Schutz, Verantwortung, Einsatzbereitschaft und Tapferkeit – mit Vorführungen, Technik zum Anfassen und Gesprächen, die in die Tiefe gingen.“ (vgl. „Armee zum Anfassen“, „Tapferkeit“)

Kriegsgefangenenlager auf Probe
„Für 2000 Putin-Soldaten: Holländer bauen Kriegsgefangenenlager auf Probe“, titelte in freudiger Erregung am 15. Juni die BILD-Zeitung. Genauer: „Die Niederlande bereiten sich auf einen möglichen Krieg mit Russland vor – und proben bereits den Ernstfall. Auf einem Truppenübungsplatz in der Provinz Groningen im Norden des Landes testet die Armee erstmals seit dem Kalten Krieg wieder ein Kriegsgefangenenlager. Im Ernstfall sollen dort bis zu 2000 feindliche Soldaten untergebracht werden. Nach Angaben des Militärs wird die Anlage benötigt, falls bei einem Konflikt mit Russland große Zahlen gegnerischer Kämpfer in Gefangenschaft geraten.“ – Genau. Die Frage ist nur noch, wo denn die tapfere holländische Armee nach den kommenden Kesselschlachten die tausenden russischen Kriegsgefangenen einnehmen wird: In der „Suwalki-Lücke“? Anderswo im Baltikum? In Polen? Unterm Brandenburger Tor? Oder direkt vor Ort in Zuiderzee? (Doch nicht etwa in Russland? Das gibt logistische Probleme!) Immerhin beruhigend zu wissen: Es gibt „Komfort für Putins Soldaten!“ Weiß BILD. (Von der niederländischen Generalin Nicole de Wolf.)

Perlenkette
„Das reiht sich auf an einer Kette, nur dass die Perlen dieser Kette immer größer werden. Das ist eigentlich die Strategie: Man guckt, wie weit man kommen kann. Wie lange diese Kette eigentlich trägt, bis der NATO sozusagen der Ketten- oder der Geduldsfaden reißt.“ Sinnierte und insinuierte – ohne jeden Beleg für die reflexhaft unterstellte Eskalationsabsicht der Gegenseite – der verhinderte Dichter und Verteidigungsexperte Christian Mölling am 20. September 2025 im Deutschlandfunk über die jüngsten Drohnen- und Kampfjet-Events in Polen und im Baltikum. (vgl. „eindringen“, „verirren“)

Reichweite ist alles
Diesmal geht es ausnahmsweise nicht um „Präzisionsschläge“ „weit in die Tiefe des russischen Raums“, sondern um die „Mission Kyiv“ („Eine Mission – klare Ziele“), bei der bekanntlich ein niederländisches Militär- und Veteranenteam einen 2.000 Kilometer langen Schnellmarsch von Den Haag nach Kiew – pardon: Kyiv! – durchführt. „Mit einem Nonstop-Staffelformat werden pro Tag 120 Kilometer zurückgelegt.“ Alles aus Solidarität mit Veteraninnen und Veteranen in der Ukraine. Der Deutsche Bundeswehrverband bewirbt dieses Event so: „Reichweite ist alles: Teilt diesen Beitrag und erweitert das Netzwerk!“ – Nicht schlecht, aber ein stolzes Zitat aus der Berliner Zeitung hätte sich noch besser geeignet: „Auch die Reichweite ukrainischer Drohnen wächst. Militärbloggern zufolge können sie inzwischen rund 1750 Kilometer weit fliegen.“ („Weit in die Tiefe des russischen Raumes“.)

Tapferkeit
„Tapfer sei, wer sich in eine unangenehme Situation begebe und diese angehe. ‚Auch wenn man weiß: Es tut weh.‘“ Schwärmt Afghanistanveteran und Tapferkeits-Ehrenkreuzträger, Oberstabsfeldwebel Jan H., auf der Homepage www.bundeswehr.de. – Das sieht der Philosoph Günther Anders etwas anders: „Tapferkeit ist keine Tugend, sondern ein Manko. Wer tapfer ist, ist ein Feigling. Weil er gewöhnlich nur tapfer ist. Weil er nichts unternimmt. Sondern alles über sich ergehen läßt. Weil er sich aufs Aushalten beschränkt. Aufs Aushalten dessen, was ihm auferlegt und zugemutet wird. Und weil er das nicht nur ohne zu mucksen akzeptiert, sondern sogar stolz darauf ist, dass er nicht aufmuckt.“ Dem ist nichts weiter hinzuzufügen.

unausweichlich
„Ist Krieg gegen Putin unausweichlich?“, titelte BILD am 9. Oktober 2025. Das Fragezeichen lieferte das Boulevardblatt als Feigenblatt noch mit. (Kann es sich leisten, denn was hängen bleibt, ist eh das Wörtchen „unausweichlich“.) Anders formuliert: „Putin hat in gewisser Weise den Rubikon überschritten!“ So der – „letzter Friedenssommer“ – alarmistische Militärhysteriker Sönke Neitzel. Dessen Formel „in gewisser Weise“ ist zwar genauso vage wie sein kurz darauf folgendes Standardstatement: „Wir sind nicht mehr im Frieden. Wir sind aber auch nicht in einem erklärten Krieg. Wir sind irgendwas dazwischen.“ Klar dagegen ist die unausweichliche Konsequenz: Putin wird wohl demnächst vermutlich Soldaten nach Spitzbergen schicken! – Unausweichliche Konsequenz daraus für die Bundeswehr: Endlich Schreibtischsoldaten in echte Kämpfer verwandeln. Denn: „In einem Ernstfall“, so Neitzel, „würden 120.000 Soldatinnen und Soldaten 60.000 beim Kämpfen zusehen.“ Und das geht ja nun wirklich nicht!

Verluste
Sind aus der Perspektive der Generäle alle Soldat-Doppelpunkt-innen, die sie nicht mehr verwenden können – also Tote und Schwerstverletzte. (Im Verhältnis eins zu drei bis vier.)

Wir feiern Respekt
Werbung für den zweiten Nationalen Veteranentag („Veterans, Family & Friends“) am 21. Juni, den die Bundeswehr folgendermaßen bewarb: „Die Besucher erwartet in Berlin ein attraktives Bühnenprogramm, u.a. unter Beteiligung des Vizepräsidenten Omid Nouripour, der Mitglieder des Verteidigungsausschusses, des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, Henning Otte, sowie des Bundesministers der Verteidigung, Boris Pistorius. Auftritte von The BossHoss, Heavysaurus, Heinz Rudolf Kunze und der Big Band der Bundeswehr runden das Angebot ab. Ein Highlight ist die neue Fotoausstellung ‚Verwundet‘ von Bryan Adams, die Bundestagspräsidentin Klöckner eröffnen wird.“ – Wow, welch ein Hochlicht! Staunt verwundert der Autor dieses Textes. (Und für diejenigen, die es nicht mehr zum Veteranen geschafft haben, empfehlen wir: „Kriegsgräbervorsorge statt Kriegsgräberfürsorge!“) PS: „Hüpfburg und Kinderschminken sowie viele Attraktionen für die jüngsten Gäste locken neben einem breiten kulinarischen Angebot.“

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.

Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.

Titelbild: Prostock-studio/shutterstock.com


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