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Titel: Ein Thiel ist einer zu viel! Springer (ver)ehrt lupenreinen Antidemokraten

Datum: 23. September 2026 um 11:07 Uhr
Rubrik: einzelne Politiker/Personen der Zeitgeschichte, Kampagnen/Tarnworte/Neusprech, Neoliberalismus und Monetarismus
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Am Donnerstag wird dem US-Techmilliardär Peter Thiel in Berlin feierlich der Axel Springer Award verliehen. Für seinen Beitrag zur „Resilienz von Demokratien“, heißt es. Ach was! Eigentlich findet der Palantir-Gründer Parlamentarismus und Rechtsstaat doof und steht mehr auf Oligarchie und Reichtum über alles. Na und! Den Preis hat er sich trotzdem verdient. Verlagsboss Döpfner hat ja schließlich auch was davon. Von Ralf Wurzbacher.

Wollen Sie auch einmal geehrt, gewürdigt, belobigt werden? Mit Urkunde und salbungsvollen Worten? Dann ist es jetzt endlich so weit – sofern sie zur Gruppe der Nominierten gehören. Aber keine Sorge, Sie gehören dazu, so wie Milliarden andere Menschen. Faktisch gibt es nur einen, der nicht nominiert ist: Peter Thiel. Also der Peter Thiel, der US-Techmilliardär mit deutschen Wurzeln. Wenn Sie der nicht sind: „Dann haben Sie gewonnen.“ Dann bekommen Sie den „Nicht-Peter-Thiel-Preis“.

Häh!? Was soll der Quatsch? Sie haben recht, das Ganze ist Quatsch. Selbst die, die den Preis ausgelobt haben, finden das „absurd“, sprich die Leute vom Verein LobbyControl. Mindestens genauso absurd ist aber der Anlass ihrer Initiative. Am Donnerstag nämlich wird Peter Thiel geehrt, der echte, auf großer Bühne, mit ganz viel Pipapo und Live-Schalte im Internet. Am Abend weilt er in Berlin, um sich den Axel Springer Award überreichen zu lassen, durch Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner. In der Ankündigung zur Veranstaltung ist unter anderem über den Auserwählten zu lesen, er habe mit Palantir „eines der wertvollsten und für die Resilienz von Demokratien wichtigsten Unternehmen unserer Zeit“ geschaffen.

Bombenstimmung in Gaza

Soso. Da muss man erst einmal drauf kommen. Vor allem hat Palantir eine Überwachungssoftware „geschaffen“, die potenziell alle Bürger ins Visier nimmt, sowohl „Feinde“ der Demokratie als auch „Freunde“ der Demokratie. Wobei es passieren kann, dass aus dem Freund plötzlich ein Feind wird, ein Staatsfeind, und umgekehrt aus einem Verächter von Vielfalt und Meinungsfreiheit ein rechtschaffener Mensch. Zum Beispiel kooperiert Palantir mit dem israelischen Militär und hat mit KI-gestützten Zielerfassungssystemen den völkerrechtswidrigen Vernichtungskrieg gegen Gaza mit ermöglicht, mit Zehntausenden Opfern in der Zivilbevölkerung. Darunter waren bestimmt nicht wenige, die sich eine Demokratie gewünscht haben, aber nicht resilient genug waren, den Bomben der rechtsradikalen Zionisten zu widerstehen.

So genau nimmt man es bei Springer nicht. Zumal der Verlagsriese Israel natürlich ehern die Treue halten muss, aus deutscher Staatsräson. Außerdem gibt es an Thiel ja auch noch so viel mehr zu bewundern: So habe er als Mitgründer von PayPal das „Fundament für den globalen digitalen Zahlungsverkehr“ gelegt und als erster externer Investor von Facebook „früh das transformative Potenzial sozialer Netzwerke“ erkannt, erfährt man aus besagter Mitteilung. Überdies unterstütze er über seinen Founders Fund zahlreiche Unternehmen, „deren Innovationen heute ganze Branchen prägen – von Künstlicher Intelligenz über Biotechnologie bis zur Raumfahrt“. Wenn man das alles so liest, könnte man meinen, der Mann führe einfach nur Gutes im Schilde.

Freiheit zum Geldscheffeln

Kritiker sehen das freilich anders. Thiel stehe wie kaum ein anderer „für die Verbindung aus extremem Reichtum, politischem Einfluss und einer demokratiefeindlichen Ideologie“, konstatiert LobbyControl. Zudem werfe Palantirs datengetriebene Technologie „gravierende Fragen zu Grundrechten, Überwachung und demokratischer Kontrolle auf“. Derlei Fragen stellt man bei Springer nicht. Auch nicht solche nach der demokratischen Gesinnung des Würdenträgers. Tatsächlich ist Thiel ein lupenreiner Antidemokrat. Die demokratische Ordnung hält er erklärtermaßen für unvereinbar mit der Freiheit, worunter er zuallererst unternehmerische Freiheit und das individuelle Anrecht versteht, Unmengen an Geld zu scheffeln und Mensch und Natur rücksichtslos auszubeuten. Über Leichen geht er dabei selbstredend auch. Neben der Software fürs Töten verdient er auch kräftig an der Hardware mit, etwa über sein Investment beim US-Rüstungs-Start-up Covenant, das ab kommendem Jahr im Raum Leipzig Marschflugkörper für europäische Abnehmer fertigen will.

„Ein Preis für Demokratie-Resilienz an Peter Thiel ist lächerlich“, meint Elena Kempf. Sie ist Sprecherin eines Bündnisses, das für Donnerstag, 17:30 Uhr, zum Protest vor dem Axel-Springer-Haus mobilisiert. Im Aufruf kommt Thiel nicht gut weg: Er sei „zentraler Antreiber hinter dem weltweiten Aufstieg des Faschismus“, heißt es da. Er schaue nicht in Berlin vorbei, um sich einen Preis abzuholen. Thiel wolle seine „rechtsextrem-libertäre Ideologie in Europa“ durchsetzen und habe dafür ein Milliardenvermögen zur Verfügung. „Deutschland ist mit der rechtsextremen AfD sein Einfallstor nach Europa.“

CEO for President

Ob Springer-Boss Döpfner über dieses Thema reden wird, auf dem Podium beim „traditionellen“ Plausch mit dem Würdenträger? Schließlich sei die Auszeichnung „auch Anlass für journalistische Neugier und die kritische Auseinandersetzung mit den Ideen, Überzeugungen und dem Einfluss ihrer Preisträger“, erfährt man in der Bekanntmachung. Man darf gespannt sein, wie weit die Wissbegierde geht. Wird Thiel mit Fragen gelöchert wie der, warum er ein glühender Anhänger von Donald Trump, ein wichtiger Förderer von dessen Vize J. D. Vance und eine Galionsfigur der MAGA-Bewegung (Make America Great Again) ist? Und wieso er Greta Thunberg und die Vereinten Nationen (UN) als „Legionäre des Antichristen“ brandmarkt und lieber einen CEO (Chief Executive Officer) zum Präsidenten machen würde als einen vom Volk gewählten Repräsentanten?

Das wäre auch deshalb interessant, weil sich Springer, im Speziellen die BILD-Zeitung, so gerne als bürgernah geriert, von wegen „hier spricht das Volk“. Weshalb rollt der Konzernboss dann einem Mann den roten Teppich aus, der die einfachen Menschen aus tiefstem Herzen verachtet, ihnen zutiefst misstraut und deshalb eine digitale „Sicherheitsaristokratie“ errichten will, über die Technofaschisten aus dem Silicon Valley gebieten sollen? Man könnte ihn und Döpfner auch mit dem Zitat des Historikers Volker Weiß konfrontieren, wonach Thiel eine Gesellschaft anstrebe, „die frei ist vom sozialen und vom Gleichheitsgedanken“ und in der eine kleine Elite, dich sich auch noch theologisch rechtfertige, die technischen Werkzeuge in der Hand habe, um Massen global zu kontrollieren. Das verspräche, eine erquickliche Diskussion zu werden, wollte Döpfner sie führen, was er aber nicht will und auch nicht zulassen wird vor versammelter Netzgemeinde.

BILD Dir Deine Geschäfte

Zur Auffälligkeit, dass ausgesprochen oft US-Techkonzernführer den Springer Award einheimsen –davor schon Mark Zuckerberg (Meta), Jeff Bezos (Amazon), Elon Musk (Tesla), Sam Altman (OpenAI) –, haben Kathrin Anhold und Aurel Eschmann von LobbyControl allerhand Erhellendes im Beitrag „Axel Springer und die Techmilliardäre“ zusammengetragen. Etwa über die persönlichen Kontakte des Springer-Chefs zu den fraglichen Figuren, darunter auch Alex Karp, CEO bei Palantir. Der saß schon einmal im Springer-Aufsichtsrat, während Springer selbst zu den Palantir-Kunden zählt und die Anwendung Foundry für Marktanalysen nutzt. Thiel wiederum hat laut Manager Magazin (hinter Bezahlschranke) 50 Millionen Dollar in den Risikokapitalfonds „Döpfner Capital“ von Döpfner-Sohn Moritz investiert, und gemeinsam sollen sie beim Berliner Drohnen-Start-up Stark mitmischen.

Die engen Bande zur US-Techelite begründen sich insbesondere mit Springers Ambitionen, sein Medienimperium in Übersee auszubauen und im Speziellen die digitale Transformation voranzutreiben. Der deutsche Medienverlag hat sich bereits die Nachrichtenplattformen Politico, Business Insider, Morning Brew und Insider Intelligence einverleibt. Zuletzt ging sogar das Gerücht um, er wolle überdies CNN und das Wall Street Journal übernehmen. „Döpfners Technähe dient also zumindest auch der Netzwerkpflege“, konstatieren Anhold und Eschmann. Mit der Verleihung des Springer Awards schlage man zwei Fliegen mit einer Klappe: „Die Tech-CEOs werden umgarnt und aufgewertet. Gleichzeitig profitiert der Springer-Konzern vom Prestige und der Aufmerksamkeit.“

Das Kalkül könnte noch weiter reichen: Springer öffnet den US-Technolibertären die Türen nach Deutschland und Europa – zwecks Generierung noch größerer Profite, Abwehr regulatorischer Übergriffe durch die Politik sowie Verbreitung ihrer staats- und demokratiefeindlichen Ideologie. Im Gegenzug erhält Döpfner mehr Zugriff auf den US-Markt. Aber das ist reine Spekulation.

Gandalf gegen Sauron

Offen ist auch, wie viele Demonstranten morgen die groteske Show im Springer-Haus stören werden. Das Protestbündnis regt zu einem „Gandalf-Kostümwettbewerb“ an, in Anlehnung an Thiels Marotte, seine Unternehmungen nach Vorbildern aus „Herr der Ringe“ zu benennen, wie beispielsweise Palantir – „sehender Stein“ – oder Anduril – „das Schwert von König Elessar“ –, das seit 2017 für ein US-Killerdrohnen-Start-up steht. Der Zauberer Gandalf ist Gegenspieler der Bösen in Tolkiens Epos. Mal sehen, ob es ihm gelingt, die Thiel-Huldigung wenigstens ein wenig zu sabotieren. Jedenfalls lautet die Ansage: „Wenn Thiel sich für Sauron („Dunkler Herrscher“) hält, zeigen wir ihm, wer ihm den Weg versperrt.“

Wer nur mit dem Herzen und im Gedanken dabei sein kann, macht sich trotzdem verdient: „Für die (einigermaßen) herausragende Leistung zur Förderung der Demokratie, nicht Peter Thiel zu sein.“ Die Urkunde dazu gibt es hier. Nur drei Einschränkungen: „Milliardäre, Diktatoren und Nazis sind von der Preisverleihung ausgeschlossen.“ Leider gibt es davon immer mehr.

Titelbild: Axel Springer Award


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