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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit LII – „Abenteuer“, „Benefits“ und „Geistlicher Operationsplan Deutschland (GOD)“
Datum: 27. September 2026 um 11:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, Aufrüstung, Kampagnen/Tarnworte/Neusprech, Strategien der Meinungsmache
Verantwortlich: Redaktion
Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute geht‘s um die originelle Werbung fürs Töten und Sterben. Von Leo Ensel.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
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Abenteuer
„Wo kann man noch mehr Abenteuer haben als bei uns? Sie können im Ausland ihren Dienst machen, im Inland ihren Dienst machen, im Büro, draußen auf der Wiese, im Wald – es macht einfach Spaß.“ Laut „Hauptmann Josef (Nachname auf Wunsch nicht genannt)“ aus Magdeburg einer von vier Gründen – Geld, sicherer Arbeitsplatz, Abenteuer und Benefits –, weshalb sich die Menschen für eine Karriere bei der Bundeswehr interessieren. (Demnächst mal wieder auf dem bewährten Abenteuerspielplatz „in der Tiefe des russischen Raumes“?)
abstandsfähige Produktverbringung
Was den Ostfriesen das Boßeln oder der Teebeutelweitwurf, das ist dem Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr die „abstandsfähige Produktverbringung“, sprich: der „zielgenaue Flugblattabwurf in der Oberlausitz“, bei dem kürzlich mal wieder Flugblätter mit Hilfe von Heliumballons in vorher berechnete Zielgebiete verbracht wurden. Nicht weniger als hundert Soldaten des Kommunikationszentrums werden zweimal im Jahr für die knapp zweiwöchige Übung aus dem rheinland-pfälzischen Mayen nach Sachsen verlegt. („Die Flugblätter selbst“, schreibt das operative Kommunikationszentrum, „sind übrigens aus Recycling-Papier und lösen sich binnen weniger Wochen auf – der Umwelt zuliebe.“)
alles nichts
Sie denken jetzt an den berühmten, Willy Brandt zugeschriebenen Satz: „Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts“? Falsch gedacht, Leser-Sternchen-innen! Die moderne, zeitengewendete Version lautet so: „Ohne die Menschen in Uniform ist das alles nichts, was wir tun.“ Stammt zwar nicht von Willy, dafür aber von Boris (Pistorius)!
Benefits
„Hier findest du alle Infos zu deinen Benefits“, informiert die Karriereseite der Bundeswehr. Als da wären: attraktives Gehalt, Auslandsverwendungszuschlag, mehr Urlaub, Wohnungsfürsorge, Sonderzahlungen, Gehalt auch nach der Dienstzeit, volles Gehalt bei Krankheitsfall (ohne zeitliche Beschränkung), zivile Aus- und Weiterbildung, Bildungszuschuss, erleichterter Numerus Clausus, Studieren bei vollem Gehalt, Jobticket, Carsharing, Zuschuss zum Führerschein Klasse B oder C/C1, kostenlos Bahnfahren, Elternzeit, Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen, Familienbetreuung, Sport in der Dienstzeit, truppenärztliche Versorgung und vieles mehr … Na, worauf warten Sie denn noch?
Geistlicher Operationsplan Deutschland (GOD)
Um Gottes Willen, halten Sie sich fest! Ja, seit zwei Jahren gibt es auch schon den „Geistlichen Operationsplan Deutschland“ – abgekürzt: „GOD“… erarbeitet von Bernhard Felmberg, seines Zeichens leitender evangelischer Bischof für die Seelsorge in der Bundeswehr. Schließlich brauchen wir, so Felmberg, „eine gute Verknüpfung mit der Notfallseelsorge, der Krankenhausseelsorge und auch mit den Gemeinden vor Ort, damit den seelsorgerlichen Bedürfnissen auch in so einem Fall [gemeint ist vermutlich der „Bündnisfall“] Rechnung getragen wird.“ (Beruhigend zu wissen: Für die Seele ist schon mal gesorgt!) Wichtige Fragen: „Wer begleitet die Verletzten? Wer begleitet die Offiziere bei der Überbringung von Todesnachrichten, und so weiter? Das sind viele Fragen, die aufkommen und die für uns völlig neu sind. Darauf müssen wir uns vorbereiten, damit wir als Kirche bei den Menschen sind, denn das ist unsere Aufgabe.“ Kurz: „Wir müssen als Militärseelsorgerinnen und Militärseelsorger in der Lage sein, unsere Soldaten zu befähigen, bei Tod und Verwundung das Richtige zu tun!“ – Moral: Kriege zu verhindern, ist keine Christenpflicht mehr. Stattdessen gilt nun wieder das seit Jahrtausenden bewährte Motto: „Erst beten, dann töten!“ (Oder wie es im Lied heißt: „With guns in theirs hands/ And God on their side.“) (vgl. „Bist du an meiner Seite, wenn ich falle?“, „scharfes Ende“)
Hoffnungsträger
„Das Rüstungsgeschäft wird zunehmend zum neuen Hoffnungsträger für die Autoindustrie“, titelte die Onlineplattform Telepolis am 28. Juli. Sollte dies tatsächlich die neue Hoffnung unserer Wirtschaft und Gesellschaft sein, so bleibt uns nur noch Dantes berühmte Inschrift über dem Tor zur Hölle: „Lasciate ogne speranza!“ („Lasst alle Hoffnung fahren!“)
in die härtesten Einsätze
Würde im Kriegsfalle Anton Hofreiter gerne die 50- bis 55-Jährigen schicken. Die generationengerechte Begründung: „Weil, die hatten wenigstens schon ein gewisses Leben!“
Inklusion, Rehabilitation und gesellschaftliche Anerkennung
„Neben den Wettkämpfen stehen Themen wie Inklusion, Rehabilitation und gesellschaftliche Anerkennung im Fokus.“ Klingt das nicht schön? Die Rede ist hier vom Invictus Germany Sports Festival: „Vom 12. bis 14. Juni 2026 treffen sich im CASTELLO Düsseldorf Veteran:innen, versehrte Soldat:innen, ihre Familien und internationale Gäste, um in vier Sportarten anzutreten und Gemeinschaft zu erleben. Ziel des Festivals ist es, Veteran:innen sichtbar in die Mitte der Gesellschaft zu rücken und Brücken zwischen Bundeswehr, Zivilgesellschaft und internationalen Partnern zu bauen. Das Festival baut als zentraler Baustein der Invictus-Germany-Bewegung direkt auf der erfolgreichen ersten Auflage von 2024 auf und setzt auch 2026 ein starkes Zeichen für Respekt, Zusammenhalt und nachhaltige Verantwortung.“ – „Inklusion, Rehabilitation und gesellschaftliche Anerkennung“ sowie „Respekt, Zusammenhalt und nachhaltige Verantwortung“: Brave new veterans world …! (vgl. „Fahrradtour der Tapferkeit“, „Mission Kyiv“)
Invictus Germany Team
Für Nicht-Humanisten: das unbesiegte (unbesiegbare) Deutschland-Team! Vereinigung von kriegsgeschädigten Veteran-Doppelpunkt-innen, die sich einfach nicht unterkriegen lassen. (Und deswegen Respekt einfordern.) Wie hieß es doch nach dem Ersten Weltkrieg so trotzig-treffend? „Im Felde unbesiegt!“ (Gilt auch heute – von Afghanistan bis Mali.) (vgl. „Inklusion, Rehabilitation und gesellschaftliche Anerkennung“)
kämpfen, töten, sterben
„Die Aufgabe von Soldaten ist in letzter Konsequenz: kämpfen, töten, sterben.“ Und das gilt auch für den „demokratischen Krieger“! (Vielleicht ja „Gemeinsam. Jederzeit. Entschlossen.“) So in dankenswerter Offenheit Militärhistoriker Sönke Neitzel – natürlich in der taz! (vgl. „zum Nulltarif“)
Karrierecamp
Die zweiwöchige Abenteuer-Outdoorversion des „Karrierecenters“ im Nationalpark Harz – direkt auf dem Brocken, wo die Bundeswehr Mitte Mai mit Rad- und Kettenfahrzeugen, Hubschrauberlandungen, Tiefflügen und einer spendierten Fahrt auf der Brockenbahn bei weiterführenden Schulen Nachwuchs gewinnen wollte. Die Nationalparkverwaltung war unverständlicherweise dagegen – „Lebensraum seltener und bedrohter Tierarten, die sehr empfindlich auf Lärm reagieren“ –, Harzkreis-Landrat Thomas Balcerowski (CDU) jedoch dafür. Der Brocken, mit 1.141 Metern höchster Berg Norddeutschlands und seinen zahlreichen Besuchern, sei der ideale Ort, um viele Menschen zu erreichen. Denn: „Die Bundeswehr gehört in die Mitte der Gesellschaft.“ – Und jetzt raten Sie mal, wer sich durchgesetzt hat!
Reserve auf Augenhöhe
Verteidigungsminister Pistorius will die Rolle der Reservisten stärken und sie attraktiver machen. „Unser Ziel ist klar: Bis zum Jahr 2035 260.000 aktive Truppe und mindestens 200.000 Reservisten. Und mit dem Reservestärkungsgesetz gehen wir jetzt nach der Strategie zur Reserve den nächsten folgerichtigen Schritt: eine Reserve, die auf Augenhöhe mit der aktiven Truppe ihren Dienst versehen soll.“ So Deutschlands beliebtester Politiker am 1. Juli in der „Tagesschau“. (Und für dieses hehre Ziel kann man schon mal die „doppelte Freiwilligkeit“ – nach der Reservisten nur herangezogen werden können, wenn sie und ihr Arbeitgeber zustimmen – opfern!)
rund die Hälfte (52 Prozent)
„Doch selbst im aktuellen ZDF-Politbarometer zeigt sich: ‚Für 35 Prozent [der Bundesbürger] sollte es gar keine Wehrpflicht geben, darunter rund die Hälfte (52 Prozent) der 18- bis 34-Jährigen.‘ Interessant hier der Spin: 52 Prozent sind natürlich MEHR als die Hälfte der jungen Erwachsenen. Doch offiziell wird formuliert: ‚rund die Hälfte‘.“ Kritisierte Christiane Voges die ZDF-Berichterstattung. – Tja, liebe Frau Voges, das ZDF hat halt abgerundet! (Passte wohl besser in den Kram.)
scharfes Ende
Soldatinnen und Soldaten würden jetzt merken, „dass ihr Beruf wirklich ein scharfes Ende hat“, so der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg, der für den Fall der Fälle schon mal den „Geistlichen Operationsplan Deutschland (GOD)“ ausgearbeitet hat. Felmberg volksnah: „Sich damit zu konfrontieren, dass vielleicht in einem großen Verteidigungskrieg am Tag 500, 600 Menschen verletzt werden und sterben, das ist eine ganz andere Nummer.“ (Wahrlich, ich sage euch: eine Nummer mit scharfem Ende!) Höchste Zeit, den Soldaten in Notsituationen beizustehen. „Und wenn es darum geht, dafür zu sorgen, dass ein Soldat in der Stunde oder Sekunde des Todes [dem ‚scharfen Ende‘] ein Gebet sprechen kann.“ (vgl. „Bist du an meiner Seite, wenn ich falle?“)
Übungsschlachtfeld
„Mit Maschinengewehren durch die Tunnel – Bundeswehr macht Berliner U-Bahn zum Übungsschlachtfeld“, titelte ntv am 19. November 2025. „Nicht nur auf freiem Feld, auch in der Stadt muss die Bundeswehr im Kriegsfall kämpfen. Das bringt ganz andere Herausforderungen mit sich. In Berlin wird daher nun eine U-Bahn-Station zum nächtlichen Kampf-Ort.“ Kurz: Training für den künftigen „urbanen Kampf“. (By the way: in Deutschland, Russland oder anderswo?)
(wird fortgesetzt)
Titelbild: ChatGPT, mit künstlicher Intelligenz erstellt
Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.
Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.
Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/
Artikel-Adresse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=156719