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Titel: Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit LVIII – „Wegtreten!“ oder: Merzenslogik und noch wilderes Gebräu

Datum: 8. November 2026 um 10:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Aufrüstung, Kampagnen/Tarnworte/Neusprech, Strategien der Meinungsmache
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Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute präsentieren wir Teil zwei der wilden bipolaren Amplitudenausschläge von Kanzler und Spitzenmilitärs. Von Leo Ensel.

bestehen
„Wir müssen jetzt – und das haben wir mit der Militärstrategie und dem Fähigkeitsprofil getan; also mit den Fähigkeiten, die wir genau für die Umsetzung der Militärstrategie brauchen – dass wir genau diesen Spagat, oder besser: dieses Kontinuum hinbekommen. Dass wir jetzt Innovationen mit ansetzen, dass wir bis 2029 unsere Kräfte so weit haben aufwachsen lassen, dass wir bestehen können. Und dass wir dann sukzessive weiter aufwachsen zu einer der modernsten Armeen, die dann in einem solchen Krieg auch bestehen kann!“ So weit, so klar der Covid-versierte Generalinspekteur Carsten Breuer am 9. September bei „Maischberger“. – Oder doch nicht? Lieber Herr Breuer, wann können wir denn nun endlich – mit „Resilienz“, natürlich – „bestehen“: Schon 2029 oder erst später? (vgl. „Lehrmeister, aber keine Blaupause“, „standhalten“)

Destabilisierung der Werteordnung
Die ist – bitte alle in Deckung gehen! – laut Kanzler Merz „Ziel der russischen Staatsführung“.

die besten Jahre Deutschlands
„Die besten Jahre Deutschlands liegen nicht hinter uns. Es liegen, wenn wir es richtig machen, sehr gute Jahre vor uns“, verkündete Kanzler Merz am 4. Juli beim Landesparteitag der nordrhein-westfälischen CDU in Düsseldorf. Weshalb „Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, Empörte, Berufskritiker“ gefälligst „wegtreten“ sollen. – Wer auch immer Friedrich Merz zu dieser kühnen Prognose angeregt haben mag, er hielt sich an den weisen Spontispruch: „Wir können sie nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen, aber wir können sie zwingen, immer unverschämter zu lügen!“

eine Kraftanstrengung der gesamten Gesellschaft
Forderte Mitte September Generalinspekteur Carsten Breuer – diesmal in Prag. (Wohlgemerkt: der gesamten Gesellschaft!) Hierzu der Publizist Bernd Müller: „Man muss sich die Tragweite dieses Satzes klarmachen. Hier spricht nicht ein General, der mehr Panzer fordert. Hier spricht ein General, der die gesamte Gesellschaft in sein Boot holen will: Industrie, Infrastruktur, Gesundheitswesen, Köpfe.“ Die Breuer‘sche Begründung: „Wenn es hart auf hart kommt, können wir unsere gegenwärtigen Überlegungen, die auf der gegenwärtigen Logik des Friedens beruhen, nicht mehr anwenden.“ – Preisfrage: Wie hätten wohl General Erich Ludendorff und ein gewisser Reichspropagandaminister diesen gesellschaftlichen Ausnahmezustand – der offensichtlich zum Dauerzustand mutieren soll – getauft? (vgl. „Beobachtungs-, Orientierungs- oder Entscheidungsphase“)

ein handfester Gewinn
„Für uns alle.“ Ist, laut Kanzler Merz, „was wir allein im vergangenen Jahr von der Ukraine gelernt haben: von wirksamer Drohnenabwehr bis hin zur Digitalisierung der Gefechtsführung und zur industriellen Revolution und Innovation“. Konsequenz: „Das macht auch unser Land sicher, stärker und kreativer.“ – Daher: „Slawa Ukrajini!“ – die für unseren handfesten Gewinn heldenhaft kämpft und stirbt! (vgl. „kein Selbstzweck“)

ich selbst auch
„Wir müssen versuchen – ich selbst auch –, die Menschen in ihrer ganzen Emotionalität stärker zu erreichen.“ Suggerierte Friedrich Merz nach der Wahl in Sachsen-Anhalt zur Abwechselung mal öffentlich prätentiöse Bescheidenheit. Deren Klimax: „Ich selbst auch.“ Gemeint war: „Sogar ich!“ (Und das alles „ohne jede Larmoyanz“ …)

kein Selbstzweck
Ist laut Kanzler Merz „unsere Unterstützung für die Ukraine. Wir leisten sie vor allem anderen darum, um die Freiheit und die Sicherheit der Menschen in unserem Land zu schützen.“ Wie damals am Hindukusch! (Außerdem gibt‘s als Sahnehäubchen ja auch noch einen „handfesten Gewinn“ …)

Lehrmeister, aber keine Blaupause
Ist für den Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, der Krieg gegen Covid – ähh: in der Ukraine, natürlich! Denn, so der General bei „Maischberger“: „Der Krieg der Zukunft wird ein Krieg sein, der sowohl das Alte – also den Schützengraben, das was wir jetzt zurzeit in der Ukraine sehen; die Todeszone, die dort mit aufgebaut worden ist, durch Drohnen, durch autonome Waffensysteme – und das, was wir in der Zukunft sehen werden, dass das miteinander verbindet.“ – Hallo Herr Breuer, reden wir doch einfach BASIC: Ob „Lehrmeister oder Blaupause“, ob altehrwürdiger Krieg oder „der Krieg der Zukunft“ – Krieg heißt Töten! (vgl. „zugeschnitten – die Bedrohung“)

Liebling der Nation
„Ich habe nicht die Absicht, der Liebling der Nation zu werden“, machte der – zu Unrecht – vielgescholtene CDU-Vorsitzende und Bundeskanzler Mitte Oktober beim Arbeitgebertag zu Berlin seinem Herzen trotzig Luft. (Um prompt zu verkünden, er werde trotz schlechter Umfragewerte an seinem Reformkurs festhalten.) Durchaus denkbar, dass wir diesen Satz von ihm noch öfters zu hören bekommen. Sollte Merz demnächst unsere Jungs und Mädels gen Osten schicken.

substanzielle militärische Ratschläge
„Als Vorsitzender des NATO-Militärausschusses werde es ihm nach eigenen Worten ab Mitte nächsten Jahres darum gehen, die Perspektiven aller Mitgliedsstaaten zusammenzuführen und substanzielle militärische Ratschläge in das Bündnis einzubringen.“ So, laut web.de, die jüngste Herausforderung an Generalinspekteur Carsten Breuer. (Dessen Wahl zu einem der einflussreichsten Militärs des soeben mit dem westfälischen Friedenspreis ausgezeichneten westlichen Bündnisses als „Zeichen der Wertschätzung“ für den „erheblichen Beitrag“ – wohlgemerkt – der Bundesrepublik „zur Steigerung der europäischen Verteidigungsfähigkeiten“ gilt.) Militärische Ratschläge mit Substanz.

Vernetzungsplattform
„Der Panzer auf dem modernen Gefechtsfeld dient als Vernetzungsplattform. Er dient dazu, Effekte zu erzielen, also zu kämpfen, aber er dient auch als Datenintegration: Er klärt auf, er sendet Drohnen aus und genau diese Mischung, die setzen wir gerade um.“ So Carsten Breuer bei „Maischberger“. Des Generalinspekteurs ‚Moral von der Geschicht‘: „Wir sprechen nicht darüber: es ist entweder die Drohne oder der Panzer; sondern wir sprechen darüber: es ist der Panzer mit der Drohne!“ – Oder im Spontijargon längst vergangener Zeiten: „Wir wollen alles – und das sofort!“ (vgl. „Wirkmittel“)

Wanken wir in Deutschland, wankt Europa!
(Die noch unangenehmere Folge: „Wankt Europa, wankt auch die Ukraine.“) Recht phantasielos plagiiert, Herr Merz! Wie kalauerte doch vor Jahren Ihre ungeliebte Vorgängerin? „Scheitert der Euro, scheitert Europa!“ Oder, noch dramatischer, Sie selbst auf der Münchner Sicherheitskonferenz: „Zerreißt Europa, zerreißt Deutschland!“ – Eins allerdings glaube ich bei Ihrem ‚hypothetischen Syllogismus für Anfänger‘ verstanden zu haben: Wankt Ihre Regierung, dann wankt, nein: scheitert, nein: zerreißt nicht nur Europa, sondern sogar die Ukraine. Kurz: Das Schicksal des von Russland angegriffenen Landes hängt von niemand Geringerem ab als von Ihnen! (Weshalb – und jetzt kommt der messerscharfe Clou – an Ihrer Regierung auch nicht gewackelt werden darf.) (vgl. „das Grauen des Krieges wieder am eigenen Leib zu spüren bekommen“, „Westfälischer Friedenspreis“)

Wegtreten!
„Wir kommen vom Land und deswegen kann man es auch etwas deutlicher sagen: Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, Empörte, Berufskritiker – wegtreten!“ Klare Ansage unseres volksnahen Bundeskanzlers Friederich des ganz Großen, der gerne mal einen auf halbstark macht, am 4. Juli beim Landesparteitag der CDU Nordrhein-Westfalen zu Düsseldorf. – Lieber Herr Merz, wir Nöler, Nörgler und Berufsempörte lassen uns das nicht mehr länger bieten. Bitte sehen Sie sich vor: „Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgetreten!“ (vgl. „die besten Jahre Deutschlands“)

willens, fähig und bereit
„Deutschland ist willens, fähig und bereit, in einem erneuerten Bündnis mehr Verantwortung zu tragen.“ Die Merzens-Liebe für Dreiklänge … Er hätte auch, wie weiland auf der Münchner Sicherheitskonferenz, „Bereitschaft zu Aufbruch, Veränderung und, ja, auch Opfern“ oder „neue Stärke, neue Achtung und Selbstachtung“ oder „Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld“ trällern können. (Oder: „sicher, stärker und kreativer“.) (vgl. „handfester Gewinn“)

Wir
„Ich habe ihn gebeten, dafür zu sorgen, dass diese jungen Männer im Land bleiben, weil sie im Land gebraucht werden und nicht in Deutschland. Wir brauchen jeden, der anpacken kann, mithelfen kann bis hin zum Militärdienst in der Ukraine.“ So Kanzler Merz Mitte November 2025 nach einem Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. (In klarer deutscher Prosa: „Sorgt gefälligst dafür, dass eure jungen Männer nicht zu uns fliehen und uns hier auf der Tasche liegen, sondern verheizt sie bei euch an der Front!“) – Dazu der Journalist Florian Rötzer: „Bezeichnenderweise spricht Merz von ‚wir‘. Der Krieg ist schließlich ein Stellvertreterkrieg, eine gemeinsame Aufgabe, zu der jeder das Seine beizutragen hat.“ (Frei nach dem berühmten Motto: „Wir liefern Geld und Waffen, ihr liefert die Leichen!“) (vgl. „Rechtskreiswechsel“)

zu sich selbst kommen
„Europa kommt sicherheitspolitisch zu sich selbst“, frohlockte am 1. September in Münster Kanzler Merz. Und nicht nur das: Es erwacht jetzt sogar. Und wem verdanken wir das alles? – Dem Machthaber im Kreml!

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.

Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.


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