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Titel: Interview mit Tino Eisbrenner zum 23. Festival „Musik statt Krieg“: „Eine Umarmung der Welt mit Musik“

Datum: 30. August 2025 um 13:00 Uhr
Rubrik: Interviews, Kultur und Kulturpolitik, Veranstaltungshinweise/Veranstaltungen
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Das Festival „Musik statt Krieg“ ist weit mehr als eine musikalische Veranstaltung; es ist ein Zeichen der Friedensbewegung. Ins Leben gerufen von Tino Eisbrenner, einem der bekanntesten Künstler Ostdeutschlands, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen durch die Kraft der Musik zu verbinden. Anstatt mit politischen Reden zu polarisieren, setzt das Festival auf Harmonie, Vielfalt und den Abbau von Vorurteilen. Im Interview spricht Tino Eisbrenner über die Herausforderungen und die Gemeinschaft hinter seinem Festival, die Bedeutung von Kunst in der heutigen politischen Landschaft und seine persönlichen musikalischen Einflüsse aus aller Welt. Mit Tino Eisbrenner hat Éva Péli gesprochen.

Éva Péli: Am Morgen nach der 23. Ausgabe des Festivals „Musik statt Krieg“ blicken wir mit Tino Eisbrenner auf die Veranstaltung zurück.

Tino Eisbrenner: Nun, einiges bleibt gleich, wie der immense Aufwand bei der Vorbereitung. Ich habe gelernt, die Dinge in kurzer Zeit zu stemmen. Zwei Wochen vor dem Fest ist bei mir kein Urlaub mehr drin, weil ich mich voll aufs Festival konzentrieren muss: Genehmigungen, Versicherungen, Bestellungen – diese zwei Wochen sind sehr intensiv. Was sich über die Jahre verbessert hat, ist die Zahl der Helfer. Sie sehen die Arbeit als ihre eigene an. Da gibt es zum Beispiel jemanden, der kommt mittwochs und kümmert sich um alle technischen Anschlüsse. Er ist wie ein richtiger „Festival-Hausmeister“, der sogar Arbeiten sieht, von denen ich nichts wusste. Das ist wirklich toll. Viele Dinge sind Routine, der Kraftaufwand ist aber groß. Doch dank der helfenden Menschen werden uns manche Aufgaben abgenommen. So entsteht Gemeinschaft.

Meine Partnerin Sofia hat in den letzten Jahren eine Galerie hinzugefügt. Am Anfang waren es nur ihre und die Bilder einer weiteren Person, aber inzwischen haben wir vier oder fünf Künstler, die verschiedene nicht-musikalische Werke ausstellen. Im Vorfeld treffen wir uns auch mit dem Songland-Club. Dieser entstand während der Corona-Zeit, weil ich nicht nur Spenden annehmen, sondern auch etwas zurückgeben wollte. Unsere Internetseite ist wie eine Club-Zeitung, in die ich Videos, Reisegeschichten und unveröffentlichte Aufnahmen hochlade. Die Mitglieder unterstützen mich jährlich mit einer Spende für künstlerische Projekte wie CD-Produktionen oder, wie in diesem Jahr, die Veröffentlichung meines Buches in Russland. All das wird mit der Hilfe des Songland-Clubs eigenfinanziert. Das Geld reicht zwar nicht immer, aber ein Puffer hilft ungemein, solche Projekte zu realisieren.

Wie viele Leute helfen Ihnen inzwischen?

Ich schätze, es sind etwa 20 Leute, die uns im Vorfeld und während des Festivals unterstützen. Einige kommen direkt am Festivaltag, um am CD-Stand oder am Einlass zu helfen. Unser Stefan reist von weit her an und steht die ganze Zeit vorne auf der Straße, regelt den Camper-Verkehr, obwohl er Eintritt bezahlt hat. Man muss ihn fast dazu prügeln, auch mal reinzukommen und sich etwas anzusehen. Aber sie machen das von Herzen, weil sie das Projekt unterstützen wollen. Man muss sich wirklich darum kümmern, dass sie auch etwas vom Festival mitbekommen.

Wie war es inhaltlich, vom Zuspruch des Publikums her, im Vergleich zu den 22 Festivals davor?

Der Name sagt es schon: Es war immer ein politisches Festival. Wir hatten immer Künstler und Gäste, die sich politisch einig waren. Wir haben das aber nicht mit Vorträgen in den Vordergrund gestellt, wie es bei anderen Festivals oft gemacht wird. Wir versuchen, über Musik und Kunst einen Ausgleich zu schaffen – ein „Aufatmen“. Alle, die das Jahr über in den politisch „dreckigen Winden“ stehen, können hier in der Gemeinschaft wieder freie Sicht bekommen.

Ich habe über die Jahre den deutschen Anteil vergrößert. Am Anfang war alles sehr weltmusikalisch. Wir hatten Leute aus fast allen Kontinenten hier – aus Asien, den USA, Kanada und Lateinamerika, das ist fast immer dabei, genauso wie der europäische und osteuropäische Kontinent. Sogar indische Musiker hatten wir schon. Dadurch hat sich auch die Spreu vom Weizen getrennt. Beim ersten Festival kamen 600 Leute, die Rock ’n’ Roll erwarteten und stattdessen brasilianische Musiker oder Leute aus dem Irak, die Oud spielten, bekamen. Nach den ersten drei Jahren wussten die Leute, was sie erwartet.

Gerade in den letzten Jahren, wo die Frage nach Statements von deutschen Künstlern lauter wird, habe ich bewusst versucht, mehr von ihnen zu versammeln und ihnen eine Bühne zu geben. Ich sage immer: „Es gibt ganz viele davon, aber sie dringen manchmal nicht durch.“ Durch meine Teilnahme am Moskauer Festival „Doroga na Jaltu“ bin ich in der Friedensbewegung bekannter geworden. „Da ist einer, der ist nach Moskau gefahren, im Kreml hat er gesungen!“ Das spricht sich schnell herum. Aber viele andere machen auch wertvolle Arbeit, ohne so durchzudringen. Ich bringe sie hier vor unser Publikum, damit sie merken, dass sie nicht allein sind.

Dieses Jahr waren zum Beispiel Michael Seidel, ein politisch engagierter Künstler, und Corinna Gehre dabei, die in der Corona-Zeit ihre Stimme im Widerstand gegen die Ausgrenzung von Ungeimpften fand. Auch mein Freund Alejandro Soto Lacoste, mit dem ich seit 20 Jahren spiele, war da. Er moderiert inzwischen auf Deutsch oder spielt auch mal deutsche Stücke mit lateinamerikanischer Note, zum Beispiel ein Lied von Bettina Wegener oder einen Song von mir, die ihn persönlich berühren.

Die lateinamerikanische Musik ist ein fester Bestandteil Ihres Repertoires. Bei diesem Auftritt war die Alejandro Soto Lacoste Band mit von der Partie.

Ja, genau. Lateinamerikanische Musik hat, zumindest für die Ostgeborenen, immer eine politische Rolle gespielt, besonders seit den 70er-Jahren. Die Chilenen, die damals kamen, brachten musikalische Farbe und Rhythmen in unsere Liedermacher-Szene. Viele Lieder wurden in der DDR nachgedichtet und von Liedermachern oder sogar Rockbands gesungen. Lateinamerikanische Musik gehört also einfach in solch ein Festival.

Ich habe mich diesmal auch selbst neu erfunden und bin mit der Dresden Big Band aufgetreten. Das war für mich und das Publikum ein Unterschied zu anderen Festivals. Ich spielte Songs aus meiner Anfangszeit, zum Beispiel von Police und Sting, die ich ins Deutsche übertragen habe, aber auch einen Elton-John-Song aus den 70ern und eigene Stücke aus meiner Jessica-Zeit. Mit Tobias Morgenstern habe ich ebenfalls eigene Sachen geschrieben, die für die Big Band arrangiert wurden, darunter eine deutsch-russische Romanze, für die ich das erste Mal auf Deutsch und Russisch getextet habe. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie man politische Gedanken auf eine lyrische Art einbringt.

Sie kommen aus der DDR, wo es das Festival „Rock für den Frieden“ und das „Festival des politischen Liedes“ gab. Was ist der Unterschied zu solchen Festivals früher und dem, was Sie heute machen?

Der große Unterschied ist, dass solche Sachen heutzutage nicht staatlich gefördert werden. Die Friedensbewegung in Deutschland wird generell nicht gefördert. Das ist ein riesiger Unterschied zu damals und schafft Probleme, aber auch eine gewisse individuelle Freiheit. Was diese Festivals aber vereint, ist die Internationalität – eine Umarmung der Welt mit Musik.

Musik hat viel mit Spontaneität zu tun; es entstehen immer neue Räume. Wenn man zu musizieren beginnt, öffnet jeder Musiker, der dazukommt, einen neuen Raum, weil er seine Seele einbringt. Musik strebt immer nach Harmonie. Wenn eine Note schief ist, halten alle inne, bis die Harmonie wiederhergestellt ist. Daher hat Musik auch einen symbolischen Charakter. Musiker müssten eigentlich die besten Friedensbotschafter sein, weil sie Harmoniebotschafter sind.

Deshalb ist es für mich ein großer Widerspruch, wenn Musik für den Krieg missbraucht wird. Musik bewegt Massen, und Menschen, die Massen zu einer schlechten Tat bewegen wollen, wissen das. Für mich ist es ein Missbrauch, Musik zu nutzen, damit Leute losziehen und andere erschlagen. Die ursprüngliche Idee der Musik ist die Herstellung von Harmonie. Musik ist die Weltsprache Nummer eins. Man versteht sich über sie überall auf der Welt. Es ist oft egal, in welcher Sprache gesungen wird. In Kaliningrad haben mein Freund Tobias Thiele und ich ein Programm mit Liedern in fünf Sprachen uraufgeführt. Nach kurzer Eingewöhnung war es dem Publikum egal, in welcher Sprache wir sangen. Das war auch die Ursprungsidee von „Musik statt Krieg“, als ich 2002 loszog, um irakische Musiker zu suchen. Die Medien sprachen von der „Achse des Bösen“. Ich dachte: „Das stimmt nicht“ – und habe sie unserem Publikum hier vorgestellt. Daraus entstand die Idee, das auf dem Hof weiterzumachen.

Eine kurze Zwischenfrage zur Künstlerauswahl. Uns ist aufgefallen, dass diesmal nur ostdeutsche Künstler dabei waren. War das Absicht?

Abgesehen von Chilenen und Chinesen? Wir hatten auch schon westdeutsche Kollegen hier. Meistens lade ich Leute ein, denen ich vorher irgendwo begegne. Da ich mich mehr im Osten bewege, lerne ich mehr ostdeutsche Musiker kennen. Aber seit ich in der Friedensbewegung bekannter bin, bekomme ich auch öfter Anfragen aus dem Westen. Leute aus Flensburg, Bremen und Hamburg fragen, ob ich nicht auch mal zu ihnen kommen kann. Und ich sage immer Ja. Es gibt von meiner Seite keine Sperre. Wenn die Verbindung da ist und man merkt, man gehört zusammen, ist es egal, ob jemand Ost- oder Westdeutscher ist. Ja, in diesem Jahr war es Zufall, dass nur Ostdeutsche dabei waren. Aber schon nächstes Jahr werden Jens Fischer-Rodrian und Lüül dabei sein, beide „Wessis“.

Ich habe auf Ihrer Webseite gesehen, dass Sie mit dem Puschkin-Programm öfter im Westen auftreten.

Ja, das ist interessant. Das mag am Namen „Puschkin“ liegen. Im Westen kennt man Eisbrenner wenig, aber Puschkin schon. Oft sind es deutsch-russische Gesellschaften, die uns einladen.

Sie haben gerade angedeutet, wie es vor 23 Jahren anfing. Wie geht es weiter?

Die 25 Festivals machen wir auf jeden Fall voll. Danach müssen wir mal sehen. Es besteht die Gefahr, dass es uns über den Kopf wächst und der Hof zu klein wird, besonders bei schlechtem Wetter. Jedes Mal kommen mehr Menschen zum Festival. Wir stellen ein bestimmtes Kontingent an Tickets online, aber viele Leute, die es nicht online schaffen, kommen einfach und fragen, ob sie noch reinkönnen. Bisher musste ich noch nie jemanden wegschicken, aber gestern war es schon knapp. Die Scheune war rappelvoll.

Sie reisen ja viel. Früher vor allem nach Lateinamerika, jetzt viel in den Osten. Wie beeinflussen diese tiefen Eindrücke Ihre künstlerische Tätigkeit und Ihre Sicht auf die Welt?

Zunächst stärken sie mein weltbürgerliches Heimatgefühl. Wenn man an einem Ort länger als nur im Urlaub war, dann wird die Welt um ein Stück Heimat erweitert. Ich war dort, um indianische Kulturen zu erleben, und habe meine künstlerische Arbeit dorthin gebracht. So entstehen neue Freundschaften. Manchmal fühle ich mich in Deutschland heimatloser als irgendwo anders, vor allem aus politischen Gründen. Ich stehe nicht hinter der deutschen Politik und sage: „Das hat mit mir nichts zu tun, nicht in meinem Namen.“

Wenn ich nach Russland oder Georgien reise – Georgien hat mich sehr an Bulgarien erinnert, wo ich meine Kindheit verbrachte –, bin ich in einem fremden Land und fühle mich trotzdem unter Menschen, die genauso denken und fühlen wie ich. Obwohl wir aus vermeintlich „nicht befreundeten Ländern“ stammen, sind wir als Menschen befreundet und ich fühle mich sehr heimisch. Dieses Gefühl von Heimat fließt direkt in die Kunst, die ich mache. Die Wahl der Musiker, die Art der Melodien – all das ist vom Herzen gesteuert.

Sie waren im Sommer in Frankreich. Was haben Sie dort beobachtet?

Als politisch denkender Künstler beobachtet man sofort, wie andere Völker mit ihrer Politik umgehen. Als ich kürzlich einen Freund in Frankreich besuchte, fragte ich ihn, wie sie mit Macrons Politik umgehen. Er sagte, sie lassen Politik bei Familientreffen völlig weg, weil sie sonst an die Decke gehen. Stattdessen sprechen sie über Musik und Essen, sie suchen die Harmonie. Trotzdem sind die Franzosen, was ihren Protest betrifft, viel explosiver als die Deutschen. Die Deutschen sind geduldig, das hat schon Heinrich Heine beschrieben. Wir machen mit, bis es nicht mehr geht, und lassen uns von der Obrigkeit vorschreiben, wie wir uns zu benehmen haben. Dann kommt der Denunziant ins Spiel, wie wir es in der Corona-Zeit erlebt haben. Die Franzosen hingegen gehen auf die Straße, wenn sie genug haben. Nicht umsonst gab es in Frankreich die bürgerliche Revolution. Sie sind die „Revoluzzer“, das finde ich spannend. Als Künstler denke ich, dass man den Deutschen auch ein Stück dieser Haltung erzählen kann, um sie aufzurütteln.

Im Mittelalter waren Barden die heutigen Liedermacher, aber auch Nachrichtenüberbringer. Sie zogen von Dorf zu Dorf, sangen Lieder und erzählten den Leuten, was in der Welt vor sich ging. Für mich sind Kunst und Kultur immer ein Transportmittel für Herzensangelegenheiten und Informationen. Und Informationen können entweder spalten oder verbinden. Als Künstler versuche ich, Informationen zu transportieren, die Menschen verbinden. Das bedeutet, dass die Menschen merken, dass sie nicht isoliert sind, sondern dass es auch andere gibt, die so fühlen wie sie.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Kunst in einer politisch angespannten Zeit?

Meine Reisen nach Russland haben vor allem das bewirkt: den Russen zu zeigen, dass nicht alle Deutschen so denken, wie es die Politik vorgibt. Die Politik mag über die meisten Dinge hinweggehen, aber das wird nicht ewig so bleiben. Irgendwann werden auch die Deutschen genug davon haben. Spätestens, wenn die Menschen Angst bekommen, wird es Veränderungen geben. Bei der Irak-Demo 2002 waren eine halbe Million Menschen in Berlin auf der Straße. Damals habe ich auch gesungen. Die Menschen hatten einfach die Befürchtung, dass Deutschland in diesen Kampf hineingezogen wird und der Terrorismus direkt vor der Tür steht. Heute sind die Leute weniger auf der Straße, weil sie meiner Meinung nach mehr Vertrauen in Putin haben als in Bin Laden damals und denken: „Was will er denn? Unsere Windräder?“

Doch die Leute werden immer misstrauischer, besonders wenn sie Politiker wie Anton Hofreiter (Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied des Bundestages) hören, der behauptet, Putin hätte „mehrfach gesagt“, er würde nach der Ukraine so weitermachen. Putin hat so etwas nicht ein einziges Mal gesagt. Ich habe kürzlich ein Konzert in Neustrelitz gespielt. Danach kam eine Frau auf mich zu und fragte, warum ich auch auf Russisch singe. Ich sagte, weil es eine schöne Sprache ist. Sie fragte mich, ob ich „Putins Krieg“ in der Ukraine nicht bedenklich fände. Ich sagte, sie könne die Wahrheit nicht im „heute-journal“ finden. Ich habe ihr Nachdenkseiten.de empfohlen und ihr auch erklärt, dass RT Deutsch abgeschaltet wurde, damit die Deutschen nicht mehr von zwei Seiten informiert werden konnten. „Wir sind doch nicht so jung, dass wir nicht wüssten, wie das in der DDR war, wo wir uns aus zwei Quellen unsere Meinung gebildet haben. Jetzt versucht man, uns nur mit einer Seite zu füttern. Das müssen wir verhindern.“ Die Frau war sehr aufgeschlossen und schrieb sich die Namen der alternativen Medien auf.

Das zeigt, dass viele Menschen Zweifel in sich tragen und die Gelegenheit nutzen, Fragen zu stellen. Sie merken, dass Künstler wie ich ihnen mehr zu erzählen haben. Die Zahl der Menschen, die anfangen zu zweifeln, wächst. Das ist der Boden für Veränderung. Künstler können hier unheimlich viel tun, weil die Menschen eher zu einem Konzert gehen als zu einem politischen Vortrag. Ich sehe es als meine Aufgabe. Konrad Wolf hat gesagt: „Kunst ist Waffe.“ Eine Waffe kann man so oder so gebrauchen – manchmal, um eine Grenze zu ziehen, wie der Igel, der seine Stacheln aufstellt, wenn ein Hund kommt.

Man kann also durch Musik abschrecken statt durch Waffen. Interessant.

Kunst ist ein Teil der menschlichen Bildung. Sie transportiert Informationen, sensibilisiert und verbindet Menschen. Sie schafft Begegnungen und baut Vorurteile ab. Das passiert, wenn in einem Konzertsaal ein Punk, ein Biker und ein Banker stehen, die alle denselben Künstler lieben. Sie sehen, dass ihr Vorurteil dem anderen gegenüber falsch war. Genauso war es für mich in meinem Grundwehrdienst damals, als wir anderthalb Jahre in Uniform waren. Man sah die Menschen, wie sie wirklich waren, nicht nach ihrer Kleidung.

Kunst hat die Aufgabe, Zweifel zu formulieren. Brecht hat in vielen Gedichten das „Lob des Zweifels“ thematisiert: Dinge, die für wahr gehalten wurden, werden eines Tages infrage gestellt und aus den Geschichtsbüchern gestrichen, weil neue Erkenntnisse gewonnen wurden. Solche Erkenntnisse entstehen, wenn wir zusammen auf einem Festival stehen und uns begegnen. Das liebe ich als Künstler: wenn ich merke, dass die Leute inhaltlich folgen und sich die Gesichter erhellen.

Titelbild: Éva Péli


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