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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XLII – „Liebe in der Luft“
Datum: 19. Juli 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, Aufrüstung, Kampagnen/Tarnworte/Neusprech, Strategien der Meinungsmache, Veranstaltungshinweise/Veranstaltungen
Verantwortlich: Redaktion
Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Diesmal geht es nicht zuletzt um den legendären „Geist von Ankara“. Von Leo Ensel.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
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Abschaum
Damit meinte Donald Trump am Rande des NATO-Gipfels zu Ankara natürlich die – soeben von ihm attackierte – Führung in Teheran. (Nicht etwa seine Verbündeten in Europa.)
absolut notwendig
Als „abolutely necessary“ bezeichnete NATO-Generalsekretär Mark Rutte auf dem jüngsten Gipfel des Bündnisses die parallelen Angriffe der USA gegen den Iran. „Absolut, dank der Führung durch Präsident Trump“ hatte er bereits ein Vierteljahr zuvor auf die Frage geantwortet, ob dessen (damaliger) Angriff auf ebenjenes Land den Planeten sicherer gemacht habe.
auf Augenhöhe investieren
„Die USA wollen nicht mehr der Sheriff des gesamten Westens sein, sie wollen eine NATO, in die auch die Europäer auf Augenhöhe investieren.“ Schrieb am 9. Juli die Rheinpfalz nach dem NATO-Gipfel. – Gemeint war: Die USA wollen eine NATO, für die die Europäer mindestens genauso viel Geld abdrücken wie sie! (Um dann selbst auf Augenhöhe gegen China Krieg zu führen.)
Chaos exportieren
Statt klar Stellung zu beziehen, antwortete er lediglich, er unterstütze den Präsidenten und viele Teile Europas täten dies ebenfalls, wenn es darum gehe, Irans Fähigkeit zu begrenzen, „Chaos zu exportieren“. – NATO-Generalsekretär Mark Rutte war in einem Interview gefragt worden, ob ihn Trumps Drohung, eine ganze Zivilisation zu zerstören, beunruhige.
den Rest vergessen
Kann laut Politikwissenschaftler Herfried Münkler, „wer keine Drohnen anschaffen will“. Schließlich seien diese „unverzichtbar“. Basta!
die Menschen in unserem Land
Sind laut Finanzminister Lars Klingbeil „auch bereit, Opfer zu bringen“. (Natürlich.) „Aber sie wollen, dass es gerecht zugeht.“ (Aber sicher.) – Fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts, fast die Hälfte des Bundeshaushalts, opfern sie für „unsere Sicherheit“ gerne. (Mit und ohne menschelnden Vizekanzler.) Hauptsache, es geht gerecht zu!
einmelden
„Deutschland könnte laut Merz zumindest ‚Kräfte für die Ukraine auf benachbartem Nato-Gebiet einmelden‘, wie der Kanzler Anfang des Jahres sagte.“ Meldete am 7. Juni der Spiegel. (Was auch immer das bedeuten mag.)
Frontlinie zu Russland
Von dieser – und nicht etwa von der „Ostflanke der NATO“, wie zurzeit (noch) üblich – sprach im Mai der litauische Außenminister Kestutis Budrys in einem Interview mit der NZZ. Nahziel: „Wir müssen den Russen zeigen, dass wir ihre kleine Festung, die sie in Kaliningrad errichtet haben, durchdringen können. Die Nato hat die Mittel, die russischen Luftverteidigungs- und Raketenbasen dort im Ernstfall dem Erdboden gleichzumachen.“ Fernziel: „Unser wichtigstes Ziel ist es, das russische Imperium zu zerstören.“ (vgl. „interoperabel“, „Massen- und Impulsproblem“)
Geist von Ankara
Der geisterte bereits durch Bundeskanzleramt und Leitmedien, bevor der NATO-Gipfel in Ankara überhaupt gestartet hatte. Begeistert verkündet von Friedrich Merz. (vgl. „Liebe in der Luft“)
Liebe in der Luft
„There is a feeling of love in the air“. Soll Trump doch tatsächlich in seinem Schluss-Statement auf dem letzten NATO-Gipfel gesagt haben. Sagt der Kanzler. – WOW! Haben die Europäer es mit Hilfe ihrer „Loyalität“ etwa geschafft, die launische Diva aus Washington – wenigstens für einen Moment lang – „milde zu stimmen“? Vielleicht weil sie jetzt in die NATO „auf Augenhöhe investieren“? Hat Merz am Ende doch noch seinen „Geist von Ankara“ herbeigezaubert? Oder hat Trump den berühmten Song vielleicht sogar seinen Vasallen, ähh: Verbündeten vorgejodelt? (vgl. „Wir wollen bei euch bleiben“)
Loyalität
„Wir brauchen ihr Geld nicht. Wir brauchen gar nichts.“ So trotzig Präsident Trump jüngst in Ankara, nachdem er zuvor die mangelnde Unterstützung der europäischen Bündnisstaaten bei seinem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf den Iran beklagt hatte. „Ich will nur Loyalität.“ – Er wollte sagen: bedingungslose Gefolgschaft!
milde stimmen
Mit dem Wertvollsten, was sie aufzubieten hatten, wollten zu archaischen Zeiten die Menschen aller Kulturen und Religionen ihre übermächtigen unberechenbaren Götter. („Les dieux ont toujours soif!“) – Wollen heute die Politiker aller Vasallenstaaten des mächtigsten Militärbündnisses aller Zeiten ihren volatilen Boss. (In anderen Kontexten nennt man sowas „Appeasement“!) (vgl. „Daddy“)
offenstehen
„Der neue Wehrdienst steht allen jungen Menschen beider Geschlechter offen.“ Klingt nach Chance, Freiheit und Inklusion: Soldatsein als Angebot. (Und im Hintergrund der Rohrstock. Falls nicht genügend Rekruten in die ihnen weit offen stehenden Kasernentore freiwillig einrücken.) (vgl. „zunächst auf Freiwilligkeit“)
Ostflanke
Der NATO. Liegt in Polen und im Baltikum. Dicht an der berüchtigten „Suwalki-Lücke“. Im „Anwendungsfall“ geht es von dort – wie schon mehrfach erprobt – „weit in die Tiefe des russischen Raumes“. (vgl. „Frontlinie zu Russland“)
schleichend destabilisieren
Will der Herrscher im Kreml, laut Kanzler Merz auf „X“, „unsere freien Gesellschaften“. Weshalb er rund um die Uhr „Grenzen testet, sabotiert, spioniert, mordet, verunsichert“. Logische Konsequenz: „Es gilt, unsere Verteidigungsfähigkeit und Resilienz zu stärken.“
Sicherheitsbroker
„Auch am Persischen Golf wirkt Kiew inzwischen als gefragter Sicherheitsbroker“, jubelt inzwischen sogar die Berliner Zeitung. „Unter Kriegsbedingungen avanciert die Ukraine zum gefragten Anbieter von Drohnentechnologie und militärischem Know-how weltweit. Innerhalb weniger Tage hat Präsident Selenskyj Abkommen mit Norwegen, Deutschland und Großbritannien geschlossen.“ – Die Sicherheitsresultate können ab sofort „unter Kriegsbedingungen“ im Lande des gefragten Anbieters vor Ort inspiziert werden. (vgl. „Inspirationsquelle“, „vom Bittsteller zum strategischen Partner“)
Sicherheitsgarantien
Garantien an die Ukraine, für die Deutschland sich „selbstverständlich“ engagiert – und die uns alle garantiert in die totale Unsicherheit führen werden. (Die genauere Diskussion darüber ist „im Augenblick“ – wahlweise: „zurzeit“ – aber noch „verfrüht“.) (vgl. „Stachelschwein“)
Summen der Maschinen
„Wir brauchen eine transatlantische Revolution der Rüstungsindustrie. Das Summen der Maschinen muss zu einem Dröhnen werden!“ Dröhnte, parallel zum NATO-Gipfel, am 7. Juli auf dem Defence Industry Forum der Chef des Bündnisses, Mark Rutte. Dessen ermutigende Erläuterung: „Das klingt dramatisch, aber es ist machbar!“) – Merke: Wichtiger als das Dramatische ist das Machbare! (Machbar ist übrigens ebenfalls das ultimative Drama.)
transatlantische Sicherheit
Zu dieser trägt ab sofort laut NATO-Gipfelerklärung in Ankara die von Russland angegriffene Ukraine bei. Weshalb sie zur Belohnung prompt – mal wieder – einen zweistelligen Milliardenbetrag einheimste. 70 waren es diesmal. (Dieses und nächstes Jahr. Erstmal.)
Trumpf bei Trump
Deutschland habe das Glück, mit Bundeskanzler Friedrich Merz „einen echten Trumpf bei Trump“ zu haben. Kalauerte genial dessen Konkurrent Markus Söder.
unnötiger Krieg
Als „unnötigen Krieg“ hat Bundespräsident Steinmeier den völkerrechtswidrigen US-israelischen Angriffskrieg gegen den Iran bezeichnet. (Zwei Monate zuvor hatte er den Krieg noch als das bezeichnet, was er ist.) – Kleine Frage, Herr Bundespräsident: Was ist denn eigentlich ein nötiger Krieg?
vergessene Kriege
Nennen – sehr selten, dann aber mit Krokodilstränen in den Augen – unsere Leitmedien Kriege, die sie selbst mangels Berichterstattung vergessen gemacht haben. (Falls sie denn im öffentlichen Bewusstsein jemals waren.)
Wir wollen bei euch bleiben!
Versprach der volatile US-Präsident auf dem NATO-Gipfel zu Ankara feierlich seinen Verbündeten. So versicherte es zumindest „eine mit den Gesprächen vertraute Quelle der Nachrichtenagentur Reuters.“ (Hatten die europäischen Verbündeten vielleicht zuvor noch den berühmten Kirchenkanon „Herr, bleibe bei uns/ denn es will Abend werden“ unisono angestimmt?) Als schlagenden Beweis erklärte Trump, die USA seien bereit, Waffen an Verbündete zu verkaufen, unabhängig davon, wie diese eingesetzt würden. – Ein Versprechen, das er umgehend wahr machte, indem er Deutschland Tomahawk-Marschflugkörper einer Reichweite von bis zu 2.500 Kilometern – „zum Bekämpfen weit entfernter Ziele“, will sagen: „in der Tiefe des russischen Raumes“ – zum Sonderpreis von all inclusive circa sechs bis acht Millionen Dollar pro Stück andrehte. (Unabhängig davon, wie diese eingesetzt werden.) Da sage noch einer, man könne sich auf den amerikanischen Präsidenten nicht verlassen! (vgl. „Liebe in der Luft“)
(wird fortgesetzt)
Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.
Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.
Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/
Artikel-Adresse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=153856