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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (27)
Datum: 28. Juni 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: Militäreinsätze/Kriege
Verantwortlich: Redaktion
In dieser 27. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ hören wir von den Erlebnissen eines Pfarrers der „Bekennenden Kirche“ und seiner Verfolgung und die eindrucksvolle Geschichte über eine kleine Puppe. In der zweiten Geschichte erfahren wir von dem gesellschaftlichen Absturz eines U-Boot-Kommandanten, der sich nicht entnazifizieren lassen will, und von der Emanzipationsgeschichte seiner Tochter im Deutschland der Nachkriegszeit.
Wir bedanken uns weiterhin von Herzen für die zahlreichen und berührenden Beiträge!
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil, den sechzehnten Teil, den siebzehnten Teil, den achtzehnten Teil, den neunzehnten Teil, den zwanzigsten Teil, den einundzwanzigsten Teil, den zweiundzwanzigsten Teil, den dreiundzwanzigsten Teil, den vierundzwanzigsten Teil, den fünfundzwanzigsten Teil sowie den sechsundzwanzigsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Das Püppchen
Sehr geehrtes NachDenkSeiten Team,
meine Frau und ich (Jahrgang 1955/1954) können aus den Erzählungen unserer Eltern und Geschwister nur erahnen, wie sich die Angst der Kinder im Krieg anfühlen muss.
Mein Vater, evangelischer Pfarrer, war als Mitglied der „Bekennenden Kirche” den Schikanen durch den NS-Staat ausgeliefert. Seine Gottesdienste wurden von Spitzeln der Nazis überwacht. Ein dickes Aktenbündel veranlasste die Geheime Staatspolizei („Gestapo”), ihn zum Verhör nach Darmstadt in das Großherzogliche Palais, dem Sitz der Gestapo, vorzuladen. Ein gefürchteter Ort für alle, die sich nicht staatskonform verhielten und öffentlich gegen die Politik der Nazis Stellung bezogen.
Das Ergebnis des Verhörs meines Vaters durch Georg Albert Dengler: „Eigentlich wollten wir Sie ja ins KZ stecken. Wir haben uns aber entschlossen, Sie noch einmal laufen zu lassen.” Unter Auflagen durfte er stattdessen als Sanitätssoldat am Russland-Feldzug teilnehmen.
Er hat, wie durch ein Wunder, die Schrecken des Krieges und auch 3 Jahre russische Kriegsgefangenschaft überlebt. Er hat die Russen nie gehasst. Im Gegenteil! Er hat sich nach dem Krieg für dieses Land und seine Geschichte sehr interessiert. Bücher in seinem Bücherregal zeugten davon. Die Politik Willy Brandts („Vorbehaltloses Erkennen der Verbrechen, die von Deutschen und im Namen Deutschlands an anderen Völkern verübt worden sind, ist die erste Vorbedingung für eine Gesundung des deutschen Volkes.”) hat er mit vollem Herzen unterstützt. Ihm war sehr wohl bewusst, was die Deutschen den Russen angetan hatten.
Meine Geschwister hat die Angst, die sie während der Abwesenheit ihres Vaters bei den nächtlichen Bombenangriffen durchlebten, die sie im Keller des Hauses verbracht haben (zusammen mit Nachbarn, die sich in diesem Keller immer einfanden), für ihr Leben gezeichnet.
Unvergesslich ist mir eine kleine Geschichte, die sie bei passenden Gelegenheiten immer wieder erzählten: Sie waren auf dem Weg zur Schule. Sie saßen, zusammen mit anderen Kindern aus dem Dorf, auf der Ladefläche eines Milchautos, das sie zur Schule beförderte. Auf offener Straße wurde das Milchauto von Tieffliegern unserer heutigen „Amerikanischen Freunde” mit MGs beschossen. Das Milchauto stoppte. Die Kinder, in ihrer Todesangst, sprangen von der Ladefläche, krochen unter den Laster und suchten dort Schutz vor den Kugeln aus den MGs.
Sie haben die Angriffe der Bomber im Keller sowie die Angriffe auf das Milchauto wie durch ein Wunder überlebt. Aber die Angst hat sie gezeichnet. Sie sind diese Angst ihr ganzes Leben lang nicht mehr losgeworden.
Meine Mutter hat die erlebte Angst noch tiefer geprägt. Sie hatte die Hausdurchsuchungen durch die Nazis erlebt. Spitzel, die die Gottesdienste ihres Mannes überwachten, hatten diese durch entsprechende Meldungen an die Gestapo veranlasst. Besonders schlimm war es für meine Mutter, als sie bei einer dieser Durchsuchungen alleine mit den beiden Kindern war. Ein Buch von Martin Niemöller („Vom U-Boot zur Kanzel”) lag auf dem Nachttisch ihres Mannes. Vorn im Buch stand folgende Widmung: „Während der Haft des Verfassers und trotz polizeilichem Verbot in Pforzheim erstanden und seinem lieben Freund und Kollegen Friedel May zum 29. Juli 37 geschenkt”. Das Buch war also verboten, und wäre es den Nazis in die Hände gefallen, wären gleich zwei „dran gewesen”.
Die Fenster des Pfarrhauses waren im ganzen unteren Stock mit starkem Eisen vergittert. Diese Eisengitter boten meinen Eltern und Geschwistern in den Zeiten des braunen Terrors einen gewissen Schutz. Die erlebten Ängste meiner Mutter hat diese für ihr weiteres Leben gezeichnet. Sie haben das ausgelöst, was man heute als eine schwere Angststörung bezeichnet. Im Haus, das mein Vater nach seiner Pensionierung bauen ließ, mussten einige Fenster vergittert werden. Nur so konnte sie sich einigermaßen sicher darin fühlen!
Die Erzählungen meines Vaters haben dazu geführt, dass ich den Kriegsdienst verweigert habe.
Meine Frau kennt aus Erzählungen ihrer Mutter ebenfalls „Geschichten der Angst”. Ihre hochbetagte Mutter (89) erzählte ihr vor Wochen folgende Geschichte:
„Ich erinnere mich an einen eher traurigen Tag, irgendwann im Jahr 1944. Ich war damals 7 Jahre alt. Bombenalarm! Die Menschen, meist Frauen und Kinder, gingen zum Schutz in den Keller.
Kerzenlicht. Wir sitzen auf Matratzen. Hier, in dieser angstvollen Atmosphäre, entsteht ein kleines Kunstwerk für mich, das mich ablenken und gegen meine Angst helfen soll: Mama bastelt mir, während die Menschen im Keller auf das Ende des nächtlichen Terrors warten, ein kleines Püppchen. Mama und ich haben das Püppchen zusammen gefertigt.
Der Puppenkörper wurde aus Stoffresten in Wickeltechnik gefertigt. Das Gesichtchen wurde aufgestickt. Die Haare wurden aus ausgedienten Nylonstrümpfen gefertigt. Für die Kleidung fand vieles Verwendung. Aus einem Taschentuch, das abkömmlich war, wurde z. B. ein Röckchen genäht, vielleicht auch noch ein Oberteilchen dazu. Auch ein gehäkeltes Röckchen und Oberteilchen zum Wechseln bekam das Püppchen noch. Auch damals war man schon sehr kreativ. War kein Häkelgarn da, wurde zum Häkeln eben einfach Stopfgarn verwendet, das war fast immer verfügbar, da man es zum Stopfen von Socken verwendet hat.
Trotz großer Sorgen, trotz Angst und Traurigkeit hat meine Mama es geschafft, diesen Tag für mich zu einem ganz besonderen Tag zu machen und mir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern! Mein Papa ist nicht mehr aus dem Krieg zurückgekommen. Er war lange vermisst und wurde dann für tot erklärt. Sein Name steht in einer Chronik der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Sie liegt in der Friedhofskapelle.”
82 Jahre später, in lieber Erinnerung an ihre Mama und „ihr Püppchen”, hat meine Mama, nachdem sie mir, ihrer ältesten Tochter, ihre Geschichte erzählt hatte, für ihre kleine Urenkelin (4 Jahre) ein solches Püppchen gefertigt.

Die Angst der Mütter und Kinder hat diese gezeichnet. Viele für ihr ganzes Leben.
Was Krieg wirklich bedeutet, haben sie am eigenen Leib bitter erfahren müssen. So, wie meine Eltern und meine beiden Geschwister. Und die Mama meiner Frau. Väter kamen nicht mehr heim. So, wie der Papa meiner Schwiegermutter. Wenn sie mehr Glück hatten und zurückkamen, dann nicht selten verkrüppelt. Oder traumatisiert. Oder beides.
Wir fragen die für die Menschen in diesem Land Verantwortung tragenden Politikerinnen und Politiker und vor allem auch die Kirchen: Sollen unsere Kinder und Enkel erneut das durchleben und durchleiden, was ihre Vorfahren durchleben und erleiden mussten? Sollen sie wieder in Kellern Zuflucht suchen und Todesängste aushalten müssen, wenn die Bomber ihre vernichtende und zerstörende Fracht abwerfen? Soll diese Hölle erneut über sie hereinbrechen? Und soll dann, wenn genügend Menschenopfer dargebracht wurden und der Blutzoll als genügend hoch bemessen wurde, auf den Gefallenendenkmälern und -Chroniken erneut stehen, was eine große, unverschämte Lüge ist: „Für Volk und Vaterland”? Soll sinnloser Tod erneut gerechtfertigt werden?
Uns scheint, etliche Damen und Herren, die nie selbst erleben mussten, was Krieg bedeutet, arbeiten mit Hochdruck daran …
Mit freundlichen Grüßen
Carmen und Ekkehard May
Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft kam der gesellschaftliche Absturz
Liebes Team von den NDS – Ich habe lange gezögert, meine Erinnerungen aufzuschreiben – und dann schien es „zu spät“. Nun haben sie gestern einen neuen Bericht veröffentlicht, und das hat mich dann doch veranlasst, meine „Geschichte“ aufzuschreiben. (…)
Geboren wurde ich 1950 als siebtes Kind in einer Zweizimmerwohnung in der „Wohnküche“ auf dem Sofa. An meine ersten Lebensjahre kann ich mich wenig erinnern, außer an die Armut.
Nun zu dem, was ich eigentlich berichten will: Mein Vater war überzeugter Nazi – bis zu seinem Tod -, erst beim Reichsarbeitsdienst, dann als gelernter Seemann, hoher Offizier bei der Armee – erst auf einem Zerstörer vor Norwegen, zuletzt U-Boot-Kommandant in Asien, einer der wenigen, die es geschafft haben, wieder nach Europa zu kommen. (Viele von seiner Mannschaft haben Dankschreiben geschickt – einige habe ich in meinem Erinnerungskarton aufbewahrt – für wen?)
Nach dem Krieg war er in französischer Gefangenschaft, wo es ihm, so seine Schilderungen, offensichtlich „ganz gut” ging im Lager, gemeinsam mit anderen Offizieren – den gemeinen Soldaten ging es offensichtlich nicht so gut!
Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1948 kam der gesellschaftliche „Absturz“, zumal sich mein Vater nicht hatte entnazifizieren lassen wollen (es gab für ihn zwei Sorten von Vaterlandsverrätern – die einen, die geflüchtet waren, wie Willi Brandt zum Beispiel, die anderen, die sich nach dem Krieg haben entnazifizieren lassen (oder wie es das geflügelte Wort damals war, sich den „Persilschein“ geholt hatten), wie z. B. Filbinger). So konnte er in seinen Beruf bei der Handelsmarine nicht zurück und erst recht nicht in der „Ostzone“, da wäre er als Kriegsverbrecher (so seine Worte) verhaftet worden.
Er holte seine Frau und die vier Kinder aus Thüringen (dahin war meine Mutter mit den vier Kindern aus Bayern geflüchtet und bei ihrer Familie untergekommen) nach Bielefeld in die Zweizimmerwohnung, wo ich dann – nach den Zwillingen 1949 – geboren wurde. (Seine Maxime – wo vier Kinder (es wurden dann gleich fünf) satt werden, da werden auch sieben satt. Wir wurden oft nicht satt!
Mein Vater arbeitete dann als Bauarbeiter, stieg aber schon bald auf als Schachtmeister. Er war offensichtlich ein „guter Vorgesetzter“.
Woran ich mich noch erinnern kann, war unser Umzug aus der Zweizimmerwohnung in ein „Behelfsheim“ an den Rand des Teutoburger Waldes. Eine spezielle Wohngegend – fünf/sechs Behelfsheime, ein umgebauter Bunker (Haus der 1.000 Betten), eine Siedlung für Ostaussiedler, die vor den „Russen“ geflüchtet waren, eine Neubausiedlung für die Familien englischer Soldaten und eine paar ganz normale Häuser.
Angesichts der vor den Russen geflüchteten Ostaussiedler blühten die Gerüchte über die Gräueltaten der Russen, insbesondere gegen die Frauen. Der „Russenhass” blieb mir und meinen Geschwistern erspart, weil meine Mutter in Thüringen dem Einmarsch der russischen Soldaten ihr Leben verdankte. Aufgeben und die letzte Ölung erhalten, kam ein junger Offizier und sagte – so meine Mutter: diese Frau soll nicht sterben. Offensichtlich gab es auch unter den Russen gute Menschen!
Wir Kinder mischten uns – nur die „Tommi’s“ (verächtlich „Inselaffen“ genannt) nicht und die behüteten Kinder der „Alteingesessen“, die wurden von den anderen ferngehalten. Die meisten von denen gingen dann nach der vierten Klasse auf weiterführende Schulen. Ich durfte das trotz guter schulischer Leistung nicht, weil Frauen ja sowieso heiraten und für die Familie (Mann, Kinder, Haushalt) „bestimmt“ sind, so die ideologische Haltung meines Vaters – ganz im Nationalsozialismus verhaftet.
Also beendete ich die Volksschule nach acht Schuljahren, war dann „Haustochter“ bei einem Arztehepaar in Dortmund und war tagsüber mit einem zweijährigen Kind und dem Haushalt beschäftigt, durfte also schon mal „meine Bestimmung“ einüben.
Mein Taschengeld gab ich dann für einen Schreibmaschinenkurs aus und lernte Stenographie. Anschließend eine dreijährige Ausbildung zur Kinderpflegerin.
In dieser Zeit hatte ich das große Glück, zur Disco in die „linke Baracke“ eingeladen zu werden – und lernte hier, die Welt neu zu sehen. Ich besuchte abends Vorträge zur Geschichte und zum historischen und dialektischen Materialismus. Und ich fasste den Entschluss, weiter zur Schule zu gehen. Erst die mittlere Reife nachholen, dann am Kolleg Abitur. Dies war mir durch den Bau der Mauer möglich: Weil keine oder viel weniger Fachkräfte mehr aus der DDR in die BRD kamen, hat der Staat das elternunabhängige BAföG eingeführt, das hat mir diesen Weg eröffnet. Mein Vater hätte das niemals ermöglicht!
Danach ein Stipendium der Stiftung Mitbestimmung – es war geschafft.
Auf Studium und meinen weiteren Weg gehe ich hier nicht ein – es geht ja um die Nachkriegszeit!
So viel noch: Mein ganzes Leben war ich in der Friedensbewegung aktiv und bin entsetzt, wie unser Staat die „Kriegstüchtigkeit“ propagiert.
Noch eine Anmerkung zur aktuell wieder geführten Rentendebatte: Mein Vater war als Rentner gut „versorgt“, er bekam zusätzlich zu seiner „erarbeiteten“ Rente die sogenannte „Ausgleichsrente“, also die Differenz, die er als Offizier bekommen hätte. Ja, die BRD hat die Offiziere des Nazi-Regimes gut versorgt, die einfachen Soldaten hingegen nicht. In diesem Zusammenhang kommt mir die Erinnerung an das Buch von Roger Willemsen „Das hohe Haus“ und die Debatte zu den Rentenansprüchen der Zwangsarbeiter – beschämend!
Soweit zu mir, ich danke den NachDenkSeiten für diese Initiative und die insgesamt gute Berichterstattung.
Mit friedvollen Grüßen,
(Anonym)
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