Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (21)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (21)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (21)

Ein Artikel von: Redaktion

„Ich erinnere mich noch an Weihnachten 1945, das wir bei halbwegs milden Temperaturen feierten, der Abend endete jedoch mit Tränen. Heimweh, ein Gefühl der Einsamkeit und Furcht vor der ungewissen Zukunft konnten auch durch die betonte Kameradschaft nicht unterdrückt werden. Die gemeinsam gesungenen sentimentalen Weihnachtslieder gaben besonders den halben Kindern unter uns den Rest.“

In dieser 21. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ teilt unser Leser Heinz Grote die Erinnerungen seines Vaters Claus Grote an dessen Zeit in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft als 17-Jähriger und seine Fluchtversuche.

Wir veröffentlichen diesen Beitrag aufgrund seiner Länge in zwei Teilen.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.

Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil, den sechzehnten Teil, den siebzehnten Teil, den achtzehnten Teil, den neunzehnten Teil, sowie den zwanzigsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Noch keine 18 Jahre alt

Teil 2

Teil 1 finden sie hier.

„Claus Grote

Berlin, 26.04.1992

Kriegsgefangenschaft 7.4.1945 bis 6.2.1946

Obwohl der Franzose uns gegenüber eine schreckliche Drohung aussprach

Diesmal wurden wir etwas genauer untersucht, aber beim Bemerken der kleinen krabbelnden Wesen in unserer Unterwäsche ließ auch diesmal die Gründlichkeit der Kontrolleure schnell nach. Wir wurden mit einem Jeep nach Etain, einem kleinen Ort in der Nähe von Verdun gebracht, wo sich ein Militärflugplatz befand, für den eine Kompanie deutscher Gefangener gewisse Hilfsdienste zu leisten hatte. Wir wurden mehrmals verhört, von amerikanischer Militärpolizei, in Gegenwart eines französischen Offiziers, der Deutsch sprach und als Dolmetscher fungierte. Vor allem wollten sie wissen, aus welchem Gefangenenlager wir entflohen waren. Da wir nicht wußten, welche Strafe darauf stand, behaupteten wir, wir hätten uns hier herumgetrieben, seit die Wehrmacht hier abgezogen war, obwohl der Franzose uns gegenüber eine schreckliche Drohung aussprach: Wir würden den Russen übergeben, wenn wir nicht zugeben würden, wo wir ausgerissen sind.

Niemand klärte uns darüber auf, daß unsere Ausrede sogar lebensbedrohlich sein konnte: Spione hinter den feindlichen Linien wurden ohne großen Prozeß erschossen – noch wenige Wochen vorher hätte uns das passieren können. Nach Beratung mit der deutschen Leitung im Gefangenenlager gaben wir schließlich zu, wo und wie wir uns vom Transportzug abgesetzt hatten.

Wir hatten gleich nach der Einlieferung in das Gefangenenlager um Läusepulver oder Ähnliches gebeten, aber ohne auf Resonanz zu stoßen. Also setzten wir uns, wie alle Tage vorher, nach dem Mittagessen, das bescheiden, aber gut war, auf die Wiese und begannen mit der üblichen Knackerei. Als das bei der Lagerleitung bekannt wurde, dauerte es nur wenige Minuten, und jeder von uns erhielt eine Streudose mit DDT, das ich auf diese Weise erstmalig ausprobierte, mit unglaublichem Erfolg, weil es damals noch keine gegen dieses neue Mittel resistenten Insekten gab.

Uns beiden ausgehungerten Jünglingen wurde vorgesetzt, was wir uns wünschten

Nach nur einem Tag im Lager in Etain wurden wir nach Verdun gebracht, wo sich in den Kasematten ein absolut ausbruchsicheres Gefangenenlager befand, vollgestopft mit deutschen Gefangenen, die überwiegend in amerikanischen Kantinen und Küchen Hilfsarbeiten verrichten mußten, dabei natürlich an die Originalverpflegung der US-Army herankamen und nicht das geringste Interesse an der Lagerverpflegung hatten. Der Bürokratismus in der US-Army war aber wie in jeder Armee gut entwickelt, für die etwa 30 Gefangenen des internen Dienstes stand die Sollverpflegung für eine ganze Kompanie zur Verfügung, selbst bei den bescheidenen Rationen ein Überfluß. Uns beiden ausgehungerten Jünglingen wurde nun vorgesetzt, was wir uns wünschten, und die gutgenährten etablierten Lagerinsassen sahen voller Staunen zu, was man alles in einen menschlichen Körper hineinstecken kann, wenn man glaubt, an einem Tag nachholen zu müssen, was man in vielen Monaten versäumt hat. Ich glaube, daß sich mein Magen auf ein Volumen von mindestens drei Litern vergrößert hat, in der Nacht mußte ich raus, weil mir schlecht wurde, aber nach einem unglaublichen Rülpser blieb alles Wertvolle doch drin.

Unser Geständnis, daß wir während des Transports vom Zug gesprungen waren, hatte keine schlimmen Folgen. Aber auch in den Kasematten von Verdun blieben wir nur einen Tag, und dann ging es ab nach Stenay. Dort befand sich in einer ehemaligen Kaserne der französischen Armee eine Art Durchgangslager für deutsche Kriegsgefangene in amerikanischer Hand, wo erst einmal Ordnung geschaffen wurde. So hatten wir gleich nach unserer Ankunft eine Reihe von Fragen zu beantworten, z.T. schriftlich, bekamen eine „Internment Serial Number”, also eine Kriegsgefangenschaftsnummer, durften eine Karte mit vorgedrucktem Text an unsere Heimatadresse schicken und wurden erst einmal wegen Flucht aus der Gefangenschaft zu 14 Tagen Arrest verurteilt. Das ging ziemlich formlos, und da es im Arrest jeden Tag morgens und abends ein halbes Weißbrot mit Wasser gab, waren wir sogar besser dran als die übrigen Gefangenen, die zweimal pro Tag eine dünne Suppe bekamen, die auch nur aus Brot und Wasser zu bestehen schien, bei der die jeweilige Portion aber keinesfalls so viel Brot enthielt wie wir bekamen.

… daß ein deutscher Spieß auch in Gefangenschaft in der Lage ist, Disziplin in seiner Einheit durchzusetzen

Nach Abschluss dieser Strafe wurden wir der „Kompanie 45″ zugeteilt. Warum die Kompanie so hieß, weiß ich nicht, fest steht aber, daß man hier alle möglichen verdächtigen Elemente zusammengefaßt hatte, vom SS-Scharführer bis zum Kriminellen, der sich am Eigentum seiner Kameraden vergangen hatte. Im Lager Stenay war das Lagerleben straff organisiert. Jeden Tag war Zählappell, zu dem mit militärischer Disziplin angetreten wurde. Die US-Lagerleitung hatte, um sich die Arbeit zu erleichtern, einen deutschen Stabsfeldwebel (ich glaube, er hieß Sauer) als deutschen Lagerleiter eingesetzt, dem eine aus deutschen Gefangenen gebildete Lagerpolizei zur Seite stand. Diese Truppe war für die innere Ordnung verantwortlich, vom Zählappell bis zur Einhaltung der Nachtruhe (nach 22 Uhr durften die Unterkünfte nicht verlassen werden), außerdem bewachten sie Küchen und Vorratskammern.

Leiter der Kompanie 45 war ein deutscher Feldwebel, der offenbar seinen Ehrgeiz dareinsetzte, den Amerikanern zu beweisen, daß ein deutscher Spieß auch in Gefangenschaft in der Lage ist, Disziplin in seiner Einheit durchzusetzen. Also tat er alles, um den Hauch von Kriminalität, der über seiner Kompanie lag, zu bekämpfen, an sich ein löbliches Unternehmen. Das hatte allerdings zur Folge, daß jeder Neuankömmling erst einmal mit den internen Regeln vertraut gemacht wurde. Da wir nicht die Absicht hatten, wieder auszureißen, interessierte uns das alles wenig, wir dachten immer nur ans Essen, und wie wir uns zusätzlich etwas verschaffen könnten.

Im Brotinnern zog der Schimmel richtige Fäden.

So meldete ich mich freiwillig, als Leute gesucht wurden, die eine Art Müllabfuhr zu organisieren hatten. Als erstes bekamen wir den Auftrag, große Papiersäcke aus dem Vorratslager auf eine Müllhalde zu transportieren, ein LKW mit amerikanischem Fahrer stand zur Verfügung. Als wir merkten, daß die Papiersäcke (etliche Dutzend) voll von verschimmeltem Brot waren, hatten wir eine ziemliche Wut auf die Amis, die Brot verschimmeln ließen, obwohl im Lager ständig Hunger herrschte. Natürlich überwanden wir unseren Ekel und suchten uns aus den Säcken alles heraus, was einigermaßen eßbar schien, meist waren es die Rinden, im Brotinnern zog der Schimmel richtige Fäden.

Dieses Erlebnis senkte die Hemmschwelle, und als uns (Wolfgang und mir) zwei andere Gefangene in der folgenden Nacht erzählten, daß sie einen Weg gefunden hatten, wie man heimlich in die Lager einbrechen könne, wo die Lebensmittel lagern, waren wir gleich dabei. Mit Erfolg übrigens, wir fanden Büchsen mit den feinsten Sachen, die allerdings immer nur bei der Lagerpolizei ankamen und in der Wassersuppe kaum zu finden waren, z.B. „turkey”, also Konserven mit Truthahnfleisch, Ananas und was das Herz begehrte.

„Ich stahl Essen von meinen Kameraden”

Noch in den Lagerhallen stillten wir unseren Hunger, aber der Aufenthalt bekam uns trotzdem schlecht, denn inzwischen hatte die Lagerpolizei offenbar Lunte gerochen, das Lagerhaus umstellt und begann mit der Suche nach den Einbrechern. Wir hatten keine Chance, und so landeten wir gleich wieder in der Arrestzelle.

Ich hatte sogar noch eine halbe Büchse mit Putenfleisch in der Tasche und beeilte mich, den Inhalt dahin zu befördern, wo er hingehörte. Am nächsten Tag kamen wir wieder vor einen amerikanischen Offizier, der uns wiederum recht formlos zu weiteren 14 Tagen Arrest verurteilte, die wir genau so absaßen wie die vorhergehenden. Unser Einbruch mit Mundraub hatte aber die Stimmung in der Kompanie 45 gegen uns aufgebracht, und als wir wieder zurückkamen, hätte nicht viel gefehlt und wir wären verprügelt worden. Ich bekam jedenfalls so viel Angst, daß ich nach diesen Ausflügen erst einmal genug hatte, im Gegensatz zu Wolfgang, der, vom Hunger getrieben, einige Nächte später wiederum versuchte, sich zusätzlich Nahrung zu verschaffen, und dabei wiederum erwischt wurde. Diesmal kam er nicht so glimpflich davon. Er wurde noch in der gleichen Nacht von der Lagerpolizei blutig geschlagen und beim nächsten Zählappell in seinem jämmerlichen Zustand zur Abschreckung durch die Reihen der angetretenen Gefangenen geführt, ein Schild um den Hals mit der Inschrift „Ich stahl Essen von meinen Kameraden”.

Es muß etwa Juli 1945 gewesen sein, daß ich mit etwa 200 anderen Gefangenen nach „Camp Oklahoma City” gebracht wurde, zum Arbeitseinsatz. Camp Oklahoma City war eines von mehreren Dutzend Lagern, in denen die US-Soldaten, die in Europa gekämpft hatten, auf ihren Rücktransport in die USA warteten. Es war eine riesige Zeltstadt, in den Wohnzelten wohnten jeweils etwa 20 Soldaten, jede Kompanie hatte darüber hinaus ein Küchenzelt, eine Kantine und ein Kinozelt. Insgesamt waren dort etwa 3000 US-Soldaten, die von uns 200 Gefangenen betreut wurden. Am besten hatten es natürlich die PWs (prisoner of war = Kriegsgefangener), die in den Küchen beim Essenmachen oder in der Kantine Dienst machten. Ich als ewiger Glückspilz landete zunächst einmal in einer Gruppe, die die Aufgabe hatte, Klo-Gruben auszuheben, etwa einen Meter im Quadrat und 3 m tief, darauf kam ein Holzgestell mit Löchern, und alles wurde dann noch mit einer Wand aus Dachpappe umgeben. Die Norm war für uns vier Mann ein Klo pro Tag, und nach einiger Zeit hatten wir uns gut eingearbeitet, wir waren meist am frühen Nachmittag fertig und unser Posten war menschlich genug, um uns danach ausruhen zu lassen.

… bis wir unmerklich in ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis gerieten

Dieser Posten war eine Nummer für sich. Er kam aus Louisiana, hatte bei seinen Kameraden deshalb den Spitznamen „Frenchie” und zeichnete sich erstens durch einen Mangel an Geistesgaben und zweitens durch sexuelle Verklemmtheit aus – er liebte pornografische Zeichnungen, möglichst Darstellungen von oralem Verkehr, und legte offenbar auf zeichnerische Qualität weniger Wert als auf immer wildere Phantasien. Meine Mitgefangenen und ich machten uns zuerst einen Spaß daraus, ihn mit obszönen Zeichnungen zu schocken und so bei Laune zu halten, bis wir unmerklich in ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis gerieten: Er brachte uns jeden Tag Schokolade oder Zigaretten mit, und wir bemühten uns, immer neue phantastische Stellungen aufs Papier zu bringen, das Frenchie sorgfältig einsteckte und abends mit in sein Zelt nahm.

Was er damit machte, davon ahnten wir, als eines Tages folgendes passierte: Wir hatten gerade unsere Arbeit an einem der letzten Scheißhäuser beendet und lagen im Gras, um uns zu sonnen, als Frenchie zwei Steine suchte, sie in etwa 80 cm Abstand in das Gras legte und sein scharf geladenes Gewehr über die beiden Steine legte. Dann sagte er zu mir – ich mußte als einziger, der ein paar Brocken Englisch konnte, immer als halber Dolmetscher fungieren -, wir sollten mal aufpassen, daß sein Gewehr nicht in den Sand fällt, er müsse mal auf die Toilette, und dann zog er ab und ließ uns mit seinem Gewehr allein. Wir waren alle völlig durcheinander, keiner dachte an die sowieso sinnlose Flucht, aber bei einer Kontrolle hätte es gefährliche Situationen geben können. Als Frenchie nach seinem Geschäft mit glänzenden Augen zurückkam, hatte keiner von uns das Bedürfnis, diese „Gemeinschaft” noch allzu lange fortzusetzen.

Irgendwie muß auch den Amerikanern aufgefallen sein, daß mit Frenchie nicht alles in Ordnung war, jedenfalls wurde er nur noch wenige Tage eingesetzt, dann sahen wir ihn nicht wieder. Da keine neuen Klos mehr benötigt wurden und die festen Arbeitsplätze alle besetzt waren, wurden wir nun mal hier, mal dort eingesetzt.

An eine Sache erinnere ich mich noch genau: Wir wurden wieder mal zusätzlich als Müllleute eingesetzt und mußten vergammelte Süßigkeiten aus den Kantinen abholen. Die strengen Hygienevorschriften der US-Army verboten den Verzehr von Lebensmitteln aus beschädigten Kartons, auch wenn die im Karton enthaltenen einzelnen Portionen nochmals fest verpackt waren. Auf diese Weise erhielt ich Zugriff zu einigen Dutzend Tafeln gefüllter Schokolade, von denen ich noch am gleichen Abend mindestens fünf verspeist habe. Am nächsten Tag habe ich dann das erste Mal das Gefühl erlebt, wie es ist, wenn einem ein flotter Heinrich die Kniekehlen hinunterläuft. Ich hatte schrecklichen Durchfall, der so plötzlich kam, daß ich die 12 Meter vom Zelt bis zur Latrine nicht mehr geschafft habe – glücklicherweise hatte ich nur eine Turnhose an, es war ein heißer Sommertag. Am gleichen Tag wurde ein anderer Mitgefangener ins Lazarett eingeliefert. Er hatte keine gefüllte Schokolade gefunden, sondern normale, und die war offenbar noch gut. Er hatte nach Aussagen der anderen über zehn Tafeln gegessen und starb wenige Tage später an Darmverschluß.

Eine Schachtel Lucky Strike für ein einfaches Herz

Nach diesen Erlebnissen kam eine mehr oder weniger kontinuierliche Periode, ich kam in eine Malerbrigade, die bestand aus einem Kunstmaler (Ernst Jogereit aus Essen), drei gelernten Malern (Anstreichern) und mir als Dolmetscher-Ersatz. Unsere Aufgabe bestand im Anfertigen aller möglicher Schilder (dafür gab es Schriftschablonen), gelegentlich auch das Anstreichen von Baracken, in denen die US-Offiziere wohnten, sowie im Ausbessern von Lackschäden an Jeeps oder anderen Fahrzeugen der US-Army. Da wir viel freie Zeit hatten, regten sich bald künstlerische Gefühle, und irgendeiner von uns begann, aus einem Stück Plexiglas ein Herz zu schneiden, glattzufeilen und mit feinem Pinsel mit Blumen zu bemalen. Aus diesem Gedanken wurde innerhalb weniger Tage ein lohnendes Geschäft: In der fast unbegrenzt zur Verfügung stehenden Zeit wurde Plexiglas besorgt, jetzt schon in gewissen Mengen, und in Arbeitsteilung wurde die Bearbeitung fast fabrikmäßig organisiert.

Ich nahm die Aufträge der Amerikaner entgegen, feilschte um die Preise (eine Schachtel Lucky Strike für ein einfaches Herz), gab Rabatt bei Lieferung größerer Posten Plexiglas, Erwin (Zuname nicht mehr bekannt) sägte und feilte, Sauerwein (Vorname nicht mehr bekannt) polierte mit Zahnpasta, und Ernst bemalte mit Bildern und Schrift je nach Wunsch – pro Tag schafften wir manchmal mehr als ein Dutzend. Nach und nach erweiterten wir unser Angebot, aus Messingrohren schnitten wir Ringe, die weggingen wie warme Semmeln, und eines Tages gab es auch den ersten Unfall. Ein scheinbar harmloser Messingkörper, den wir in der Nähe unseres Malerzeltes gefunden hatten, war offenbar ein Minenzünder. Irgendjemand hatte ihn sauber gewaschen und zum Trocknen auf unser kleines Kanonenöfchen gestellt (inzwischen war es Oktober oder November geworden und ziemlich kühl), wo er explodierte. Hunderte winzige Splitterchen flogen durch das Zelt und hinterließen in Pullovern, Hemden, Hosen und natürlich auch in der Haut Löcherchen, und in kürzester Zeit waren wir blutüberströmt. Es sah allerdings schlimmer aus, als es tatsächlich war, glücklicherweise hatte keiner zu nahe am Ofen gesessen und niemand hatte etwas ins Auge bekommen.

Der Knall hatte auch Amerikaner angelockt, die völlig verschreckt die Ambulanz riefen, wir wurden mit Sondersignal ins amerikanische Lazarett gebracht und exzellent versorgt. Natürlich stellten wir uns dumm, was die Frage nach der Ursache der ganzen Angelegenheit war, genau genommen waren wir es ja auch. Die Amerikaner, die offenbar auch mit ihren eigenen Soldaten allerhand erlebt hatten, waren ihrer Sache ebenfalls nicht sicher, und so verlief die ganze Sache schließlich im Sande. Problematisch war für uns nur, dass die kleinen Wunden zwar heilten, aber die vielen kleinen Löcher in Hemden und Pullovern kaum zu reparieren waren, und neue Sachen gab es nicht.

Die sentimentalen Weihnachtslieder gaben besonders den halben Kindern unter uns den Rest

Ich erinnere mich noch an Weihnachten 1945, das wir bei halbwegs milden Temperaturen feierten, der Abend endete jedoch mit Tränen. Heimweh, ein Gefühl der Einsamkeit und Furcht vor der ungewissen Zukunft konnten auch durch die betonte Kameradschaft nicht unterdrückt werden. Die gemeinsam gesungenen sentimentalen Weihnachtslieder gaben besonders den halben Kindern unter uns den Rest.

Im Januar 1946 verdichteten sich die Gerüchte, dass das Lager aufgelöst würde und wir nach Hause entlassen würden. Das bewahrheitete sich auch, aber mit Nebenbedingungen. Zunächst trat ein Selektionskommando zusammen, bestehend vor allem aus der deutschen Lagerleitung und einigen Vertrauenspersonen der Amis, die die Gefangenen in gute und schlechte sortierten.

Die guten sollten wiederum über das Durchgangslager Stenay in die Heimat entlassen werden, die schlechten sollten den Franzosen übergeben werden. Zu den schlechten gehörten deshalb u.a. auch alle, die irgendwann einmal gegen die reichlich autoritative Art der deutschen Lagerleitung polemisiert hatten oder sich sogar bei den Amis über irgendetwas beschwert hatten. Da ich damals ein obrigkeitsgläubiger Untertan war, gehörte ich zu den Glücklichen, die etwa Mitte Januar über die Stationen Stenay – Munsterlager aus der Gefangenschaft entlassen wurden.

Wahrscheinlich aber, um den Aufbau in der Sowjetzone zu bremsen

Nachzutragen wäre noch, dass bereits damals der beginnende Kalte Krieg zu Konsequenzen führte; denn in Stenay wurde noch einmal selektiert: In einem Fragebogen wurde nach der exakten Heimatadresse gefragt, nicht ohne den drohenden Vermerk, dass falsche Angaben mit mehreren Jahren Gefängnis bestraft würden. Damit sollte verhindert werden, dass Gefangene aus der sowjetisch besetzten Zone oder aus Berlin andere Adressen, z.B. in der amerikanischen oder britischen Zone angeben. Der genauso exakt funktionierende Buschfunk hatte nämlich informiert, dass man in den sowjetisch besetzten Teil Deutschlands keine ehemaligen Gefangenen entlassen würde, angeblich, um eine weitere Gefangenschaft in Sibirien zu verhindern, wahrscheinlich aber, um den Aufbau in der Sowjetzone zu bremsen.

In der Nacht vor dem Ausfüllen des Fragebogens heulte ich vor Wut, Angst und Hilfslosigkeit. Dann siegte die Einsicht, dass Gefängnis auch nicht viel schlimmer sein könnte als Gefangenschaft, und am nächsten Morgen schrieb ich ohne Zögern, dass meine Heimatanschrift lautet: Neesen Post Porta Westfalica, Kloppenburg (…). Dort wohnte meine Oma Friederike Grote bei ihrer Tochter, der verwitweten Änne Rinne und ihren fünf Kindern.

So begann meine neue Freiheit

Am 06.02.1946 wurde ich in Munsterlager entlassen, erhielt eine Fahrkarte nach Porta und kam noch am gleichen Tag in Neesen an. So begann meine neue Freiheit.

In Porta arbeitete ich in den Hammerwerken, einem Treuhandbetrieb, der aus einer von den Nazis errichteten unterirdischen Fabrikanlage Maschinen und andere Produktionsinstrumente wieder in den ursprünglichen Betrieb, Philips aus Holland, herausholte und wieder für den Rücktransport vorbereitete.

Ich war in einer solchen Transportbrigade, ohne jede Ausbildung oder Anleitung, und ich erinnere mich an einige allerdings leichte Arbeitsunfälle, die sicher auf die mangelnde Sicherheit zurückzuführen waren.

Aber am meisten wurmte mich die Tatsache, daß ich, obwohl ich jung und kräftig war und zupacken konnte, mich auch oft geschickter anstellte als die älteren Kollegen, als „Jugendlicher” weniger Stundenlohn bekam als diese. Da konnte man nichts machen, das war so festgelegt, und an die Arbeitsstelle war man damals noch gebunden, es war eine Art Dienstverpflichtung.

So war ich nach meiner Rückkehr in mein Elternhaus in Berlin (Pfingsten 1946) sehr beeindruckt von der Tatsache, daß in Berlin eine einzige Partei klipp und klar die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit (Leistung) vertrat, die SED, deren Mitglied auch mein Vater war.“


Titelbild: United Kingdom Government / public domain / Junger deutscher Kriegsgefangener mit anderen Gefangenen, die während des Vormarschs in Deutschland gefangen genommen wurden, 29. März bis 4. April 1945

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