Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (25)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (25)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (25)

Ein Artikel von: Redaktion

Immer wieder ruft meine Mutter: „Junge! Beeil dich! Du verpasst deinen Zug!” Dass ich mich nicht beeilt habe, hat mir mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet.“

Gerade wollten wir unsere Reihe mit Folge 24 abschließen – doch dann erreichten uns noch zwei eindrucksvolle Texte mit den Erinnerungen des Vaters eines Lesers an die letzten Kriegsmonate, die er als 15-Jähriger erlebte. Gerne veröffentlichen wir diese, wieder sehr interessanten und bewegenden, Zeitzeugenberichte als Folgen 25 und 26. Hier der erste Teil.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil, den sechzehnten Teil, den siebzehnten Teil, den achtzehnten Teil, den neunzehnten Teil, den zwanzigsten Teil, den einundzwanzigsten Teil, den zweiundzwanzigsten Teil, den dreiundzwanzigsten Teil sowie den vierundzwanzigsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Ein Wunder

Liebes NachDenkSeiten-Team,

ich schreibe Ihnen, weil ich von meinem Vater zwei Schriftstücke gefunden habe, in denen er seine Erfahrungen mit dem Krieg als 15-Jähriger festgehalten hat. (…) Vielleicht ist ja etwas für Ihre berührende Reihe dabei. Das würde mich und meinen Vater, der mittlerweile 97 ist, sehr freuen.

Liebe Grüße
Anonym

Samstag, 6. Januar 1945. Es ist der fünftausendsiebenhundertsechsundneunzigste Tag meines Lebens. Oder einfacher: Ich bin 15 Jahre, 10 Monate und 19 Tage alt. Ein eiskalter, verhangener Wintermorgen in Stettin. Übermorgen, am 8. Januar beginnt die Schule nach den Weihnachtsferien. Ich muss früh raus, denn kurz vor neun geht mein Zug nach Schneidemühl. Wie üblich vertrödele ich die Zeit bei der Morgentoilette und beim Packen. Immer wieder ruft meine Mutter: „Junge! Beeil dich! Du verpasst deinen Zug!” Dass ich mich nicht beeilt habe, hat mir mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet. Endlich stehe ich also vor der Haustür, in der linken Hand eine Klappstulle (zum Frühstück hatte es nicht mehr gereicht), in der rechten mein Köfferchen. Ein Abschiedskuss, und ich stapfe durch den Schnee zum Gartentor. Und dann passiert das Wunder. Das Wunder, das mir das Leben gerettet hat.

Rückblende: Seit 1942 erlebte Stettin laufend schwere Bombenangriffe. Nach den Angriffen wurde die HJ im sogenannten Katastrophenschutz organisiert. Das hieß, dass wir den Ausgebombten jede Art von Hilfe zu leisten hatten. Wir schleppten deren Möbel, soweit sie noch welche hatten, in Notquartiere. Wir schmierten stundenlang Brote, verpackten sie in Waschkörbe und verteilten sie an die Bedürftigen. Bei einem dieser Einsätze schenkte mir eine Frau einen Tesching ihres gefallenen Sohnes. Ein Kleinkalibergewehr mit Patronen! Ich hatte zur Konfirmation ein Luftgewehr geschenkt bekommen. Aber ein Tesching, das war etwas, wovon ich nie zu träumen gewagt hätte. Dieser Tesching sollte auf meiner Flucht noch eine Rolle spielen.

Wegen der Katastropheneinsätze fiel immer öfter die Schule aus. Im Sommer 1943 folgte schließlich die Evakuierung der Schulen in vermeintlich bombensichere Gebiete. Meine Schule, das Marienstiftgymnasium, wurde nach Stargard in Pommern evakuiert. Da Stargard ein Bahnknotenpunkt in Westpommern war und Bahnknotenpunkte bevorzugte Luftangriffsziele waren, hielt mein Vater dieses Evakuierungziel für so unsinnig, dass er mich aus der Schule nahm und nach Schneidemühl schickte. Schneidemühl war Grenzstadt, direkt an der früheren polnischen Grenze. Dort wohnte ich im Haus des Oberbürgermeisters, dessen Tochter Patientin meines Vaters gewesen war. Ich ging aufs Freiherr vom Stein Gymnasium. Wenn man nun rückblickend die Entwicklung des Krieges betrachtet, dann war die Idee, mich nach Osten, gewissermaßen den Russen entgegenzuschicken, sicherlich noch wesentlich unsinniger. Und spätestens nach Stalingrad musste man mit einer dramatischen Entwicklung im Osten rechnen.

Die Sommerferien 1944 wollte ich natürlich zu Hause in Stettin verbringen. Daraus wurde nichts, denn alle Jungs über 14 wurden eingezogen und nach Osten transportiert. Wir schaufelten monatelang Panzergräben, die die erwartete russische Offensive aufhalten sollten. Es handelte sich um zwei parallel verlaufende, über mannshohe Gräben. Und die perfide Idee war, in diesen Gräben zwei miteinander konkurrierende Einheiten schaufeln zu lassen. Aber die Rechnung ging auf. Wir schaufelten bis zur totalen Erschöpfung, nur um schneller zu sein als die anderen.

Und diese Schinderei ging bis in den November hinein. Nur mit Sommerkleidung ausgerüstet, froren wir erbärmlich. Große Festsäle von Gastwirtschaften waren unsere Quartiere. Wir schliefen auf Stroh, das in vier langen Bahnen in den Saal geschüttet wurde. Wenn man Glück hatte, erwischte man einen Schlafplatz an der Wand. Denn wenn jemand nachts nach draußen musste, um ein Geschäft zu erledigen, stolperte er meistens über die in der Mitte Schlafenden. Aber das Schlimmste war die Unsitte, nachts steinharte halbe Kommissbrote blind in den Saal zu schleudern. Die Getroffenen schrien natürlich auf. Und die disziplinarische Maßnahme, die dann folgte, waren stundenlange Nachtmärsche.

Obwohl ich nie ein begeisterter Schüler war, empfand ich nach dieser Schinderei die Schule als reine Erholung. Aber es waren nur noch knapp vier Wochen bis zu den Weihnachtsferien.

Kurz vor Weihnachten also fuhr ich zum letzten Weihnachtsfest, das unsere Familie in Stettin feierte. Angesichts des zügigen Vormarsches der Russen und der sich bedrohlich nähernden Front war es alles andere als eine „fröhliche” Weihnacht. Mein Vater hatte zeitlebens eine große Vorliebe für Landkarten, wie man sie eigentlich nur aus dem Geographieunterricht kennt. Er besaß einen Kartenständer, wie ich ihn aus der Schule kannte. An diesem Ständer hingen immer irgendwelche Weltkarten. In diesen Weihnachtsferien hing da allerdings immer die gleiche Karte. Eine Karte von Ostdeutschland und angrenzenden Gebieten. Jeden Tag markierte er die Frontlinie, die man aus den Nachrichten erfuhr, mit roten Stecknadeln. Wenn ich an diese sich bedrohlich nähernde Stecknadelfront denke, ist es mir bis heute ein Rätsel, dass meine Eltern nicht auf die Idee kamen, meine Reise nach Schneidemühl zu verhindern.

Und damit bin ich wieder am Morgen des 6. Januar 1945 in Stettin. Diesem grau verhangenen fünftausendsiebenhundertsechsundneuzigsten Tag meines Lebens. Ich stapfe durch den Schnee zur Gartentür, ich habe die Klinke schon in der Hand, als das Wunder auftritt. Das Wunder, dem ich mein Leben verdanke. Das Wunder trägt Postuniform und hält ein Telegramm in der Hand. Ein Telegramm für Günther Schramm. Mein Vater heißt genauso wie ich, nur mit dem Doktortitel davor. Natürlich glaubte ich, dass das Telegramm für meinen Vater bestimmt wäre. Telegramme, das waren immer kleine Sensationen! Telegramme gab es zu großen Ereignissen wie Goldenen Hochzeiten, Jubiläen und runden Geburtstagen ab 70. Wir sind heute so E-Mail- und SMS-verwöhnt, dass wir uns die Sensation eines Telegramms gar nicht vorstellen können. Aber nein, dieses Telegramm war nicht für meinen Vater, es war tatsächlich für mich. Und es kam vom Direktor des Freiherr von Stein Gymnasiums aus Schneidemühl. Er telegrafierte, dass in der Schule zurzeit ein Volkssturm-Kursus liefe und dass ich lieber noch zu Hause bleiben solle. Er würde mich benachrichtigen, wenn der Unterricht wieder begänne.

Der Unterricht begann nie wieder. Und an dem Volkssturmkursus nahm natürlich meine ganze Klasse teil – außer mir. Die russische Offensive rollte auf Schneidemühl zu, und so wie in Bernhard Wickis Meisterwerk Die Brücke drückte man meinen Klassenkameraden Panzerfäuste in die Hand und schickte sie den Russen entgegen. Soweit ich erfahren konnte, hat keiner von ihnen überlebt.

Hätte ich mich bei meiner Morgentoilette so beeilt, wie es meine Mutter wünschte, hätte der Telegrammbote mich nicht mehr angetroffen.

Titelbild: Cassowary Colorizations / Creative Commons Attribution 2.0 Generic license

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