Universität Köln: Bundeskanzler Merz eröffnet die private „Adenauer School of Government“. Sie wird über Umwege vom verschwiegensten Milliardärs-Clan Deutschlands finanziert. Von Werner Rügemer.
Am 13. Juli eröffnete Bundeskanzler Friedrich Merz an der Universität Köln feierlich die „Adenauer School of Government“. Von diesem Institut sollen, so der Ehrengast Merz in seinem Festvortrag, „künftige Führungskräfte“ kommen für „die selbstbewusste Neuordnung der Welt“, mit der „Digitalisierung und Modernisierung unseres Staates, gerade auch unserer kritischen Infrastruktur, in Form der Befähigung unserer Streitkräfte“.[1]
Höchste „Sicherheits“stufe
Die Eröffnung war eine Veranstaltung der höchsten „Sicherheits“stufe. Der Albertus-Magnus-Platz vor der Universität war hermetisch abgeriegelt, umstellt von Polizeiwagen und Sicherheitspersonal, bevor die sechsspännige Mercedes-Kanzler-Kolonne, ebenfalls abgeschirmt von Polizeiwagen, einfahren konnte.
Sprengstoffexperten mit ihren Spürhunden kontrollierten das Hauptgebäude, suchten nach Bomben, kontrollierten die Fotoapparate und Aufnahmegeräte der zahlreichen Journalisten. Auch im Saal mit der Rede von Merz galten strenge Vorschriften: Der Zutritt war streng geregelt, beim Beifallklatschen durften die ausgewählten Zuschauer nicht aufstehen, sondern mussten sitzenbleiben. „Sitzenbleiben!“ ist ja sowieso die Parole des Bundeskanzlers an die Bevölkerung, bei der er gerade noch 13 Prozent Zustimmung hat und er zu Recht das Aufstehen befürchten muss.
Zur Eröffnung sprachen auch die Wissenschaftsministerin des Landes NRW, der Universitätsdirektor und der schon eingesetzte Institutsdirektor. Und Merz verließ nach seinem Auftritt als Erster den Saal, als Vorsichtsmaßnahme, damit ihn keiner und keine unter den braven Sitzenbleibklatschern am schnellen Verschwinden behindern oder ihm gar eine ungeplante Frage stellen konnte.
Breiter Protest, studentisch, gesellschaftlich – und gut vorbereitet
Die „Sicherheit“ für den Minderheits-Feier-Kanzler galt den mehreren Tausend Studierenden, die auf der Uniwiese hinter dem Hauptgebäude der Universität protestierten.
„74 % unzufrieden – für wen regiert Merz?“, hieß es auf einem der vielen Dutzend hochgehaltenen Protestschilder; auf anderen Transparenten stand die ganze fantasievolle Palette, meist kurz und knapp: „Halt den Mund, Friedrich“, „Köln steht auf – Merz muss weg“, „Merz ist nicht die Mitte“, „Mehr Herz statt Merz“, „Lieber Merz los statt Herzlos“, „Behinderte gegen Rechts“, „Tax the Rich“, „Reformen – das ist Klassenkrieg“ und zum Beispiel: „Ich habe meine Arbeit unterbrochen, um gegen Merz zu protestieren – Klassenkampf“ – und so weiter.[2]
Der Protest war seit Wochen gut vorbereitet, durch ein breites Bündnis. Auch bei Studierenden ist inzwischen mehr an Selbstorganisation und Widerstand los, als der „normale“ Medienkonsument und Wähler ahnt (und ahnen soll). Die Themen betreffen natürlich die Universität, gehen aber auch weit in die Gesellschaft hinein.
So erklärte Paula Woltering von „Studis gegen Rechts“: „Egal ob Studierende, SchülerIn, Krankenhausbeschäftigte oder Erwerbslose, wir alle wollen Besseres als die antisoziale Politik der großen Koalition unter Friedrich Merz.“
Studierende und abhängig Beschäftigte gehören zusammen, so Woltering: „Die Merz-Regierung kürzt bei der Krankenkasse, der Kinder- und Jugendhilfe, der Pflegeversicherung, der Grundsicherung und bei der Rente. Deswegen fordern wir soziale Absicherung, kürzere Arbeitszeiten und höhere Löhne. Wir wollen Zugang zu Gesundheit, Bildung, Kultur und Wohnen für alle statt Milliardenprofite für Superreiche!“
Proteste gegen Aufrüstung und Genozid, für Demokratie
Auch die Geopolitik ist im Blick, nicht nur in Kritik an der Merz-Migranten-Politik. So erklärte Assme Ben Akil von der Fachschaft Sprachen und Kulturen der islamisch geprägten Welt: „Mit dem neuen EU-Migrationsabkommen werden Förderungen für die Seenotrettung gestrichen und Abschiebegefängnisse an den Grenzen Europas gebaut. Wir dagegen fordern: Fluchtursachen bekämpfen statt geflüchtete Menschen!“
Die Fachschaft Physik erklärte: „Die Regierung finanziert mit Milliarden eine seit der Nazizeit nicht mehr gesehene Aufrüstung. Mit der Wehrpflicht sollen junge Menschen wieder das Töten und Sterben lernen. Wir wollen keinen Krieg und keinen Genozid. Wir fordern Abrüstung, Diplomatie, die Einhaltung des Völkerrechts und ein Ende der imperialistischen Gewalt.“
Der AStA-Vorsitzende Frederick Heinz benannte direkte Folgen der Merz-Politik für Universität und Studierende und begründete die Gegenforderungen: „Hier an der Uni wird unter anderem die Professur für Disability Studies gestrichen. Die Bundesregierung streicht selbst die mickrige Inflationsanpassung des BAföG-Satzes und läuft gegen die Zivilklauseln an Hochschulen Sturm, um Rüstungsforschung voranzutreiben. Und gegen die Bundesregierung, die eine dringend benötigte BAföG-Reform und damit prekäre studentische Lebenslagen mit Füßen getreten hat, kämpfen wir für ein BAföG für alle. Auch damit alle für eine gerechte, demokratische und friedliche Welt studieren und sich engagieren können.“[3]
Adenauer School of Government: 10 Millionen jährlich, privat
Das neue Institut funktioniert nach dem Vorbild von US-Eliteuniversitäten. Von den neun Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats kommen sieben von den privaten US-Eliteuniversitäten Stanford, Harvard und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT); ein weiteres Beiratsmitglied kommt vom Center for Global Development in Washington und ein weiteres Mitglied von der Toulouse School of Economics in Frankreich, finanziert von Konzernen wie Airbus, AXA und dem weltweit führenden Luxusgüterkonzern LVMH. Niemand von der Universität Köln ist im Beirat: Sie darf die äußere Hülle stellen.
Auch den ausführenden Direktor darf die Universität Köln stellen: Prof. Axel Ockenfels, gelobter Theoretiker der Spieltheorie, der Verhaltensökonomie und des Marktdesigns. Er hatte auch in Harvard studiert, hatte kurzzeitige Gastprofessuren in Stanford und der University of California. Der Vielverwendbare hatte und hat zahlreiche Funktionen, unter anderem ist er Mitglied im Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Und er spricht fließend Englisch. Der Master-Studiengang in „Public Governance“ wird in Englisch durchgezogen. Besonders ausgewählte Studierende bekommen ein Stipendium.
Das Institut wird privat finanziert, und zwar von einem der reichsten und zugleich verschwiegensten deutschen Milliardärs-Clans: zehn Millionen Euro jetzt zum Start und zehn Millionen jedes Jahr, für unbegrenzte Zeit. Die Millionen kommen von der Reimann-Familie: Dieser Clan wird auch von den populistischen BILD- und Massen-Leitmedien fast nie genannt, die ansonsten immer wieder ein paar Heirats-, Liebes- und Sex-Geschichten aus dem Leben der reichen Piechs und Porsches (VW, Porsche), Springers (BILD, Welt), Quants und Klattens (BMW, Altana, SGL Carbon, Nordex, Skion), Schwarz (Lidl, Kaufland) und Albrechts (Aldi) ausbreiten (ein bisschen). Dabei wäre gerade die große Reimann-Familie ungleich ergiebiger für solche „Skandal“-Geschichten, aber gerade sie kommen nicht. Warum? Dazu später.
Benckiser mit den Reimanns: erster Aufstieg mit Hitler
Das große Geld kommt aus der Erfolgsgeschichte der Reimanns, zuerst mit dem Hitler-Regime. Albert Reimann, 1898 geboren, stieg im chemischen Mittelstandsunternehmen Benckiser auf, gegründet im 19. Jahrhundert in Ludwigshafen am Rhein – im Schatten des größeren Chemiekonzerns BASF. Sein Vater wie auch Reimann begeisterten sich früh für Hitler: 1931 wurde Sohn Albert, führender Benckiser-Manager, sofort Mitglied im gerade gegründeten SA-Motorsturm und im Nationalsozialistischen Kraftfahrer-Korps NSKK; am 1. Februar 1932 trat er der NSDAP bei, war für die Hitler-Partei im Stadtrat, und schon 1933 wurde Benckiser zum NS-Musterbetrieb.
„Wir sind ein über hundertjähriges, rein arisches Familienunternehmen, unbedingte Anhänger der Rassenlehre“, meldete Reimann dem NS-Staat. Vater Reimann wurde IHK-Präsident der Pfalz und wehrwirtschaftlicher Verbindungsmann zum Reichswirtschaftsminister Hermann Göring. 1943 löste Junior Albert Reimann seinen Vater ab und wurde Betriebsführer des Benckiser-Konzerns. So expandierte Benckiser im Krieg gegen Russland auf das Dreifache, auch mithilfe des Einsatzes von bisher 870 namentlich ermittelten Zwangsarbeitern aus Russland und der Ukraine sowie Kriegsgefangenen aus Frankreich.[4]
Zweiter Aufstieg mit US-Militärregierung und Adenauer
Nach dem Krieg stellten sich die Reimanns, von der US-Militärregierung geschützt, als Nazi-Opfer dar. Albert Reimann wurde mithilfe freundlicher „Persilscheine“ aus der ursprünglichen, schon zu harmlosen Einstufung als „Belasteter“ (Gruppe II) zum „Mitläufer“ (Gruppe IV) herabgestuft, zahlte 2.000 Reichsmark und konnte weitermachen. Alle Kriegsgewinne konnte Benckiser behalten.
Die Produktion expandierte profitabel dann auch weiter gefördert in der Adenauer-Republik, mit Produkten wie dem schon in der NS-Zeit entwickelten Wasserenthärter Calgon, dem Spülmittel Calogonit, mit Clerasil und Sagrotan, dem Zahnreiniger Kukident und dem Finanzprodukt Quanto.
Die alten Beziehungen zu Hitlers Rüstungsminister Albert Speer wurden nach dessen Entlassung aus dem Gefängnis 1966 sofort wieder aufgenommen: Ex-NS-Aktivist Albert Reimann holte den alten Freund und Ex-NS-Aktivisten Speer als Berater für die anstehende Umstrukturierung des Benckiser-Konzerns.
Mit mehreren Jubiläumsschriften – 1958, 1973, 1978 – wurde die NS-Zeit lügenhaft übertüncht. Albert Reimann bekam auf der Höhe seines neuen Erfolgs 1963 das Große Verdienstkreuz der christlichen Konrad-Adenauer-Regierung. Und das wurde 1973 noch gesteigert durch das Große Verdienstkreuz mit Stern – von der sozialdemokratischen Willy-Brandt-Regierung.
Benckiser: die Amerikanisierung und Globalisierung
Nach dem Tod des Chef-Mitläufers Reimann 1984 wurde das Erfolgsunternehmen Benckiser weiter umstrukturiert. Dazu gehörte die Verteilung des Milliardenvermögens auf dessen neun (!) adoptierte Kinder als Erben. Die letzten Schritte wurden ab 2016 eingeleitet, denn da kam – sehr spät – noch die „Aufarbeitung“ der NS-Komplizenschaft dazu, deren Folgen aber gleichzeitig verdeckt werden sollten.
Die Umstrukturierung oder Modernisierung wurde geleitet von Peter Harf: Der Harvard-Absolvent, der zunächst in der US-Unternehmensberatung Boston Consulting Group gearbeitet hatte, wurde Anfang der 1980er-Jahre zu Benckiser geholt. Nicht profitable Teile wurden verkauft, aber mit den Benckiser-Milliarden wurden schrittweise weltweit etwa 25 Unternehmen hinzugekauft, etwa in England, Italien, Spanien und vor allem in den USA: im Bereich Kaffee und Getränke (Jacobs, Senso, Tassimo, Tully’s, Van Houtte, Keurig Green Mountains), bei Luxus-Kosmetik (Coty) und Genussmitteln (Krispy Kreme), in der Systemgastronomie (Panera Bread, Brueggers Bagel, Manhattan Bagel). Inzwischen gehört auch eine Kette von Veterinärkliniken und Haustierversicherungen dazu.
Zum Beispiel: Der Kauf des US-Kaffeemaschinen- und Kaffeekapselherstellers Keurig Green Mountain kostete 12,8 Milliarden, der Kauf der US-Bäckereikette Panera Bread kostete 7,5 Milliarden, der Kauf des US-Getränkekonzerns Dr Pepper Snapple Group kostete 10,2 Milliarden US-Dollar.
Der Name Benckiser wird zum Verschwinden gebracht
Bei allen diesen zahlreichen Unternehmen, Tochter- und Briefkastenfirmen, verstreut auf mehrere Staaten und Finanzoasen, und auf allen Produkten steht nirgends der Name Reimann oder Benckiser: Die milliardenschweren Eigentümer wurden unsichtbar gemacht.
Und der Unsichtbarkeit wurde noch weiter nachgeholfen: Die öffentlich nicht bekannte Zahl der Firmen wird seit 2012 zusammengefasst in der zentralen Holding JAB S.a.r.l. Sie hat ihren Sitz in der Finanzoase Luxemburg (S.a.r.l. = Société à responsabilité limitée, Gesellschaft mit beschränkter Haftung). Die Abkürzung JAB steht für Johann Adam Benckiser, der 1823 das kleine Mittelstandsunternehmen gegründet hatte und nichts mit den Verbrechen seiner Nachkommen ein Jahrhundert später zu tun hatte – aber sein Name dient als Täuschung: Die Milliardäre inszenieren sich als biedere Mittelständler.[5]
Das in der JAB angelegte bzw. versteckte Vermögen der hier investierten vier verbliebenen Reimann-Haupterben und die kleineren Anteile ihrer Kinder und vieler Verwandter sowie führender Manager betrug im Jahre 2017 geschätzte 70 Milliarden.[6] Wegen der international organisierten Versteckerei schwanken die Angaben erheblich: 2025 wurde das Vermögen von freundlichen „Experten“ auf nur 25 Milliarden geschätzt.[7]
Und der Umstrukturierer und Top-Manager Peter Harf wurde damit auch selbst zum (kleinen, einstelligen) Milliardär. In diesem Milieu darf auch ein Diener Milliardär werden, wenn er ein Vielfaches seines Einkommens für die Multimilliardäre unsichtbar macht.[8]
Also, Ergebnis: Der Name des Erfolgsunternehmens Benckiser wurde 175 Jahre nach dessen Gründung zum Verschwinden gebracht. Benckiser? Vergessen, gibts nicht mehr, gab‘s nie: Ergebnis einer aufwendigen Vergessensproduktion. Aber warum?
Von der Benckiser-Stiftung zur Landecker Foundation
Die Vergessensproduktion dauerte etwa drei Jahrzehnte. Der Umstrukturierungsmanager und Vergessensproduzent Peter Harf ist auch Chef der großzügigen Stiftung, die die jährlichen zehn Millionen zahlt. Die kommen als Brosamen von den Milliarden der heutigen Reimann-Erben. Aber die Stiftung heißt nicht Reimann-Stiftung, heißt auch nicht Benckiser-Stiftung.
Die Stiftung heißt Alfred Landecker Foundation. Sie wurde erst 2019 von den heutigen Reimann-Erben gegründet, und das kam so: Nachdem die Aufdeckung der Nazi-Vergangenheit der Reimanns ab 2016 ansatzweise begonnen wurde, nahm Harf namens seiner Mehrfachmilliardäre die „Aufarbeitung“ der NS-Vergangenheit selbst in die Hand. Sie beauftragten den Historiker Paul Erker, die „Verstrickungen der Unternehmensleitung von Benckiser in der NS-Zeit“ zu untersuchen, so heißt es auf der Webseite der Alfred Landecker Foundation. „Verstrickungen“ und „NS-Zeit“: dieser Sprachgebrauch, der die aktive, profitable Mittäterschaft der Reimanns in Hitlers Völkermord-Regime zugleich verharmlost, verleugnet – das ist schon ein Teil der Vergessens- und Fälschungsproduktion.
Um gleichzeitig die Folgen der „Aufarbeitung“ abzufedern, wurde, wie das andere Konzerne – allerdings meist schon viel früher – auch gemacht haben, eine wohltätige Stiftung mit gemeinnützigem Status gegründet: Die zunächst gegründete Stiftung mit Sitz in den Niederlanden hieß anfangs „Benckiser Stiftung Zukunft“: Der Name Benckiser, das wäre wahrheitsgemäß gewesen. Aber es ging um die Verdeckung der Wahrheit. Deshalb musste dieser Name verschwinden, auch weil das vom beauftragten Historiker Erker veröffentlichte Buch den Titel „Die chemische Fabrik Joh. A. Benckiser im Nationalsozialismus“ hat. Es erschien 2023.
Deshalb wurde die Benckiser-Stiftung schon vor der Veröffentlichung dieser NS-Konzerngeschichte umbenannt – in die Alfred Landecker Foundation. Chef ist kein anderer als der Vergessensmanager Peter Harf selbst: Bei der Präsentation der Adenauer School of Government an der Universität Köln präsentierte Harf sich stolz neben Merz als der großzügige Sponsor. Die Sitzenbleiber auf den Stühlen im Saal klatschten.
Benckiser-Betriebsführer Reimann: außerehelich mit der „Halbjüdin“
Aber wer war Alfred Landecker? Er war ein Jude, aus Ostpreußen eingewandert in die aufstrebende Industrieregion um Ludwigshafen und Mannheim, wurde als Unteroffizier im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet, wurde Prokurist in einem Stahlunternehmen, führte eine gut situierte Ehe mit einer Katholikin, sie hatten drei Kinder.
Diese Kinder galten dann in Hitlerdeutschland als „Halbjuden“. Aber ihr Vater, der „Volljude“ Alfred Landecker, wurde arbeitslos gemacht, er musste den gelben Stern tragen und wurde 1942 nach Polen deportiert, kam dort unter ungeklärten Umständen um, entweder durch Verhungern im Zwischen-Ghetto Izbica oder in einem der KZ wie Sobibor.
Diese 80 Jahre lang verheimlichte Geschichte wurde nun plötzlich aufwendig hervorgeholt und instrumentalisiert. Alfred Landeckers Name wurde zur Umbenennung der Ersatzstiftung missbraucht. Dafür gaben die Reimann-Erben über ihren Geschäftsführer Harf jetzt plötzlich auch die Biografie Landeckers in Auftrag, finanzierten sie und stellten die Unterlagen zur Verfügung. Die Biografie erschien 2024.[9]
So wurde es öffentlich: Während also Vater Landecker vom NS-Regime verfolgt wurde, den gelben Stern tragen musste und dann in den Tod deportiert wurde, führte seine Tochter Emilie als offizielle „Halbjüdin“ ein ganz anderes Leben: auf der anderen Seite, auf der Seite des führenden NS-Täters im aufsteigenden Benckiser-Konzern.
Benckiser-Juniorchef Albert Reimann war seit 1938 mit Paula Frey verheiratet, seiner langjährigen Haushälterin in der üppigen Reimann’schen Villa im Zentrum von Ludwigshafen. Die Ehe dauerte jahrzehntelang, sollte aber kinderlos bleiben.
Aber Reimann zog ab 1939, schon ein Jahr nach seiner Eheschließung mit Paula Frey, sowieso eine um 25 Jahre jüngere, attraktivere Frau vor – nein, es war ein junges Mädchen, nämlich die damals 17-jährige „Halbjüdin“ Emilie: die Tochter von Alfred Landecker.
Neun uneheliche Benckiser-Erben
Reimann war und blieb mit Paula Frey verheiratet, aber pflegte ab 1939 parallel unter anderen jahrzehntelang die außereheliche Beziehung mit Emilie. Während Paula Frey bis 1983 lebte und gut versorgt wurde, hatte Albert Reimann mit Emilie dann ab 1951 drei außereheliche Kinder. Da hatte auch die katholische Kirche nichts gegen dieses Verhalten ihres katholischen Führungsschafes. Reimann adoptierte die drei Kinder 1965, so gehören sie zu seinen heutigen Erben.
Weil das aber nicht genug war, um die bisherigen und kommenden Milliarden in die (kapitalistische) Ewigkeit zu retten, adoptierte Reimann sechs weitere seiner Kinder verschiedener Mütter, die teilweise mit den Reimanns verwandt waren, teilweise nicht.[10] So wurde das Erbe also auf neun (9) adoptierte Kinder verschiedener Mütter verteilt, die alle nicht mit dem Vater Reimann verheiratet waren.
Diese damalige Form der Leihmutterschaft war auch in der Bundesrepublik Deutschland mit dem Gründungskanzler Adenauer eine von der christlichen Regierungspartei und auch seinen Nachfolgern geduldete Praxis, jedenfalls in der „Elite“, die diese Parteien finanzierte – und die Kirchen mit ihrem damals verbreiteten, verheimlichten und christlich abgesegneten sexuellen Missbrauch hatten auch nichts dagegen.
Die politischen Helfer: die Multimillionäre Adenauer und Merz
Konrad Adenauer, von 1917 bis 1933 außergewöhnlich hoch bezahlter Oberbürgermeister von Köln, dann ab 1921 bis 1933 gleichzeitiger hochbezahlter Präsident des Preußischen Staatsrats in Berlin und vor allem während dieser Zeit Mitglied von einem Dutzend Aufsichtsräten, etwa der Deutschen Bank – so wurde er zum Multimillionär.
Der NS-Staat zahlte ihm dann auf der Grundlage seines hohen Einkommens eine hohe Pension, bewilligt auf Lebenszeit, und seine anderen Millionen durfte er auch behalten. Gegen Hitler hatte er nichts: „Meinetwegen auch Hitler“, schrieb er nach Hitlers Machtantritt an seine Bankiersfreundin Dora Pferdmenges.[11]
So sah dann auch der 1949 gegründete Separatstaat Bundesrepublik Deutschland aus, geführt vom CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzler Adenauer: Der auch von der US-Militärregierung geschützte Benckiser-Chef Albert Reimann bekam das Große Verdienstkreuz.
Und Friedrich Merz, Adenauers Doppelnachfolger als CDU-Vorsitzender und Bundeskanzler, hatte sich ab 2005 bis 2021 ebenfalls zum Multimillionär gemacht, als Miteigentümer der US-Wirtschaftskanzlei Mayer Brown, als Berater von US-Investoren beim Ausverkauf des deutschen Mittelstands, dann wie Adenauer mit einem Dutzend Mandaten in Unternehmensaufsichtsräten, dann ab 2016 gleichzeitig als Aufsichtsratsvorsitzender der deutschen Tochterfirma von BlackRock, des inzwischen größten Aktionärs, also Eigentümers der führenden Unternehmen in Deutschland, zum Beispiel beim Rüstungskonzern Rheinmetall und im Wohnungskonzern Vonovia. Merz verheimlicht nicht nur seine persönlichen zweistelligen Millionenvermögen, sondern in der Regierung auch die Milliardenvermögen der ungleich reicheren BlackRock-Kunden.[12]
So führt Merz die von Adenauer begründete Politik weiter, jetzt auch mit der Adenauer School of Government an der Universität Köln, mithilfe der Reimanns, die sich hinter einem Nazi-Opfer verstecken, aber ihren Ursprung in den Gewinnen des Zweiten Weltkriegs haben, mit dem Hauptkrieg gegen Russland: Regieren lernen, das heißt, so Merz auch mithilfe der erhofften Führungskräfte der Adenauer School of Governance: Neu aufrüsten gegen Russland.
Es gibt also noch viel mehr Gründe, das zu verhindern! Auch die Proteste an der Kölner Universität sind ein hoffnungsvolles Zeichen!
Titelbild: © Bundesregierung/Steffen Kugler
[«1] Rede von Bundeskanzler Merz anlässlich der Eröffnung der Adenauer School of Government
[«2] instagram.com/reels/Dau-1szO1SV/
[«3] Alle genannten Erklärungen: asta.uni-koeln.de/2026/07/08/pressemitteilung-merz-besuch/
[«4] Paul Erker: Die chemische Fabrik Joh. A. Benckiser im Nationalsozialismus, Göttingen 2023
[«5] Hans-Jürgen Jakobs: Wem gehört die Welt? München Random House 2016, Seite 259ff.
[«6] Reimann-Holding verwaltet bereits 70 Milliarden Dollar, manager magazin 28.5.2017
[«7] Private-banking-magazin.de, abgerufen 26.7.2026
[«8] Die Welt 7.5.2026
[«9] Anette Prosinger: Alfred Landecker. Ein deutsch-jüdisches Leben 1884 – 1942, Göttingen 2024
[«10] Die tragische Geschichte der reichsten Familie Deutschlands, manager magazin 17.9.2020
[«11] Werner Rügemer: Der christliche Lügner, 5. Januar 2026
[«12] Werner Rügemer: BlackRock Germany. Die heimliche Weltmacht, ihre Praktiken in Deutschland und Friedrich Merz, Berlin 2026






