Manchmal treibt die Debatte um die Cancel Culture schon seltsame Blüten. So geschehen an diesem Wochenende, als sowohl die klassischen Medien als auch große Teile der sogenannten sozialen Medien nur ein Thema kannten: Die Ausladung des Musikers Danger Dan aus der Satiresendung „Die Anstalt“ durch das ZDF. Schnell war von Zensur die Rede. Ein klassischer Fall von Cancel Culture? Nein. Erstaunlich ist vielmehr, dass die Verantwortlichen der Anstalt Danger Dan überhaupt eingeladen haben. Noch erstaunlicher ist, dass die Intervention des ZDF nun als Kotau vor der „politischen Rechten“ und Danger Dan als „linker“ Musiker bezeichnet werden. Ein Kommentar von Jens Berger.
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Begeben wir uns doch mal auf eine kleine Zeitreise. 1980 veröffentlichte die linke Punkband SIime das Lied „Wir wollen keine Bullenschweine“; ein Lied mit zahlreichen indirekten Aufrufen zu Gewalt. Zwar gab es einige Gerichtsverfahren gegen diesen Song, die jedoch alle im Sande verliefen. Das Lied war – wie es Danger Dan später formulieren sollte – von der Kunstfreiheit gedeckt. Aber: Hätte sich in den 1980ern irgendwer vorstellen können, dass Slime dieses Lied im ZDF, beispielsweise bei Frank Elsners „Wetten das?“, live hätte vorführen dürfen? Natürlich nicht. Allein die Idee ist vollkommen abwegig. 2010 wurde das Lied übrigens 30 Jahre nach seiner Veröffentlichung dann doch auf Antrag des Landeskriminalamts Brandenburg indiziert. Jugendschutz sei in diesem Falle höher zu bewerten als die Kunstfreiheit.
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Danger Dan – Keine Angst
Indirekte Aufrufe zu Gewalt und zur Verletzung von Gesetzen gibt es auch in Danger Dans aktuellem Lied „Keine Angst“ zuhauf, in dem er eine Art Anleitung zum Widerstand gegen die, die er „Nazis“ und „Faschisten“ nennt, gibt. Ähnlich wie Punkbands aus dem linksextremen Milieu kratzt er dabei textlich an den roten Linien des Erlaubten. Das ist legitim und gehört zu den Markenzeichen von Danger Dan und seiner Band Antilopengang. 2021 machte der Musiker sich bereits in seinem Lied „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ über die rechtliche Situation derartiger Textzeilen lustig.
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Danger Dan – Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt
Aber wie kommt ein ZDF-Format auf die Idee, Danger Dan eine Plattform für seine rechtlich zumindest grenzwertige Musik anzubieten? Um diese Frage zu beantworten, muss man schon ein wenig weiter ausholen.
In zahlreichen Artikeln zum Thema wird Danger Dan als „linker Rapper“ bezeichnet. Nun will ich an dieser Stelle keine Diskussion darüber führen, was Rap-Musik ist. Zumindest ich würde Dans Musik jedenfalls nicht als Rap, sondern eher als klassischen politischen Chanson bezeichnet. Interessanter ist die Frage, ob seine Lieder tatsächlich „links“ sind. Und hier sind ernsthafte Zweifel angebracht.
Dan und seine Antilopengang gehören vielmehr einer politischen Strömung an, die man als „Antideutsche“ bezeichnet. Antideutsche vermischen – kurz zusammengefasst – Versatzstücke linksextremer Positionen mit rechtsextremen Positionen bei den Themenkomplexen „Militär“, „Außenpolitik“ und vor allem „Israel“. Ihre großen Feindbilder sind neben den „klassischen Rechtsextremen“ auch Linke, die beispielsweise die rechtsextreme Regierung Israels oder den Völkermord an den Palästinensern in Gaza kritisieren. Der linke Aktivist mit der „Free Palastine“-Flagge steht für sie auf einer Stufe mit dem Skinhead und seinem „Ausländer raus“-Plakat.
Auch Danger Dan macht aus dieser Baukasten-Ideologie mit links- und rechtsextremen Versatzstücken gar keinen Hehl. So bezeichnete er beispielsweise in seinem Lied „Oktober in Europa“ die rund 90.000 palästinensischen Opfer des israelischen Vernichtungskriegs in Gaza als „Schutzschilde der Hamas, Schutzschilde der Nachfahren der Juden-Vergaser“. Das ist starker Tobak, menschenverachtend und geschichtsklitternd.
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Antilopengang – Oktober in Europa
Dass ausgerechnet ein Antideutscher wie Danger Dan sich nun in die Opferrolle der Cancel Culture begibt, ist grotesk und schon fast wieder unfreiwillig komisch, zeichnen sich die Antideutschen selbst doch ganz besonders durch ihre Forderungen aus, politisch missliebige Veranstaltungen zu unterbinden. In den letzten Jahren gab es kaum eine Veranstaltung mit einem Referenten oder Künstler, der Israels Politik scharf kritisiert, die nicht mit dem Vorwurf des vermeintlichen „Antisemitismus“ von Antideutschen – meist mit Erfolg – verhindert wurde. Dass nun ein antideutscher Künstler selbst einmal ausgeladen wurde, ist in der Tat Ironie der Geschichte. Auf Englisch würde mal wohl „Karma is a bitch“ sagen – manchmal zahlt das Leben einfach mit derselben Münze zurück.
So verständlich die Absage des ZDF ist, so unverständlich ist auf den ersten Blick die Einladung Danger Dans durch die Macher der Anstalt. Um was geht es eigentlich? Wollte die Anstalt, wie es unkritisch durch die meisten Berichte suggeriert wird, mit dem Lied ein Zeichen „gegen rechts“ setzen? Unwahrscheinlich. Gerade beim Thema „Israel“ hat die Anstalt bekanntlich schon länger selbst einen antideutschen Bias. Unvergessen ist diesem Zusammenhang die skandalöse „Iran-Folge“, die die Anstalt im März dieses Jahres ausgestrahlt hat und in der doch tatsächlich die Bombardierung Irans durch Israel und die USA gegen das Völkerrecht verteidigt wurde. Das hat durchaus System. Spätestens seit der „Zeitenwende“ versteht sich die ehemals kritisch-aufklärerische Sendung als großer Freund von Aufrüstung und Kriegen für „westliche Werte“. Wer Empathie für die Opfer dieser Kriege sucht, vor allem in Gaza, sucht vergebens. Die Einladung des antideutschen Chansoniers Danger Dan wirkt da schon fast wieder konsequent und es ist vollkommen richtig, dass das ZDF in diesem Fall diese Notbremse gezogen hat.
Vor allem die (echten) linken Kritiker dieser Entscheidung sollten angesichts der Hintergründe vielleicht ohnehin ihre Kritik an dieser Entscheidung noch einmal überdenken. Gegen wen oder was singt Danger Dan denn in seinem Lied „Keine Angst“? Gegen Faschisten? Sicher. Nur gehört Danger Dan zu der Art Mensch, die überall Faschisten sehen, nur nicht dort, wo diese Faschisten sogar in der Regierung sind – in Israel. Dan und Co. deuten den Faschismusbegriff vielmehr frei um. Auch und vor allem Kritiker des Völkermords in Gaza sind für sie Antisemiten und Faschisten. Wenn einige gutgläubige Linke nun also kritisieren, dass Danger Dan im ZDF keine „Anleitung zum Widerstand“ singen darf, sollten sie aufpassen – denn es könnte gut sein, dass dieser „Widerstand“ sich auch gegen sie richten würde.
Titelbild: Screenshot Danger Dan via YouTube






