Jedes Jahr verursachen unsichere Nahrungsmittel 866 Millionen Erkrankungen und 1,5 Millionen Todesfälle. Kleinkinder machen fast ein Drittel aller Fälle von lebensmittelbedingten Erkrankungen aus. Dies ist die vorhersehbare Folge einer Nahrungsmittelwirtschaft, die auf Profit statt auf das Recht auf Nahrung ausgerichtet ist. Von Vijay Prashad.
Am 4. Juni 2026 gab die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine erschütternde Einschätzung zum Zustand der weltweiten Ernährungssysteme heraus. Nach den neuen Schätzungen, die auf Daten bis einschließlich 2021 basieren, verursachen unsichere Lebensmittel[*] jedes Jahr etwa 866 Millionen Erkrankungen und 1,5 Millionen Todesfälle. Fast jeder neunte Mensch weltweit erkrankt an kontaminierten Lebensmitteln, wobei auf Afrika und Südostasien zusammen fast drei Viertel aller lebensmittelbedingten Erkrankungen und 60 Prozent der weltweiten Todesfälle entfallen. Die Last trifft diejenigen am härtesten, die am wenigsten zu der Krise beigetragen haben: Kinder.
Kleinkinder sind im Vergleich zu älteren Kindern und Erwachsenen einem fast dreimal so hohen Risiko ausgesetzt, durch unsichere Lebensmittel zu erkranken. Obwohl sie nur neun Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, erleiden Kinder unter fünf Jahren fast ein Drittel aller Fälle lebensmittelbedingter Erkrankungen; im Jahr 2021 töteten unsichere Lebensmittel 143.000 von ihnen.
Das sind nicht bloß Statistiken. Sie stehen für Leben, die durch vermeidbare Krankheiten vorzeitig beendet wurden, für Familien, die in Trauer gestürzt wurden, und für Gesellschaften, denen die Zukunft entzogen wurde, die in ihren jüngsten Mitgliedern verkörpert war.
Die übliche Reaktion auf solche Erkenntnisse ist technisch. Uns wird gesagt, dass Lebensmittelsicherheit eine Frage besserer Kontrolle, stärkerer Regulierung, verbesserter Hygiene und wirksamer Überwachung sei. Diese Maßnahmen sind wichtig und notwendig. Doch sie erklären nicht, warum Hunderte Millionen Menschen weiterhin unsichere Lebensmittel konsumieren, trotz jahrzehntelang gesammelter Erkenntnisse, wie Kontamination verhindert werden kann.
Um das Fortbestehen lebensmittelbedingter Erkrankung zu verstehen, müssen wir über technische Erklärungen hinausgehen und die Struktur des globalen Lebensmittelsystems selbst untersuchen.
Das vorherrschende Ernährungssystem ist auf Gewinnstreben ausgerichtet, nicht auf das Recht auf Nahrung. In weiten Teilen der Welt ist die Lebensmittelproduktion zu einer stark konzentrierten Industrie verwandelt worden, die von großen Agrarkonzernen, Supermarktketten, Lebensmittelverarbeitern, Logistikunternehmen und Finanzinstituten dominiert wird.
Dieses System, dessen vorrangiges Ziel die Maximierung der Kapitalrendite ist, erzeugt Widersprüche, die die Lebensmittelsicherheit in mindestens dreierlei Hinsicht unmittelbar beeinträchtigen.
Erstens: Der Druck zur Kostenreduzierung fördert Schnellverfahren entlang der gesamten Lieferkette. Arbeitskräfte werden häufig unter prekären Bedingungen beschäftigt (mehr als 80 Prozent der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft Lateinamerikas verfügen nicht über formellen Schutz und soziale Absicherung), Kontrollsysteme sind unterfinanziert, und Produzenten stehen unter hohem Druck, den Output zu steigern und gleichzeitig die Ausgaben zu senken. Lebensmittel legen immer größere Entfernungen über zunehmend komplexe globale Lieferketten zurück, was mehr Möglichkeiten für Verunreinigungen schafft und die Bedingungen, unter denen sie produziert wurden, verschleiert.
Zweitens: Kapitalistische Lebensmittelsysteme tendieren dazu, Kosten auszulagern. Umweltschäden, Wasserverschmutzung, unsichere Arbeitsbedingungen und Folgen für die öffentliche Gesundheit werden oft als Problem anderer behandelt und nicht als Verantwortung privater Unternehmen. Die sozialen Kosten werden von Arbeitnehmern, Konsumenten und den öffentlichen Gesundheitssystemen getragen, während die Gewinne privat bleiben.
Drittens: Globale Ungleichheiten prägen die Muster der Lebensmittelsicherheit. Es ist keine Überraschung, dass die höchsten Belastungen durch lebensmittelbedingte Erkrankungen in Afrika und Südostasien konzentriert sind, da diese Regionen weiterhin unter den langfristigen Folgen kolonialer Unterentwicklung, Schuldenabhängigkeit, unzureichender öffentlicher Infrastruktur und ungleicher Integration in die Weltwirtschaft leiden. Unsichere Lebensmittel sind daher nicht nur ein Gesundheitsproblem: Sie sind ein Ausdruck ungleicher Entwicklung.
Der Tod von Zehntausenden Kindern jedes Jahr offenbart den moralischen Bankrott dieser Verhältnisse. Eine Gesellschaft, die zulässt, dass Kinder an vermeidbaren, durch Lebensmittel verursachten Krankheiten sterben, hat eine ihrer grundlegendsten Verpflichtungen nicht erfüllt. Diese Todesfälle sind besonders tragisch, da die Lösungen weitestgehend bekannt sind.
Die WHO identifiziert den Zugang zu sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen, Maßnahmen zur Lebensmittelhygiene, Gesundheitsversorgung und wirksame staatliche Regulierung als entscheidende Instrumente zur Senkung der Sterblichkeit.
Diese Maßnahmen erfordern öffentliche Investitionen und politisches Engagement und können nicht allein den Marktkräften überlassen werden. Dennoch fördern Institutionen wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) weiterhin Modelle öffentlich-privater Partnerschaften, die nicht in der Lage waren, die strukturellen Ursachen von Hunger und unsicheren Lebensmitteln zu bekämpfen.
Das Problem ist nicht nur die Kontamination durch Bakterien und Viren. Die heutigen Lebensmittelsysteme setzen die Bevölkerung einer breiteren Palette von Risiken aus, darunter giftige Chemikalien, Schwermetalle und industrielle Schadstoffe.
Neue Schätzungen der WHO erkennen zunehmend die langfristige Belastung durch chronische Krankheiten an, die mit schädlichen Substanzen in der Lebensmittelversorgung zusammenhängen. Die Folgen reichen über unmittelbare Erkrankungen hinaus bis hin zu lebenslangen Behinderungen, Entwicklungsstörungen und einer verminderten Lebensqualität.
Zudem lässt sich die Lebensmittelsicherheit nicht von der umfassenderen Krise der Ernährungssysteme trennen. Weltweit leiden Millionen Menschen an Hunger, während andere mit Fettleibigkeit und ernährungsbedingten Krankheiten zu kämpfen haben. Landwirte werden in die Verschuldung getrieben, während Lebensmittelkonzerne beispiellose Marktmacht anhäufen. Die landwirtschaftliche Produktion trägt zur Zerstörung der Umwelt bei, während der Klimawandel Ernten bedroht.
Dasselbe System, das Ernährungsunsicherheit erzeugt, erzeugt auch unsichere Lebensmittel.
Der Widerspruch ist eklatant. Die Menschheit verfügt über das wissenschaftliche Wissen, die Produktionskapazitäten und die technologischen Mittel, um sichere Lebensmittel für alle zu gewährleisten. Doch unter den vorherrschenden wirtschaftlichen Bedingungen werden diese Kapazitäten der Profitabilität untergeordnet und nicht den menschlichen Bedürfnissen.
Die Erkenntnisse der WHO sollten nicht nur als Warnung vor Kontaminationen verstanden werden, sondern auch als Anklage gegen eine globale Lebensmittelordnung, die weiterhin Millionen Menschen vermeidbaren Krankheiten und dem Tod aussetzt.
Wenn ein Kind stirbt, weil Lebensmittel unsicher sind, ist die Ursache niemals einfach nur eine kontaminierte Mahlzeit. Hinter dieser Mahlzeit steht eine Kette politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen über Investitionen, Regulierung, Infrastruktur, Eigentum und gesellschaftliche Prioritäten.
Durch Lebensmittel verursachte Krankheiten sind in ihrem unmittelbaren Ausdruck biologisch, in ihren Ursprüngen jedoch gesellschaftlich. Die Herausforderung für die Menschheit besteht nicht nur darin, Lebensmittel sicherer zu machen. Sie besteht darin, Ernährungssysteme aufzubauen, die sich an Fürsorge statt an Profit, an öffentlicher Gesundheit statt an privater Bereicherung und an Menschenwürde statt an Markteffizienz orientieren.
Nur dann kann das Versprechen einer sicheren Ernährung für alle Realität statt nur ein Slogan werden.
Hier sind fünf einfache Reformen, um ein sicheres und gerechtes Ernährungssystem zu schaffen. Zusammengenommen basieren sie auf einem einfachen Grundsatz: Lebensmittel sind ein gesellschaftliches Gut, nicht bloß eine Handelsware. Sie erkennen an, dass das Recht auf sichere Lebensmittel untrennbar mit dem Recht auf Leben verbunden ist.
- Universelle öffentliche Investitionen in Wasser, Sanitärversorgung und Gesundheitsversorgung: Gewährleistung des Zugangs zu sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen und medizinischer Grundversorgung, insbesondere in ländlichen und einkommensschwachen Gemeinden, in denen die Belastung durch lebensmittelbedingte Krankheiten am höchsten ist.
- Stärkung öffentlicher Institutionen für Lebensmittelsicherheit: Ausbau von Lebensmittelkontrollsystemen, Laborkapazitäten, Netzwerken zur Krankheitsüberwachung und Aufsichtsbehörden, die vor Haushaltskürzungen und Einflussnahme durch Unternehmen geschützt werden.
- Unterstützung territorialer und kleinräumiger Lebensmittelsysteme: Investitionen in lokale Landwirte, Genossenschaften, öffentliche Beschaffungsprogramme und kürzere Lieferketten, die Transparenz, Widerstandsfähigkeit und Rechenschaftspflicht erhöhen.
- Demokratisierung der Steuerung des Lebensmittelsystems: Verringerung der Unternehmenskonzentration in der Agrarindustrie und im Lebensmitteleinzelhandel, Stärkung der Mitbestimmung von Arbeiten und Landwirten sowie Gewährleistung einer öffentlichen Aufsicht über die Lebensmittelproduktion und -verteilung.
- Sichere Lebensmittel als Menschenrecht anerkennen: Bindende nationale und internationale Verpflichtungen festlegen, die den Zugang zu sicheren, nahrhaften Lebensmitteln als grundlegendes soziales Recht und nicht als Handelsware behandeln.
Es ist leicht, diesen Ansatz als naiv abzutun. Aber ist es reiner Idealismus, darauf zu bestehen, dass kein Kind an einer vermeidbaren lebensmittelbedingten Krankheit sterben sollte?
Der Beitrag ist im Original bei Tricontinental: Institute for Social Research erschienen, aus dem Englischen übersetzt von Marta Andujo.
Titelbild: Richard Juilliart / Shutterstock





