Der Bundespräsident war zu Gast beim ZDF-Sommerinterview. Das „Interview“ war gleich in doppelter Hinsicht ein durchgehendes Trauerspiel. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk zeigte, wie Hofberichterstattung aussieht. Und Frank-Walter Steinmeiers Worte verdeutlichten, wie abgehoben und realitätsfern die politische Klasse ist. Ein Kommentar von Marcus Klöckner.
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„Die Zeiten sind unruhig. Man hat den Eindruck, dass vieles, was sehr sicher schien, brüchig geworden ist. Geht es Ihnen auch so?“
Das ist die erste Frage, die die ZDF-Redakteurin Diana Zimmermann dem Bundespräsidenten auf dem Grundstück der Villa Hammerschmidt in Bonn stellt.
Vielleicht hätte die Redakteurin Steinmeier auch einfach ein selbstgeschmiertes Marmeladenbrot übergeben und auf die Frage verzichten sollen – ein Unterschied wäre nicht sichtbar geworden.
Wer als Journalistin Fragen stellt, die intellektuell entkernt und inhaltlich entleert sind, spielt der Politik nicht nur ins Feld, sondern legt ihr den Ball direkt vor die Füße.
Ja, ja – was soll einer da sagen? Die „Zeiten“, die „Zeiten“, die sind „unruhig“. Wie schön könnte alles sein – wären da nicht die „Zeiten“. Die Zeiten treiben unaufhörlich einen Stellvertreterkrieg in der Ukraine an.
Die Zeiten wollen Deutschland kriegstüchtig machen. Die Zeiten lassen den Wehretat der Bundesrepublik von aktuell 82 Milliarden Euro auf 180 Milliarden Euro bis 2030 ansteigen. Die Zeiten führen zur Konfrontationspolitik mit Russland – zum schweren Nachteil von Land und Bürgern.
Die Zeiten bedingen auch die Einschränkungen des Informationsfreiheitsgesetzes. Die Zeiten tragen auch die Verantwortung für die Chatkontrollen in der EU. Die Zeiten, die Zeiten: Sie sind für alles verantwortlich.
Wie gut, dass es da einen zufrieden strahlenden Bundespräsidenten gibt, den das ZDF nahe des Rheins ins feine Licht an seinem zweiten Amtssitz rückt, während sein eigentlicher Amtssitz – das Schloss Bellevue – gerade für 1 Milliarde renoviert wird.
Wir alle müssen den Gürtel enger schnallen – wegen den Zeiten! Wie gut, dass es da einen Bundespräsidenten gibt, der mit gutem Beispiel und 1.000 Millionen vorangeht.
Aber greifen wir nicht voraus. Was mag der Bundespräsident auf die Frage Zimmermanns wohl geantwortet haben? Er sagte:
„Das geht mir auch so. Aber gerade deshalb sind solche Häuser wichtig, weil wir haben es früher genannt das weiße Haus am Rhein und es steht in der Tat für die ersten 40 Jahre unserer Nachkriegsdemokratie von der Entstehung des Grundgesetzes bis zum Vier-Mächte-Vertrag.“
Was soll man dem Bundespräsidenten sagen? Gewiss, so ein Haus ist wichtig – da hat der Mann ja recht. Wichtig für die, die darin auf Staatskosten wohnen können. Im Leben der alleinstehenden armen Mutter, die mit ihrem Kind im heißen Sommer in einer 40-Quadratmeter-Wohnung ohne Balkon leben muss, spielt das „weiße Haus am Rhein“ eine eher untergeordnete Rolle. Wichtig ist für sie, ob sie noch jemanden findet, der ihr Geld leiht, damit sie die horrenden Nebenkosten aufgrund einer asozialen Energiepolitik stemmen kann.
Reden wir nicht drumherum: Das ZDF-Sommerinterview findet in der Blase der Abgehobenen statt.
Aufgabe von Journalisten wäre es, Politiker durch kritische Fragen auf den Boden Realität zu holen – und nicht in ideologischer Komplizenschaft ihnen noch Wind unter ihre Flügel zu blasen.
Wie erwartet, setzt sich das Trauerspiel nach dem Auftakt fort.
Zimmermann und Steinmeier begeben sich zu den Stühlen, um mit dem Interview loszulegen und die nächste Frage lautet: „Herr Bundespräsident, die Lage im Land ist angespannt. Die Regierung ringt um Reformen und ringt mit sehr schlechten Umfragewerten. Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass auch diese Regierung zerbricht, wären Sie schon wieder bereit, Neuwahlen anzusetzen?
Zu den „Zeiten“ gesellen sich jetzt auch noch „die Lagen“ – und die Regierung „ringt“ einmal „um“ etwas und dann „mit“ etwas – im Universum des Hypothetischen.
Und so vergehen 20 Minuten Sendezeit. 20 Minuten, in denen geschmust und gekuschelt wird und der Zuschauer die Inzucht zwischen Journalismus und Politik betrachten darf. Anstatt Ross und Reiter zu nennen, anstatt zu sagen, „Herr Bundespräsident, ihre Partei ist verantwortlich für …“, gibt es ein lustig-trauriges „Honig-um-den-Mund-Geschmiere“.
Zum Abschluss wird der Ball noch einmal mit einem Tuch abgerieben, damit auch ja kein Staubkorn darauf zu finden ist, um ihn dann dem Bundespräsidenten vor den Fuß zu legen.
„Was würden Sie Ihrem Nachfolger raten, anders zu machen, als Sie es getan haben?“, fragt Zimmermann.
Steinmeier antwortet:
„(…) Oft bin ich gefragt worden: ‚Was ist der Satz, der hängenbleiben soll?‘ Ich hoffe, Ich hoffe, dass die Menschen sagen: Das ist jemand, der hat in seinen zehn Amtsjahren den Rücken geradegemacht für die Bewahrung der Demokratie; das ist jemand, der konnte Menschen zusammenführen, der konnte Brücken bauen, jemand, der den Wert des Kompromisses kannte und dafür auch Geduld und Arbeit eingesetzt hat.“
Erinnerungsservice: Als während der Coronazeit Kritiker an den teils unmenschlichen Maßnahmen von ihrem demokratischen Demonstrationsrecht Gebrauch gemacht haben und auf der Straße friedlich bei gemeinsamen Spaziergängen ihre Haltung zum Ausdruck brachten, sagte Steinmeier: „Der Spaziergang hat seine Unschuld verloren.“
Mit Brückenbauen hatte die Aussage nichts zu tun. Erst recht hatte sie nichts mit einem „geraden Rücken“ oder mit einem „Bewahren der Demokratie“ zu tun. Das könnte eine Journalistin dem Bundespräsidenten sagen. Aber dann würde aus dem „Sommer-Interview“ ein „Gewitter-Interview“ – und das gefällt weder der Politik noch dem ZDF.
Anmerk. Red.: Das Transkript zur Sendung findet sich auf der Internetseite des Bundespräsidenten.
Titelbild: Screenshot ZDF





