Neuer ukrainischer Generalstabschef: „Russland hat kein Existenzrecht“

Neuer ukrainischer Generalstabschef: „Russland hat kein Existenzrecht“

Neuer ukrainischer Generalstabschef: „Russland hat kein Existenzrecht“

Ulrich Heyden
Ein Artikel von Ulrich Heyden

Am 21. Juli 2026 wechselte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den ukrainischen Generalstabschef Oleksandr Syrskyj aus. Als dessen Nachfolger ernannte Selenskyj den 43 Jahre alten Mychajlo Drapatyj. Die deutschen Medien loben Drapatyj als jungen, erfolgversprechenden Militär, der „frei von allem Sowjetischen“ sei und keine Soldaten verheize wie sein Vorgänger Syrskyj. Die deutschen Medien schweigen aber über die Gesinnung von Drapatyj, der in einem Interview erklärte, Russland habe „kein Recht auf eine Existenz“. Die Menschen im Donbass wollten „nicht arbeiten“. Sie seien „Umsiedler, Kriminelle“ und bedürften einer „Ukrainisierung“. Die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa erklärte, Drapatyj sei nichts anderes als „ein Neonazi“.[1] Eine Analyse von Ulrich Heyden (Moskau).

Wer ist der neu ernannte Generalstabschef der Ukraine? Der Kampf gegen die Separatisten im Donbass machte ihn landesweit bekannt. Drapatyj wurde in der westukrainischen Stadt Kamjanez-Podilskyj geboren. Nach der Schule machte er ein Studium am Institut für Panzertruppen in der ostukrainischen Stadt Charkiw. Der neu ernannte Generalstabschef war im April 2014 im Rang eines Majors des 2. Bataillons der 72. Mechanisierten Brigade im Kampf gegen die selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk im Einsatz. Von 2024 bis 2025 war er Oberbefehlshaber des ukrainischen Heeres.

Lobeshymne auf junge ukrainische Militärs im deutschen Fernsehen

Im deutschen Fernsehsender ZDF brachte der österreichische Militärexperte Markus Reisner eine lange Lobeshymne auf Drapatyj. Über die politischen Ansichten des neuen Generalstabschefs sagte Reisner kein Wort.

Drapatyj sei – so Reisner – in der Ukraine sehr beliebt, weil er gegenüber seinen Untergebenen sehr verantwortungsvoll sei. So sei er von seinem Posten als Befehlshaber des Heeres zurückgetreten, als bei einem russischen Raketenangriff auf ein ukrainisches Trainingszentrum zwölf Soldaten getötet wurden. Nach seinem Rücktritt 2025 erklärte Drapatyj, er habe „die ordnungsgemäße Ausführung von Befehlen nicht gewährleisten können“. Er machte dafür die Zustände in der ukrainischen Armee verantwortlich.

Oberst Reisner berichtete über die Ernennung von Drapatyj im hoffnungsvollen Ton. Im Gegensatz zu dem abgesetzten Generalstabschef Syrskyj – er ist 61 Jahre alt und wurde noch in der Sowjetunion ausgebildet – gehöre Drapatyj zu einer neuen Generation von Militärs, die sich ihre Erfahrungen im aktuellen Ukraine-Krieg erarbeitet hätten. Zu den hoffnungsvollen jungen Militärs gehöre auch der jetzt zurückgetretene Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow, der 35 Jahre alt ist. Die jungen Militärs – so Reisner – würden angeblich verantwortungsvoll mit Untergebenen umgehen und ihre Untergebenen nicht wie Syrskyj verheizen.

Die jungen ukrainischen Militärs wie Drapatyj und Fedorow würden außerdem auf innovative Projekte setzen. Unter Fedorows Führung hätten sich die ukrainischen Drohnenschläge bis weit in das russische Hinterland ausgeweitet. Irgendwelche Zweifel an den Drohnenschlägen in das russische Hinterland, die sich oft direkt gegen zivile Ziele richten wie Warenverteilungszentren, zivile Busse und medizinisches Personal, wurden von Reisner nicht vorgebracht.

Der Kampf um die Polizeizentrale von Mariupol machte Drapatyj berühmt

Als besondere Leistung rechnete Reisner dem neu ernannten Generalstabschef Drapatyj eine Aktion in Mariupol am 9. Mai 2014 an. An diesem Tag habe Drapatyj die Befreiung von eingeschlossenen ukrainischen Sicherheitskräften in der Polizeizentrale von Mariupol befehligt. Der Schützenpanzerwagen von Drapatyj walzte eine von Separatisten errichtete Barrikade in der Innenstadt von Mariupol nieder. Das Video ging um die Welt.

Der österreichische Militärexperte Reisner sah in der Niederschlagung von Protesten in Mariupol gegen die Staatsstreichregierung in Kiew nichts Verwerfliches, sondern im Gegenteil etwas Positives. Den Ablauf der Proteste in Mariupol am 9. Mai 2014 blendet Reisner komplett aus.

Nach Berichten russischer Journalisten[2] ereignete sich am 9. Mai 2014 in Mariupol Folgendes: Der am 1. Mai 2014 von Kiew eingesetzte Polizeichef von Mariupol, Waleri Andrustschik, hatte befohlen, auf „Provokateure“, die angeblich in großer Zahl an der Parade zum Siegestag über Hitlerdeutschland teilnahmen, ohne Vorwarnung zu schießen. Doch viele Polizisten wollten diesen Befehl nicht ausführen. Um sich Respekt zu verschaffen, soll der Polizeichef dann angeblich einen seiner Untergebenen mit einem Schuss aus der Dienstwaffe verletzt und sich danach in seinem Dienstzimmer verbarrikadiert haben. Von dort rief der Polizeichef die ukrainischen Truppen in der Stadt zu Hilfe. Die rückten mit Schützenpanzern sowie Angehörigen der Nationalgarde und Mitgliedern paramilitärischer Gruppen an und begannen, die Polizeizentrale zu beschießen.

Drapatyj: „Unser Vorgehen gegen Zivilisten war hart, aber nötig“

Zu dem Vorgehen des ukrainischen Militärs gegen zivile Proteste in Mariupol am 9. Mai 2014 nahm der jetzt ernannte Generalstabschef Drapatyj in einem von dem Portal Ukraїner W veröffentlichten Interview[3] Stellung. Das Interview wurde bereits im Mai 2023 geführt, aber erst nach der Ernennung von Drapatyj zum Generalstabschef veröffentlicht. Das Interview wurde auf Ukrainisch geführt, es lässt sich bei YouTube in verschiedenen Sprachen mitlesen.

Zu dem Vorgehen der von ihm befehligten Soldaten in Mariupol am 9. Mai 2014 erklärte Drapatyj im Interview, „wir hatten es mit Zivilisten zu tun, die von einem anderen Staat inspiriert wurden, um die Situation zu destabilisieren. Unsere Reaktion war entschlossen und hart. Aber das war nötig.“ Russland habe die Menschen in Mariupol mit Alkohol aufgeputscht. (Minute 17:49)

Drapatyj war vor seinem Militäreinsatz gegen Separatisten in Mariupol vorher nicht in der Stadt gewesen. In dem jetzt veröffentlichten Interview beschreibt er, dass ihm die russlandfreundliche Stimmung in der Hafenstadt befremdlich vorkam. Die staatlichen ukrainischen Organe hätten – was die „Ukrainisierung“ in den Gebieten Donezk und Lugansk betrifft – „nicht ausreichend gearbeitet“. Man hätte „die ukrainische Staatlichkeit mehr kultivieren müssen“. Diese Gebiete seien faktisch „Überbleibsel der Sowjetunion“ gewesen.

Der neue Oberbefehlshaber: „In Donezk nur Umsiedler und Kriminelle“

Donezk und Lugansk seien schwierige Gebiete, so Drapatyj. Dort würden vor allem „Umsiedler“ (aus Russland), „Kriminelle“ und Personen wohnen, „die nicht arbeiten und alles umsonst haben wollen“ (Minute 12:00). In Donezk und Lugansk lebe eine Bevölkerung „ohne Bewusstsein“. Mit „Bewusstsein“ meint Drapatyj das Gefühl, zur Ukraine zu gehören.

Russland ist laut Drapatyj eine „ständige Gefahr“ für die Ukraine. „Das ist eine Nation mit einer Führung, die kein Recht auf Existenz hat. Sie hat während tausend Jahren nichts Zivilisatorisches hervorgebracht, nicht in der Mentalität und nicht in dem imperial-ambitionierten Verhalten.“ (Minute 23:40)

Mit Russland könne die Ukraine, so Drapatyj, keinen Kompromiss finden. „Am Ende des Kampfes um unsere Unabhängigkeit muss unser Sieg stehen. Ein Sieg ohne Kompromisse.“ (24:34)

Der gewöhnliche ukrainische Ultranationalismus

Drapatyj ist mit seiner ultranationalistischen Geisteshaltung kein Einzelfall, sondern typisch für die Elite, welche seit 2014 die Ukraine regiert. Schon im Januar 2014 erlebte der Autor dieser Zeilen, wie auf der Hauptbühne des Maidan in Kiew ein Film über „die Mafia in Donezk“ vorgeführt wurde. In dem Film wurde die Bevölkerung des Gebietes, aus dem der 2014 gestürzte, russlandfreundliche Präsident Viktor Janukowitsch stammt, in Bausch und Bogen als mafiaverseucht, hinterwäldlerisch und demokratiefeindlich verdammt.

Eine ultranationalistische Geisteshaltung zeigte sich bei Wolodymyr Selenskyj bereits zwei Jahre nach seiner Wahl zum Präsidenten. Zuvor war er noch für einen Frieden mit Russland eingetreten. In dem Fernsehkanal Dom, der von Kiew speziell für die „Hinterwäldler“ in Donezk und Lugansk eingerichtet worden war, erklärte Selenskyj im August 2021 in einem Interview: „Wenn du auf ukrainischem Territorium lebst und fühlst, dass es zu Russland gehört, dann musst du dir – deinen Kindern und Enkeln zuliebe – einen Platz in Russland suchen.“[4]

Schon der Vorgänger Selenskyjs im Präsidentenamt, Petro Poroschenko, hatte klargemacht, dass die Bevölkerung von Lugansk und Donezk ihre Rechte als ukrainische Staatsbürger durch ihre Sympathie für Russland verwirkt habe. 2015 wurden auf Befehl von Poroschenko alle Bankautomaten in Lugansk und Donezk abgeschaltet. Die dort lebenden Rentner mussten sich ihre Rente in der Zentralukraine abholen, wenn sie kräftemäßig dazu überhaupt in der Lage waren.

Selenskyj in schwieriger Lage

Dass Selenskyj mitten im Krieg die Posten des Generalstabschefs und des Verteidigungsministers neu ernennt, zeigt, dass es in der ukrainischen Führung ernste Konflikte über Strategie und Taktik gibt. Die westlichen Staaten versuchen, auf diesen Konflikt Einfluss zu nehmen, indem sie die Beförderung von Personen unterstützten, welche für die Durchsetzung westlicher Interessen in der Ukraine am ehesten nützlich scheinen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj muss sich westlichen Interessen immer wieder fügen, weil durchschlagende militärische Erfolge auf dem ukrainischen Territorium ausbleiben und die Armee trotz massiver Waffenlieferungen aus dem Westen in einem desolaten Zustand ist. Es gibt nicht genug ukrainische Soldaten, die Zahl der Deserteure steigt. In den ukrainischen Städten gibt es Proteste gegen die brutale Zwangsmobilisierung von Soldaten.

Doch das ist noch nicht alles. Die ukrainische Führung ist zerstritten. Der von Selenskyj berufene neue Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow fand keine gemeinsame Sprache mit dem ukrainischen Generalstabschef Syrskyj und trat am 15. Juli zurück. Syrskyj hatte Fedorow beschuldigt, ihm nicht genug Soldaten zu schicken.

Auf den Straßen von Kiew entstand eine Protestbewegung gegen Syrskyj, die von westlichen Medien mit Verständnis begleitet wurde. Die Jugendlichen hofften offenbar, dass Verteidigungsminister Fedorow mit der Zwangsmobilisierung Schluss macht.

Der Kiew-Korrespondent der Welt, Christoph Wanner, erklärte in einer Liveschaltung, westliche Kräfte hätten die Proteste gegen Syrskyj mitangeschoben. Das ist mehr als wahrscheinlich, denn der Westen ist an einer Konsolidierung der innenpolitischen Situation in der Ukraine interessiert. Eine ukrainische Armee, die ihr Territorium nicht verteidigen kann, gefährdet das ganze westliche Ukraine-Projekt. Deshalb braucht man jetzt zumindest neue Gesichter in der politischen Führung der Ukraine, die Hoffnung machen und mit denen man neue Finanzhilfen für die Ukraine einwerben kann.

Von Ulrich Heyden erschien 2022 das Buch: Der längste Krieg in Europa seit 1945. Augenzeugenberichte aus dem Donbass. Hamburg 2022, Tredition, Taschenbuch, 348 Seiten, ISBN: 978-3-347-59573-6, 19,90 Euro.

Titelbild: Screenshot aus dem YouTube-Video von Ukraїner W. (2023)


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