Wegen der Teilnahme Russlands hat die EU der Kunstbiennale in Venedig einen Zuschuss über zwei Millionen Euro gestrichen. Die Begründung ausgerechnet mit „Meinungsfreiheit“ ist die pure Heuchelei. Die Erpressung der Biennale und die Zuteilung von Geldern an Kunstprojekte nach politischen Kriterien ist skandalös und widerspricht allen EU-Phrasen von der Kunst- und Meinungsfreiheit. Ein Kommentar von Tobias Riegel.
Wegen der Teilnahme Russlands hat die EU der Kunstbiennale in Venedig aktuell einen Zuschuss über zwei Millionen Euro gestrichen, wie die Tagesschau berichtet. Die Europäische Exekutivagentur für Bildung und Kultur (EACEA) habe nach der rechtlichen Bewertung und Empfehlung der EU-Kommission beschlossen, den laufenden, mit zwei Millionen Euro dotierten Zuschuss an die Fondazione La Biennale di Venezia zu beenden, teilte ein Kommissionssprecher in Brüssel mit. Der Sprecher fuhr fort:
„Kulturvorhaben, die mit europäischen Steuergeldern finanziert werden, sollten demokratische Werte wahren sowie offenen Dialog, Vielfalt und Meinungsfreiheit fördern – Werte, die im heutigen Russland nicht geachtet werden.“
Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Der massive Eingriff der EU in die Kunst- und Meinungsfreiheit wird von ihrer Seite dann auch noch mit dem Argument „Meinungsfreiheit“ verteidigt.
Wie sieht es eigentlich in anderen der 99 teilnehmenden Länder der Biennale mit der Meinungsfreiheit aus? Zum Beispiel in der Ukraine? Oder auch in Katar, Somalia, in Saudi-Arabien oder in Simbabwe? Mit den Zuständen in all diesen Ländern hat die EU offenbar weniger Probleme als mit der Situation der Meinungsfreiheit in Russland. Und ist es nicht auch unabhängig von Russland prinzipiell sehr fragwürdig, die jeweilige Innenpolitik von Ländern zum Kriterium für die Zuteilung von EU-Kunstförderungen zu machen und dadurch den internationalen moralischen Schiedsrichter zu spielen?
Dass mit diesem Text nicht die kritikwürdige Lage der Meinungsfreiheit in Russland verteidigt werden soll, ist selbstverständlich. Hier geht es um die Kritik an den doppelten Standards von EU-Offiziellen, die massiv den eigenen EU-Phrasen widersprechen, solange es nur im Dienste der Anti-Russland-Kampagne steht. Und es geht darum, den völkerverständigenden Charakter solcher internationaler Kunst-Treffen zu erhalten und ihn nicht unter eigenen (zudem heuchlerischen) Ideologien zu begraben.
Biennale geht gegen EU-Beschluss vor Gericht
Bereits vor Eröffnung der Kunstbiennale gab es laut „Kunstforum“ Drohungen von Mitgliedern der EU-Kommission zur Kürzung des aktuellen Zuschusses von EU-Geldern für die Biennale-Stiftung – die Macher der Biennale ließen sich davon jedoch nicht einschüchtern, Biennale-Leiter Pietrangelo Buttafuoco hatte die Teilnahme Russlands damals verteidigt und seinen Kritikern Intoleranz vorgeworfen, wie Weltkunst berichtet hatte. Darauf sind wir auch im Artikel „Russen raus! Sonst werden Gelder gestrichen: EU-Kommission erpresst internationale Kunstausstellung“ eingegangen.
Aktuell hat die Stiftung La Biennale di Venezia laut Medien angekündigt, gegen den Beschluss der EU Rechtsmittel einzulegen. In einer Mitteilung betont die Institution, die Biennale sei bereit, ihre Argumente vor den zuständigen Stellen zu verteidigen.
Die EU hat übrigens einen „Streisand-Effekt“ ausgelöst: Trotz oder möglicherweise auch infolge der Kontroverse lagen die Besucherzahlen nach Schätzungen in den ersten beiden Monaten deutlich höher als zu Beginn der Kunstbiennale 2024, so die Tagesschau. Vor vielen nationalen Pavillons gebe es immer wieder lange Schlangen. Sollte sich der Trend fortsetzen, würde die aktuelle Ausgabe (unter Teilnahme Russlands) zur bestbesuchten Kunstbiennale in ihrer mehr als 125-jährigen Geschichte.
Titelbild: Ground Picture / Shutterstock
Russen raus! Sonst werden Gelder gestrichen: EU-Kommission erpresst internationale Kunstausstellung






