Kann Kultur weg, weil sie eh nur kostet? Von wegen, liebe Erbsenzähler: Kultur ist hochprofitabel

Kann Kultur weg, weil sie eh nur kostet? Von wegen, liebe Erbsenzähler: Kultur ist hochprofitabel

Kann Kultur weg, weil sie eh nur kostet? Von wegen, liebe Erbsenzähler: Kultur ist hochprofitabel

Ein Artikel von Frank Blenz

Die alte Leier tönt immerfort in den Ohren: Kultur kostet nur, Kunst ist streitbar, sie bringt wenig. In Zeiten „klammer“ Kassen dank herrschender reaktionärer Prioritäten steht die Kultur gesichert auf den Streichlisten der Geldverwalter der Republik: Theater, Museen, Musikschulen, Konzertsäle, Künstler, Projekte, die freie Szene und so weiter und so fort. Wir müssen sparen, wird „gejammert“. Ein Grund neben dieser in Wahrheit Verachtungshaltung zur Kultur: Sie und das gesellschaftliche Engagement für Kunst gelten als freiwillige Leistungen der Kommunen. Pflichtaufgaben wie Ordnung, Sicherheit, Infrastruktur, Soziales, Bildung stehen zwar ebenfalls mitunter auf dem „Prüfstand“ (ob man sich das in der Form weiter leisten kann in Zeiten des Militarismus), doch gerade die Kultur wird wie das fünfte Rad am Wagen behandelt. Das bekannte Argument in unserer monetär geprägten Gesellschaft: Kultur rechnet sich nicht. Jetzt wird es interessant, denn es rechnet sich doch, und zwar viel mehr, als das den Erbsenzählern, den „Ihr müsst den Gürtel enger schnallen“-Predigern lieb ist. Die Forderung stellt sich so erneut: Kultur muss Pflichtaufgabe in der Bundesrepublik werden. Schluss mit dem Streichkonzert. Von Frank Blenz.

Ein Euro Investition in die Kultur bringt drei Euro fünfzig Ertrag – und nicht nur das

Hört, hört, die Kulturnation (!) Deutschland kann eigentlich aufatmen, denn das Folgende ist bei der vorherrschenden Auffassung, dass Kultur sich nicht trägt, kaum zu glauben. Eine aktuelle Studie „Kultur als Standortfaktor in Berlin“ vom Institut für Kulturelle Teilhabeforschung (IKTf) ergab, dass jeder Euro, den Berlin in die Kulturförderung investiert, der Stadt 3,50 Euro einbringt. Mehr noch, bei Museen und Gedenkstätten sammelt die Hauptstadt sogar sieben Euro ein. Die Kultur erwirtschaftet nach Ergebnis des IKTf ca. 4,65 Milliarden Euro pro Jahr. Dem nicht genug, um die Ecke gedacht, steht Berlin mit dieser Erkenntnis stellvertretend für die ganze Republik, die auch im Prinzip der Kulturförderung eingebunden ist und landauf, landab über zahlreiche Einrichtungen verfügt, Personal vorhält, Menschen Arbeit, Perspektive und Verwirklichungsmöglichkeiten gibt, die unser aller Gemeinwohl dienen. Das Institut hebt hervor, dass Kultur eben viel mehr ist als ein Posten im Haushalt, der kritischer betrachtet wird als die, die sich „rechnen“, die gesellschaftlich wichtiger angesehen werden und anerkannt sind. Die Studie fasst zusammen, dass Kultur viel Gutes bringt für die Ökonomie, Soziales, Gesundheit (!) und mehr:

Kultur ist für Berlin ein zentraler Standortfaktor mit vielfältigen ökonomischen, gesellschaftlichen und stadtgestaltenden Effekten, doch fehlt bisher ein integriertes Modell, das diese Wirkungsebenen zusammenführt. Die rund 70 vorliegenden deutschen Studien konzentrieren sich vor allem auf ökonomische Effekte wie Umwegrentabilität einzelner Einrichtungen oder Bruttowertschöpfung der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die IKTf-Studie schließt diese Lücke: Sie erhebt erstmals ökonomische, soziale, gesundheitliche und touristische Effekte des Berliner Kultursektors gemeinsam. Ausgangspunkt ist die Umwegrentabilität im gesamtstädtischen Maßstab, ergänzt um Kapitel zur Bruttowertschöpfung der künstlerisch-kulturellen Teilmärkte, zu Effekten Kultureller Teilhabe auf Lebenszufriedenheit und Gesundheit, zu Kultur als Standortfaktor für Unternehmen und zu touristischen Effekten.

In Kultur investieren lohnt, sie zahlt vielfältig zurück und wirkt sogar wie Medizin

Angesichts dessen, dass in Berlin und überall im Land gern und zuverlässig darüber geklagt wird, dass Kultureinrichtungen zu viel Geld kosten, dass die Kultur-Mitarbeiter engagiert mitwirken müssten, auf dass die Lohnschraube sich nicht weiter nach oben dreht, dass ein Ticket für die Oper zwar viel kostet, aber die Kosten dennoch nur durch Subventionen „reingespielt“ werden können – angesichts dessen und anderer gängiger Argumente ist der Perspektivwechsel der Studie geradezu revolutionär. Die Leiterin der Studie Vera Allmanritter wird in Medien zitiert, ihre Worte wirken wie ein Aufruf, Kunst und Kultur endlich einen gebührenden Stellenwert zu verleihen:

Vera Allmanritter: „Man sieht, dass Kulturförderung sich für Berlin maßlos an verschiedenen Stellen auszahlt. Sogar bei der Gesundheit der Berliner Bevölkerung sei eine ökonomische Wirkung messbar, so Allmanritter. Vier oder mehr Kulturbesuche im Jahr steigern das individuelle Wohlbefinden und die Gesundheit etwa so stark wie ein bis zu 2 700 Euro erhöhtes Jahreseinkommen.

Statt Streichkonzert volle Kraft voraus für Kunst und Kultur

Deutschland wird noch Kulturnation genannt, die Zahl an Theatern, Museen und vielfältigen kulturellen Einrichtungen gilt in Europa und über den Ozean hinaus trotz der Streichkonzerte und der Infragestellung dieser wichtigen Infrastruktur als einzigartig. Doch dieser Schatz ist permanent unter Beobachtung, latent fragil, leidet unter einer seltsamen Herablassung: Kultur ist Luxus. Können wir uns Kultur leisten? Das Theater ist nicht so wichtig. Die Musikschule schreibt rote Zahlen. Ins Museum gehen zu wenige Leute. Ist das Kunst oder kann das weg?

Die allzu bekannte Antwort in Richtung junger Menschen, die vielleicht verraten, dass sie Schauspieler oder Künstler werden wollen, lautet: „Was? Das ist doch brotlose Kunst, lerne lieber etwas Ordentliches.“ Dem nicht genug, wenn vielleicht der junge Mensch auf der Karriereleiter stecken bleibt, in der Schule nicht die geforderten Notendurchschnitte erzielt, folgt noch ein weiterer Schlag in die Nierengegend: „Wenn Du Dich nicht anstrengst, dann wirst Du Kellner.“

Die Kulturnation Deutschland zeigt als sture Leistungsgesellschaft, als Rendite-Unternehmen, als Gebilde der Arroganz und in Wahrheit ihre Unwissenheit, ihr gegenwärtiges Wesen, das sich über Jahre und Generationen entwickelt hat. Standesdünkel, Engstirnigkeit, Dummheit, die als Weisheit getarnt daherkommt, sie sind überall zu finden: Statt Dinge zu schaffen, die lebenswert und lebenswichtig sind, wird die Industrie umgebaut und das als rosige Zukunft verkauft. Das viele vorhandene Geld fließt in ein Konstrukt der Gewalt statt des Friedens, Gemeinwohls und Glücks. Doch das ist kein Naturgesetz. Zum Beispiel in Kunst und Kultur zu investieren, und zwar mit voller Kraft voraus, lohnt sich und grübe anderen Investitionsvorhaben bellizistischer Art das Wasser einfach ab. Ja, ich höre den hämisch fragenden Spruch: Wie naiv bist Du denn? Nicht naiv ist das, es ist humanistisch, die wichtigen Strukturen, Einrichtungen, Menschenziele, Aufgaben entsprechend zu unterstützen, sicher zu finanzieren. Die Ernte wird gewiss sein und üppig ausfallen – siehe Studie.

Ich denke an eine Aussage der Studienleiterin, die ein Beispiel aus dem beileibe nicht gerade sozialen Großbritannien (GB) nannte. Dort gab es Untersuchungen, die belegten, dass Kultur die Lebensqualität und Gesundheit steigerten, sodass man sich in GB Kulturbesuche als Rezept verschreiben lassen kann.

Und die Kulturmacher, die Lage, die Perspektiven? Was muss getan werden?

Wie so oft wird der Mensch in unserer kapitalistischen Verwertungsgesellschaft als nüchterner, anonymer Faktor betrachtet. Wenn beim Thema „Sparmaßnahmen Theater“ von Kosten gesprochen wird, sind Menschen, Schauspieler, welch brotlose Kunst, stets zur Disposition stehende Posten der Ausgabenliste. So wie überall. Einsparungen durchzusetzen, heißt dann mitunter auch – Menschen freizustellen (feuern klingt zu böse). Wenn sie nicht frei von ihrer Arbeit gestellt sind, nehmen zum Beispiel Künstler heroisch, voller ideeller Herrlichkeit und Selbstausbeutungsgeduld in Kauf, in prekären Verhältnissen ihrer Arbeit nachzugehen, sich von Job zu Job zu hangeln, mit wenig Geld auszukommen. Und doch sind sie eine immense Bereicherung für die sie ungenügend wertschätzende Gesellschaft. Das sind sie auch gerade für die, die auf der Sonnenseite unseres reichen Deutschlands leben, gern in Theater, Konzerte, ins Museum, zu Vernissagen gehen – und danach ins Restaurant (wo sie von Kellnerinnen und Kellnern bedient werden …).

Die Studie hat sich mit den beschriebenen Künstlern in prekären Verhältnissen beschäftigt. Die bringen, wie oben geschildert, Reichtum ein. Die Freie Szene, in der in Berlin 32.420 Solo-Selbstständige erfasst sind, bringt dazu rund 614 Millionen Euro Einkommen zusammen. Drei Viertel von ihnen müssen mit einem Jahreseinkommen unter 22.000 Euro auskommen. Armes Deutschland.

Was daraus folgt: Kultur muss Pflichtaufgabe werden

Angesichts der Ergebnisse der Berliner Studie, die abgewandelt nach regionalen Unterschieden für die ganze Republik signalgebend ist, wäre es an der Zeit, der Kunst und der Kultur den gebührenden Rang in unserer Gesellschaft zu geben. Kultur bringt eben nicht nur Zeitvertreib, ist nicht nur schön und gut und kostet dennoch nur und ist in harten Zeiten (wer auch immer das festlegt, was hart ist) entbehrlich. Nein. Kultur braucht Perspektive. Landauf, landab steht Kultur immer zur Disposition, stehen Einrichtungen vor der Schließung oder werden geschlossen. Sind sie erst mal dicht – dann für immer.

Einen Weg heraus aus dem Skandal zeigt die Forderung, Kultur von einer freiwilligen Leistung zu einer gesetzlichen Pflichtaufgabe der Kommunen zu machen. Was das brächte? Theater wie Museen stünden wie die Feuerwehr, das Rathaus, die Schule nicht zur Disposition, deren Finanzierung wäre verlässlich in den staatlichen Planungen eingebunden. Unsere Kultur, unsere Einrichtungen, die Menschen dort, die uns alle bereichern, erlebten eine Aufwertung ihrer sozialen wie gesellschaftlichen Position. Kultur ist Allgemeinwohl, ist Daseinsvorsorge, die überall garantiert werden muss, so wie Bildung und soziale Standards. Die Kommunen, 11.000 in Deutschland, sind die Basis. Die Finanzierungsfrage steht dennoch im Raum, werden Kritiker sagen. Und ja, viele Kommunen sind verschuldet, weil die große Politik (Bund und Länder) versagt, weil die Basis von diesem Überbau allein gelassen wird. Deshalb schließt die Forderung nach einer Pflichtaufgabe ein, dass Bund und Länder diesen Umbau finanziell entsprechend der anderen, schon bestehenden Aufgaben absichert, und zwar aus diesem Grund: Deutschland ist reich, dank seiner Menschen, es gibt genug zu verteilen, ohne dass die Menschen auf Marmorböden laufen und mit goldenen Löffeln essen wollten – von wegen Luxus. Tatsächlich ist Kunst, ist Kultur kein Luxus, sondern Lebensmittel. Kultur macht uns als Menschen aus, ist essenziell.

Zurück zum Kern der Studie: Die Pflichtaufgabe Kultur kostet viel viel weniger als sie einbringt

Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld? Der alte Schlager erklingt passend zum Klagen der Kritiker und Erbsenzähler, die gern und geschickt die Effekte verschleiern, die die Berliner Studie grandios offenbart: Kultur lohnt sich sogar finanziell, nicht nur ideell. Da kommen die Zyniker und sagen: „Ideell, ach Gottchen, das können wir uns schon in guten Zeiten leisten, und in schlechten leisten die Eliten sich das auch weiter, aber sonst? Nein.“

Doch so läuft das eben nicht, liebe Erbsenzähler. Die Forderungen nach der Pflichtaufgabe Kultur, nach sicheren und planbaren Finanzierungsstrukturen, nach einem Perspektivwechsel, Kunst und Kultur nicht als Luxus zu sehen, sondern als Gemeingut, alltäglich, immer da und als essenziell wertzuschätzen, diese Forderungen müssen so energisch, intensiv und engagiert von den Entscheidungsträgern der Gesellschaft und in der Folge von den Bürgern umgesetzt werden – nach und nach und fest verankert. Deutschland ist doch Kulturnation, oder nicht? Wenn das Umsetzen nicht auf die Tagesordnung kommt, alles beim Alten bleibt, dann kann der Titel Kulturnation getrost gestrichen werden. Die Erbsenzähler und bellizistischen Fanatiker wird das vielleicht freuen, denn auf anderen Gebieten sind wir ja wieder „wer“.

Titelbild: nadia_acosta/shutterstock.com

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