„Die städtische Trümmerlandschaft der 50er-Jahre war für uns Kinder ideal. Ein Abenteuerspielplatz. Auf den Trümmerfeldern konnten Hütten gebaut, Feuer gemacht, Neugierde erweckende Gegenstände gefunden werden. Besonders spannend wurde es dort, wo Neubauten entstanden. Sobald die Bauarbeiter Feierabend hatten, besetzten wir Kinder die Baustelle, erkundeten das noch unfertige Haus, bauten Buden aus dem Baumaterial und spielten im frisch angelieferten Sand.“
In dieser 23. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ drucken wir diesmal einen Essay unseres Lesers Günter Scherzer ab.
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.
Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
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Der Großvater wusste Bescheid
Ob es zu einem Krieg kommt, wissen wir nicht. Dass es Kräfte gibt, die ihn herbeisehnen, scheint mir offensichtlich. Ich mag mich täuschen, würde Derartiges auch niemandem unterstellen wollen, kann mich jedoch meines gefühlten Eindrucks nicht erwehren.
Vielleicht ist dies auch das Erbe meines Kölner Großvaters, der in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts den Zweiten Weltkrieg prognostizierte: Wenn Hitler an die Macht kommt, dann gibt es Krieg, sollen seine Worte gewesen sein. Er stand dem Zentrum nahe, einer katholischen Partei der 20er-/30er-Jahre, Vorläuferin der CDU.
Was er, Schuhmacher, Ehemann und Vater von sieben Kindern mit nur siebenjähriger Volksschulbildung erkannte, blieb den Abgeordneten seiner Partei in Berlin offenbar verborgen.
Sie waren es, die am 23. März 1933 gemeinsam mit den Liberalen, Konservativen und Nationalsozialisten einstimmig dem Reichskanzler Adolf Hitler für vier Jahre die Vollmacht gaben, unter Ausschaltung des Reichstages zu regieren. Die NS-Diktatur war geboren.[1]
Nur die SPD-Fraktion widersetzte sich einstimmig, trotz Bedrohung durch die SA. Die KPD-Fraktion existierte bereits nicht mehr. Ihre Mitglieder waren in provisorischen Konzentrationslagern der SA inhaftiert worden, ins Ausland geflohen oder in den Untergrund abgetaucht.
Der NS-Staat war somit nicht das Ergebnis einer Machtergreifung, wie es bis in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts hinein und teilweise noch heute behauptet wird.[2] Die NS-Diktatur wurde gezeugt durch die Verabschiedung eines Gesetzes, dem sogenannten Ermächtigungsgesetz. Eines der peinlichsten und verhängnisvollsten Vorkommnisse deutscher Geschichte.
Was uns dies zeigt, ist, dass politisch informierte Profis mit teilweise hohem Bildungsgrad nicht in der Lage waren, die Zeichen ihrer Zeit zu erkennen.[3]
Der Krieg kam, wie vom Großvater vorhergesagt, ein paar Jahre später. Zwei seiner Söhne mussten an die Front, weitere zwei Söhne und er selbst gegen Ende des Krieges zum Volkssturm oder als Luftwaffenhelfer an die Flak. Bomben zerstörten das Dach seines Hauses. Eine seiner Töchter sah ihren Ehemann bis zu ihrem Lebensende nicht wieder. Er galt als vermisst. Keiner wusste, wo er geblieben war oder ob er noch lebte.
Meine Großmutter musste sich bei Bombenalarm mit ihren durch eine Gefäßerkrankung bedingt offenen Beinen die Treppe hinab in den Luftschutzkeller quälen. Die beiden Söhne, die an die Front mussten, wurden verwundet, kamen jedoch wieder, einer von ihnen für sein Leben lang gehbehindert.
Die Familie überlebte, versteckte ihre Kriegstraumata. Das Dach des Hauses wurde repariert, neue Familien gegründet. Meine Großmutter weinte, wenn sie Kriegsszenen im Fernsehen sah.
Mein Vater, Unteroffizier bei der Artillerie, sprach wie sein kriegsversehrter Bruder kaum oder wenn, dann erst Jahre später und sehr spärlich über seine Kriegserlebnisse. Im höheren Alter bat er mich mehr oder weniger wortlos, seine Auszeichnungen in den Müll zu werfen. Möglicherweise gab meine Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern, hierzu den letzten Anstoß.
Kein Hass bei ihm und seiner Familie auf Russen, Amerikaner, Briten und andere Nationalitäten, denen man als „Feinde“ einmal gegenübergestanden oder mit denen man als Besatzer zu tun hatte.
Gehasst wurden vor allem die Bomben. Kälte und Hunger der Nachkriegszeit hatten sich tief ins Gedächtnis eingegraben.
Ein Metallsplitter des russischen Geschosses, das meinen Vater getroffen und vom Dienst an der Front befreite, nahm er mit ins Grab. Er steckte in seinem linken Oberarm.
Anders als viele Eltern aus dem bürgerlichen Milieu, deren Kinder das ihnen in Art. 4 Abs. 3 GG verbriefte Recht auf Kriegsdienstverweigerung in Anspruch nahmen, hatte er keine Einwände gegen meine Entscheidung. Ohnehin spielten weder Nationalbewusstsein noch die im Kalten Krieg herrschende Ideologie vom Westen als Ort der Freiheit bei ihm und seiner Familie eine Rolle. Fußballweltmeisterschaften ausgenommen.
Sie lebten ihr Leben. Das Leben kleiner Leute. Überleben in der unmittelbaren Nachkriegszeit, pragmatisches und gedeihliches Auskommen mit der Nachbarschaft und dem entfernteren sozialen Umfeld waren die Kernelemente ihres gesellschaftlichen Daseins. Staatlichen Behörden stand man eher skeptisch gegenüber. Der eigene Kopf zählte.
Eines allerdings gab mir mein Vater bei meiner Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern, mit auf den Weg: Pass auf, wenn es so weit ist, dann holen sie dich und du bist dran. Eine Erfahrung aus dem Krieg.[4]
Die Familie mütterlicherseits stammte aus einem hinteren Winkel Ostpreußens. Einem Dorf im Memelland, seit 1919 in Folge des Versailler Vertrages zunächst mit ungewisser staatlicher Zukunft französisch besetzt, dann völkerrechtswidrig vom litauischen Staat annektiert und schließlich vom NS-Staat wieder ans Deutsche Reich angegliedert. Von alldem unabhängig verlief ihr Leben weiter wie eh und je, bodenständig und weitestgehend unpolitisch. Getreideanbau, Gemüsegarten, Schweine, Gänse, Hühner bestimmten den Tagesablauf. Hinzu kam die Tätigkeit meines Großvaters im Wald als Forstarbeiter.
Der Krieg veränderte alles. Beide Söhne zogen ideologisch infiltriert in den Krieg. Einer überlebte schwer verletzt. Der andere fand sehr früh seinen Tod in Frankreich. Die Großeltern und meine Mutter ließen im Winter 1945 alles hinter sich und machten sich mit ihrem Pferdefuhrwerk auf in Richtung Westen. Ihre Flucht vor der heranrückenden russischen Armee verlief durch meterhohen Schnee, übers zugefrorene Frische Haff und endete schließlich in Norddeutschland. Zumindest für meine Großeltern. Meine Mutter geriet für zwei Jahre in polnische Gefangenschaft.
Am Ziel angelangt, wurde meine Großmutter Opfer eines britischen Bombenangriffs. Sie wurde verschüttet, überlebte jedoch. Das Ganze kurz nach Kriegsende. Wahrscheinlicher Grund des Angriffs: ein Hakenkreuz aus Dachziegeln auf dem Dach des Bauernhauses, in dem sie als Geflüchtete Unterschlupf gefunden hatten.[5]
Ihr infolge einer Kopfverletzung für sein Leben gekennzeichneter Sohn zog in ihre Nähe, heiratete und baute eine Kleinlandwirtschaft auf. Nebenher verdiente er sein Geld als ungelernter Arbeiter im Kanalbau. Dem Großvater ging es ähnlich. Der ehemals Selbständige musste sich nun als Arbeiter in einer Fleischfabrik verdingen.
Die Lebensverhältnisse der Großeltern verbesserten sich im Laufe der Zeit. In einem Gebäude eines ehemaligen Torfabbau-Unternehmens am Küstenkanal erhielten sie zwei Zimmer. Ohne Wasseranschluss und Toilette. Frischwasser gab es draußen am Brunnen, ein Plumpsklo fand sich hinterm Haus. In einem Nebengebäude hatten sie einen kleinen Stall für ihr Schwein. Im Grünstreifen daneben baute der Großvater seinen Tabak an. Zum Heizen musste Torf gestochen werden. Eine mühselige Arbeit für ihn, den bereits an die 60 Jahre alten Mann. Im Herbst dann Arbeit bei der Kartoffelernte. Ein riesiges Feld musste per Hand abgeerntet werde. Als Lohn hierfür erhielt er vom Bauern ein paar Sack voll mit diesen Erdfrüchten. Dies musste bis zur nächsten Ernte reichen. Das Zusammenleben mit anderen Familien in der Flüchtlingsunterkunft war nicht einfach. Normales Sozialverhalten hatte der Krieg zerstört.[6]
Als Kind verbrachte ich etwa anderthalb Jahre mit meiner Mutter bei ihnen. In Köln hatten meine Eltern ihr gemietetes Zimmer infolge behaupteten Eigenbedarfs des Vermieters verloren. So zogen meine Mutter und ich zu meinen Großeltern nach Norddeutschland. Ich war damals etwas älter als ein Jahr. Mein Vater fand Unterschlupf in seinem Elternhaus. Er hatte nach einer Umschulung wieder Arbeit in Köln gefunden. Aus dem ehemaligen Chemielaboranten war ein Maurer geworden.
Die Wohnverhältnisse in Norddeutschland waren sehr beengt. Wir schliefen zu viert in einem Bett. In zwei nicht zusammenhängenden Zimmern spielte sich unser Alltag ab. Den Umständen entsprechend hatte ich es häufig mit Infektionskrankheiten zu tun. Diese waren teilweise „nicht ohne“ und zwangen mich oft ins Bett. Kein Arzt, keine Medikamente.
Positiv in Erinnerung geblieben ist mir, dem inzwischen Zweijährigen, der Aufenthalt auf den Kartoffeläckern, auf denen meine Mutter meinem Großvater bei der Ernte half. Auf dem Boden kniend wurde mit der Hand geerntet. Dies war damals so üblich. Erntemaschinen gab es nicht. Während sie arbeiteten, spielte ich, beerdigte einen beim Erntevorgang erschlagenen Maulwurf, sammelte Kartoffeln ein, trug sie wie die Erwachsenen in einem Korb zu einer Miete, in der sie bis zu ihrem Abtransport mit dem Pferdefuhrwerk gelagert wurden. Immer wieder flogen britische Militärflugzeuge im Tiefflug über die Felder. Ihr unerträglicher Lärm erschrak mich, den Erwachsenen machte er Angst. Anweisung meines Großvaters: Kopf auf den Boden, Ohren zu.
Nachkriegsterror einer Siegermacht.
Zurück in Köln konnten wir nach einer Übergangszeit bei der Familie meines Vaters – zwei Brüder hatten inzwischen geheiratet und waren nun außer Haus – eine Wohnung in der Kölner Innenstadt beziehen. Die Hälfte der Grundstücke unserer Straße waren Trümmerfelder. Ständig mussten Blindgänger, nicht explodierte britische oder amerikanische Bomben, entschärft werden. Fenster öffnen, die Wohnung verlassen, hallte es häufig aus dem Lautsprecher eines Polizeifahrzeuges. Durchorganisierte Evakuierungen gab es nicht.
Heute, mehr als 80 Jahre nach Kriegsende, werden in Köln immer noch mehrmals im Jahr Fliegerbomben gefunden und entschärft. Menschen müssen dann zu Hunderten ihre Wohnung verlassen. Manchmal zu Tausenden. Ganze Stadtteile einschließlich Altenheime und Kliniken müssen hin und wieder evakuiert werden.[7]
Der Zweite Weltkrieg ist noch präsent.
Ein mir bekannter Ingenieur, der im Bereich der Kampfmittelentsorgung tätig war, teilte mir einmal mit, dass die gesamte Ostsee noch voller Bomben und Granaten sei. Tickende Zeitbomben. Möglicherweise finden sich auch noch auf dem Boden des Frischen Haffs russische Bomben, mit denen seine Eisdecke im Winter 1945 aufgebrochen werden sollte, um die Flüchtlingsströme am Weiterkommen zu hindern.
Die städtische Trümmerlandschaft der 50er-Jahre war für uns Kinder ideal. Ein Abenteuerspielplatz. Auf den Trümmerfeldern konnten Hütten gebaut, Feuer gemacht, Neugierde erweckende Gegenstände gefunden werden. Besonders spannend wurde es dort, wo Neubauten entstanden. Sobald die Bauarbeiter Feierabend hatten, besetzten wir Kinder die Baustelle, erkundeten das noch unfertige Haus, bauten Buden aus dem Baumaterial und spielten im frisch angelieferten Sand. Einzäunungen von Baustellen gab es nicht.
Es klingelten aber auch immer wieder mal Menschen an der Wohnungstüre, um nach Brot zu fragen. Ehemalige Soldaten, jetzt verelendete Männer auf dem Weg nach ihrem Zuhause oder auf der Suche nach einer neuen Bleibe, weil es ein Zuhause für sie nicht mehr gab. In den Fahrstühlen der Kaufhäuser Männer mit Arm- und Handprothesen. Man hatte sie als Fahrstuhlführer angestellt. Meinem Volksschullehrer fehlten an zwei Fingern seiner linken Hand jeweils die Endgelenke. Ein entfernter Verwandter übte seinen Beruf als Maler und Tapezierer mit nur einem Arm aus. Der kaputte war mit einer Prothese versehen. Er hatte seine Tricks. Blinde und Menschen mit einem Glasauge waren keine Seltenheit. Ebenso die großen, mit bräunlichen Planen bedeckten Rollstühle mit manuellem Antrieb.
Die am schlimmsten Kriegsversehrten bekam man, wenn überhaupt, nur selten zu Gesicht. Ähnlich wie heute. In der Berichterstattung zum Krieg in der Ukraine erfährt man nichts von denen, denen eine Gesichtshälfte zertrümmert oder der Unterkiefer weggeschossen wurde. Solche Bilder könnten die Wahrnehmung dessen, was Krieg für den Einzelnen bedeutet, beeinflussen. Wäre ungünstig für diejenigen, die den Krieg als Mittel ihrer Politik befürworten.
Ebenso blieben die Ängste von Kriegsteilnehmern im Verborgenen. Enuresis, nächtlicher Angstschweiß, Tremorattacken in Schützengräben oder gepanzerten Fahrzeugen, so etwas gab es nicht, wurde tabuisiert. Heute ist es nicht viel anders. Ein Soldat hat mutig zu sein. Dass Krieg Mord und Totschlag bedeutet, normales Sozialverhalten zerstört, die Psyche destabilisiert, das eigene Leben buchstäblich auf den Kopf stellt, wird gerne unter den Teppich gekehrt.[8]
In unseren öffentlich-rechtlichen Medien erfahren wir allenfalls von Einzelfällen, die infolge ihres Kriegseinsatzes im Kosovo oder in Afghanistan ihr psycho-mentales Gleichgewicht verloren haben oder an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Dabei belegen wissenschaftliche Studien, dass derartige Phänomene durchaus zur Normalität von Kriegseinsätzen gehören.[9]
Ein Krieg, auch wenn er längst vorbei ist, hinterlässt nicht nur seine Spuren. Er lässt die Zivilbevölkerung auch nicht zur Ruhe kommen. Vor allem dann, wenn er als Option politischen Handelns nicht ausgeschlossen wird.
In einer solchen Situation befinden wir uns derzeit.
Obwohl ein Krieg mit Russland für unausweichlich gehalten und sein Beginn im Rahmen von Szenarien bereits zeitlich festgelegt wird[10], erfährt die Frage nach der Sicherheit für die Bevölkerung relativ wenig Aufmerksamkeit. Weder die fehlenden Schutzräume noch die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Gesundheitssystems scheinen ein Problem zu sein. Eine breit geführte öffentliche Diskussion diesbezüglich findet jedenfalls nicht statt.
Zwar wird das Zusammenwirken von Militär, zivilen Einrichtungen und Blaulichtorganisationen seitens der Bundeswehr bereits geübt[11], ein der Öffentlichkeit zugängliches Konzept zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung im Kriegs- oder Verteidigungsfall liegt jedoch bislang nicht vor.[12]
Hingegen liegt ein unter Federführung der Bundeswehr seit 2023 erarbeiteter Strategieplan zur verpflichtenden zivilen Unterstützungsleistung für das Militär im Fall der Landes- und Bündnisverteidigung vor. Dieser am 1. Januar 2025 in Kraft getretene „Operationsplan Deutschland“ unterliegt allerdings der Geheimhaltung.
Ein Blick ins GRÜNBUCH ZMZ 4.0 ermöglicht jedoch, einen Eindruck von dem zu erhalten, was uns erwarten könnte.[13]
Deutschland wäre im Spannungs- und Bündnisfall Drehscheibe für die NATO-Truppen. Aufmarsch und Rückmarsch verliefen über Flug- und Seehäfen sowie Knotenpunkte des zivilen Straßen- und Schienenverkehrs. Im Bündnisfall käme die Rückführung verletzter Soldaten hinzu.
Das im GRÜNBUCH zugrunde gelegte Szenario geht davon aus, dass 2030 infolge russischer Mobilmachung zur Abschreckung ein Aufmarsch von bis zu 100.000 Soldaten inklusive ihres militärischen Geräts in östliche Richtung erfolgen könnte. Im Bündnisfall könnten es bis zu 800.000 Soldaten sein. Ihre technische Unterstützung, Versorgung mit Nahrungsmitteln und die Gewährleistung medizinischer Hilfe bspw. wären durch die Zivilgesellschaft sicherzustellen.[14]
Zur medizinischen Versorgung gehört auch die hausärztliche.[15] Nun weiß jeder, dass es mit unserem Gesundheitswesen nicht zum Besten bestellt ist. Je nach Region und Anzahl versorgungsbedürftiger Soldaten dürften daher seine vorhandenen Kapazitäten schnell ausgelastet, wenn nicht gar erschöpft sein. Dies könnte bereits für den Spannungsfall zutreffen, wenn Infektionskrankheiten sich endemisch oder epidemisch verbreiten.[16]
Zur medizinischen Versorgung im Kriegsfall lesen wir im IPPNW-Forum 181/2025[17]:
„Die erwarteten Patientenzahlen, die von unserem Gesundheitswesen (im Bündnisfall – G. Sch.) versorgt werden müssten, übersteigen alles, was wir von Katastrophen oder aus Pandemiezeiten kennen. Die Bundeswehr rechnet mit bis zu 1.000 verletzten NATO-Soldat*innen täglich, über Jahre hinweg. Zudem wird eine massive Flüchtlingswelle von verletzten Zivilist*innen erwartet. Dem stehen nur fünf Bundeswehrkrankenhäuser mit 1.800 Betten gegenüber – eine Kapazität, die in zwei Tagen erschöpft wäre. Das zivile Gesundheitssystem müsste einen erheblichen Teil seiner räumlichen und personellen Ressourcen dem Militär zur Verfügung stellen. Groß wäre auch der Bedarf an medizinischer Rehabilitation. ‘Zahlen aus der Ukraine deuten darauf hin, dass aktuell in der Ukraine ca. 100.000 Amputierte behandelt werden müssen.’ Unser Gesundheitswesen wäre restlos überfordert.
Im Verteidigungsfall wäre die Zahl der Verletzten noch höher. Die Zahl verletzter Zivilist*innen wäre größer und die Versorgung erschwert durch die Zerstörung von Infrastruktur und Krankenhäusern, sowie durch verletztes oder getötetes medizinisches Personal.“
Schlussfolgerungen jenseits der Annahme eines nuklearen Schlagabtauschs.
Derartige Szenarien in Verbindung mit den Erfahrungen meiner vom Zweiten Weltkrieg gezeichneten Verwandtschaft und meinem Erleben der Nachkriegszeit einschließlich der noch heute wirksamen Kriegsfolgen reichen aus, um mit Wolfgang Borchert ein unmissverständliches Nein zu sagen.[18] Nein zum Krieg, dessen Vorbereitung oder Inkaufnahme.
Einfache Menschen gleich wo, ob in Köln, Warschau oder Moskau, brauchen und wollen keinen Krieg. Auch keine Kriegstüchtigkeit. Sie wollen ihr Leben leben, für und mit anderen. Sie sind aber auch anfällig für das Gift ideologischer Fremdbestimmung. Dies ist unser Dilemma.
Anmerkungen
Auch der spätere Bundespräsident Dr.-rer.-pol. Theodor Heuss, in den 20er- und 30er-Jahren Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei, später Deutsche Staatspartei, stimmte dem Ermächtigungsgesetz, wenn auch widerwillig, zu. Beruflich war er zunächst journalistisch tätig und übte später eine Lehrtätigkeit an der Deutschen Hochschule für Politik aus, deren Vorstandsmitglied er auch wurde. Er hielt Vorlesungen und führte Seminare zur deutschen Verfassungs- und Parteiengeschichte sowie Gegenwartsfragen durch. 1933 endeten seine dortigen Tätigkeiten. Er verblieb in Deutschland, wurde wieder journalistisch tätig und verfasste Biografien.
Vgl. https://www.hdg.de/lemo/biografie/theodor-heuss und https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Heuss (abgerufen am 17.02.2026) ↩
Vgl. https://www.aerzteblatt.de/archiv/psychische-traumatisierung-bei-soldaten-herausforderung-fuer-die-bundeswehr-8b2d0ae8-f75c-4e92-bb8f-baf94d140ee9 ↩
Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Wenn_Russland_gewinnt._Ein_Szenario (abgerufen am 14.05.2026)
Mit solchen Spekulationen ist er nicht alleine. Der Militärhistoriker Sönke Neitzel von der Universität Potsdam äußerte sich im April 2025, dass der Sommer 2025 möglicherweise der letzte im Frieden sei.
Vgl. https://www.ndr.de/nachrichten/info/Letzter-Sommer-in-Frieden-Tag-1136-mit-Soenke-Neitzel,audio1847488.html ↩
Vgl. https://www.sat1regional.de/bundeswehruebung-red-storm-bravo-szenario-versorgung-von-vielen-verletzten-in-hamburg/ (abgerufen am 14.05.2026) und https://www.feuerwehrmagazin.de/nachrichten/news/verteidigungsuebung-red-storm-bravo-in-hamburg-139334 (abgerufen am 14.05.2026) ↩
Titelbild / Bildbeschreibung: Berlin, Kinder spielen in Trümmern | via Wikimedia Commons





