Kanzler Merz und das Kind mit der Bundeswehrmütze

Kanzler Merz und das Kind mit der Bundeswehrmütze

Kanzler Merz und das Kind mit der Bundeswehrmütze

Marcus Klöckner
Ein Artikel von: Marcus Klöckner

Die Augen des Jungen strahlen und glühen. Mit sichtlicher Freude steht er dem Bundeskanzler gegenüber, während Merz ihm die Hand zum Gruß reicht. Bei dieser Aufnahme handelt es sich allerdings nicht um ein normales Bild. Das Foto, das die Bundesregierung auf Instagram veröffentlicht hat, ist durchtränkt von Propaganda. Um diese Einordnung zu verstehen, muss ein Detail des Bildes angeführt werden. Der Junge trägt eine Mütze der Bundeswehr. Dieses Bild ist nicht das, was es vorgibt zu sein. Es ist nicht harmlos. Das Foto zeigt, wovor sich alle Eltern fürchten sollten: dem Griff des Staates nach ihren Kindern – für das Militär und möglicherweise in letzter Konsequenz für den Krieg. Ein Kommentar von Marcus Klöckner.

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Wie alt der Junge ist, lässt sich nur schätzen. Vielleicht 11, 12 Jahre alt. Wer er ist, wer seine Eltern sind und warum er eine ihm passende Bundeswehrmütze trägt, bleibt undurchsichtig. Warum gerade ihm an diesem Tag der Bundeswehr in Laage bei Rostock der Bundeskanzler die Hand schüttelt, bleibt unklar. Klar aber ist: Kinder lassen sich schnell begeistern – auch für das Militär. Mit dem kindlichen Blick kann der Kampf mit der Waffe Spaß machen. In Deckung gehen, schießen, angeschossen werden, kämpfen, gewinnen: Krieg, das ist im kindlichen Spiel ein lustiger Zeitvertreib. Wenn die Kinder müde sind oder keine Lust mehr haben, gehen sie nach Hause zum Abendessen.

Kinder lassen sich auch für die Bundeswehr begeistern. Große Panzer, mächtige Waffen, coole Soldaten: Ein Kind weiß in der Regel noch nicht, wie Soldaten zum verlängerten Arm einer eiskalten Interessenpolitik werden. Ein Kind begreift noch nicht, dass die ausgestreckte Hand eines Politikers im Krieg nicht da sein wird, um einen schwerverletzten Soldaten vom Schlachtfeld zu ziehen. Ein Kind durchdringt mit seinem Verstand noch nicht, was Krieg wirklich heißt: In Echt zu töten oder getötet zu werden – oder verstümmelt für den Rest des Lebens gezeichnet zu sein.

Erwachsene wissen darum – oder sollten zumindest davon wissen. Der Bundeskanzler gehört nicht zu den Unwissenden. Das darf man ihm unterstellen. Trotz seines Wissens schüttelt er dem Jungen die Hand.

Eine herzliche Begegnung zwischen einem jungen Staatsbürger und dem Kanzler der Republik: Ist das nicht rührend? Nein, an diesem Bild ist gar nichts „rührend“.

Bilder transportieren oft eine versteckte Botschaft. Um die Botschaft des Bildes zu erkennen, braucht es keine große Analyse.

Dass ein Kanzler am Tag der Bundeswehr teilnimmt und einem Kind mit Bundeswehrmütze die Hand schüttelt, ist das eine. Das andere ist die Veröffentlichung und Verbreitung dieses Bildes über einen offiziellen Kanal der Bundesregierung.

Das heißt nichts anderes, als dass die Regierung versucht, die Kinder des Landes für die Bundeswehr zu begeistern. Merz und seine Regierung vollziehen diesen Schritt zu einer Zeit, wo die politische Losung „Kriegstüchtigkeit“ lautet.

Das Foto zeigt in seiner Tiefe, wovor sich alle Eltern fürchten sollten: Es ist der Griff des Staates nach ihren Kindern – für das Militär und in letzter Konsequenz für den Krieg.

In der deutschen Geschichte gibt es Bilder und Filmaufnahmen von Hitler, aufgenommen im Garten der Reichskanzlei im Frühjahr 1945. Hitler zeichnet eine Gruppe von Kindersoldaten aus. Zu sehen ist Hitler, wie er die Jungen begrüßt, sie an den Wangen tätschelt oder seine Hand auf ihre Schulter oder den Arm legt. Der wohl bekannteste Junge auf solchen Fotos ist Alfred Czech. Er war damals 12 Jahre alt. Wir alle wissen: Die Zeremonie war Teil der NS-Propaganda.

© Deutsches Historisches Museum, Berlin

Generell gilt: Das vorhandene Wissen um die Instrumentalisierung von Kindern samt ihrer Eltern im Sinne einer Kriegspolitik darf und kann nicht ausgeblendet werden.

Heute ist – gewiss – nicht gestern. Nazi-Deutschland war eine Diktatur. Die Bundesrepublik ist eine Demokratie. Nazi-Deutschland ging es um das letzte Aufgebot, wozu selbst Kinder herhalten mussten. Heute geht es um einen angeblich als notwendig betrachteten Aufwuchs für die Bundeswehr. Politiker wollen die Bundeswehr im Zuge der politisch herbeihalluzinierten „Zeitenwende“ in der Mitte der Gesellschaft verankern.

Doch braucht es für dieses Vorhaben solch ein Bild? Wie tief will diese Politik noch sinken? Wie kann sich einer hinstellen und Kinder (Kinder!) für das Militär begeistern wollen? Wo ist der Verstand, wo das Gewissen?

Titelbild: Instagram Bundesregierung / Bundesverteidigungsministerium

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