„Die Erwachsenen warnten uns Kinder immer wieder vor Tieffliegern. Wir belauschten ab und zu Erwachsenengespräche, die von Tieffliegern handelten, die auf Fußgänger und Radfahrer schossen und manchmal Bomben abwarfen. Trotz der Gefahr durften wir den ganzen Tag überall spielen: im Gaswerk, auf den Straßen, den Wiesen, Feldern, am Elbufer, im Wäldchen. Meine Tante und der Hausmeister vom Gaswerk brachten mir und meinen Freunden bei, wie man sich bei Tieffliegern verhalten mußte: sofort hinwerfen, in den Graben, die Ackerfurche, hinter den Busch, die Mauer usw. Wir übten das oft aus Spaß beim Fangenspielen.“
Ein Beitrag von unserem Leser Uwe Strohmeyer zu unserem Aufruf.
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Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.
Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil sowie den vierzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Der Horizont war über die ganze Breite rot erleuchtet, Dresden brannte.
Sehr geehrtes NachDenkSeiten-Team,
anbei mein Beitrag. Er ist nun länger als ein kurzes Schlaglicht geworden. Ich kenne Ihre redaktionellen Erfordernisse nicht, daher habe ich den Text so gelassen, wie er mir „aus den Fingern kam“. In meinen Augen erscheint alles darin Gesagte wichtig. Vielleicht können Sie es dennoch, evtl. mit Kürzungen, verwenden.
Angesichts meiner Erlebnisse und Erinnerungen stehen mir die Haare zu Berge bei dem jetzigen Kriegsgeschrei in Europa und dem Rassismus gegenüber Rußland, vor allem in Deutschland. Ich kann die Verantwortlichen, die das tun und die, die ihnen zustimmen, nur als Wahnsinnige im Sinne von Arno Gruen[*] bezeichnen (Gruen steht hier natürlich nur als ein Beispiel von vielen kompetenten Autoren, die sich diesem Thema widmen). Sie haben aus der Geschichte nichts gelernt, ja kennen sie nicht einmal, halten oder erklären Ideologie für Realität. Umso mehr geht mein Dank an Sie, das NachDenkSeiten-Team, für Ihre umfangreiche, kenntnisreiche und sachliche Berichterstattung seit 2003. Machen Sie bitte weiter so – ein Lichtblick im gegenwärtigen Dunkel.
Herzliche Grüße
Uwe Strohmeyer
Erinnerungen gegen den Krieg:
Ich bin im November 1941 in Meißen geboren. Ich wohnte mit meiner Mutter, meiner Tante und meiner Großmutter in Brockwitz, heute Neu-Sörnewitz, einer Arbeitersiedlung am östlichen Rand von Meißen. Meinen Vater kannte ich nicht, er war im Krieg.
Wir waren umgeben von mehreren Fabriken und dem großen Gaswerk mit riesigen Gasbehältern. Die Einfahrt zur größten Fabrik lag ca. 50 m schräg gegenüber unserem Wohnhaus. Eine Industriebahn fuhr täglich mit großen Waggons vor unserem Haus hin und her. Die Elbe, deren Ufer einer meiner Spielplätze war, war ca. 1 km entfernt. Hinter dem Haus, im Hof befanden sich viele Kaninchenställe, in denen alle Hausbewohner ihre Kaninchen für eine Fleischmahlzeit hielten. Ich war öfter beim Schlachten dabei.
Ich ging immer wieder mit meinen Kinderfreunden auf die Felder zum Klauen
Da die Lebensmittel knapp waren und das Geld, das meine Mutter und meine Tante im Büro verdienten, oft nicht reichte, ging ich, sobald ich laufen konnte, oft mit meiner Großmutter oder meiner Tante zu den umliegenden Bauern, um Lebensmittel im Tausch zu erhalten. Wir wurden häufig höhnisch oder aggressiv abgewiesen. Daher ging ich immer wieder mit meinen Kinderfreunden mit Rucksäcken, Taschen und Körben gemeinsam auf die Felder am Rand der Siedlung zum Klauen: Möhren, Kartoffeln, Rüben, Zuckerrüben, alles, was wir fanden. Kräuter, die wir alle kannten, fanden wir am Wegesrand oder im naheliegenden Bahnwäldchen.
Der Himmel war hell erleuchtet, über uns tausende von dröhnenden Bombern
Es gab oft Luftalarm. Alle Hausbewohner rannten dann mit wenigen Habseligkeiten in den Gewölbekeller, wo wir dann stundenlang bei Kerzenlicht saßen, häufig mit Gasmasken auf. Ich hatte eine spezielle Kindermaske, unter der ich immer Beklemmungen bekam. Die Angst der Erwachsenen war deutlich spürbar, manche weinten. Eines Nachts, wir saßen schon länger im Keller, hörten wir ein Dröhnen. Herr K., unser Luftschutzwart, ging hinaus, um nachzusehen. Er rief laut, wir sollten rauskommen. Alle Erwachsenen und Kinder standen schließlich erstarrt auf der Straße, der Himmel war hell erleuchtet, über uns tausende (?) von dröhnenden Bombern, dicht an dicht. Sie flogen Richtung Dresden, warfen laufend Magnesiumfackeln ab. Ringsum stachen die grellen Scheinwerfer der FLAK in den Himmel und man hörte ihre Maschinenkanonen knallen.
Der Horizont war über die ganze Breite rot erleuchtet, Dresden brannte.
Ich stand mit Walther, meinem Spielfreund aus dem Haus, zwischen den Erwachsenen. Keiner kümmerte sich um uns, keiner sprach. Ich wußte, daß Tante H., eine Freundin unserer Familie, die wir oft besucht hatten, mit ihrer kleinen Tochter in Dresden war. Viele Jahre später wurde mir plötzlich mit Schrecken bewußt, daß seit diesem Tag niemand mehr in meiner Gegenwart von ihnen sprach.
Der Pilot mit seiner Brille in der Glaskanzel winkte mir zu
Die Erwachsenen warnten uns Kinder immer wieder vor Tieffliegern. Wir belauschten ab und zu Erwachsenengespräche, die von Tieffliegern handelten, die auf Fußgänger und Radfahrer schossen und manchmal Bomben abwarfen. Trotz der Gefahr durften wir den ganzen Tag überall spielen: im Gaswerk, auf den Straßen, den Wiesen, Feldern, am Elbufer, im Wäldchen. Meine Tante und der Hausmeister vom Gaswerk brachten mir und meinen Freunden bei, wie man sich bei Tieffliegern verhalten mußte: sofort hinwerfen, in den Graben, die Ackerfurche, hinter den Busch, die Mauer usw. Wir übten das oft aus Spaß beim Fangenspielen.
Meine Großmutter, die wegen ihrer Staublunge (von der Arbeit im Ziegelwerk) nicht mehr arbeiten konnte und den Haushalt führte, kümmerte sich tagsüber um mich, ließ mich bei der Hausarbeit und beim Einkaufen mitmachen, zeigte mir zu meinem Vergnügen viele Handgriffe und Essenszubereitungen. Manchmal mußte sie zum Arzt, ein langer Fußweg nach Meißen, so daß sie stundenlang fort war. Frau R., Walthers Mutter, ‚übernahm‘ mich dann. An einem solchen Tag war ich ihr ‚entwischt‘ und verbotenerweise zum Elbufer gegangen, um dort wachsendes Schnittlauch zu pflücken. Auf dem Rückweg auf der Cliebener Straße, rechts war die Fabrikmauer und ich sah schon unser Haus, überholte mich auf dem Rad Herr N., ein älterer entfernter Nachbar, der von den Wiesen sein Kaninchenfutter holte.
Ich hörte plötzlich ein bekanntes Geräusch: Tiefflieger! Ich sah mich um, eine Maschine bog gerade von der Elbe in unsere Richtung ab, sie flog etwa in Haushöhe, ich dachte, sie landet, sprang an die Mauer und versteckte mich hinter einem Vorsprung. Es knallte und peitschte, Sirren, Motorkreischen, Herr N. hob aus dem Sattel ab, überschlug sich nach vorn und blieb liegen. In einem Impuls rannte ich los, um ihm aufzuhelfen. Da sah ich die nächste Maschine auf mich zu kommen. Ich erstarrte und sah ihr wie festgeklebt entgegen. Ich sah den Piloten mit seiner Brille in der Glaskanzel, er winkte mir zu und wackelte mit den Flügeln. Ich sah die Ringe am Rumpf und den Flügeln: blau-weiß-rot. Dann zog die Maschine mit rasendem Motor nach oben. Der Luftzug riß mich fast um.
Erst bei Frau R., die alles angesehen und mich geholt hatte, kam ich wieder zu mir. Jahrzehnte später forschte ich nach, welche Flugzeuge das waren. Es waren englische Spitfire, die ich auf Abbildungen sofort wiedererkannte an der Form und den Hoheitszeichen.
Am Ende des Krieges erlebte ich die Ankunft der Roten Armee in unserer Siedlung. Alle hatten Angst vor den Russen. Wir sahen aus den Fenstern, als die ersten Panzer einfuhren. Sie zerstörten beim Abbiegen vor unserem Haus die Straßenkreuzung, parkten dann vor dem Haus und in der Nebenstraße. Die Soldaten waren sehr freundlich zu uns und den anderen. Manche sprachen fließend Deutsch. Sie nahmen mich auf den Arm, brachten uns Schokolade und Kirschen. Ich durfte auf den Panzern herumturnen. Sie brachten mir Russisch bei, was ich eifrig gebrauchte. Später erfuhr ich, daß fast die Hälfte davon Schimpfwörter waren – daher das Gelächter der Soldaten.
Die Fenster waren total vereist
Im Sommer 1947 fuhr meine Mutter mit mir nach Braunschweig zu meinem Vater in die 4-Zimmer-Wohnung seiner Eltern. Mein Großvater betrieb dort eine Schneiderwerkstatt. Wir wohnten dort sechs Jahre lang in einem einzigen Zimmer. Anfangs spielte sich das Meiste aufgrund von Spannungen zwischen Eltern und Großeltern hier ab: Schlafen, Waschen, Essen, Schularbeiten, Studienarbeiten meines Vaters, der Bauingenieurwesen studierte. Mein Bett war nur durch eine spanische Wand abgetrennt, ich konnte jedes Wort hören. Heizung gab es nicht, im Winter war es immer unter 0° C, die Fenster total vereist. Jeden Morgen mußten wir den Küchenherd und die Öfen im Wohnzimmer und Werkstatt mit Holz bzw. Kohle anheizen. Ich mußte oft Kohlen und Holz aus dem Keller holen, der kein elektrisches Licht hatte. Später aßen wir gemeinsam im Wohnzimmer und Küche und verbrachten gemeinsame Abende. Meine zweite Großmutter brachte mir Kochen bei und vieles andere, was mir heute noch von Nutzen ist. Zu meinem Großvater durfte ich immer in die Werkstatt und zusehen.
Niemand beantwortete unsere Fragen danach
Zu den anderen Kindern auf der Straße fand ich schnell Kontakt. Unser Spielplatz war vor allem auf der Straße und im Übrigen in der ganzen Stadt, auf den Trümmergrundstücken, in den Parks und am Mittellandkanal. Niemand kontrollierte uns. Wir mußten nur zum Essen zu Hause sein, manchmal Einkaufen gehen.
Wir gingen oft ins verbotene „Läusekino“, ein Kino in den ehemaligen Kasernen in unserer Nähe, in denen Massen an Flüchtlingen untergebracht waren. Es kostete nur einen Groschen (Vor Juni 1948 zehn Pfennig Besatzungsgeld). Vor dem Film gab es immer „Fox tönende Wochenschau“, zu deren Beginn jedesmal unkommentierte Filmaufnahmen aus den KZs gezeigt wurden: Leichen wurden in riesige Öfen geschoben, Massen von Leichen von Frontladern in riesige Gruben geworfen, Kamerafahrten über Leichenberge, halbverhungerte Kinder, die im Schnee standen, Massen von zerlumpten gebeugten Männern und/oder Frauen mit Werkzeugen, die sich durch den Dreck schleppten usw., das reine Grauen. Wir verstanden das nicht und niemand beantwortete unsere Fragen danach. Später hat mir als Einzige meine Großmutter alles erzählt.
Übrigens hatten wir nie Läuse!
Die Braunschweiger mittelalterliche Innenstadt war von der britischen Luftwaffe fast vollständig zerstört worden. Die umgebenden Bürgerhäuser waren bis auf wenige Ausnahmen nicht beschädigt. Ebenso waren die Industrieanlagen und der damals modernste Güterbahnhof Europas am östlichen Stadtrand vollständig erhalten. Ich las später eine Veröffentlichung der britischen Armeeführung, daß die Piloten den Befehl hatten, nur die Braunschweiger Innenstadt mit Wohnhäusern und Läden mit Brandbomben zu zerstören.
Überall begegneten wir bettelnden Soldaten
Durch die gesamte Stadt zogen sich die Schienen der „Trümmerbahn“, die Schutt abfuhr oder Material zu Baustellen brachte. An allen möglichen Stellen standen Frauen und Männer, meist mehr Frauen, die Steine klopften oder brauchbare Trümmer sortierten. Auf vielen Trümmergrundstücken wohnten Menschen, Familien, Einzelne oder Paare, die mühsam versuchten, wiederaufzubauen. Die Räume waren offen, jeder hätte hineinsehen oder -gehen können.
Wir sammelten Schrott, z.T. Munition, den wir an die umherziehenden Lumpenhändler für ein kleines Taschengeld verkauften. Überall begegneten wir bettelnden Soldaten, fast immer in Uniform, stumm oder mit traurigen Worten. Sie waren blind, tasteten mit weißen Stöcken, trugen Verbände um den Kopf, am Arm, gingen an Krücken auf einem Bein, saßen ohne Beine auf einem Rollbrett, die Mütze neben sich, hatten nur einen Arm oder zwei Handprothesen. Manche kamen in die Hinterhöfe, spielten auf der singenden Säge und/oder sangen, andere spielten Geige, Mundharmonika oder sangen ohne Instrument. Wir Kinder gaben ihnen jedesmal Pfennige von unserem wenigen Geld.
Da alles knapp war, gab es Lebensmittel nur auf Marken. Übrige Waren erhielt man auf dem Schwarzmarkt. Ich bin öfter mit meinem Vater oder mit Großvater auf den Schwarzmarkt gegangen, um verschiedene Alltagswaren oder Kaffee bzw. Alkohol gegen Schmuck zu tauschen.
Mein Großvater trug immer ein kleines Handbeil unterm Mantel
Heizmaterial war sehr knapp und teuer, wir gingen daher im Herbst und Winter mit vielen Anderen häufig „Kohlen klauen“ zur „Großen Brücke“ an der Helmstedter Straße. Unter der Großen Brücke liefen die Schienen aus der Ausfahrgruppe des riesigen Güterbahnhofs zusammen in Richtung nach oder von Helmstedt. Dort standen immer wieder lange Güterzüge mit Steinkohle vor einem roten Signal oder kamen auf einem ansteigenden Gleis nicht weiter, weil die Lok den extrem langen Zug (80 bis 100 volle Waggons) nicht schaffte. Meist ging ich mit meinen Großeltern dorthin, manchmal mit der ganzen Familie und Nachbarn. Ein Eisenbahner, der bei uns in der Dachwohnung wohnte, teilte uns die günstigsten Zeiten mit.
In der Regel gingen wir, meine Großeltern und ich, ca. 21:00 bis 22:00 Uhr mit dem Handwagen los. Es waren ca. 4 km. Mein Großvater trug immer ein kleines Handbeil unterm Mantel, zum Kohlezerkleinern oder Zuschlagen, wenn nötig. Manchmal gingen wir morgens um 2 Uhr los, dann aber immer alle zusammen. Zu den Zügen gab es zwei Zugänge, die immer von einer Gruppe von Männern mit Knüppeln bewacht wurden, für den Fall, daß Polizei oder Bahnpersonal vorbeikam. Es ging einen langen Hang hinunter, man durfte nicht abrutschen. Die meisten Leute kannten sich schon, man half sich gegenseitig, alle paßten auf die Kinder und Jugendlichen auf. An den Schienen verteilten sich alle so, daß jeder gut arbeiten konnte. Kinder und Jugendliche kletterten auf die Waggons oder wurden hochgehoben und warfen die Kohlestücke hinunter, wo die Erwachsenen sie aufsammelten und verpackten. Ein Trupp von Erwachsenen ging zur Lok und warnte laut, wenn der Zug wieder anfuhr. Kinder und Jugendliche sprangen dann runter und die Erwachsenen griffen sie schnell, damit sie nicht unter die Räder gerieten. All das war ein Teil unserer Alltagsroutine.
Er schüttete mich regelrecht zu mit seinen Kriegsgeschichten
Wenn wir zu Hause zu Mittag oder Abend aßen, erzählte mein Vater jedesmal von seinen Kriegserlebnissen. Es gab manchmal wochenlang kein anderes Thema. Er ließ sich auch nicht davon abhalten. Sonntags mußte ich mit ihm immer Spazierengehen. Dann schüttete er mich regelrecht zu mit seinen Kriegsgeschichten, ich kam nicht zu Wort. Nachts wurde ich oft wach durch das laute Schreien meines Vaters, der immer wieder vom Krieg träumte und danach bei Licht das Geträumte meiner Mutter erzählen mußte. Das wiederholte sich ca. vier Jahre lang. Ich konnte mit meinen Eltern über meine eigenen Erlebnisse bzw. Fragen nicht reden. Meine Versuche wurden immer abgeblockt: „Was willst Du, ist doch lange vorbei“ oder „Laß uns lieber über was anderes reden“ oder „Das kannst Du doch gar nicht wissen, Du warst doch viel zu klein“ oder „Was Du Dir aber auch immer für Blödsinn ausdenkst“ usw. Zum Glück fand ich bei meinen Großeltern immer Gehör.
Mein Vater besaß einen Jagdschein und konnte sich daher Waffen kaufen (Pistolen, Gewehre verschiedenen Kalibers), was er auch bis zu seinem Tod tat. Er stellte zudem auch selbst die entsprechende Munition her. Er erklärte diese kleine Waffensammlung damit, daß er vorbereitet sein müsse, wenn die Russen kommen, denn das würden sie tun und dann könnte er die Familie beschützen.
Sie sind nur ein kleines Beispiel für eine ganze betrogene Generation.
Heute kann ich mir als Therapeut das Verhalten meiner Eltern, das ich hier nur grob darstellen konnte und unter dem ich und andere zum Teil sehr zu leiden hatten, als schweres Kriegstrauma erklären, das ihnen als jungen Menschen zugefügt wurde.
Sie sind nur ein kleines Beispiel für eine ganze betrogene Generation. Sie hätten alle Hilfe, Therapien, zumindest Verständnis, Erkenntnis, Ermutigung gebraucht. Fast nichts davon ist geschehen, stattdessen Zudecken, Vergessen, Aufrüstung, Konsum, Verteufelung der Sowjetunion usw. Wie es im zerrissenen Inneren dieser Generation und deren Kindern aussah, interessierte nicht. Wer an seelischen Qualen litt, war entweder ein Schwächling oder sollte zum Nervenarzt (damals ‚Arzt für Verrückte‘ oder ‚Seelenklempner‘ u.ä.) gehen und sich Pillen geben lassen.
Titelbild: wikidcommons / Bundesarchiv / Unknown author / CC BY-SA 3.0 de
[«*] Arno Gruen, Der Verrat am Selbst – die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau, dtv.
Ders.: Der Wahnsinn der Normalität – Realismus als Krankheit: eine grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivität, dtv.





