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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (8)
Datum: 25. Mai 2026 um 15:00 Uhr
Rubrik: Militäreinsätze/Kriege
Verantwortlich: Redaktion
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil sowie den siebenten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Wenn ich heute eine Feuerwehrsirene höre, bekomme ich eine Gänsehaut
Ich wurde im Krieg geboren und habe darüber und die Nachkriegszeit ein Buch geschrieben: „Ich, Bombenziel – Krieg tötet Liebe”, in dem ich diese Zeit und Erlebnisse verarbeitet habe. Der Titel leitet sich auch aus diesen Ereignissen ab:
Wir wurden in Berlin in der Stargarder Straße ausgebombt und nach drei Tagen unter den Trümmern unseres Hauses ausgegraben und am 11. Februar 1945 nach Dresden evakuiert und erlebten und überlebten dort die Hölle. Ich begriff nicht, warum ich bombardiert wurde, hatte doch niemandem etwas getan. Mein Vater blieb, wie es so hieß, im Krieg, meine Mutter war eine Kriegerwitwe mit drei Kindern. Nach dem Krieg war noch nichts vorbei. Es hieß nicht, was gibt es zu essen, sondern gibt es etwas zu essen. Ich war in Westberlin „a little naziboy“ und im Osten „bednij malschik“.
Wenn ich heute eine Feuerwehrsirene höre, bekomme ich eine Gänsehaut, Fliegeralarm. Und das mit 84. Das Buch ist eine Anklage gegenüber allen, die uns heute kriegstüchtig machen wollen.
Hartmut Moreike
Wie es drinnen aussieht, geht niemanden etwas an
Sehr geehrtes NachDenkSeiten-Team,
Vielen Dank für Ihren so wichtigen Aufruf!
Ich bin im Mai 1944 geboren, nachdem mein Vater als 28-jähriger Soldat am 28. November 1943 in der heutigen Ukraine (damals Sowjetunion) ermordet wurde. So bin ich ohne Vater auf die Welt gekommen und aufgewachsen. Ein Grab für meinen Vater gibt es nicht.
Meine Mutter war Kindergärtnerin und leitete einen Dorfkindergarten. Sie erzählte mir später, dass sie die Todesnachricht am Vortag des Nikolaustages erhielt. Für die Kinder war zum Nikolaustag alles vorbereitet, sie sollten sich freuen und die Nikolausbotschaft unbeschwert erleben können. So „schob“ sie die Nachricht von sich und beging den Tag, wie sie ihn geplant hatte. Erst danach erreichten die tödliche Gewissheit und die Unfassbarkeit ihr Bewusstsein. Da ich aber unterwegs war und sie wollte, „dass ich ihre Trauer nicht übernehmen sollte“, hielt sie sich bis zu meiner Geburt tapfer aufrecht, versuchte, ihren Alltag möglichst „normal“ weiter zu leben.
Erst nachdem ich auf der Welt war, wurde sie schwer körperlich und seelisch krank. Zeit ihres Lebens blieb sie zerbrechlich und durchlebte viele Krankheitsphasen, bis sie mit 57 Jahren starb. Für mich war sie eine großartige Mutter, trotz der Schwere ihres eigenen Lebens, immer bemüht, mich in meinem Bestreben nach einem freien und selbstbestimmten Leben zu unterstützen. Ich selbst war immer in Sorge um sie, sah, wie sie litt, wie sie nach einem Verstehen des Geschehenen suchte, wie einsam sie im Inneren war – ihr Motto hieß: wie es drinnen aussieht, geht niemanden etwas an, und ihr Lieblingslied war „Die Gedanken sind frei“.
Sie las von Alexander und Margarete Mitscherlich „Die Unfähigkeit zu trauern“ – ein Buch, das beschreibt, wie wenig es möglich war (und wohl auch heute noch ist), die Herzen der Menschen für ein wahres Erkennen der Geschehnisse zu öffnen. Gesprächspartner hatte sie dafür nicht. Nach außen galt sie als ein fröhlicher Mensch. Mit mir sprach sie offen, versprach, dass ich die Briefe meines Vaters an sie – es gab zwei dicke Aktenordner – nach meinem achtzehnten Lebensjahr lesen dürfte. Leider wurde dieses Versprechen nicht eingelöst, weil sie diese Aktenordner während eines Krankheitsschubs – wohl im Zustand der Verzweiflung – vernichtete.
Soweit aus meiner Sicht ein kurzer Blick auf ein durch Krieg verursachtes traumatisiertes ganzes Leben.
Ich selbst fühle mich schwer getroffen durch die deutsche Kriegs-Politik seit vielen Jahren. Kein Land sollte für uns Deutsche mehr ein Feindesland sein, schon gar nicht Russland, dem von Deutschen so viel Leid zugefügt wurde!
Im Anhang füge ich einen Brief vom April 2010 an Frau Merkel und Herrn zu Guttenberg hinzu. Ich habe ihn unter dem Eindruck der Rückkehr der ersten toten deutschen Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg aus Afghanistan geschrieben. Darin meine aus meiner Lebenserfahrung entstandene Haltung zum Krieg.
Mit herzlichem Dank an das ganze Team für die großartige und vielfach auch tröstliche Arbeit (es gibt noch Menschen mit Herz und Verstand)
Ulrike Strohmeyer
Wie ein großes Feuerwerk
Hallo liebe NachDenkSeiten,
meine Eltern sind beide in den dreißiger Jahren geboren und waren während des Krieges noch Kinder. Mein Vater und seine Brüder wurden im Zuge der Kinderlandverschickung zunächst in die Region Danzig und dann ins Allgäu in der Nähe von Kempten bei einem Bauern untergebracht. Er hat die Zeit dort insgesamt gut in Erinnerung, wenngleich man von den Einheimischen als zusätzlicher ‘Esser’ missgünstig betrachtet wurde und man auch als Kind ordentlich anpacken musste. Mein Vater hat später immer wieder mal von der Zeit bei dem Bauern und seiner Familie erzählt.
Meine Mutter, als jüngste von drei Geschwistern, hat die Kriegszeit mit ihrer Mutter in Essen verbracht. Einige einprägsame Erlebnisse kann sie uns heute noch lebhaft erzählen. So zum Beispiel, wenn bei Fliegeralarm die Luftabwehr Leuchtkörper in den Himmel schoss und dieser wie ein großes Feuerwerk aufblitzte. Oder das beängstigende Geräusch der Flugzeuge.
Bei Fliegeralarm ist meine Mutter immer an der Hand meiner Oma in einen nahe gelegenen, runden Bunker geflohen. Einmal musste es so schnell gehen, dass sie ihre Puppe vor dem Bunker fallen ließ und verloren hat. Sehr beeindruckend, weil immer emotional mitleidend erzählt von meiner Mutter, war der Umstand, dass die ‘Russen’, gemeint sind hier sicherlich die Kriegsgefangenen, im Luftschutzbunker immer ganz nach oben unters Dach mussten. Die ‘Russen’ hätten eine höllische Angst gehabt, weil bei einem Einschlag sie die ersten Opfer gewesen wären.
Auch so manche skurrile Szene erzählt meine Mutter, wie die einer älteren Frau, die im Bunker sitzend rohe, trockene Nudeln knabberte. Das war für ein Kind unvorstellbar.
Da es sehr häufig Fliegeralarm gab, sind die Leute nicht immer in einen Bunker gegangen. Entweder sammelte man sich im Keller des Hauses oder blieb gar ganz in der Wohnung. Oft war es die Müdigkeit, die hier die Entscheidung trug.
Auch die Nachkriegszeit war nicht leicht, auch wenn Kinder mit anderen, abenteuerlichen Augen auf das Leben schauen. So wurde, um eine Mahlzeit zu haben, Wasser gekocht und ‘Umwickelpapier’, in dem einst Fleisch, Wurst oder Butter eingewickelt war, in das Wasser gelegt, um es nahrhafter zu machen.
Sicherlich habe ich noch einiges vergessen, weil es so vieles zu erzählen gebe. Aber für die Quintessenz ‘Nie wieder Krieg’ sollte es doch reichen.
Ich bin entsetzt, auf welch’ unbelegten Behauptungen, verkürzten Erzählungen und schlichten Falschmeldungen unsere Regierungen wieder den offenen Krieg predigen und die ‘Elite’ ist auf allen Ebenen wieder einmal voll dabei.
Stefan Kreft
Meine Söhne werden noch dafür büßen müssen
Werte Redaktion der NachDenkSeiten!
Meine Mutter erzählte, dass ihr Vater vor dem Ersten Weltkrieg tief beeindruckt von Bertha von Suttner gewesen sei. Dieser mein Großvater sagte 1934 nach der Ermordung von Ernst Röhm und von anderen, Hitler sei ein Verbrecher. Nach der Pogromnacht 1938 sagte er: „Man zündet keine Kirchen an, meine Söhne werden noch dafür büßen müssen.“ Tatsächlich blieben zwei seiner Söhne in Stalingrad.
Das Vermächtnis der Bertha von Suttner ist immer noch aktuell. Außerdem haben unsere Politiker keine Scheu, mit Verbrechern gegen das Völkerrecht freundschaftlichen Kontakt zu pflegen. Als Privatmensch pflegt man keinen freundschaftlichen Kontakt zu Verbrechern.
Freundlicher Gruß
Theodor Bloem
Meine Großmutter wartete seit Kriegsende oftmals an den Landungsbrücken auf ihn
Liebes NDS-Team!
Vielen Dank für diesen Aufruf – erinnert er mich doch daran, dass ich seit fast zwanzig Jahren ein Buch über meine Großeltern (geb. 1908 und 1914) schreiben möchte. Inspiriert durch die Texte und Zeichnungen, die mein Großvater während seiner Zeit im KZ und im Gefängnis (Mai 1934 bis Mai 1936) fertigte, um in seiner Einzelhaft nicht durchzudrehen, begann ich im Spätsommer 2008 (100 Jahre nach seiner Geburt und 10 Jahre, nachdem er gestorben war) mein Buchprojekt: „Max & Hanni – eine bewegende Liebe in bewegten Zeiten”.
Meine Großmutter lebte damals noch und überließ mir alte Dokumente wie Haftbefehl und Entnazifizierungsunterlagen sowie ihr eigenes Tagebuch, das sie während des Wartens auf ihren Mann nach Kriegsende bis zu seiner Heimkehr schrieb.
Ich war in Berlin im Bundesarchiv, um nach der Prozessakte meines Großvaters zu suchen, ich stöberte in der Thälmann-Gedenkstätte in Hamburg, telefonierte mit der damaligen Leiterin der Gedenkstätte KoLa Fu, um weitere Infos über meinen Großvater zu erhalten. Zwei Leitz-Ordner voller Kopien und Notizen sammelte ich innerhalb eines halben Jahres und wurde dann durch ein traumatisierendes Ereignis in meiner Familie (…) aus meinem Buch-Projekt gerissen. Jetzt musste ich mich um die Gegenwart und Zukunft der Lebenden kümmern und hatte keine Zeit und Muße mehr für die Vergangenheit meines verstorbenen Großvaters.
Aber die gesammelten Unterlagen habe ich alle noch im Schrank, und ich hoffe auf den Tag, an dem ich erneut Zugang zu diesem Projekt finde.
Euer Aufruf hilft mir vielleicht dabei? Zumindest habe ich in den letzten Tagen wieder in meinen Ordnern geblättert, um Zitierfähiges zu finden.
Von meinem Großvater fand ich dieses:
„… 1934, unser Sohn Norbert war gerade zehn Wochen alt, am 24. Mai kam nachts die Gestapo und holte mich ab. Was hatte ich denn getan oder verbrochen? Mit vielen Anderen wollten wir doch nur den kommenden Krieg verhindern helfen. Dafür bekam ich ein Jahr KZ und ein Jahr Gefängnis. Was damals KZ bedeutete, kann sich schlecht jemand vorstellen. Gegen andere KZ war Fuhlsbüttel noch sehr human. Man stelle sich aber mal vor, Stunden, Tage und Wochen allein ohne irgendeine Beschäftigung in einer Zelle zu verbringen. Man kann zuletzt nicht mehr schlafen. Das Gehirn lässt sich aber nicht abschalten, also denken, immer wieder denken. Man zerpflückt alles hundert und tausend Mal bis ins aller Kleinste, bis man eine Antwort auf irgendeine Frage gefunden hat.“
Bei Kriegsbeginn galt mein Großvater als ‘dienstuntauglich’, da er als Hochverräter verurteilt war. Erst am 9. Januar 1943 wurde er zur Marine gerufen, wo er anfangs als Schiffstischler in Husum und Kiel Schiffe reparierte. Im Februar 1944 absolvierte er einen Schützenlehrgang in Fanö (Dänemark), war danach bis 9.7.1944 in Westerland stationiert, weiter ging’s nach Gotenhafen und Swinemünde, von wo aus er nach Norwegen geschickt wurde. Vom 18.10.44 – 8.11.44 war er in Oslo stationiert, danach kam er nach Bergen. Dort hatte er „sich selbst aus der Wehrmacht entlassen”, wie er es später formulierte, was aber zur Folge hatte, dass er nach Kriegsende nicht mit den offiziellen Soldatentransporten heimkehren konnte. Was nach seiner Desertation in Norwegen geschah, darüber sprach er nie.
Meine Großmutter wartete seit Kriegsende oftmals an den Landungsbrücken auf ihn, wenn Soldaten aus Norwegen heimkamen. Sie hatte kein Lebenszeichen von ihm, aber sie hoffte bis zuletzt, dass er zurückkommen wird. In dieser langen Zeit des Wartens schrieb sie Tagebuch. Auszüge beigefügt:
„Hbg., d. 25. Mai 1945
Nun sind es schon drei Wochen wo ich täglich mit deinem Kommen rechne. Das Warten macht mich ganz kaputt. Es sind schon so viele Soldaten in der Heimat, aber du mein Liebster bist noch so fern. Ich freue mich zu jedem Soldaten, der das Glück hat, nach Hause zu kommen. Aber ganz tief im Innern sagt eine Stimme, warum kommt dein Mann noch nicht? Ich weiß, dass nicht alle die Ersten sein können, aber meine Sehnsucht nach dir ist so riesengroß, dass ich fast verzweifeln könnte, weil du immer noch nicht bei mir bist. Es vergeht kein Tag, wo ich nicht an dich denke und mich nach dir sehne. (…)“
„Hbg., d. 13. November 1945
Heute, mein lieber Vati, ist der schönste Tag seit dem Krieg. Denn heute habe ich endlich das lang ersehnte Lebenszeichen von dir erhalten. Du glaubst nicht, wie glücklich ich jetzt bin. Du lebst und bist gesund und kommst wieder zu uns. Vati, ich könnte lachen und weinen. Ich kann dir meine Gefühle nicht schildern. Ach ich bin so glücklich, mir ist so leicht. (…)“
„Hbg., d. 16. November 1945
Heute schreibe ich zum letzten Mal in dies Buch. Nun ist es endlich so weit. Unser lieber Vati ist gesund wieder zu uns gekommen. Ich bin ja so glücklich. Nun kann ich ihm alles selbst erzählen und brauche meine Gedanken nicht in dies Buch schreiben. Wie ist das Leben doch jetzt wieder schön. Ich bin überaus glücklich und ich will unserem Vati auch jeden Wunsch von den Augen ablesen.“
Ich hoffe, ihr könnt damit etwas anfangen?
(…)
Freundliche Grüße
Esther Lorenz
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