25 Jahre „Krieg gegen den Terror“ – Keine Gedenkstätte für die mehr als 4,5 Millionen Toten

25 Jahre „Krieg gegen den Terror“ – Keine Gedenkstätte für die mehr als 4,5 Millionen Toten

25 Jahre „Krieg gegen den Terror“ – Keine Gedenkstätte für die mehr als 4,5 Millionen Toten

Karin Leukefeld
Ein Artikel von Karin Leukefeld

25 Jahre nach dem 11. September 2001 sind die damaligen Ereignisse in New York „Thema des Tages“ in den Medien. Bis zu 3.000 Menschen verloren ihr Leben, als zwei Flugzeuge in die zwei Türme des Welthandelszentrums flogen, die dann zusammenbrachen. „Ikonische Bilder“ der erschütternden Ereignisse werden wieder und wieder gezeigt, auch die diesjährige Trauerfeier am Denkmal „Ground Zero“ wird live in alle Welt übertragen. Von Karin Leukefeld.

„Schützen diese Kriege überhaupt jemanden? Welche Alternativen gibt es, und wie können wir als Nation Prioritäten setzen und in diese Alternativen investieren?“ (Stephanie Savell, Projekt „Kosten des Krieges“)

Die US-Armee startete am 14. September 2001 den „Krieg gegen den Terror“ mit der Bombardierung von Afghanistan. Es folgten Kriege gegen Irak, Libyen, Somalia, Sudan, Jemen und Syrien, Staaten und Nationen wurden verwüstet. Der israelische Staat eröffnete – mit Unterstützung von USA und Partnern – nach dem 7. Oktober 2023 weitere sieben Fronten, um „Terroristen“ zu eliminieren: Gazastreifen, Westjordanland, Libanon und erneut Jemen, Syrien, Irak und Iran.

Mindestens 4,5 Millionen Menschen starben in den letzten 25 Jahren dort, wo der „Krieg gegen den Terror“ herrscht. Sie starben im Krieg und an den Folgen der „ewigen Kriege nach dem 11. September 2001“. Mehr als 38 Millionen Menschen wurden zu Flüchtlingen, weil ihre Heimatländer bombardiert und ihre Lebensgrundlagen verwüstet wurden. Ein Denkmal für sie gibt es nicht, und auch keine Trauerfeier. Im Gegenteil, der Krieg geht weiter.

Der Krieg geht weiter

Am 10. September 2026, einen Tag vor dem 25. Gedenktag, wird ein Bericht über die Folgen des US-Krieges gegen Jemen veröffentlicht, bekannt auch als „Armenhaus der arabischen Welt“. Veröffentlicht wird der Bericht vom Projekt „Kosten des Krieges“ an der Brown-Universität in Rhodes Island, USA. Das Projekt dokumentiert seit 2001 die Folgen der US-geführten „Kriege gegen den Terror“.

Die Informationen für den aktuellen Jemen-Bericht hat ein Vorort-Team der Menschenrechtsorganisation Mwatana zusammengetragen. Zahlreiche Orte, die bombardiert worden waren, wurden aufgesucht, mit 59 Überlebenden, Familienangehörigen von Opfern, Rettungskräften und anderen direkten Augenzeugen waren Interviews gemacht worden. Zwischen Dezember 2023 und Mai 2025 wurden 46 US-Luftangriffe dokumentiert, bei denen 213 Menschen getötet und 363 verletzt worden waren, darunter 50 Kinder und 25 Frauen. Die US-Bomben zerstörten zivile Infrastruktur, Häuser, Geschäfte, Bauernhöfe, Wohngebiete. Die Angriffe verletzten zudem zahlreiche Regeln und Standards des internationalen humanitären Rechts, heißt es in dem Bericht. Im Rahmen des US-Krieges gegen den Terror im Jemen sind demnach in den ersten 20 Jahren 12.690 Zivilisten getötet worden. Verantwortlich seien neben den US-Angriffen nicht näher bezeichnete Kriegsparteien. Nach dem 7. Oktober 2023 gaben die USA bis zu 4,95 Milliarden US-Dollar aus, um Krieg gegen die Houthi-Bewegung (Ansarallah) im Jemen, Iran und in der ganzen Region zu führen.

Eine der „andauernden und nachhaltigen Folgen“ der US-Angriffe auf die Zivilbevölkerung sei der Verlust der Ernährer von Familien, die getötet, verletzt oder verstümmelt worden seien. Eine weitere nachhaltige Folge der US-Bombardierungen sei die Zerstörung der Lebensgrundlagen, wenn Bauernhöfe, Geschäfte, Fabriken, Werkstätten und kleine Unternehmen beschädigt oder zerstört worden seien. Die völlige oder teilweise Zerstörung ziviler Infrastruktur verschärfe die Not der Bevölkerung.

Die Kosten des Krieges

Das Projekt „Kosten des Krieges“ hat seit dem 11. September 2001 präzise die Kosten des „Krieges gegen den Terror“ dokumentarisch erfasst. Dort spricht man von den „immerwährenden Kriegen nach dem 11. September“, den „forever wars post 9/11“. Das Projekt hat 38 Millionen Vertriebene aus diesen Kriegen dokumentiert, mehr als 4,5 Millionen Tote, die direkt im Krieg oder an den Folgen der Kriege gestorben sind. Die Zahlen beziehen sich auf Afghanistan, Irak, Libyen, Pakistan, Somalia, Syrien und Jemen, die Kosten des US-Finanzministerium werden demnach auf mehr als 8 Trillionen US-Dollar geschätzt. Umgerechnet wären das 6 Trillionen 882 Milliarden 300 Millionen Euro.

Die „Kosten des Krieges“ werden in die menschlichen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen und umweltbezogenen Kosten aufgeteilt. Die auf die Menschen bezogenen Kosten umfassen Zivilisten, Vertriebene, das US-Militär, Veteranen, US-Alliierte und Sicherheitsfirmen. Die wirtschaftlichen Kosten sind unterteilt in die Kosten für den US-Bundeshaushalt und in weitere Kosten der US-Wirtschaft. Die sozialen und politischen Kosten betreffen die globale Ausweitung (sogenannter) Anti-Terror-Operationen sowie die Auswirkungen für Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten. Die umweltbezogenen Kosten umfassen das, was am ehesten als „Lebensgrundlagen“ beschrieben werden kann. Die Vergiftung und Zerstörung von Luft, Wasser, Boden und mehr durch Bombardierungen, Einsatz giftiger Stoffe auch in Munition, Abfall, Reste des Militärs, umfassende Zerstörung von Agrarland. Umweltzerstörung ist auch eine absichtlich eingesetzte Waffe im Krieg.

In einem öffentlichen Brief von Stephanie Savell, Direktorin des Projekts „Die Kosten des Krieges“, schreibt sie, man gedenke „der Verwüstung, die tausende amerikanischer Familien“ durch die Anschläge am 11. September 2001 erlebt hätten. Ebenfalls gedenke man „der tiefgreifenden Auswirkungen der darauffolgenden, von den USA geführten Kriege“. Weiter heißt es: „Die Militäroperationen, die ursprünglich im Namen dessen gestartet wurden, was Präsident Bush als „Krieg gegen den Terror“ bezeichnete – beginnend mit der Invasion in Afghanistan im Jahr 2001 –, erstrecken sich mittlerweile auf Dutzende von Ländern und fordern weiterhin unvorstellbare Opfer an Menschenleben. Die Trump-Regierung nutzt die Terrorismusbekämpfung weiterhin als Rechtfertigung für die Einleitung und Verschärfung einer Reihe von Operationen und Maßnahmen, darunter Luftangriffe auf Schiffe in der Karibik und im östlichen Pazifik sowie die Absetzung des venezolanischen Präsidenten Maduro – Operationen, die im vergangenen Jahr über 4,7 Milliarden US-Dollar gekostet haben. Die Forschungsarbeit unseres Projekts dokumentiert nicht nur die umfassenden Kosten, sondern unterstreicht auch die Dringlichkeit, übergeordnete Fragen zu diesen Militäroperationen zu stellen.“

Ein halbes Jahr nach Beginn des aktuellen Krieges mit dem Iran müsse man „wichtige Lehren“ ziehen. Die Entscheidung, Krieg zu führen, führe „über durch Gewalt getötete Menschen hinaus zur Zerstörung von Volkswirtschaften, wichtiger Infrastruktur und der Umwelt“ lange nach dem offiziellen Ende eines Krieges. Die Zahl der Toten in den Kriegsgebieten nach dem 11. September steige weiter an, „vor allem Kinder kommen durch die Nachwirkungen des Krieges, wie etwa die Ausbreitung von Krankheiten, ums Leben“. Die wichtigsten Fragen würden nicht gestellt, so Savell: „Schützen diese Kriege überhaupt jemanden? Welche Alternativen gibt es, und wie können wir als Nation Prioritäten setzen und in diese Alternativen investieren?“

Der „Krieg gegen den Terror“

Am 11. September waren zwei Flugzeuge in die Türme des Welthandelszentrums in New York geflogen, die einstürzten. Ein Flugzeug stürzte in das Pentagon, ein viertes Flugzeug stürzte über freiem Feld ab. US-Geheimdienste hatten den offenbar lange geplanten Anschlag nicht verhindert. Eine unabhängige Aufklärung fand nie statt.

Am 14. September 2001 begann die Bombardierung Afghanistans. Am 20. September 2001 erklärte US-Präsident George W. Bush den „Krieg gegen den Terror“ und gegen Al Qaida, die für den Angriff am 11. September verantwortlich gemacht wurde.

Am 11. Oktober 2001 sprach Bush vor dem US-Kongress von einem „Angriff gegen die Herzen und Seelen der zivilisierten Welt“. Die Welt komme zusammen, „um einen neuen, anderen Krieg zu führen“. Es solle der erste und, so hoffe man, „einzige Krieg des 21. Jahrhunderts sein“, so Bush: „Ein Krieg gegen alle, die den Terror exportieren wollen und ein Krieg gegen die Regierungen, die diese (Anm. KL: Terroristen) unterstützen oder ihnen Zuflucht gewähren.“

Man werde „mit Al Qaida beginnen“, aber der Krieg werde damit nicht enden. Jede einzelne Terrorgruppe werde „gefunden, gestoppt und zerschlagen“. Er habe bereits eine Liste solcher Gruppen zusammenstellen lassen, das sei aber „erst der Anfang“. Man werde weitere Namen hinzufügen, Guthaben einfrieren und damit die Finanzierung aller Terrorgruppen weltweit stoppen, so Bush. Ein entsprechendes „Zentrum für die Aufspürung, Identifizierung und Untersuchung der finanziellen Infrastruktur internationaler Terrornetzwerke“ sei im Finanzministerium eingerichtet worden. Der Krieg werde nicht nur militärisch, sondern diplomatisch, finanziell und geheim geführt, so Bush: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Frei nach dem Motto: Alles ist erlaubt gegen die Barbaren.

Jahre später, 2007, erklärte General Wesley Clark a.D. in einem Interview mit dem US-Sender Democracy Now, der Pentagon-Plan nach dem 11. September 2001 sei gewesen, sieben Länder in fünf Jahren „auszuschalten“: „Irak, Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan, und Iran“ zählte Clark auf. Das geschah und geschieht bis heute mit der Unterstützung von mehr als 80 Staaten in unterschiedlichen US-geführten „Anti-Terror-Allianzen“.

Whistleblower

Die verschiedenen US-Geheimdienste und ihre befreundeten Dienste haben das Geschehen am 11. September 2001 kommen sehen. Sie probten es in Planspielen, die Personen, die die Flugzeuge besetzt und in die jeweiligen Ziele geflogen haben sollen, waren seit langem auf Beobachtungslisten von Diensten. Doch die Angriffe wurden nicht verhindert.

WikiLeaks sorgte seit 2006 dafür, dass Details über die militärischen „Operationen“ der US-Armee in Afghanistan und Irak öffentlich wurden. Die Plattform wurde von Whistleblowern kontaktiert, Soldaten der US-Armee, die eigene Berichte und Daten an WikiLeaks weiterleiteten. Der Australier Julian Assange trat mit WikiLeaks an die Öffentlichkeit, Dutzende internationale Medien kooperierten mit der Plattform und sorgten für eine große Verbreitung des Materials, das Kriegsverbrechen der US-Armee zeigte.

Auch Thomas Drake, ein ehemaliger leitender Angestellter der National Security Agency, NSA, deckte die Versäumnisse der Geheimdienste im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September 2001 auf, als es WikiLeaks noch nicht gab. Er informierte anonym eine US-Zeitung über massive Betrugsfälle in Milliardenhöhe, Verschwendung und Missbrauch sowie ein von Präsident Bush genehmigtes geheimes Massenüberwachungsprogramm, das gegen die Verfassung verstieß. Er wurde identifiziert und nach dem Spionagegesetz angeklagt und musste mit einer jahrzehntelangen Haftstrafe rechnen, kam jedoch im Rahmen einer Vereinbarung mit dem Gericht frei. Drake hatte lange im Militär und in verschiedenen Geheimoperationen gedient, wie er bereits 2014 in Deutschlandfunk berichtete. Heute widmet er sich der Frage, wie Privatsphäre und Menschenrechte vor Machtmissbrauch geschützt werden können.

2014 waren die Medien für den NSA-Skandal sensibilisiert, weil Edward Snowden, ebenfalls NSA-Mitarbeiter, sein Land verlassen und Beweise für die Massenüberwachung mitgenommen hatte. Den Journalisten Glenn Greenwald und Ewen MacAskill und der Filmemacherin Laura Poitras berichtete er nach seiner Flucht detailliert über die Überwachungsprogramme der NSA.

Doch – bis auf wenige – scheint die Welt das alles vergessen zu haben. Der „Krieg gegen den Terror“ hat sich ausgeweitet und versucht, die Entstehung einer multipolaren Weltordnung zu verhindern.

Kognitive Kriegsführung – Das Ziel ist der Kopf

Stimmen für Dialog und Frieden werden diffamiert. Das internationale Recht wird missachtet und verkommt. Medien begleiten wie Kriegstrommler und Trompeter früherer Heere politische Krisen und drängen zur Eskalation. Die Berichterstattung ist Teil einer hybriden Drohkulisse geworden. Schauplatz ist vor allem das Internet und sind die Medien. Das Ziel ist der Kopf jeder einzelnen Person, der Medien liest, hört, sieht.

Medien im virtuellen, digitalen und elektronischen Raum sind Akteure dieser „hybriden Bedrohung“, die die Öffentlichkeit beeinflussen sollen. Die EU und die Bundesregierung spricht von Desinformation durch feindliche Staaten, die sich gegen Europa und gegen die „freie, westliche, wertegeleitete“ Welt richten. Tatsächlich ist allerdings diese Darstellung Teil einer Drohkulisse, die von der NATO mit Beginn des „Krieges gegen den Terror“ intensiv entwickelt wurde und wird. Der „Krieg gegen Terror“ angeblicher Desinformation richtet sich vor allem gegen innere „Feinde“.

Reflexion der Abwesenheit in New York

„Wo warst Du, wo waren Sie als die Türme einstürzten“, ist eine Standardfragen in Funk und Fernsehen, gefolgt von Erinnerungen überlebender Augenzeugen.

In einem Interview berichtet eine Journalistin, wie es war, als sie die rauchenden Trümmer am Tag nach dem 11. September 2001 sah: „Als ich vor dem riesigen Trümmerfeld stand, ging mir plötzlich durch den Kopf: Wow. Das ist Krieg, so fühlt sich also Krieg an“, erinnert sie sich.

Monica Iken-Murphy, die ihren Mann verlor, als der Südturm einstürzte, wo er arbeitete, erinnert sich auch. Sie und ihr Mann waren seit zwei Jahren ein Paar, seit einem Jahr verheiratet. Das Leben hatte vor ihnen gelegen und wurde zerstört, berichtet sie in einer Radioreportage. Als sie hörte, dass Investoren planten, neue Türme zu errichten, wo Hunderte Menschen gestorben waren, setzte sich Monica Iken-Murphy vehement für den Bau eines Denkmals ein, das schließlich auch gebaut wurde.

Zwei große Wasserbecken befinden sich heute dort, wo die Türme des Welthandelszentrums standen. Tag und Nacht strömt Wasser in die Becken hinab, am Beckenrand sind die Namen von 2752 Personen eingraviert, die aus den Trümmern tot geborgen werden konnten. Die Wasserbecken sind mit einem Park umgeben, für Monica Iken-Murphy ist es heute der Ort, wo sie ihrem Mann nahe sein kann. Reflecting Absence, so der Name des Denkmals. Reflexion, Nachdenken über die Abwesenheit.

Kein Ort der Erinnerung für 4,5 Millionen Menschen

Für die mehr als 4,6 Millionen Menschen, die in Folge des US-geführten Krieges getötet wurden, gibt es keine Gedenkstätte. Auch für die mehr als 38 Millionen Menschen, die durch die Kriege vertrieben wurden, für deren verwüstete Dörfer, Felder, Lebensgrundlagen gibt es kein Denkmal. Es gibt keinen Ort für die Erinnerung an ihre Toten, wo sie einmal in Ruhe sitzen können. Die Vertriebenen leben in Zelten, Ruinen, oft in der Illegalität. Sie sind in Gefangenenlagern eingepfercht, in Gefängnissen verschwunden, bei der Schleusung durch unbekannte Gebiete gestorben oder getötet worden oder sie sind auf der Überfahrt über das Mittelmeer ertrunken.

In Afghanistan, Irak, Libyen, Pakistan, Somalia, Syrien und Jemen geht der Krieg noch immer weiter. Und Israel, das nach dem 7. Oktober 2023 mit den USA und Verbündeten einen weiteren „Krieg gegen den Terror“ erklärt hat, hat seinen Krieg auf sieben Fronten ausgeweitet: Gazastreifen, Westjordanland, Libanon, Syrien, Jemen, Irak und Iran. Der israelische Staat mit seiner „Verteidigungsarmee“ hat verkündet, „gegen menschliche Tiere“ im palästinensischen Gazastreifen zu kämpfen. Im südlichen Libanon und in Syrien hat es Haus um Haus in Dutzenden Dörfern zerstört und mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht. Der israelische Staat will auf dem fruchtbaren Boden des Südlibanon mit seiner „Verteidigungsarmee eine „Pufferzone“ schaffen, um sein eigenes „auserwähltes Volk“ zu schützen.

Dafür wurden eine halbe Million Menschen von ihrem Boden, aus ihren Häusern, aus ihren Dörfern im Südlibanon vertrieben. Israel begründet seinen Krieg damit, dass diese Menschen sich wehren und die Hisbollah unterstützen. Das entspricht dem 2. Zusatzprotokoll des Genfer Abkommens, wonach die Verteidigung gegen die Besatzung durch ein rassistisches Kolonialregime – Israel – zulässig ist. Die Hisbollah hat sich ausdrücklich darauf berufen und greift gezielt israelische Soldaten, Panzer, Truppenverbände an. Israel dagegen tötet die Menschen und zerstört zivile Infrastruktur.

Vom „Krieg gegen den Terror“ zur „Vollständigen Auslöschung“

Ein Bekannter der Autorin, berichtete Anfang August von der Zerstörung ihres Familienhauses in einem Dorf bei Bint Jbeil durch die israelische Armee. Es war das vierte Mal, dass israelische Truppen ihr Haus zerstörten. In einer telefonischen Nachricht Ende August spricht Mustapha S., so sein Name, erneut über den Verlust der Familie. Bevor „sie“ die Häuser zerstörten, würden sie immer das Eigentum der Bewohner plündern und stehlen. Er weiß es von Augenzeugen aus dem Nachbarort, er kennt die Aufnahmen von israelischen Soldaten, die sich in den Küchen der Häuser vergnügen, die sie besetzten und dann in die Luft sprengten. Die Trümmer seines Familienhauses enthielten keine Hinweise auf Einrichtungsgegenstände, keine Farben, sagt er, kein Sessel rage irgendwo aus den Trümmern hervor. Dann berichtete er über die Zerstörung ihres Friedhofes.

„Als wir hörten, dass der Friedhof mit Bulldozern völlig eingeebnet wurde, haben wir uns gefragt: Warum?!! Das stellt in jeder Religion eine schwere Verletzung gegenüber den Verstorbenen und ihrer Würde dar. Doch dann wurde uns klar, dass Friedhöfe im Südlibanon eine ganz entscheidende Rolle für die jeweilige Dorfgemeinschaft spielen. Alle Friedhöfe in den Dörfern sind zu Fuß erreichbar. In unserem Fall kann man den Friedhof von fast überall im Dorf sehen, da er im Tal liegt. Um ihn herum erheben sich die Hügel, und wir können buchstäblich sehen, wenn jemand zum Friedhof geht. Wenn meine Tante hinuntergeht, kann ich sie von unserem Haus aus als kleine Gestalt in der Ferne sehen und weiß, dass sie das Grab unseres Großvaters besucht. Mit meinen Augen kann ich erkennen, wo mein Großvater begraben ist. Es ist Brauch, dass man, wenn man ins Dorf kommt, um die Eltern zu besuchen, zuerst den Friedhof besucht, bevor man einen Fuß ins Haus setzt. Man erweist seinen Vorfahren Respekt und geht dann erst nach Hause. Menschen, die ihre Angehörigen sehr vermissen, gehen schon vor Sonnenaufgang dorthin. Der Friedhof ist sehr wichtig im Leben der Dorfbewohner, hier ist auch ihre letzte Ruhestätte. Meine Eltern lebten mehr als 35 Jahre in einem arabischen Golfstaat; wir wussten immer, wo sie ihre letzte Ruhe finden, wo sie beigesetzt werden würden. Das ist für uns sehr wichtig – es ist, als hätte man im Leben ein eigenes Haus. Für uns bedeutet diese Ruhestätte, insbesondere im eigenen Dorf, dass der eigene Name für die nächste Generation weiterlebt. Diesen Ort gibt es nun nicht mehr. Jetzt, nachdem der Schock etwas abgeklungen ist, wird uns klar: Das ist die vollständige Auslöschung.“

Titelbild: metamorworks / shutterstock.com

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