So long Marianne, so long Leonard

So long Marianne, so long Leonard

So long Marianne, so long Leonard

Ein Artikel von Wolf Reiser

Zum 10. Todestag von Leonard Cohen – nebst einer süßbitteren Reminiszenz an das Hydra der Siebziger. Von Wolf Reiser.

Hydra, Pirate’s-Bar, Ostern 2026. Mitten im Trubel stürmen bleichhäutige Tagestouristen in das Lokal und wenden sich an einen der Kellner. Es ist stets derselbe Text, egal in welcher Sprache: „Wir suchen das Haus von Leonard Cohen, Spiti, you know. Das muss hier irgendwo sein. Da oben. Auch wegen Marianne. Nein, wir sind keine Stalker, wollen nur ein Foto fürs Insta und, Hand aufs Herz, nur von außen.“ Es erfolgt stets die gleiche knappe Geste, den Arm abgewinkelt erhoben und den Daumen nach hinten zeigend. Mehr gibt es nicht an Auskunft.

Andererseits muss man die Leute verstehen: Speziell in den angelsächsischen Reiseführern wird Hydra bis heute als Cohens Insel angepriesen. Und so viele junge wie alte Philhellenen summen seltsam gerührt das „So long, Marianne“, sobald die Sprache auf die saronische Insel kommt. Und ja, es ist eine der schönsten und vertonten Liebeserklärungen des letzten Jahrhunderts: „Come over to the window, little darling, I would like to read your palm.“ Die 1970 erschienene „Songs from a room“-Platte gehörte zur Standardausrüstung der 68er-Generation, mit Dylan, Sgt. Pepper, Hendrix, Pink Floyd, Summerhill, Theodorakis, Marcuse, Dutschke, Che, Castro und den Buchrücken der kunterbunten Suhrkamp-Reihe. Cohens sonorer Bass-Bariton bildete den Soundtrack für das Leben von Abermillionen Menschen. Und selbst in Takis Piratenkaschemme hängt an der meist defekten Kasse die vergilbte Rückseite jenes Albums. Man sieht Marianne in einem kargen Zimmer auf einem Stuhl vor einem kleinen Tisch mit einer Schreibmaschine sitzend, herrlich sonnengebräunt, mit strohblonden Strähnen, nur in ein weißes Laken gehüllt und so scheu wie glücklich in eine Kamera lächelnd.

Um das besagte Haus zu erreichen, muss man sich viele schiefe Treppen in die Höhe bewegen – entlang der sogenannten „Donkeyshit Lane“, von der aus, je dem Body-Index geschuldet nach ein paar Minuten rechterhand die winzige Odos Leonardo Cohen-Sackgasse abgeht. Dort steht der Wallfahrer dann vor einer langen eierschalenweißen Mauer mit einer mausgrau lackierten Pforte, hinter der sich ein für die Insel typisches, L-förmiges und zweistöckiges Stadthaus mit kleinem Balkon befindet. Je nach Saison ist dieses weitgehend unscheinbare Anwesen von Blüten geziert oder es gibt Opfergaben in Form von Kieselsteinen, Früchten oder Räucherstäbchen, die in den Koundini gesteckt werden, den auf Hydra überaus symbolisch befrachteten Messingtürklopfer. Sehr selten nur noch, heißt es, kämen Cohens Kinder Lorca und Adam hier vorbei. Der Wert des Hauses aktuell? So um die 30 Millionen Euro. Die Verhandlungen der Cohen-Foundation mit dem Inselsenat über ein Museum verliefen bislang eher zäh, aber, nun ja, wer weiß …

Von hier oben blickt man über das Hufeisennest eines der schönsten Naturhäfen aller Meere, den schwankenden Silberglanz des Golfs, hinüber nach Ermioni, Porto Heli und die endlosen Hügelwelten des Peloponnes. Und wer ein wenig verhaftet ist in heiteren Zeiten unserer Lebensspanne, fragt sich womöglich: Wie kam es zu dieser Ballade von Mary und Lenny, die sich ja fast zeitgleich ereignete mit der von John und Yoko in Londons Abbey Road?

Außerhalb Griechenlands wurde Hydra zum ersten Mal durch Henry Millers Buch „Der Koloss von Maroussi“ bekannt. Im Frühherbst des Jahres 1939 verbrachte dieser mit jenem Koloss namens Georgos Katsimbalis und dem britischen Romancier Lawrence Durrell zusammen ein paar Tage auf der Insel – als Gast des griechischen Malers Ghika. Nirgendwo war Miller glücklicher als auf „diesem kargen Stück Fels, welcher aus dem Meer ragt wie ein riesiger Laib versteinertes Brot“. Glaubt man der Gilde der New-Ager, bewirkt vor allem das quarzhaltige Gestein in Hydras gemäßigten Höchstlagen, wie eine Art magische Antenne mit dem restlichen Universum zu kommunizieren. Das muss Miller tief ins Herz getroffen haben. Er notierte auf dem Schiff von Athen Richtung USA: „Hydra ist ein ganz besonderer Stein, der von einem Freund Gottes als Pause in die Partitur der Schöpfung eingetragen wurde. Es ist eine jener göttlichen Pausen, die es dem Musiker auf Erden erlauben, eine Melodie in eine völlig neue Richtung zu tragen. An diesem Punkt kann man seinen Kompass auf die Müllhalde werfen. Und als ich diesen Felsen berührte, hatte ich jeden Sinn für die irdische Richtung verloren.“ Ein paar Jahre später muss dieser spezielle Touch auch den kanadischen Barden berührt haben.

Rein kontemplativ war und ist Hydra ein Wunderwerk, ein beseelendes Ensemble aus Kapitänsvillen, Windmühlen, kubistischem Orient, Meer, Licht, Reflektionen und einer dem Kitsch anhaftenden Ahnung, eines bebenden Tages die Kulisse abzuschütteln und einer neuen Inszenierung Platz zu machen.

Um 1950 herum wurde das 40-Zimmer-Chateau der Ghikas aus dem 18. Jahrhundert im Stil der spanischen Missionen zum Treffpunkt einer elitär-kosmopolitischen Clique aus Adel, Geld, Mode und Kunst. Es wurden Filme mit der Loren und der Mercouri gedreht, die Vogue produzierte Fashionstrecken, und hinter der Hand tuschelten die Insulaner über Seancen und orgiastische Symposien der inner- wie außerirdischen Invasoren.

1958 trafen Marianne (23) und ihr vier Jahre älterer Mann Axel Jensen auf der Insel ein. Der Sohn wohlhabender Eltern galt im hohen Norden nach einem Debutroman als norwegischer Kerouac. Sie modelte und träumte von einer Karriere als Schauspielerin. Im März 1960 wurde ihr Sohn Axel jr. geboren. Punktgenau hatte sich der Schürzenjäger in eine amerikanische Malerin verliebt. Um Ungemach zu vermeiden, bestieg das neue Paar Jensens Segelyacht und suchte über Piräus das Weite.

Leonard Cohen war 1959 von Montreal aus nach London gereist, um dank eines Uni-Stipendiums einen unausgereiften Romanentwurf zur Vollendung zu bringen. Es ist nicht so, dass der damals 24-jährige Gypsie-Boy auf diese 1.000 Dollar angewiesen gewesen wäre. Die Cohens gehörten zur talmudischen Aristokratie Montreals und verzeichneten führende Rabbiner, einflussreiche Politiker und grenzwertig agierende Businessleute im engeren Zirkel. So ist es nicht allzu verwunderlich, dass der herumirrende Jungautor auf einer Londoner Party auf Jacob Rothschild traf, der ihm riet, seine Mutter Barbara – gerade frisch von seinem Vater Victor geschieden – in diesem zauberhaften Hydra aufzusuchen und dort wegen einer Schreibklause anzufragen. Sie lebe dort seit Kurzem mit Nikos Ghika zusammen und alles Weitere ergäbe sich automatisch, denn diese Insel hielte alles bereit, was einem angehenden Bohemian zugutekommen wird.

Am 16. April 1960 kam Cohen mit dem Boot von Piräus auf Hydra an. Ein Esel trug ihn vom Hafenkai aus Richtung Kamini direkt vor die Tore des seltsamen Mandeley-Forts. Da die Gastgeber inzwischen nach Paris abgereist waren, reagierte die Haushälterin auf das energische Klopfen. Als sie seine Empfehlung der Rothschilds zur Kenntnis nahm, spuckte sie vor dem fremden Gast aus: „Wir brauchen nicht noch mehr Juden auf unserer schönen Insel.“ In einem späteren Interview bekannte Cohen, dass er in diesem Moment beschlossen hatte, das Anwesen zu verfluchen. Ein Jahr danach sollte es tatsächlich bis auf die Grundfeste abfackeln. Die Ghikas kehrten nie wieder auf die Insel zurück, und bis heute erhält man auf Hydra zu diesem Thema wenn überhaupt nur sehr ausweichende Angaben.

Cohen fand eine erste Bleibe bei dem australischen Schriftstellerpaar Charmian Clift und George Johnston. Bei ihnen erfuhr er eine Art Hydra-Initiation: Morgenbad im Meer, sieben Stunden hochdiszipliniertes Klappern an der Schreibmaschine, Abendbad im Meer, danach Bars, Kneipen, Privatparties, Kater und Morgenbad. Dieser Zirkusauftrieb wurde ornamentiert durch die lokalen Größen: Fischer, Witwen, Krämer, Popen, Dorfdeppen, Kapitäne, Eselstreiber, Boutiquenbesitzerinnen, Goldschmiede, Tavernenwirte und verschönert von der uferlosen hellenischen Gastfreundschaft, gegenseitiger Neugier, Spottpreisen und der ägäischen Illusion grenzenloser Freiheit.

Eines Morgens stand ein blondes Mädchen oder, wie er meinte, die „schönste Frau der Welt“ in dem kleinen Markt am Hafen und packte etwas geistesabwesend Wasserflaschen und Milch in den Korb. Cohen lud sie spontan ein, sich in die Runde seiner Kumpels in die Bar nebenan zu setzen. Das war in dem Sinne nicht nötig, denn natürlich kannte man sich. Jeder kennt auf Hydra jeden und oft besser als sich selbst.

Dem Anfang ihrer weltberühmten Liebe wohnte nur bedingt ein Zauber bei. Axel Sr. hatte auf seiner erotischen Flucht bereits in Athen einen schweren Autounfall und Marianne fühlte sich verpflichtet, ihm dort im Hospital beizustehen. Cohen kümmerte sich derweil hingebungsvoll um den vier Monate alten Sohn. Ein wenig später musste sie aus steuerlichen Gründen abrupt nach Oslo, und als der mysteriöse Charmeur tatsächlich sein Versprechen hielt, die Kleinfamilie von Athen aus mit dem Auto vor dem heimatlichen Iglu abzuliefern, hatte er ihr Herz gewonnen.

Apropos Herz: Die meisten Menschen erinnern sich bei Leonard Cohen am ehesten an die zwei Lieder über Suzanne und Marianne. Umnebelt von der Beatles-Heiterkeit, dem Wutgetöse der Stones, dem psychedelischen Westcoast-Rock und dem kryptischen Poetenschnösel Dylan, hörte man immer wieder aus einem tiefen mykenischen Brunnen diese Grabesstimme zum Klimpern einfacher Akkorde. Auf magische Art begleiten uns seine Lieder und Gedichte über alle Kontinente hinweg, selbst wenn wir nicht akut von Liebesverlust und Depression heimgesucht sind. Cohen brachte die Poesie in den Pop, die Liebe in den Hass, den Hass in die Liebe, die Fragen in die Antworten, und die meisten seiner fein und würdevoll geschliffenen Sendungen sind voller Rätsel, Mahnung und Hingabe. Man kam und kommt an Leonard Cohen nicht vorbei, und die zeitlos-hypnotische Wirkung hielt an bis zu seinem letzten Konzert im Dezember 2013, mit der finalen Zugabe „Save the last dance for me“.

Leonard Cohen, wird vor allem wegen der beiden Minne-Hymnen als der ewig Liebende gedeutet, als Prototyp der Hippieära, als Mann des Friedens, der erotischen Freuden, der Verehrung der Frau, der materiellen Gleichgültigkeit und der spirituellen Hinwendung. Viele Jahre später erst erfuhr man, dass der zu diesem Zeitpunkt auf Hydra vermutete Minnesänger bei der Invasion der US-Armee in der kubanischen Schweinebucht am 17. und 18. April 1961 gleich zwei Mal innerhalb kürzester Zeit als kanadisch-amerikanischer Agent verhaftet wurde und sich in letzter Sekunde in einen Flieger nach Miami retten konnte. Er erklärte später: „Ich bin in meinem Leben tatsächlich in einige Revolutionen hineingestolpert. Da scheint eine unsichtbare Hand die Regie zu führen. Auch verspüre ich eine gewisse Faszination für Gewalt und für ein Spannungsfeld, in dem man tötet oder getötet wird.“

Zurück in den Mai 1961: Wenn man den Legenden vertraut, traf er mit der Erbschaft einer Großmutter in Höhe von 1.500 USD auf Hydra ein und erwarb sich das eingangs erwähnte Häuschen mit löchrigem Dach und defekten Fenstern. Trinkwasser musste man vom Dorfbrunnen holen und zum Kochen benötigte man Olivenholz. Am Ende seines Lebens meinte Cohen: „Griechenland ist ein guter Ort, um den Mond anzusehen. Du kannst im Mondlicht ein Gesicht so sehen, wie es war, als du jung warst. Und dann gab es ja Licht dank der Kerzen und Öllampen und diesen Flämmchen, die auf Korken im Olivenöl trieben. Ich habe nichts aus meinem alten Leben vergessen.“

Flehentliche Telegramme gingen in jenem Sommer nach Norwegen, und wenig später traf Marianne mit ihrem Sohn ein. Es begannen fünf goldene Jahre für das Trio, die sie im Rückblick so beschreibt: „Wir waren in der Sonne, wir spielten, tranken, diskutierten. Es wurde geschrieben, geliebt und ich habe fünf Jahre lang keine Schuhe getragen.“

Cohen hatte bei seinen früheren Gastgebern, die es zusammen in ihrer Hydrazeit auf 14 Romane gebracht hatten, Maß genommen und unterwarf sich einer fast mönchischen Disziplin. Nicht ganz im Sinne eines idealemanzipatorischen Ablaufs übernahm Marianne die Einkäufe, das Kochen für die häufigen Gelage auf der Terrasse und kümmerte sich zusammen mit Kiria Sophia um den Abwasch und das Beschaffen von Brennholz. Daneben redete sie ihm die ständig wiederkehrenden depressiven Anwandlungen aus und kaufte ihm zur nervlichen Sedierung eine Gitarre. Gelegentlich lieferte Nochgatte Axel cholerische Eifersuchtsszenen in der Eingangstür. Zudem war Cohen wenig davon begeistert, dass Marianne in ihren Träumen stets dessen Name ausflüsterte. Im Jahre 1962 wurde die Ehe geschieden und es kehrte Ruhe ein. Es war sogar so ruhig, dass die beiden eines Morgens aus dem Fenster ihres Schlafzimmers blickten und neu gespannte Leitungen bemerkten – ob Strom oder Telefon, da streiten sich die Coheneologen bis heute. Der empfindsame Poet spürte das Nahen der technologischen Apokalypse und komponierte viele Jahre später dank der Notizen und Noten das legendäre „Bird on the wire“ mit dem nachhaltigen Psalm: „I have tried in my way to be free.“

Hatte sich die Sonne hinter den gezackten Gebirgslinien des Peloponnes verzogen, schwärmten die bunten Vögel der Künstlerkolonie aus ihren Häusern, trafen sich bei „Katsikas“ direkt am Kirchturm, in Bill’s Bar oder versammelten sich rund um den dicken Baumstamm vor der rustikalen „Douskas“-Taverne. Man kennt die Szenerie aus unzähligen Schwarzweiß-Fotos, die seit einem halben Jahrhundert durch alle Gazetten der Welt schwirren. Mitte 1961 tauchte urplötzlich ein Team des LIFE-Magazins auf der Insel auf, um ein ausführliches Portrait dieser außergewöhnlichen angelsächsischen Truppe zu machen. Fotograf James Burke schuf in wenigen Tagen über 1.500 Fotos, die bis heute den visuellen Grundstock jener Dekade darstellen. Oft sieht man dabei Marianne, Cohen und den kleinen Axel in glückseliger Urlaubs- und Partystimmung und einer Szenerie unbeschwerter Fröhlichkeit, ganz im Hemingway‘schen Sinne von „Hydra – ein Fest fürs Leben“.

Kurz danach drehten sich auf der kleinen Insel endgültig die Winde. Man sah die konfuse Tochter von Aldous Huxley, nadelgestreifte Pariser Kunstsammler, tuntige Galeristen aus London, durchgeknallten Hochadel, die Entourage von Pink Floyd, Jagger und Faithful. Der herrlich dubiose Grieche Alexis Mardas erschien mit sämtlichen Beatles nebst Yoko, der nicht minder dubiose Zirkel von George Lialios ließ mondäne Parties steigen, und der Einsatz von kalifornischem LSD verwandelte Hydra zwischen 1962 und 1970 zu einer 24/7-Magical Mystery Tour. Niemand wusste mehr, ob er es mit echten Künstlern, edlen Wilden, stinkreichen Erben, New-Age-Gurus, Edelprostituierten, Rockstars, Junkies, Geheimdienstlern, Immobilien-Tycoons, Reeder-Milliardären, desertierten Fremdenlegionären oder parfümiertem Strandgut zu tun hatte. Hydra, als H.Y.D.R.A wurde so gelesen: „Hope You Don’t Remember Anything“.

Inmitten dieses Tollhauses schaffte es Cohen immerhin, zwei Romane und drei Gedichtbände zu verfassen. Letzterer, betitelt „Flowers for Hitler“, war Marianne gewidmet. Keines der Bücher geriet auflagenmäßig in die Nähe eines Erfolgs. Er registrierte spätestens Ostern 1966 , wie das schleichende Jet-Set-Gift die eigene Clique bedrohte, den Spirit aus Kreativität und Sinnlichkeit zerstörte und wüste Affären, sadistische Tendenzen, billiger Gossip, Überdosen und Suizide überhand nahmen. Es grenzt an ein Wunder, dass sich der zeitlebens fragile und verletzliche Cohen aus dem Zentrum der Stürme heraushalten konnte. Was ihn damals und auch später rettete, war ebenjene, auf Hydra erlernte Schreibdisziplin: „Religion, Weisheitslehren, Frauen, Drogen, Tourneen rund um die Welt, Geld, Ruhm – nichts davon erfüllt, befreit oder erlöst mich. Das einzige von Wert ist es, weiße Blätter zu beschriften.“

Im frühen Sommer 1967 befand sich Cohen in einem völlig neuen Leben. Er verschwindet im Universum des Chelsea Hotels zusammen mit Bob Dylan, Janis Joplin, Patty Smith und Charles Bukowski und ertrinkt in einem Nebel aus Models, Magiern und Dealern. Er erscheint als pastoral-cooler Stammgast in Andy Warhols Factory mit den Velvet Underground und schmachtet deren deutsche Ikone Niko Päffgen an. In den Bleecker Street Studios von Columbia Records trifft er sich mit Paul Simon, Joni Mitchell, Phil Spector, Barbara Streisand und dem jungen Bruce Springsteen. Kokain und Heroin verwandeln die Love&Peace-Generation zu kalten Kriegern. Der damals bereits 34-jährige Cohen darf in rascher Folge drei Alben auf den Markt werfen und die Reihenfolge ist durchaus bemerkenswert: „Songs of Leonard Cohen“, „Songs from a Room“ „Songs of Love and Hate“. In „So long Marianne“ beschreibt er in bemerkenswerter Ehrlichkeit und zärtlicher Zuneigung die Notwenigkeit, dem insularen Hydra-Wahn entkommen zu müssen und seiner Bestimmung zu folgen: „For now I need your hidden love, I am cold as a new razor blade, You left when I told you I was curious and I never said that I was brave.“ Manche Kritiker dieser Trilogie merkten an, dass man bei der Auslieferung von Cohens Alben ein paar Rasierklingen zufügen müsste.

Ein paar Monate verbrachte Marianne in New Yorks Clinton Street in der Nähe ihrer großen Liebe, pleite und vernachlässigt. Die beiden versuchten es noch in Montreal, doch sie waren sich fremd geworden. 1972 wurde Cohen, zeitlebens nie verheiratet, mit einer anderen Frau zum ersten Mal Vater. Im selben Jahr kehrte Marianne nach Norwegen zurück und heiratete wenig später einen anderen Mann. Kurz vor seinem Tod erinnerte sich Cohen: „Marianne und das Kind. Diese unfassbaren Tage der Freundlichkeit. All das lebt in meiner Erinnerung und kommt in Form von Tränen zum Vorschein. Ich bete, dass uns eine liebende Erinnerung für immer verbindet. Das nämlich sind meine kostbarsten Schätze, die ich damals eintauschte für ein Weiterlernen in der Welt.“

Leonard Cohen sah man im Winter 1980 wieder für längere Zeit auf der Insel. Ein gemeinsamer Freund zeigte sich entsetzt. Der einstige Flower-Power-Prophet war düsterer Stimmung, abgemagert, stets in schwarz gekleidet, mit Sonnenbrille und in der Gesellschaft von Kriminellen und üblen Trinkern. Die Gespräche standen unter dem Motto: „Lennon out, Reagan in“, und Cohen schwärmte in höchsten Tönen vom eben neu gewählten Präsidenten, der Macht der Ökonomie und des Militärs, einem messianischen Zeitalter und dem Krieg der Sterne. Ganz Hydra war froh, als er im Januar endlich die Fähre bestieg.

Weitaus heiterer zeigte er sich im Juni ‘88, als er anlässlich seines Konzerts auf dem Athener Lycabettus mit einem Kamerateam vorbeischaute und betont bescheiden eine Art Homestory über sich ergehen ließ. Im Herbst 1999 kam er noch einmal ohne jedwedes Aufsehen, um sich die Bananenstauden seines Gartens zu betrachten.

Als Marianne Ihlen am 28. Juli 2016 erlöst wurde, schrieb ihr Cohen einen Brief ins Jenseits: „Du kannst einfach deine Hand ausstrecken, und ich denke, du wirst mich erreichen. Aber jetzt wünsche ich dir eine gute Reise. Good Bye, meine liebe Freundin. In unendlicher Liebe, ich sehe dich ganz bald.“ 100 Tage später sollte er zu seinem Wort stehen.

Titelbild: James Burke / The Life Picture Collection / Shutterstock

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