Was für eine aufgeblasene Aufregung, was für eine scheinheilige Empörung! Die Russen kommen – und sie drohen damit, ohne Waffen zu erscheinen: Als Sportdelegation ist das russische Team im neuen Jahr für die Eishockey-Weltmeisterschaft startberechtigt. Den Ablehnern entgegne ich: Was wäre das für ein Lichtblick, was für ein Anfang einer Entspannung in Europa – ein Türöffner, vielleicht sogar eine diplomatische Tat? Ausgetragen wird die WM zudem in keinem anderen Land als in unserem Deutschland, in dem Land, das doch Diplomatie kann und „Nie wieder Krieg“ in der DNA hat! Dabei fällt mir ein, dass es heißt, Sport verbinde Menschen – und wie einfach es ist, zu sagen: Komm, wir spielen! Genau das wäre die einfache Entscheidung der Sportler, der Bürger untereinander. Also: Wir sollten spielen, niemanden (mehr) ausschließen und uns der zementierten Ablehnung und Sturheit der Entscheidungsträger entgegenstellen. Nur interessieren die sich weder für den Sport noch für die Menschen. Ein Zwischenruf von Frank Blenz.
Der Grund ist klar: Hass auf Russland, den „ewigen Feind“ – ewig?
Bei der Vorstellung, dass die russische Eishockey-Nationalmannschaft zur WM 2027 in Deutschland aufs Eis kurven, mit ihren Sportkollegen aus aller Welt dem Puck hinterherjagen und das schnelle Spiel spielen könnte, bekommen Funktionäre, Politiker, Edelfedern führender Medien und Entscheidungsträger bis hinein in die Wirtschaft heftige (heuchlerische) Schweißausbrüche. Nur wenige unter ihnen halten inne und akzeptieren, was der Internationale Sportgerichtshof CAS endlich entschieden hat: Die jahrelange Sperre Russlands durch den Eishockey-Weltverband ist gekippt.
Statt nun endlich von Entspannung zu sprechen und mit kleinen Schritten aufeinander zuzugehen – wie eben mit der Teilnahmeberechtigung von Sportlern aus einem Land, das Krieg führt –, werden die Spannung, die Eskalation hochgehalten. „Die Russen braucht momentan niemand“, lautet nur eine der Parolen, die aus den Kreisen der verfestigten Ablehnung und Sturheit kommen. Momentan? Wie lange soll dieser Moment denn dauern? Dem Bürger wird diese Einbahnstraße pausenlos von den bürgerlichen Medien vorgezeichnet. Die sind gut in Meinungsmache, Erziehung, Ausrichtung: Russland, der ewige Feind. Überall. Auch im Sport. Was sich gerade vor unseren Augen beim Eishockey abspielt, ist der fortgesetzte Bruch des angeblich gültigen Prinzips, dass die Politik aus dem Sport herausgehalten werden soll. Der mündige Bürger schüttelt den Kopf.
Und doch wird es nicht besser, sondern schlimmer: Der Wertewesten hält daran fest, Boykotte, Sanktionen, Sperren und Behinderungen im Sport auf fantasievolle Weise einzusetzen (Visa verweigern, Startgenehmigungen verzögern, fragwürdige Bedenken ins Feld führen). Es war und bleibt falsch, das größte Land der Welt zu isolieren und dessen Menschen daran zu hindern, sich in Wettkämpfen mit Sportlern aller Nationen zu messen. Feind auf ewig? Nein, ewig kann dieser Zustand nicht anhalten. Sportler sind keine Soldaten.
Die westlichen Eliten sind nicht an Verständigung interessiert
Warum plustern sich dennoch Sportfunktionäre, Politiker oder Wirtschaftslenker auf – etwa die Chefetage des Autobauers Skoda? Skoda droht als finanzstarker Sponsor mit Geldentzug für die WM in Deutschland, die Anzugträger skandinavischer Eishockeyverbände bringen einen Boykott ins Spiel, und Deutschlands Funktionärsgilde will in voller Kompetenzpracht die WM gar zurückgeben. All diese Akteure halten selbst die russischen Sportler für den Feind. Deren Land ist Kriegstreiber, aggressiv, böse – und die Sportler gehören eben dazu. Dass nicht wenige andere Länder Krieg führten und führen und dennoch nicht von Sportwettbewerben ausgeschlossen wurden und werden, wird durchgewinkt, damit das Feindbild stimmt.
Wo kämen wir denn hin, wenn wir den ewigen Feind zum sportlichen Kontrahenten küren würden? So schreien die wertebasierten Diplomaten und zweifeln: Die russischen Sportler als Menschen statt als Feinde betrachten? Ich entgegne: Könnten die Sportler von hier und dort allein entscheiden, sie würden einfach spielen. Mir fällt dazu eine großartige, wundervolle Episode aus der Geschichte ein. Im Ersten Weltkrieg geschah es, dass Soldaten nicht mehr aufeinander schossen …
Das Spiel verbindet, der Sport verbindet – danach erübrigt sich jeder Schießbefehl
Wie wäre die folgende Geschichte über den Zauber des Sports als Mittel der Verständigung, der Freundschaft, des Zusammenseins der Völker wohl ausgegangen, hätten die Soldaten die tödlichen Befehle von oben nicht mehr befolgt? Im Dezember 1914 – der Erste Weltkrieg hatte erst wenige Monate zuvor begonnen – geschah es: An der Westfront legten um den 24. und 25. Dezember deutsche und britische Soldaten im belgisch-französischen Grenzgebiet die Waffen nieder. Nach und nach wagten sie sich aus ihren Schützengräben und Unterständen, hinaus zwischen die Fronten, in jenen Abschnitt, der Niemandsland genannt wird. Deutsche und Briten – einfache Bürger, das waren sie – kamen aufeinander zu, riefen sich vorsichtig etwas zu, reichten sich zunächst zaghaft und ängstlich die Hände. Die Erleichterung darüber, nicht aufeinander schießen zu müssen, muss gewaltig gewesen sein – ebenso die Erkenntnis, wie sinnlos es ist, auf Befehl von oben aufeinander zu schießen. Die Menschen, zu „Soldaten“ umfunktioniert, eben noch Feinde, tauschten nun Geschenke. Sie stellten Weihnachtsbäume auf. Es wurde gesungen, von der Heimat erzählt und erkannt, dass sie alle gar keinen Krieg wollten. Und dann? Sie nahmen einen Ball oder etwas, das dazu taugte, und los ging es im Niemandsland: Sie spielten Fußball. Deutsche und Briten spielten miteinander, gegeneinander. Aus Soldaten wurden wieder Sportler.
Mal träumen, das sollte erlaubt sein, dachte ich, als ich mir ausmalte, wie die Geschichte ausgegangen wäre, hätten die Soldaten an der Front ihre Waffen endgültig niedergelegt und wären nach Hause gegangen. Stattdessen kam es so:
Die militärischen Führungen beider Seiten sahen diese Verbrüderung gar nicht gern. Bereits am 26. Dezember oder in den Tagen danach erging der Befehl, das Feuer wieder zu eröffnen; spätere Wiederholungen unterbanden die Heeresleitungen strikt.
Und auch das sei mir erlaubt: Ich stellte mir weiter vor, an allen Fronten der Welt würde Fußball gespielt, würden Tore geschossen statt Kugeln. Soldaten sind Menschen, und sie sind keineswegs freiwillig Soldaten. Krieg ist im Interesse derer, die nicht hinmüssen, sagte einst der Schriftsteller Erich Maria Remarque.
Lasst die WM mit Russland stattfinden und beendet die Isolation der russischen Menschen!
Das wäre die Nachricht, die diese Zeit der Eskalation und Verbitterung, befeuert von den politischen Eliten, braucht:
Die Eishockey-WM 2027 in Deutschland findet wie geplant statt. Mit Russland. Im Rahmen diplomatischer Bemühungen der Bundesregierung, die zudem den Kontakt nach Moskau wieder aufgenommen hat, sei dies ein Zeichen der Annäherung, heißt es aus dem Kanzleramt.
Mir als Sportfreund fällt noch ein besonderes Ereignis aus dem Jahr 1954 ein. Deutschland wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nach und nach in die „Weltgemeinschaft“ zurückgeholt. Auch im Sport trat Deutschland wieder an, so im Fußball. Die Mannschaft von Trainer Sepp Herberger wurde in Bern Weltmeister – und das einstige Kriegsland wurde nicht mehr als Feind angesehen.
Auch Russland darf nicht auf Dauer vom Wertewesten isoliert bleiben – und vor allem nicht die russischen Menschen. Sie sind keine Feinde.
Titelbild: ChatGPT, erstellt mit künstlicher Intelligenz





