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5. Dezember 2016
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„Newtopia“ auf Sat.1: Die neoliberale Normalität ist der Skandal

Veröffentlicht in: Medienkritik, Neoliberalismus und Monetarismus, Strategien der Meinungsmache

Die Sat.1-Sendung „Newtopia“ will neue Maßstäbe setzen: Fünfzehn Menschen zusammengeworfen, (fast) im Nirgendwo, ohne Regeln, ohne Hierarchien. Die Zuschauer sollen das Entstehen geradezu einer „neuen Gesellschaft“ beobachten können. Ein Eingreifen von außen werde es nicht geben. Vor etwa einer Woche aber wurde durch ein peinliches Versehen bekannt, dass die Produktionsfirma und der Sender dieses Versprechen nicht einhalten. Viele Zuschauer und Medien sprechen von einem Skandal – von „Faketopia“. Der eigentliche Skandal aber ist ein anderer: Durch Sendungen wie „Newtopia“ wird subtil neoliberale Ideologie als normal und richtig vermittelt, wie Patrick Schreiner[*] im Folgenden beschreibt.

Eine Gruppe von 15 verschiedenen Menschen, alle mit unterschiedlichen Vorstellungen von der idealen Gesellschaft, lassen ihr jetziges Leben hinter sich. Ein Jahr lang bauen diese mutigen Pioniere eine völlig neue Existenz auf, an einem Ort, an dem es noch keine Regeln, keine Gesetze und keine Machtverhältnisse gibt.

Was Sat.1 auf der Webseite zur Sendung mit den voranstehenden, schwülstigen Worten beschreibt, ist im Grunde recht simpel: 15 Kandidatinnen und Kandidaten, als „Pioniere“ bezeichnet, wurden im Februar in eine einsame brandenburgische Scheune verfrachtet. Sie bleiben dort ein Jahr (wenn das „Experiment“ nicht vorher abgebrochen werden sollte). Sie dürfen zwar zeitlich beschränkt Besuch empfangen, das Gelände aber nicht verlassen. Als „Startkapital“ bekommen sie neben 5000 Euro etwas Ackerland, einen See mit Fischen, zwei Kühe sowie 15 Hühner. Außerdem verfügen sie über ein Handy mit einem einmaligen Startkapital von 25 Euro. Die „Pioniere“ sollen fortan ihr Auskommen selbst erwirtschaften. Dabei werden sie von einer Vielzahl Kameras beobachtet. Die Bilder werden sowohl ins Internet übertragen als auch in Form einer regelmäßigen Zusammenfassung auf Sat.1 ausgestrahlt.

Nachdem die Sendung am 23. Februar unter halbwegs regem Publikumsinteresse gestartet war, gingen die Einschaltquoten seither rasch und stetig bergab. Dies dürfte wohl der Grund dafür gewesen sein, dass die Produktionsfirma Talpa Germany gegenüber vier „Pionieren“ in einem abgeschirmten Technikraum mehr Spannung einforderte und Vorschläge für das weitere Vorgehen der Gruppe machte. Diese sollten unter anderem ihre Kühe verkaufen und mit dem dadurch erlösten Geld ein Restaurant eröffnen. Ob es weitere solcher Einflussnahmen seitens der Produktionsfirma gab, ist unklar, Anlässe für einen solchen Verdacht gibt es aber durchaus (etwa wiederholte Unterbrechungen des Internet-Livestreams).

Dieser Bruch des werbewirksamen Versprechens, ein Eingreifen von außen würde es nicht geben, blieb nicht unentdeckt: Die anderen „Pioniere“ hatten das Gespräch im Technikraum belauscht. Sie fühlten sich übergangen und zeigten sich äußerst aufgebracht. Dies bewog wiederum die „Executive Producerin“ der Produktionsfirma dazu, in offenbar angetrunkenem Zustand mit einem Kasten Bier das Set aufzusuchen, um die „Pioniere“ zu beruhigen. Diese Geschehnisse in der Nacht vom 12. auf den 13. April wurden öffentlich bekannt, weil man vergessen hatte, die Kameras abzuschalten.

Das redaktionelle Eingreifen von außen wurde anschließend weder von der Produktionsfirma noch von Sat.1 bestritten, man entschuldigte sich lediglich für den eigenmächtigen nächtlichen Auftritt der angetrunkenen Mitarbeiterin – und beurlaubte diese. Es ist Stefan Niggemeier sicherlich Recht zu geben, wenn er in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über diesen Vorgang schreibt:

Schön blöd, wer dem Reality-Fernsehen seine Wirklichkeitsbeteuerungen glaubt.

Tatsächlich ist das redaktionelle Eingreifen von außen als Reaktion auf nachlassendes Publikumsinteresse nicht wirklich verwunderlich. Dies gilt auch für die zurückgehenden Einschaltquoten selbst – denn anders, als Sat.1 seine Zuschauer glauben machen möchte, ist das Konzept der Sendung keineswegs neu und keineswegs innovativ. Schon mindestens seit „Big Brother“ (also seit dem Jahr 2000) ist es im deutschen Fernsehen gang und gäbe, eine gewisse Anzahl Menschen an einen festen Ort zu verfrachten und rund um die Uhr mit Kameras zu überwachen. Und auch Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder Reality-TV-Sendungen wie „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“, „Frauentausch“ und „The biggest loser“ basieren darauf, dass Menschen über längere Zeiträume beobachtet und gefilmt werden.

Das Problem solcher Sendungen: Das allermeiste von dem, was sie zeigen, ist schlicht gähnend langweilig. Es ist für das Publikum einfach nicht spannend, den Menschen beim Herumdösen, beim Bejammern ihrer immer gleichen Probleme, beim Essen oder beim Erzählen der immer gleichen schlechten Witze zuzusehen. Die Sender greifen deshalb auf verschiedenste Mittel zurück, um dem Ganzen Pepp zu geben: Sie erteilen Handlungsanweisungen von außen, wie dies nun jüngst bei „Newtopia“ bekannt wurde. Sie schüren Konflikte zwischen den beteiligten Kandidaten. Sie wählen als Kandidaten eine gewisse Anzahl „schräger Typen“ aus. Sie schaffen künstliche Konkurrenzen und Knappheiten (etwa bei Big Brother: „Challenges und Matches“). Sie setzen gezielt Persönlichkeiten (wie Dieter Bohlen) ein, die für deftige Beleidigungen immer gut sind. Sie quälen die Kandidaten körperlich und psychisch (und tarnen dies oft als „Lernprozess“). Sie provozieren sexuelle Gespräche oder – besser – Handlungen. Sie stellen Kandidaten aufgrund tatsächlicher oder angeblicher Defizite bloß. Und: Die Geschichte solcher Sendungen ist immer auch die Geschichte von Regeländerungen, durch die die genannten Mechanismen ausgeweitet und beständig angepasst werden.

Sieht man sich das Konzept von „Newtopia“ an, so wird klar: Auch dort sind eine Reihe solcher Mittel eingebaut, die Spannung schaffen sollen. Der wohl wichtigste Mechanismus ist der regemäßige Austausch einzelner „Pioniere“, der nach derzeitigem Stand monatlich erfolgt:

  • Auf der Webseite der Sendung werden drei Bewerber um die zukünftige Teilnahme an „Newtopia“ vorgestellt. Die Zuschauer wählen zwei davon aus.
  • Jeder der 15 Kandidaten verteilt drei Stimmen nach eigenem Ermessen auf die anderen Kandidaten, die Zuschauer vergeben als „16. Pionier“ ebenfalls drei Stimmen. Die drei Kandidaten, die die meisten Stimmen erhalten, sind „nominiert“. Ihnen droht, durch einen der beiden neuen Bewerber ersetzt zu werden.
  • Die zwei neuen Bewerber leben für vier Tage in der „Newtopia“-Scheune.
  • Danach bestimmen die Kandidaten, welcher der zwei neuen Bewerber in der Sendung bleiben darf.
  • Dieser neue Kandidat wiederum wählt unter den drei „nominierten“ alten Kandidaten denjenigen aus, der „Newtopia“ verlassen muss.

Dies ist das aktuelle Verfahren, wobei zukünftige Änderungen nicht unwahrscheinlich sind. Insbesondere, wenn das Zuschauerinteresse niedrig bleibt, dürften die Produktionsfirma und Sat.1 auch an der Stellschraube „Austausch von Pionieren“ drehen. Eines aber wird mit Sicherheit bestehen bleiben: Die grundsätzliche Möglichkeit, Kandidaten rauszuwerfen. Denn nur durch sie kann die Sendung überhaupt so etwas wie Spannung und Veränderung bekommen.

Indem nämlich jeder „Pionier“ befürchten muss, beim nächsten Austausch aus der Sendung gewählt zu werden, entsteht persönliche Unsicherheit. Man muss sich ständig bewähren und „Leistung“ zeigen (was auch immer „Leistung“ in einer solchen Situation sein soll). Zwischen den Kandidaten entsteht damit zugleich Konkurrenz: Sie alle sind gezwungen, stets „besser“ bzw. beliebter als mindestens einer der anderen zu sein. In den Worten von Sat.1:

Jeder Einzelne muss daher bis zum Ende sein Bestes geben, um sich seinen Platz zu sichern.

„Sein Bestes geben“ kann dabei vieles bedeuten: Die Gunst der Zuschauer erhält ein Kandidat möglicherweise durch gute Witze oder gruppenfreundliches Verhalten, vielleicht aber auch durch Provokationen und heiße Sex-Szenen. Die Gunst einer ausreichenden Zahl seiner „Mit-Pioniere“ erhält man möglicherweise durch Initiative und aktives Handeln, vielleicht aber auch durch Opportunismus und Intrigen. Wie auch immer: Die „Pioniere“ sind gezwungen, Strategien zu entwickeln, um sich von anderen zu unterscheiden und sich gegen andere durchzusetzen.

Von den Kandidaten wird damit letztlich der für neoliberale Gesellschaften typische Dreischritt „angemessenen“ individuellen Verhaltens erwartet: Sie sollen sich erstens permanent selbst thematisieren, also ihre eigene Situation, die eigenen Stärken und Schwächen sowie die an sie gerichteten Anforderungen durchdenken. Sie sollen sich zweitens permanent selbst optimieren, also dieser Situation und diesen Anforderungen bestmöglich gerecht werden, die eigenen Schwächen ausmerzen und Stärken ausbauen. Und sie sollen sich drittens schließlich permanent selbst darstellen, also dafür sorgen, dass andere (Kandidaten und Zuschauer) von alldem auch etwas mitbekommen.

Die Kandidaten leben und zeigen diesen Dreischritt nicht nur in der Sendung, sondern ihnen ist auch schon vor Drehbeginn klar, was von ihnen erwartet wird. Auch aus dieser Perspektive ist „Newtopia“ also schlicht eine Fortsetzung oder Kopie des Lebens in einer neoliberalen Gesellschaft. Dies zeigt sich etwa an den Steckbriefen, die Sat.1 zu jedem einzelnen „Pionier“ auf der Homepage zur Sendung veröffentlicht. Einige Beispiele:

  • Gleich mehrfach bekunden Kandidaten, dass Regeln (auch) dazu da seien, gebrochen zu werden – wohl wissend, dass der neoliberale Kapitalismus geradezu verlangt, eigenständig und kreativ alte Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen. Entsprechend verkündet eine weitere Kandidatin, dass sie hoffe, mit Ihrer Kreativität „punkten zu können“.
  • An Selbstbewusstsein mangelt es den Kandidaten nicht. Einer verkündet: „Ich bin ein Finanzgenie.“ Ein anderer: „Ich bin das Atomkraftwerk, das alles am Laufen hält.“ Ein weiterer: „Ich bin ein Sexobjekt, ohne es zu wollen.“ Und ein Vierter: „Ich bin meine eigene Droge und süchtig nach mir!!“ Das „ideale“ neoliberale Individuum ist ein selbstbewusstes Individuum.
  • Ein Kandidat bekundet seinen Glauben an die unbegrenzten Möglichkeiten in „Newtopia“ – was nicht zufällig an den Glauben an die angeblich unbegrenzten Möglichkeiten jedes Menschen im Kapitalismus erinnert: „Es gibt ’nur‘ zwei Dinge, die mir fehlen werden: mein soziales Umfeld und meine Freiheit zu reisen, wann und wohin ich möchte. Alles andere können wir in Newtopia selbst erschaffen!“ (Was zugegebenermaßen nicht überrascht, hält der Kandidat doch den Kapitalismus explizit für die ideale Gesellschaftsform.)
  • In ähnlicher Weise verkündet eine Kandidatin: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!“ Und eine andere will vermitteln, dass alles möglich sei, „wenn man an sich glaubt und authentisch bleibt.“
  • Die Biografien mehrerer Kandidaten werden als Biografien von Menschen erzählt, die Hindernisse überwunden und Krisen gemeistert haben. Hier werden Menschen vorgestellt, die aus eigener Kraft wieder nach oben gekommen seien. Es werden „ideale“ neoliberale Vorbilder konstruiert. Welche Rolle die solidarische Unterstützung durch Dritte in diesen Biografien gespielt hat, welchen Anteil sozialstaatliche Leistungen dabei hatten – man erfährt es nicht (zwar wird Hartz IV bisweilen erwähnt, aber lediglich als Symbol und Synonym für „ganz unten“).
  • Von Solidarität hält vermutlich auch jener Kandidat wenig, der ein Friedrich-Nietzsche-Zitat als sein Lebensmotto nennt: „Wir leben in einem System, in dem man entweder Rad sein muss oder unter die Räder gerät.“ Ähnlich auch ein weiterer Kandidat: „Lebe dein Leben und scheiß drauf, was die anderen sagen!“

Sendungen wie „Newtopia“ führen dem Publikum neoliberale Denkmuster und Verhaltensweisen als normal und angemessen vor. Es sind Denkmuster und Verhaltensweisen, die im Zeitalter des Neoliberalismus von jedem und jeder erwartet werden: Bewähre dich, thematisiere dich, optimiere dich und zeige dies den anderen. Sei von dir überzeugt, diszipliniere dich, nimm die Herausforderungen des Marktes an. Das menschliche Leben wird im Neoliberalismus genauso wie in „Newtopia“ zu einer Abfolge von Handlungen, die dem Erhalt und der Verbesserung des eigenen sozialen Status dienen sollen. Die menschliche Biografie wird zu einer Art unternehmerischem Projekt. Und wer bei alldem versagt, gilt als selbst schuld – hätte er sich doch einfach intensiver thematisieren, radikaler optimieren und besser darstellen sollen.

„Newtopia“ bildet damit eine Art Mikrokosmos neoliberaler Gesellschaften. Die „Pioniere“ können nicht anders als genau so handeln wie oben beschrieben. Damit trifft einmal mehr nicht zu, was Sat.1 behauptet: Weder zeigt „Newtopia“ zu irgendeinem Zeitpunkt eine Gesellschaft ohne Regeln, noch sind die Kandidaten in ihrem Handeln frei und unabhängig. Auch können sie in ihrem Miteinander keine eigenständige Moral entwickeln. Selbst, wenn es tatsächlich kein Eingreifen durch die Produktionsfirma gäbe, wären die „Pioniere“ nicht autonom.

Dass die Kandidaten ihren Lebensunterhalt sichern müssen, indem sie Waren oder Dienstleistungen produzieren und am kapitalistischen Markt verkaufen, vervollständigt dieses Bild. Sie führen damit nicht nur ein unternehmerisches Leben, sondern sind faktisch selbst Unternehmer. Diese Einbindung in die herrschenden wirtschaftlichen Verhältnisse zeigt einmal mehr, dass „Newtopia“ mit einer Robinsonade rein gar nichts zu tun hat. Erzählt wird stattdessen einmal mehr das altbekannte Märchen vom Erfolg, der jenen winke, die ihn wirklich wollen – und das Märchen vom Aufstieg aus dem Nichts, das der eigenen Anstrengung zu verdanken sei.

„Newtopia“ ist bei Weitem nicht die einzige Sendung, die in der beschriebenen oder einer ähnlichen Weise neoliberale Ideologie vermittelt. Ganz im Gegenteil ist insbesondere das Privatfernsehen geradezu übervoll von solchen „Unterhaltungsangeboten“. Doch sollte der aktuelle „Skandal“ um die Sendung vielleicht ein guter Anlass sein, sich diesen Umstand einmal mehr bewusst zu machen. Und vielleicht wäre er auch ein guter Anlass, über die Sinnhaftigkeit von Privatfernsehen grundsätzlich nachzudenken. Denn sicher ist: Man kann sich persönlich und individuell diesen Sendungen entziehen, indem man sie schlicht nicht einschaltet. Das Problem ihrer gefährlichen gesellschaftspolitischen Wirksamkeit aber beseitigt man damit nicht.


[«*] Der Autor hat jüngst ein Buch über die subtile Vermittlung neoliberaler Ideologie im alltäglichen Leben veröffentlicht und sich darin unter anderem mit Stars, Sport, Konsum, Ratgeberliteratur und einschlägigen TV-Sendungen befasst: Patrick Schreiner, „Unterwerfung als Freiheit. Leben im Neoliberalismus„, erschienen im PapyRossa-Verlag.

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